Pro Evolution Soccer 2010
12:42 Uhr - Noch bevor ich den ersten Satz zu Ende formuliert habe, weiß ich schon jetzt, dass die endgültige Testnote wieder einmal die Gemüter scheiden wird, egal wie sie ausfällt. Und in diesem Jahr wird aufgrund dieser Tatsache immer deutlicher, was sich in den letzten Jahren dank sehr behutsamer PES-Weiterentwicklung und der Aufholjagd von FIFA angekündigt hat: Es ist inzwischen weniger eine Frage der Qualität des Spiels, sondern eine Frage der eigenen Präferenzen.
Evolution bei Pro Evolution
Im Prinzip könnte man es kurz machen: Wer Pro Evolution Soccer bislang den Vorzug gab, wird auch in diesem Jahr wieder glücklich werden und wer bisher nicht damit warm wurde, wird es höchstwahrscheinlich auch in diesem Jahr nicht werden. Bam. Test fertig, 8/10 Punkten - Servus, bis zum nächsten Jahr! Ab hier dann Füllwörter - lorem ipsum und so. Gut, so einfach machen wir es uns natürlich nicht und werfen deshalb einen etwas genaueren Blick auf den diesjährigen Ableger. Zu allererst: wer die Demo schon gespielt hat und nun die Verkaufsversion in die Konsole schiebt, merkt schnell, dass seitdem noch spürbar Finetunung betrieben wurde. So sind die spielerischen Unterschiede zu PES 2009 schon recht schnell spürbar. Die Aktionen der Spieler sind wesentlich direkter und auch die Animationen nun noch einen Tick stimmiger und flüssiger, auch wenn auf diesem Gebiet trotz spürbarer Überarbeitung da FIFA 10 noch weit die Nase vorn hat, gerade bei den viel flüssigeren Bewegungsabläufen. So im direkten Vergleich zu intensiven FIFA 10-Testtagen fällt einem vor allem auf, dass PES auch für Genre-Neulinge inzwischen wesentlich leichter zugänglich ist als EA's massiv beworbenes Sportspiel. Wo man in FIFA gerade bei (semi-)manuellen Einstellungen oft wirklich arbeiten muss, um erfolgreich zu sein, und da auch schon mal so richtig dreckige Spiele rauskommen können (zumindest bei einem Spieler mit meinen Un-Fähigkeiten) kommt einem PES im direkten Vergleich schon recht arcade-artig vor: die Spieler laufen immer noch mit einer leicht übertriebenen fast comichaften Laufbewegung wie auf Schienen und die Pässe sind nachwievor wie am Schnürchen gezogen. Der Ball ist da in FIFA 10 deutlich widerspenstiger, auch weil er dort um einiges leichter wirkt als in PES 2010. Im direkten Vergleich erscheinen dann die eigenen Spielmöglichkeiten auf dem Platz vorerst sehr beschränkt.
Aber was sich nun erst negativ anhört, zeichnet das Spiel im Prinzip aus: es konzentriert sich auf das Wesentliche, nämlich direkten Fussball, der wie gewohnt mit vielen unterschiedlichen Spiel- und Torraumszenen auch wieder langfristig unterhält. Das bedeutet vor allem, dass sich nach vielen Spielen immer wieder neue und unterschiedliche Szenen und abwechslungsreiche Spiele auftun und recht wenig nach Schema F abläuft, was für viele ja der größte Kritikpunkt am Konkurrenzprodukt ist. Doch der Heilige Gral des Fussballs ist PES 2010 auch bei weitem noch nicht. Laufwege und Stellungsspiel der Kollegen oder die manchmal sehr gemächlich ausgeführten Schussausführungen zeigen schon auf, wo noch etwas getan werden muss. Auch hinten: in der Abwehr deckt die KI zwar inzwischen gut die Räume ab, das hat allerdings gelegentlich wieder zum Nachteil, dass man im Bereich des defensiven Mittelfelds selten angegriffen wird, weil alle Spieler auf ihren Abwehrpositionen verharren, und man bis zum Sechzehner oft recht leicht durchmaschieren kann.
Nach der Ankündigung der 360-Grad-Steuerung in FIFA hat auch wenig später PES mit diesem neuen Feature die Werbetrommel gerührt. Allerdings wirkt die sich in PES wesentlich schwächer auf das Spielgeschehen aus, es wirkt mehr wie noch schnell zu EA schielend oben-drauf-gepackt anstatt behutsam integriert, was sicherlich auch an den Animationen und deren Übergängen von einer in die andere liegt. Okay, es stört nicht aber es trägt auch nicht unbedingt zu einem großartig erweiterten Spielgeschehen bei. Und auch die Torhüter agieren teilweise wieder slapstick-artig auf langsam vorbeizuckelnde Bälle. Nämlich meist gar nicht. Um ihr Image aufzupolieren, lassen sich die Torhüter aber neben diesen und anderen Schwächen auch zu einigen Glanzparaden hinreißen. Dass man den eigenen Torhüter zwischenzeitlich steuern kann, ist zwar nett, aber in der Hitze des Gefechts fast nicht zu empfehlen.
Rasenschach
Die leichte Zugänglichkeit auf dem Rasen wird von PES 2010 wie gewohnt mit vielen taktischen Einstellmöglichkeiten konterkariert. Wer ein bisschen Zeit investiert, kann perfekt auf seine Truppe abgestimmte Aufstellungen und taktische Richtlinien erschaffen, die sich auf dem Rasen wirklich spürbar auswirken. Vom defensiven Abwehr-Bollwerk bis hin zur bedingungslosen Offensive ohne Rücksicht auf Verluste ist alles drin. Einzelspieler können mit Karten noch spezielle Verhaltensweisen an den Tag legen, die das ganze Spiel noch einen Tick individueller erscheinen lassen. Doch keine Angst, dank der neuen Schieberegler kann auch der sofort spürbare taktische Verschiebungen auf dem Feld erzeugen, der sich nicht den halben Tag mit Taktik und Aufstellung beschäftigen will und einfach nur eine Runde kicken möchte.
Doch viel hat sich nun auch abseits des Fussballplatzes getan. Neben den obligatorischen Liga- und Pokal-Modi sowie dem separaten Champions League-Modus hat sich auch im Manager-Modus vieles verändert, gegen den trotz einiger Politur der Manager-Modus von FIFA 10 ziemlich gestutzt wirkt - auch wenn präsentationstechnisch PES-typisch einiges auf der Strecke geblieben ist. Ob es so kleine Dinge sind wie endlich echte Währungen statt PES-Points oder die Integration von Champions League, Europaliga und Aufbau der eigenen Nachwuchsmannschaft, es gibt mehr als genug , um das man sich kümmern kann und sollte. Das eigentliche Herz-Stück von PES bringt damit auf jeden Fall langfristig genug Motivationsschub mit sich. Endlich ist es auch nicht mehr nötig, zwangsläufig einen positiven Kontostand aufzuweisen, wenn man nicht sofort seinen Job verlieren muss (dann wäre die AreaGames-Redaktion auch permanent unterbesetzt) und Vertrags-Verhandlungen können nun auch ausserhalb des Transferfensters vorbereitend getätigt werden.
Lauf, Ich! Lauf!
Wer darauf keine Lust hat, kann sich auch in diesem Jahr wieder im "Werde zur Legende"-Modus selbst verwirklichen. Auch wenn das Einbinden des eigenen Spielerbildes, das nur mit der Vison-Cam möglich ist, gegenüber FIFA10 Lichtjahre hinterherhinkt, macht der Modus wieder eine Menge Spaß. Mir gefällt es da vor allem auch, dass man auch mal ausgewechselt wird oder erst in der zweiten Halbzeit zum Einsatz kommt und solange als Zuschauer mit der eigenen Mannschaft mitfiebert (das Geschehen kann dabei auch vorgespult werden), auch wenn das im letzten Jahr schon drin war. Ansonsten bleibt dieser Modus nahezu unverändert im Vergleich zum letzten Jahr. Wer ein Rudeltier ist und lieber offline mit seinen Freunden spielen möchte, sollte sich den Community-Modus ansehen: dort können beliebige Spielmodi erstellt werden, während sämtliche Begegnungsstatistiken mit seinen Freunden dauerhaft gespeichert werden. Doch auch für Leute, die würdige Gegner nur online finden, gibt es im Online-Modus seit dem sehr enttäuschenden Einstand in den früheren NextGen-Versionen nun genug Spielmodi, die genug Abwechslung mit sich bringen. Von einfachen Ranglisten-Spielen über Legenden-Spiele (mit seinem eigenen erstellen Spieler) bis hin zu eigenen Lobbies sollte einem nicht so schnell langweilig werden. Bei unseren Testspielen hatten wir gelegentlich mit Lags und etwas verzögerter Befehlsumsetzung zu kämpfen, alles in allem blieb es aber spielbar. Wünschenswert wäre aber noch eine Einschränkungsmöglichkeit bei der Teamstärke. Denn wie erwartet spielt man online fast nur mit einer Hand voll Teams, weil die meisten wohl nur spielen, um zu gewinnen statt um des Spaßes Willen.
In zwei Dingen hat PES in diesem Jahr übrigens klar die Nase vorne. Zum einen ist der Soundtrack deutlich besser als der in diesem Jahr etwas schwächelnde in FIFA 10. Und zum anderen sind das die Spielergesichter der lizensierten Spieler wirklich ausserordentlich gut gelungen. Rooney sieht aus wie Rooney und Klose wie Klose - in FIFA kommt Klose ja eher wie ein magersüchtiger Zombie in Frührente daher. Wo die Gesichter in FIFA 10 oft eher wie Comicvarianten ihrer realen Vorbilder aussehen, haben die Designer von PES 2010 hier wirklich tolle Arbeit geleistet. Der Rest der Grafik bewegt sich auf leicht verbessertem Niveau, auch wenn manche Lichtsituationen auf dem Rasen etwas seltsam anmuten. Die Atmosphäre des Stadionpublikums kann sich ebenfalls hören lassen, die Fans reagieren in den meisten Fällen toll auf das Geschehen auf dem Platz. Sie feuern ihr Team zwar auch kräftig an, doch leider schon manchmal wieder zu häufig. 90 Minuten lang permanent "Deutschland, Deutschland" zu hören, ist dann auch wieder etwas unrealistisch. Nicht hören lassen kann sich wie jedes Jahr wieder der unsägliche Kommentar von Wolff Fuß und Hansi Küpper. Die Sprüche sind wie immer - drücken wir es mal höchst euphemistisch aus - Klassiker der unteren Kommentatoren-Schublade.
Pro und Contra
- + aufgebohrter Managermodus
- + aufgebohrter Online-Modus
- + verbessertes Gameplay
- - keine einzige deutsche Mannschaft lizenziert
- - Kommentatoren wieder auf Kreisliga-Niveau
- - gelegentlich dumm agierende Torhüter und Verteidiger
Macht doch was Ihr wollt!
PES 2010 oder doch lieber FIFA 10? Ganz ehrlich, ich kann euch die Entscheidung nicht abnehmen. Wie eingangs erwähnt, ist das in diesem Jahr noch mehr eine Entscheidung des persönlichen Geschmacks als es bisher schon war. Beide Spiele sind inzwischen in Serienreife, bringen neue Extras aber auch ein paar Schrammen mit. Im Grunde spielen sich beide Spiele einfach anders, jedes auf seine Weise gut und jeweils im Gesamtpaket deutlich besser als im Vorjahr. PES 2010 belohnt die Käufer in diesem Jahr eben mit einem aufgebohrten Manager-Modus sowie einem endlich tauglichen Online-Modus (mal von unseren Lag-Problemen abgesehen, bei denen ich keine Rückschlüsse auf Allgemeingültigkeit ziehen will) und dem bislang besten NextGen-PES-Gekicke auf dem Rasen. Toll ist natürlich auch, dass die Champions League wieder als offizielle Lizenz dabei ist (was Konami auch gerne zeigt), aber das leider auch nicht in vollem Umfang, denn lizensiert sind bei weitem nicht alle Mannschaften. So z.B. auch keine einzige deutsche Vereinsmannschaft, man muss sich also alles in Handarbeit über den Editor zusammenstricken - sofern man die Muse dazu hat.
Also kann man abschließend nur sagen: seht euch beide Spiele an und entscheidet, welches euch besser gefällt und mit welcher Spieldynamik ihr besser klar kommt. Falsch macht man mit dieser Entscheidung dann garantiert nichts. Die wirklichen Stärken und Schwächen zeigen sich sowieso erst mittelfristig.
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Kommentare (17)
BeCkS 07
zig
Der Papa
Sir Archibal
PES ist wieder auf dem Erfolgsweg zurück!
wogl
Bei Fifa hingegen ging gleich das erste Spiel 4:2 aus, die Tore waren alle sehr "spektakulär"... zB ein Tor aus über 40m war dabei, ein Fallrückzieher aus 16m und noch einige andere Tor, die alle das Potenzial gehabt hätten zum Tor des Jahres gewählt zu werden... -.-
Also ich finde Fifa sehr arcadelastig und für Anfänger gedacht, die mal zwischendurch eine Runde spielen wollen....
Picknicker
würde pes alle lizenzen haben, es wäre das göttlichste fußbakll spiel !
zig
Der Papa
wogl
Aber ich weiß, dass bei PES solche Tore nur sehr selten vorkommen... und wenn dann mal so ein Kracher dabei ist, freut man sich wie ich finde sehr viel mehr, es ist dann so wie in der Realität was besonderes...
mindVex