Prince of Persia – Die vergessene Zeit
12:11 Uhr - Ubisoft gibt Spielern das, wonach sie vermeintlich alle geschrien haben: Einen weiteren Teil der Sands of Time-Reihe, so traditionsverpflichtet, dass man den Test fast in eine Retro-Rubrik stecken möchte. Lohnt sich der vierte Ausflug dennoch für Fans des selbstklebenden, menschlichen Flummies, die vom letzten Cel-Shadingexperiment enttäuscht waren oder ist das neue alte Prince of Persia schlicht vergeudete Zeit?
Mit Anlauf in einem satten Sprung über den Abgrund geflogen, am anderen Ende angekommen zwischen ein paar sichelbestückten, sich unablässig durch den Raum drehenden Säulen durchgerollt, an der Wand lang und an Kreissägen vorbei über die nächste Grube, noch im Laufen an eine Kante gesprungen und zur rettenden Plattform gehangelt: Dies beschreibt so oder so ähnlich eine typische Szene aus Ubisofts Prince of Persia-Reboot The Sands of Time, welches 2003 bzw. 2004 für die damals gängigen Spielsysteme erschien und dank suberber Grafik, extrem fordernder wie einfallsreicher Geschicklichkeitspassagen und den originellen Zeit-Features, die unausgegorene erste 3D-Versoftung von Jordan Mechners Klassiker vergessen machen und einen ordentlichen kommerziellen Erfolg verbuchen konnte. Es könnte aber auch eine Szene aus den beiden im Jahrestakt darauf folgenden Sequels sein. Und genausogut könnte es ebenfalls eine Situation im nun erschienenen Next-Gen-Nachfolger verbildlichen. Bereits Warrior Within und The Two Thrones änderten wenig am Gameplay und den Hauptspielelementen, sondern ergänzten sie lediglich um einige neue Möglichkeiten. Schon damals machten sich bei Teil 3 deutliche Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Zu ähnlich waren sich die Spiele, zu aufgesetzt und teils nervig einige der Designentscheidungen. Derlei Mängel wusste die Reihe aber stets durch gute Storys und durchweg hohe Produktqualität zu überspielen. Der, in dieser Hinsicht ebenfalls bestechende, spielerisch aber deutlich veränderte 2008er Neustart der Serie, im malerischen Aquarell-Gewand wurde und wird im Nachhinein für seinen viel zu niedrigen Schwierigkeitsgrad und teils geradezu passive Spielweise verschrien. Und wenn neue Ideen nicht das gewünschte Ergebnis bringen, kehrt die Spielebranche schon mal gern zu den alten zurück, anstatt neue, aber auch bessere Konzepte zu entwickeln. Das Ergebnis ist in diesem Fall Prince of Persia – Die vergessene Zeit, welches, kurz gesagt, leider zu keiner Zeit ein großes Spiel ist, aber tatsächlich allen Fans der alten Trilogie, sollten sie ernsthaft noch nicht genug von der immer gleichen Formel haben, das erwünschte Videospielfutter in den Rachen stopft und sogar ein paar clevere Einfälle auftischt.
Der Durchschnittsprinz
Während man nun Die vergessene Zeit so wegspielt, wird man dabei den Eindruck nicht los, dass Ubisoft einfach auch nie vorhatte ein bahnbrechendes Werk zu vollbringen, sondern gerade nur soviel Aufwand reingesteckt hat, um ein gutes Spiel auf den Markt bringen zu können. Und ich meine einfach „gut“. Nicht „sehr gut“, nicht „super“ und auch nicht „ganz gut“ oder „grad so noch gut“, sondern schlicht „gut“. Egal ob Grafik, Sound oder Leveldesign: Kein Aspekt gibt Anlass zu scharfer Kritik, schafft es aber auch nie Euch zu beeindrucken. Der Palast, den Ihr in der Rolle des Prinzen durchstreift wird, steht inmitten der Wüste und wird von erdigen und warmen Farben bestimmt. Zeitweise bemüht sich der Titel um Variation, etwa in den Gärten oder ... ach Mist, mehr fällt mir nicht ein. Optisch gibt sich Prince of Persia überaus monochrom. Aufwendige Texturen, prachtvolle Ausstattung oder schnieke Lichteffekte gibt’s in anderen Spielen. Viel schwerer wiegt jedoch, dass die Kulissen in den seltensten Momenten auch nur halbwegs Begeisterung auslösen. Wenn ich an The Sands of Time oder Warrior Within zurückdenke, haben mich dort vor allem die gigantische Architektur und die epischen Ausblicke beeindruckt. Solche Momente fehlen in Die vergessene Zeit fast völlig. Ein deutlicher Rückschritt im Vergleich zu den Vorgängern aus der letzten (!) Konsolengeneration. Mal ganz abgesehen davon, dass diese natürlich auch schon gegen God of War 1 und 2 das Schwert niederlegen mussten. Stattdessen werdet ihr durch haufenweise Fallen-verseuchte Schlauchgänge und große, optisch aber weiterhin eher uninteressante und unglaubwürdige Räume geschickt. Das Spiel bleibt streng linear und auch meistens drinnen. Selbst die spärlichen Außengebiete sind relativ engräumig und werden von hohen Gebäuden begrenzt. Überwältigende Panoramen sucht ihr weitestgehend vergebens. Gleiches gilt für die Musik. Kein bombastisch aufspielendes Orchester lässt das Adrenalin in euren Adern sprudeln. Wenn sie mal einsetzen (was auch viel zu selten passiert), bleiben die Melodien den Konventionen des Szenarios treu, ohne Experimente, ohne nennenswertes Spektakel, ohne überhaupt irgendwie positiv oder negativ erwähnt werden zu müssen.
Der Märchenprinz
Ach, das Spiel hat natürlich auch eine Geschichte zu erzählen. Zeitlich zwischen Teil eins und zwei angesiedelt, soll eigentlich erzählt werden, wie der Prinz vom draufgängerischen, sprücheklopfenden Jungspund aus The Sands of Time, zum gebrochenen Krieger in eigener Sache in Warrior Within wird. Leider kommt das im Spiel zu keiner Zeit rüber, da der Held keine Entwicklung durchmacht und die Story ohnehin nicht viel traumatisches Potential hergibt, um eine solche Wandlung zu begünstigen. Diesmal besucht unser Held seinen Bruder Malik, der sich gerade im Krieg mit einem verfeindeten Reich befindet. Da die Aussicht auf den Sieg immer ferner rückt, hat dieser nichts dämlicheres zu tun, als die mystische Armee König Salomons zu beschwören. Diese ist unpraktischerweise aber nicht sonderlich parteiisch und verwandelt einfach jeden, der ihren Weg kreuzt in Sandstatuen. Nur der Prinz und Malik werden durch ein geteiltes, magisches Siegel geschützt und müssen einen Weg finden, die Staubarmee wieder zu verbannen. Viel mehr als das Spiel voranzutreiben vermag die Story allerdings nicht zu leisten, ist sie doch frei von Überraschungen und auch erzählerisch dem Genre-Standard verhaftet, dennoch okay. Verwunderlich ist dabei eigentlich nur, dass die Handlung zu keiner Zeit Bezug zur ursprünglich Trilogie nimmt. Das ist zwar nett für Neueinsteiger, für Fans der älteren Teile aber ein Schwachpunkt, da der Geschichte und der Figur des Prinzen keine weiteren Facetten abgewonnen werden. Letzterer hat mit dem alten Prinzen ohnehin wenig zu tun, außer das beide ziemlich gut klettern und hauen können. Er sieht ersten anders aus, ist ein durch und durch besonnener und moralisch gefestigter Mensch und hat eine gewöhnungsbedürftig helle Stimme, sowohl in der englischen, als auch der deutschen Synchro, welche beide auf der Disc enthalten sind. Alles in allem bleibt das Spiel auch hier stets im unteren Oberfeld.
Der Sprungprinz
Obwohl das Production Value generationenübergreifend deutlich hinter den Vorgängern und auch aktuellen Titeln bleibt, ist Prince of Persia – Die vergessene Zeit sehr unterhaltsam. Das Spiel legt wieder einen deutlichen Fokus auf die Sprung- und Kletterpassagen und gibt diesen endlich ihre Interaktivität zurück. Dabei verbaut es viele altbekannte Levelelemente, was besonders in der ersten Hälfte dazu führt, dass sich Déja vu-Erlebnisse aneinanderreihen und der erhoffte Anspruch, zumindest für Serien-Veteranen geringer ausfällt als erwartet. Ubisoft hat zwar auch ein paar neue Hindernisse eingebaut und dezente Änderungen vorgenommen – so kann der Prinz auch nach einem Sprung an eine Wand noch ein Stück senkrecht an ihr hochlaufen oder bleibt fest auf schmalen Balken stehen, wodurch die ungeliebten Balance-Akte wegfallen. Dafür fehlen sogar einige der alten Elemente und Fallen, wie die Sprungplatten oder Dolchlöcher, was leider dazu führt das sich gerade die bekannten „Fallengänge“ lediglich in der Reihenfolge ihrer Todesmaschinen unterscheiden und zuweilen generisch wirken. Erst in der zweiten Hälfte des Spiels haben sich die Designer einige wirklich richtig coole Plattformsequenzen einfallen lassen, die besonders von der, schon im Vorfeld so häufig angesprochenen Möglichkeit profitieren Wasser zeitweise gefrieren zu lassen. Zwanzig Meter über dem Boden an einer Säule aus Eis zu hängen, von ihr wegzuspringen, im Flug den Frostzauber kurzzeitig aufzulösen, damit aus einer anderen Öffnung Wasser fließen kann und es dann schnell wieder gefrieren zu lassen, um einen rettenden Halt zu haben, entbehrt nicht einer gewissen Intensität und lässt die spielerische Größe aufblitzen, die der Titel hätte erreichen können. Zeitweise wurde diese Fähigkeit aber fast schon ein bisschen überstrapaziert. Für einen Palast in der Wüste scheint der Schauplatz des Spiels nämlich der wasserreichste Ort auf Erden zu sein. An jeder Ecke sprudelt das belebende Nass aus Decken und Wänden. Aber Glaubwürdigkeit ist hier ja eh nicht so gefragt.
Der Kampfprinz
Wo eine Armee von Monstern aus dem Boden sprießt, muss sie natürlich auch fachgerecht zerlegt werden. Diesmal hat der Prinz dabei bis zu 50 Gegner gleichzeitig vor der Schnauze. Wer jetzt die Schnetzel-Herausforderungen á la Warrior Within mal fünf erwartet, liegt falsch. Trotz der schieren Masse an schwertschwingenden Mumien, fegt der Prinz recht stumpfsinnig, Dynasty Warriors-like durch die untoten Horden. Da Kämpfen, meiner Meinung nach nie das Kernelement eines Prince of Persia sein sollte und gerade der bockschwere zweite Teil mein Nervenkostüm empfindlich runtergehobelt hat, kommt mir dieser Ansatz persönlich sehr gelegen. Euch werden aber auch genug Talente mitgegeben, um die Fights cool aussehen zu lassen. So könnt ihr Feinden im Ong-Bak-Stil auf den Schultern rumspringen und von da aus zu einem eleganten Schwertsprung ansetzen. Oder ihr beharkt sie mit den neuen Magie-Fähigkeiten, die ihr mit gewonnenen Orbs auf einer Steintafel erlernt bzw. aufwertet, die leicht an das Sphärobrett aus Final Fantasy X erinnert. So dürft ihr eine Flamme hinter euch herziehen, die Feinden schadet (Diablo II lässt grüßen.), bei Schlägen eine Eiswelle aussenden, die mehrere Monster hintereinander trifft (Diablo II lässt abermals grüßen.) oder euch mit einer Steinrüstung schützen (Super Mario Bros. 3 lässt grüßen?). So richtig effektiv ist aber nur der Windstoß, der gleich alle Gegner um Euch herum umschmeißt (Bekannt aus ... hundert anderen Spielen.), wonach Ihr sie bequem abstechen könnt. Letztlich läuft das Kampfsystem aber immer auf grobes Buttonmashing hinaus. Mich stört's nicht, einigen Action-Fans dürfte das aber zu wenig sein. Ärgerlich sind in der Hinsicht aber die äußerst einfallslosen und ebenso einfachen Bosskämpfe. Jedes Gefühl der Ehrfurcht könnt ihr euch locker verklemmen. Das aber offensichtlich auch die Entwickler die Jump'n run-Elemente aus Aushängeschild des Franchises sehen, zeigt sich schließlich darin, dass sogar die Monster für die Sprungpassagen zum Einsatz kommen, wenn ihr euch später etwa an Vögel hängt und von einem Flattervieh zum nächsten springt. So schafft es Die vergessene Zeit tatsächlich, wie ein weiterer Teil der alten Trilogie zu wirken und trotzdem genug Ideen mitzubringen, um ein weiteres Mal von Anfang bis Ende zu unterhalten.
Pro und Contra
- + intuitive Steuerung
- + Wasser-Einfrieren sorgt für spannende Kletterpartien
- + komfortables Speichersystem
- + lässige Kämpfe ...
- - zuviel Altbekanntes
- - unspektakuläre Präsentation und Inszenierung
- - uninteressante Story
- - ... aber ziemlich anspruchslos
Perserprinzen-Nachschlag, ohne Dessert
Ich hatte eigentlich erwartet, dass mich Prince of Persia – Die vergessene Zeit in genüsslichen Tiefschlaf versetzen würde, da ich schon bei The Two Thrones nur noch etwas lustlos bei der Sache war. Doch das Spiel hat mir durchweg Spaß gemacht, was wohl vor allem daran liegt, dass diesmal wirklich alle Nervfaktoren beseitigt wurden. Die Steuerung ist tadellos und das Spiel speichert alle paar Meter automatisch und setzt euch an naheliegenden Rücksetzpunkten ab, sodass der Serien-typische Frust fast völlig ausbleibt. Auch der Schwierigkeitsgrad ist angenehm moderat, aber nicht so anspruchslos, dass die berühmte Rückspulfunktion ihren Nutzen verliert. Dass den Kämpfen dabei nicht mehr so viel Wert zugesprochen wird, kann ich ebenfalls nur begrüßen. Die hirnlosen Massenschlachten vermitteln ein herrlich überlegenes Machtgefühl, wenn man die mythischen Vogelscheuchen gleich dutzentweise niedermäht. Nur die Bosskämpfe enttäuschen in dieser Hinsicht. Bis auf den Endkampf sind sie nicht nur alle wenig originell, sondern ähneln sich obendrein auch noch deutlich. Das Spiel hat seine starken Momente: Es gibt eine Handvoll Schalterrätsel, die durchaus etwa Kopfzerbrechen verursachen. Die späteren Kletterpassagen sind sogar richtig einfallsreich. Innovativstes Element ist dabei natürlich das Wasser-Einfrieren, welches die Entwickler geschickt eingesetzt haben. Zu drei Vierteln bleibt Die vergessene Zeit aber gut gemachte Standardkost, die dem Genre keine neuen Impulse geben kann, sondern zum Großteil Versatzstücke aus sehr viel älteren Titeln verarbeitet und dabei durchgehend erstaunlich unspektakulär bleibt, ob nun bei Story, Leveldesign oder der Präsentation, abgesehen vom bombigen Finale. Somit ist Prince of Persia – Die vergessene Zeit – auch wenn es eigentlich nichts mit dem zeitgleich erscheinenden Film zu tun hat – vielleicht eine der adäquatesten Filmumsetzungen überhaupt. Denn wie der Film ist auch das Spiel weder schlecht, noch so richtig gut, in beinahe jeder Hinsicht schon tausend mal dagewesen, dafür in keiner Minute langweilig, doch am Ende bleibt ... nichts.
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Kommentare (23)
mistera
Das hat mir den Spielspaß heftig versaut
michi-wild
Spawn
Jedoch kann man auch nur abwerten was man selbst erlebt hat.
Frage mich, angesichts des neuen Teils, warum man den raus bringt?
Nun kommts net mit Geld an, das ist mir och klar.
Aber scheinbar hatte man wohl keine all zu große Lust den Titel zu entwickeln.
Denn was J.K. beschreibt spiegelt ungefähr das wieder, was ich durch die Previews, Screenshots, Videos etc. schon vermutet habe.
Warum nicht direkt wieder etwas komplett neues entwickeln, was richtig Spaß macht, durch neue Ideen begeistert und einen grafisch umhaut?
Also das Gegenteil vom neuen Splinter Cell:]
Stulle-Man
Durch den (fast) gleichzeitig startenden Kinofilm lag's doch nahe, dass Ubisoft 'n neues PoP-Spiel raushauen würde...und ja, Geld is' da wohl eindeutig die Motivation! ;o) Jedenfalls scheint sich das Spiel doch gehörig von anderen Filmlizenzspielen abzuheben...und das is' doch wenigstens etwas... ;o)
Spawn
Der Zeitpunkt passt zwar ganz gut, aber eine Filmversoftung ist es dennoch nicht.
Ebenso wenig wie Batman AA eine ist (gutes Beispiel *Aufdieschulterklopf*).
IM Carlos
Ich kenne den Prinzen seit seinem ersten Auftritt auf dem PC und kann nur sagen: Wir sehen uns in 10 Jahren wieder, wenn das Unternehmen was Ubi aufgekauft hat mal wieder die Franchise-Mottenkiste plündert.
xXDonReneXx
Denke du beschreibst das gleiche Problem dass ich auch hatte, von daher mach 4 draus :D
Allerdings hab ich seitdem das Spiel nich mehr angefasst.... Mir reichts...
IM Carlos
Spawn
Das beide Spiele alles andere als äquivalent sind ist mir bewusst und wollte ich auch nicht suggerieren.
Cuberde
Die ist (man glaubt es kaum) auf so manch anderen Seiten um einiges besser angekommen.