16.01.2007 15:43
Pitfall - Die verlorene Expedition
Anfang der 80er Jahre gab es die ersten Jump´n´Runs, allen voran Donkey Kong von Nintendo und Activisions Pitfall. Bei diesen beiden Games kam es vor allem auf genau getimete Sprünge an. Bei Mario kam der legendäre Hammer als Extra zum Einsatz, und Pitfall Harry schwang sich mit Hilfe der ersten Lianen der Videospiel-Geschichte über todingende Gruben. Nun hat Mario eine blendende Karriere als Hüpfspielheld hinter sich geacht und den Sprung vom Pixelklumpen zum Polygon-Recken schadlos überstanden. Pitfall Harry hingegen schaffte es bisher nur auf die 16-Bit-Konsolen Super Nintendo und Sega MegaDrive. Pitfall - The Mayan Adventure war ein liebevoll gezeichnetes und rundum gelungenes Plattform-Spiel. Was lag also näher, als den alten Namen zu entstauben und das Urwald-Erforschen in die dritte Dimension zu versetzen?
Pitfall - Die verlorene Expedition beginnt mit einem Flugzeugabsturz. Wie durch ein Wunder übersteht der Abenteurer die Katastrophe unverletzt und wacht unweit einiger Trümmer auf einer Blumenwiese auf. Nun gilt es, das Gebiet nach weiteren Insassen der Unglücksmaschine zu durchforsten. Dass die Story einige weitere Handlungsstränge im Verlauf der Geschichte entwickelt, versteht sich von selbst. Harry gerät im Laufe des Geschehens zwischen die Fronten einer Stammesfehde, wird in einen Affen verwandelt und trifft auf einen alten Widersacher, der mit übelsten Methoden kämpft. Dazu paart sich noch eine Portion Weiblichkeit, die mal zickig, mal melancholisch daherkommt. Auch ein sprechender Leopard ist mit von der Partie.
Zunächst auf sich allein gestellt, sollte man Harry erst einmal zu den Überresten des Fluggeräts lotsen. Dies geschieht mittels des linken Analog-Sticks. Die Spielfigur kann zu Beginn springen und sich an Lianen durch den Wald schwingen. Zudem kann sich Harry ducken und im geduckten Zustand rollen. Diese Fortbewegungsweise erinnert frappierend an die Heldin der Metroid-Serie Samus Aran. Auch die weiteren Ausrüstungs- und Fähigkeiten-Upgrades bekommt der Dschungelurlauber wider Willen ganz im Stile der Nintendo-Epen: eine bestimmte Aufgabe wird gelöst, dann bekommt man die neue Aktionsmöglichkeit, mit deren Hilfe man an anderer Stelle weiter kommt. So erhält man unter anderem eine Wasserflasche, eine Steinschleuder oder auch einen Schutzschild. Die physischen Talente werden beispielsweise mit einem Aufwärtshaken oder einem Hechtsprung erweitert. Die Items werden per Menü mit dem Digi-Kreuz aufgerufen, die erlernten Moves aus dem "Superhelden-Handbuch" löst man dabei mit einfachen Tastenkombinationen aus.
Um sich im weitläufigen Dschungel zu orientieren, hat Pitfall Harry eine Karte dabei, in die er selbstständig neue Einträge vornimmt. Er markiert unpassierbare Stellen mit entsprechenden Hinweisen, was er dort zum Weiterkommen benötigt. Zudem werden hier gefundene Schätze in Form von goldenen Statuen eingezeichnet, die beim örtlichen Schamanen gegen allerlei nützliche Utensilien eingetauscht werden können. Dieser verlängert unter anderem die Lebens-Energie-Leiste oder ingt dem Abenteurer einen neuen Move bei. Leider ist der Schamane nur schwer zu finden, so dass die Begegnungen mit dem Urwald-Zauberer echten Seltenheitswert haben. Und so ist der Spielablauf ganz auf das Erforschen der Gegend ausgelegt. Der Held springt von Plattform zu Plattform, schwingt mit Lianen umher, hopst über Krokodile, rennt über glühende Kohlen und schwimmt vor Piranhas davon. Zwischendurch werden Eingeborene und Stachelschweine vermöbelt, sowie dunkle Höhlen erforscht. Und das alles mit dem Ziel, möglichst viele Schätze...äääh, ich meine Expeditionsteilnehmer zu finden.
Klingt bis hierher sicher interessant. Doch was dem Spieler den Spaß am Erforschen gründlich verleidet, ist das fast komplette Fehlen einer automatischen Kamera, die das Geschehen präzise einfängt. Man hat in der Action häufig mehr damit zu tun, sich eine vernünftige Perspektive mit den Schultertasten zu verschaffen, als sich behände von Plattform zu Plattform zu schwingen. Vor und nach fast jedem Sprung muss die Perspektive korrigiert werden, um wieder einen vernünftigen Überblick zu erhalten. Glücklicherweise kann sich Harry an Vorsprüngen aller Art festhalten, so dass nicht jeder zu kurz geratene Sprung im Abgrund endet. Doch wenn man sich andauernd aus Krokodil-Mäulern befreien muss, leidet der Fun-Faktor doch erheblich.
Grafisch bewegt sich das gesamte Spiel unter Xbox-Niveau - und das, obwohl die Optik nicht unbedingt als schlecht zu bezeichnen ist. Die wenig abwechslungsreichen Texturen (wenn vorhanden) zaubern in Verbindung mit dem eingeschränkten Polygon-Count eine ordentliche Dschungel-Atmosphäre im Comic-Stil auf den Bildschirm. Die Animationen von den Gegnern - hauptsächlich Eingeborene, Affen und böse Forscher - sind gelungen und vielfältig. Dazu kommt Harrys Bewegungstalent, welches ebenfalls trefflich in Szene gesetzt wurde. Apropos Szene: die Handlung wird immer wieder mit Konversationen in Spielgrafik vorangetrieben, wenn sich wieder einmal die Wege der Protagonisten kreuzen. Die komplett deutsche Synchronisation sowie der sprachliche Gehalt der Dialoge verdienen sich an dieser Stelle ein Lob - vielleicht ist es nicht immer lippensynchron, aber einen gewissen Charme kann man den teils sarkastischen Sprüchen bestimmt abgewinnen. Der weitere Sound kann ebenfalls überzeugen - die Schreie der Brüllaffen gehen durch Mark und Bein, die ummelnden Krokodile und der laut schnarchende Schamane tun ihr üiges zur Dschungel-Party. Nur die Hintergrundmusik verdient dezente Kritik - sie ist kaum wahrzunehmen.
"Ich bin ein Spieler - holt mich hier raus!"
(Meinung » Henning Hormann)
Es hätte alles so schön sein können. Das gute alte Pitfall bekommt die längst überfällige 3D-Reinkarnation und lässt mich einem packenden Urwald-Erlebnis entgegen fiebern. Doch statt mir spaßige Unterhaltung zu bereiten, gerate ich von einem Wutanfall in den nächsten. Egal, ob ich aufgrund der ätzenden Kamera ständig nachjustieren muss oder die manchmal pixelgenauen Sprünge nicht in den ersten zehn bis zwanzig Versuchen gelingen wollen - so macht mir das hier keine Freude. Die guten Ansätze wie die vielfältigen Aufgaben und das ständig wachsende Move-Repertoire täuschen nicht über diese nervigen Design-Sünden hinweg.
Wie im Text oben schon erwähnt, macht es den Eindruck, als wollten die Entwickler auf Biegen und Brechen ein 3D-Metroid in 3rd-Person-Ansicht schaffen. Wie ich beim Release der Ego-Action aus den Retro Studios damals vermutete, wählte man aufgrund von Kamera-Problemen die Ego-Perspektive. Dass das eine weise Entscheidung war, beweist der vorliegende Testkandidat eindrucksvoll. Auch gefiel mir die sehr grobe und manchmal wenig hilfreiche Karte nicht. Die unnötigen Wege vervielfachten sich dadurch. Mit mehr Feinschliff im Leveldesign und Kameraführung wäre eine deutlich höhere Wertung herausgesprungen; so reicht es nur zum Mittelmaß, das allerdings zu einem ausgesprochen fairen Preis in die Geschäfte kommt.