Pro Evolution Soccer 2009
15:49 Uhr - Seit letztem Jahr kann man auch auf der Wii endlich professionell Fußball spielen. Konami haben sich einiges getraut, als sie die etwas festgefahrene „Pro Evolution Soccer“-Serie auf die Wii transportierte. Mit der neuartigen Steuerung, die einen Nachts von Pfeilen träumen ließ, schafften es die Japaner den Leder-Sport selbst mit einer Wiimote ansprechend über den Bildschirm flimmern zu lassen. Jetzt ist der Nachfolger, Pro Evolution Soccer 2009, erschienen, der sich als ein Art Update mit sinnvollen Neuerungen darstellt und den Fußball so realistisch wie noch nie präsentiert.
Ein Spiel, das sich über die Steuerung definiert
„So realistisch wie noch nie“, sind verdammt schwerwiegende Worte, immerhin gibt es doch den großen Bruder für die „NextGen“-Konsolen – erst dort kann doch wahre Fußballsimulation aufkommen. Ich bin ehrlich, für mich persönlich ist der Fußballsport auf Konsolen zu einer Art Mathematik-Spielchen verkommen. Welcher Spieler hat welche Werte? Kommt mein Adriano aufgrund seiner enormen körperlichen Konstitution doch noch an der Grätsche eines Mertesackers vorbei? Im Mittelfeld finden bei Profis kaum noch Gefechte statt, stattdessen jagt ein weiter Ball den nächsten und dann wird gedribbelt. Links, rechts, links, rechts immer weiter an den Strafraum heran und dann hoffen, dass man durch eine Grätsche unfair gelegt wird (es sei denn, der Verteidiger hatte die besseren Werte), oder aber man kommt durch, läuft zur Grundlinie, schlägt im letzten Moment den Querpass und schiebt mit Henry rein. Gäähn, sage ich da nur. Da kommt mir ein Spiel wie Pro Evolution Soccer 2009 genau richtig, denn das Geheimnis hinter diesem Titel ist einfach die Steuerung, die den Spieler dazu auffordert, das Spiel zu „lesen“, Züge vorauszuahnen und im richtigen Augenblick die richtigen Entscheidungen zu treffen. Daher möchte ich mich in meinem Test eher auf die Steuerung konzentrieren, der Rest hat sich im Vergleich zum Vorgänger eh kaum geändert. (Keine Angst, auf den UEFA-Cup-Modus und das kooperative Spielen gehe ich auch ein.)
Hohe Lernkurve
Alle PES- oder FIFA-Profis, die bisher auf der Xbox 360 respektive PlayStation 3 mit dem Ball gezaubert haben, seien an dieser Stelle vorgewarnt – euch erwartet das Spiel mit der wohl höchsten Lernkurve in Bezug auf die Steuerung seit langem. Das Gute auf der anderen Seite aber ist, dass man den Frauen dieser Welt endlich beweisen kann, dass Männer sehr wohl mehrere Sachen gleichzeitig können. In Pro Evolution Soccer 2009 wird das Wort MULTITASKING wirklich groß geschrieben. Denn anders als üblich, steuert ihr hier nicht nur den ballführenden Spieler bzw. den Verteidiger, sondern das Ganze Team. Wer sich an die Off-the-Ball-Steuerung von FIFA erinnert (die ich damals übrigens ziemlich genial fand), weiß wie schwierig es ist, auch nur EINEN zusätzlichen Spieler zu steuern. Während ihr mit dem Nunchuk nämlich den Stürmer auf die Außenbahn lenkt, ihn bei gedrückter A-Taste sprinten lasst und einen Pass spielen lassen wollt, müsst ihr gleichzeitig mit der Wiimote auf den Punkt zielen, der als gewünschter Zielort des Zuspiels definiert werden soll, und noch einmal A drücken. Die KI berechnet dann, welcher eurer Mitspieler sich in der Nähe des Punktes befindet und lässt ihn fix dahin spurten. Aber ihr merkt bereits, ihr müsst den Zeitpunkt des zweiten A-Drückens gut abpassen, da ihr damit ja auch den Ballführenden sprinten lasst. Sicherlich ist euch bestimmt auch ein Verteidiger auf den Fersen, daher sollte man gut überlegen, wann man den Geschwindigkeitsvorteil aufgibt. Kommt der Pass an, der übrigens je nach Entfernung vom Zielort unterschiedlich ausfällt, was die KI automatisch berechnet.(Ihr wollt euren Grundlinienlauf sicherlich mit einer hohen Flanke in den 16er abschließen und nicht einem Flachschuss in eine Meute Verteidiger.) Das kann ganz selten zu Situationen führen, dass man unbeabsichtigt eine Flanke schlägt, obwohl man doch lieber einen einfachen Ball „zum Reinschieben“ schlagen wollte – eine „Superkontrolle“ wie in der „Xbox 360“- bzw. PS3-Fassung wäre hier wünschenswert gewesen. Sind einem diese Manöver zu simpel, kann man gerne auch Antäuschen oder Doppel-Pässe spielen. Ihr könnt euch hoffentlich vorstellen, wie schwierig letztgenannte Manöver sind. Diese sollte man jedoch üben, da man auf der doch recht harten KI seine Probleme haben wird. Hat man es, wie auch immer, vor das gegnerische Tor geschafft (am besten mit Messi, der in dem Spiel nicht nur Werbeikone, sondern auch das Maß aller Dinge ist), dann hat man zwei Möglichkeiten (die dritte, sich dilettantisch den Ball abnehmen zu lassen, lassen wir mal außen vor): Entweder man schüttelt wie gewohnt den Nunchuk, um einfach draufzuballern, oder aber man zielt mit der Wiimote auf das Tor und drückt die B-Taste für einen präzisen Schuss. Für dieses Feature bin ich Konami wirklich dankbar, denn es lässt die Torschüsse weniger wie ein Glücksspiel, das vom Schütteln abhängt, aussehen und verleiht Pro Evolution Soccer 2009 eine weitere Portion Realismus.
UEFA Champions League Light
Ok, wenn ihr glaubt, der Angriff in Pro Evolution für die Wii sei anspruchsvoll, dann habt ihr noch nicht in der Defensive gestanden. Sollte es nämlich passieren, dass der Gegner in Ballbesitz gerät (was im Fußball häufig der Fall ist), müsst ihr ratzfatz umdenken. Hier gilt es nicht, einfach mit dem Verteidiger mit den höchsten Werten auf den Angreifer zu stürmen, um ihn mit einer Grätsche zu stoppen oder ins Aus zu drängen, vielmehr muss man das komplette Geschehen im Überblick haben und Züge erahnen. Mit Hilfe der Wiimote markiert man den gegnerischen Spieler und gibt Befehle, ihn anzugreifen, wahlweise einzeln oder zu zweit (empfehlenswert gegen Ballküstler wie Ronaldinho). Die KI übernimmt dann den Rest. Durch diese indirekte Steuerung ist es leichter, Bälle abzufangen, oder aufmüpfige Stürmer ins Abseits zu stellen. Ehrlich gesagt habe ich mich hier viel wohler gefühlt als in den „klassischen“ Varianten, da ich immer die Kontrolle über meine komplette Mannschaft hatte, statt über den „mit dem blauen Kringel“. Noch nie erforderte ein Fußballspiel so viel Intuition und Erfahrung wie Pro Evolution Soccer 2009.
Doch was bekommt der Käufer von Pro Evolution Soccer 2009 für die Wii, wenn er bereits den Vorgänger besitzt? Nun, VIEL mehr nicht, denn in Bezug auf die Modi verwöhnt schon seit jeher die Meisterliga, Liga und der Cup-Mode den „Pro Evo“-Fan. Lizenzfetischisten dürfte sicherlich der „UEFA Champions League“-Modus hinter dem Ofen hervorlocken und Deutsche wieder zurück zur warmen Stelle schicken. Zwar bekommt man das Logo und die typische Hymne sowie zahlreiche europäische Spitzenclubs in einem Paket, Bundesligisten wie ein Bayer München oder Werder Bremen findet man jedoch nicht. Generell ist von den Vertretern unseres Landes nichts zu sehen. Ein Problem, dass Konami wohl nur in Deutschland hat, denn wie gesagt, andere Ligen wie die holländische Ehrendivison oder die stärkste aus Spanien darf man in Pro Evolution Soccer 2009 für die Wii auswählen. Der Vorwurf, „Pro Evo habe keine Lizenzen“, muss also mit Vorsicht genossen werden. Neben diesen Modi gibt es dann noch den Champions-Mode, vergleichbar mit dem Manager-Modus aus FIFA. Hier könnt ihr aus eurer Underdog-Mannschaft durch das Verteilen von erworbenen Erfahrungspunkten und dem Einkaufen von Spielern ein Starensemble aufbauen, dem selbst ein Schalke 04 nichts entgegensetzen kann (womit auch meine Lieblingsmannschaft in diesem Test untergebracht wäre).
Warum Zuschauer immer hässlich sein müssen?
Neben der Champions League hat Konami aber noch ein weiteres Feature eingebaut, das die Familienfreundlichkeit der Wii aufgreift: Einen Koop-Modus. Malt zu viert Pfeile auf den Bildschirm und verwirrt euch gegenseitig. Mir persönlich ist das ein wenig zu viel Geschehen auf dem Spielfeld. Spielt man jedoch nur zu zweit, so bekommt man ein einzigartiges Spielerlebnis präsentiert. Neu ist außerdem, dass man auch den Classic Controller anschließen kann, um Pro Evolution Soccer 2009 ganz „klassisch“ steuern zu können. An diesem Punkt merkt man, wie „langweilig“ die konventionelle Steuerung von PES ist und greift schnell wieder zur Wiimote. Einen Kompromiss gibt es dann doch noch: Man kann im Team mit Wiimote und Classic Controller spielen. Dabei steuert einer die gesamte Mannschaft, während der andere zwei vorher ausgewählte Spieler kontrollieren kann. Durchaus spaßig und eine Sache, die man in der nächsten Version noch verfeinern könnte. Hat man trotz familienfreundlicher Konsole keine Familie oder Freunde, schließt man seine Wii einfach an das Internet an und sucht sich Leidensgenossen. Das Online-Erlebnis lässt sich mit dem des Vorgängers vergleichen, mit der Änderung, dass man jetzt noch gegen das vorgefertigte Team eines Freundes (Stichwort Starensemble), das von der KI kontrolliert wird, spielen kann.
Technisch fällt Pro Evolution Soccer 2009 im Vergleich zum Gameplay stark ab. Hier wünscht man sich dann doch die Grafikpower des großen Bruders, da die Spieler nicht gerade hübsch aussehen. Klar, vor 3 Jahren wäre das das Nonplusultra gewesen, aber in Zeiten, in denen sogar die verregneten Trikots der Spieler an ihren Körpern kleben, runzelt man schon die Stirn, wenn man die teils kantigen Spieler in der Wii-Version sieht. Sicher, ein Gattuso ist eine Kante, aber nicht in grafischer Hinsicht. Ganz schlimm sieht es dann noch mit dem Publikum aus. So schön es auf die Aktionen auf dem Spielfeld (ob die auch die ganzen Pfeile sehen?) reagiert, so hässlich ist es, wenn man mal die Kamera bei der Sofortwiederholung schwenkt. Aber auch das kennt man bereits aus den Vorgänger. Tut uns bzw. euch einen Gefallen, schwenkt nicht die Kamera und spielt nur in der Weitwinkelperspektive, dann fällt der animierte Sprite-Brei nicht so auf. Wenn gebuht, gepfiffen und gejubelt wird, dann muss das Ganze auch anständig kommentiert werden. Anständig ist vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen. Auch hier merkt man die technische Limitierung der Wii, denn die Kommentare sind höchst rudimentär, beziehen sich nur selten auf spezifische Situationen und von Spielernamen ist hier überhaupt keine Spur. Naja, ich spiele Pro Evoluion sowieso immer ohne Kommentar, da sie sich eh IRGENDWANN wiederholen.
Pro und Contra
- + Einzigartige Steuerung ...
- + Fußball mal anders ...
- + Guter Umfang ...
- + Koop-Modus ...
- - ... die schwer zu erlernen ist
- - ... der Veteranen abschrecken köönte
- - ... dem ein paar Lizenzen fehlen
- - ... der verwirren kann
Bestes PES auf der Wii
Ich bin froh über Pro Evolution Soccer 2009 für die Wii – ganz ehrlich. Denn es erweitert einfach meinen Fußball-Horizont, der mittlerweile durch die immer gleichen Spielzüge und das Knöpfedrücken zum richtigen Zeitpunkt ziemlich nah heran gerückt ist. Endlich muss ich ein Spiel richtig „lesen“ und Situationen erahnen können, für mich als eher defensiven Spieler ein Traum. Wer glaubt, dass Pro Evolution Soccer 2009 aber nur eine Wahrsagerkugel ist, der täuscht sich, denn selten wurde Hand-Augen-Koordination und Taktikverständis so gefordert, wie in diesem Spiel. Freut euch schon auf euren ersten Doppelpass (ich erspare euch meine Leidensgeschichte, bis ich den geschafft hatte) oder einen Laufpass. Habt ihr die Steuerung aber erst einmal verinnerlicht, macht Pro Evolution Soccer 2009 unglaublichen Spaß. All denen, die den Vorgänger besitzen, möchte ich vom Kauf nicht abraten, man sollte sich aber überlegen, ob die wenigen Neuerungen einen Erwerb rechtfertigen. Alle anderen, die eine Wii ohne Fußballspiel besitzen: Hier ist euer Titel. Wer eine völlig neue Art des Ballsports erleben will, der kommt an diesem Spiel nicht vorbei. Schade nur, dass die Präsentation, sowohl technisch als auch inhaltlich, nicht gänzlich mithalten kann. Zum Glück gibt es ja immer noch das nächste Jahr. Wie sagt man so schön: Neues Jahr, neues Pro Evo/ FIFA!
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