16.01.2007 15:08
Racing Evoluzione
Rennspiele sind seit jeher meist ähnlich aufgebaut: Man nehme ein paar Rennstrecken, vermische sie mit einigen hübschen Luxuskarossen, die sich Otto-Normalspieler sonst nur im Katalog angucken kann und lasse den Spieler mit eben diesen Edelflitzern solange im Kreis fahren, bis er genug Goldmedaillen/Pokale gesammelt hat oder ihm schlichtweg schwindlig wird. Die Entwickler von Milestone wollten mit Racing Evoluzione dagegen neue Wege bestreiten: Nachdem sich die Mannen bereits mit der „Bleifuss“-Serie auf dem PC einen guten Namen für unkomplizierte Arcade-Rennspiele gemacht haben, wollte man nun die Xbox-Spieler mit einem Racing-Game inklusive eingebautem Karriemodus und Prototypen-Flair beglücken.
Der eigentliche Kern von Racing Evoluzione ist der so genannte „Dream-Modus“, was an sich auch nur eine etwas andere Bezeichnung für „Karrieremodus“ ist. Im Dreammodus beginnt man sein Rennfahrerdasein auf einer kleinen Tankstelle mit angeschlossener Werkstatt und bastelt mit seinem treuen Mechaniker Mike Collodo an seinem ersten eigenen Rennwagen. Die damit gegründete „Ich AG“ würde selbst unseren Bundeskanzler stolz machen, entwickelt sich die Hinterhofwerkstatt doch innerhalb kürzester Zeit schnell zum florierenden Großkonzern. Schon nach ca. 6-8 gewonnenen Rennveranstaltungen ist aus der Tankstelle eine kleine Faik mit Sekretariat, Vertriebs und Forschungsabteilung geworden. Bis zur Entwicklung des eigenen Dreamcars, das die Spitze der eigenen Automobilentwicklung darstellt, ist es allerdings noch ein weiter Weg: Mehr als 150 (knapp 40 Veranstaltungen mit jeweils 3-6 Einzelkursen) Rennen müssen bis dahin vom Spieler absolviert werden.
Bei den Strecken stimmt sowohl Qualität als auch Quantität. Insgesamt stehen dem Spieler 54 unterschiedliche Rennstrecken zur Auswahl, die sich deutlich voneinander unterscheiden und nicht nur die 4fach gespiegelten und mit einer neuen Kurve versehen Variationen einer Grundstrecke sind. Gerade im Vergleich zu Sega GT 2002 und NFS HP 2 fällt positiv auf, wieviel Mühe sich Milestone mit der Streckenvielfalt gegeben hat. Grob lassen sich die Renngebiete in 4 Kategorien einteilen: Stadt, Berg, Rennstrecken und Speedways. Rennstrecken sind die bekannten „Hockenheim-Lookalike“ Kurse, während man in den Speedways mit Höchstgeschwindigkeit in ovalen Rundkursen fährt. Gerade in den Stadt- und Berg-Abschnitten lässt RE dann aber dank weiter Fernsicht und vielen Details die Grafik-Muskeln spielen.
Die Grafik von Racing Evoluzione ist schlichtweg eine Augenweide: Zum einen begeistern viele detaillierte Texturen, die allen Strecken einen sehr realistischen Touch verleihen, der leider bei vielen anderen Rennspielen mit ihren recht sterilen Kursen noch Mangelware ist. Besonders lobenswert ist hierbei, dass alle Strecken mit vielen Details aufwarten, die für Leben jenseits der Rennbahn sorgen. Da steigen Luftballons in den Himmel, kreuzen Lastwagen und PKWs auf Nebenfahrbahnen und Hubschrauber, Flugzeuge und Federvieh bevölkern den Luftraum über der Rennstrecke. Die grafischen Details machen natürlich auch vor den eigenen Fahrzeugen nicht halt, animierte Fahrer, die erkennbar Gänge schalten, dürfen bei RE natürlich nicht fehlen.
Leider wurde zugunsten des Full Scene Anti Aliasings auf eine (von den Entwicklern im Vorfelde versprochene) konstante Bildwiederholrate von 60 fps verzichtet, dafür bleiben die verbleibenden 30 Bilder pro Sekunde stets stabil. Das Geschwindigkeitsgefühl aus der Stoßstangenansicht ist hervorragend, nur ein zuschaltbarer Rückspiegel wird hier zeitweise schmerzlich vermisst.
Zum arcadelastigen Spielprinzip gehört auch das großzügige Schadensmodell: Außer ein paar Verformungen und zerplatzten Blinklichtern bekommen destruktive Zeitgenossen nicht viel zu Gesicht. Dies fällt allerdings nicht weiter auf, da die Fahrzeugmodelle allesamt wunderschön und polygonreich modelliert worden sind, und natürlich auch mit Echtzeitreflexionen der Spielumgebung protzen.
Der Steuerung ist die Arcade-Herkunft der Programmierer Milestone deutlich anzumerken. Alle Fahrzeuge fahren sich gutmütig und reagieren auch mit Höchstgeschwindigkeit sofort auf jede Lenkbewegung. Während des gesamten Rennens aucht man nicht den Fuß, bzw. die Hand vom Gas nehmen, da sich jede Kurve mit gezieltem Einsatz von Bremse und Handemse durchdriften lässt. Zwischen den einzelnen Prototypen des Dreammodus besteht dabei bis auf die Höchstgeschwindigkeit kein besonderer Handling-Unterschied.
Immer wieder kontrovers diskutiert, spaltet die Gegner-KI die Rennspielfans in zwei Lager: Bei RE fahren alle Gegner stets in einer Traube hinter einem her und halten sich eng an die Ideallinie. Die Gegner nehmen dabei keine Rücksicht auf vor ihnen fahrenden Autos, worunter der Spieler oft am meisten zu leiden hat. Immer wieder rauschen einem die KI-gesteuerten Kollegen ins Heck, und schieben einen auch schon mal aus der Kurve. Befindet man sich jedoch einmal im Kiesbett, reduzieren die Gegner allesamt das Tempo und schleichen im Schneckentempo über die Piste, damit man schnell wieder zu ihnen aufschließen kann. Das nenne ich Sportsgeist (Simulationsfans, die auf realistische Gegner mit festen Rundenzeiten wertlegen, werden mit diesem Modus leider nicht so schnell glücklich).
Das Tempo der Gegner ist eben jederzeit dynamisch: In der letzten Runde scheinen die Gegner dann noch zusätzlich etwas langsamer zu fahren und ihre Höchstgeschwindigkeiten nicht voll auszunutzen, womit jedes Rennen spannend bis zur letzten Minute bleibt. Die oft geäußerte Kritik, dass deswegen die Rennen ihren Reiz verlieren, da sich ohnehin alles in der letzten Kurve entscheidet, trifft allerdings gerade in späteren Spielstufen nicht mehr zu. Hier hat der Spieler genug zu tun, während des Rennens auf Platz 1 zu kommen, und da auch zu bleiben. Konzentration ist hierbei Pflicht und wer fehlerfrei fährt kann sich auch kleinere Vorsprünge herausfahren.
Die Präsentation des Dream-Modus ist liebevoll gelöst und macht Spaß: Bevor ihr mit eurer eigenen Edelmarke beginnt, müsst ihr noch den Namen und das Logo eurer Firma wählen. Klingt unspektakulär, ist aber im späteren Verlauf immer wieder für einige kleine Glücksmomente verantwortlich. Wer sieht nicht gerne am Fahrbahnrand Leuchtreklame für seine eigene Automarke aufblitzen oder sieht seine Firma auf dem Cover von fiktiven Sportzeitschriften? Zwischen den eigentlichen Rennen lockern immer wieder „Herausforderungen“ den Rennalltag auf. Hier fordert euch mal ein geheimnisvoller schwarzer Fahrer zum Duell, oder bittet ein Ölscheich um eine Demonstration euer Fahr- und Ingenieursleistung.
Nach jedem Rennen steht dann auch mindest einer eurer Mitarbeiter auf der Matte, um euch mit einem Kommentar zum letzten Rennen (und eurer Platzierung) zu versorgen. Leider führt hier die geringe Auswahl an unterschiedlichen Gesprächsbeiträgen schnell zu Abnutzung. Nach dem 20. „Es macht Spaß, dich gewinnen zu sehen“ trommelt auch der geduldigste Hobbyrennfahrer nervös an seinem Helmverschluss.
Markenfetischisten werden am Dream-Modus keine große Freude haben. Die Rennen werden ausschließlich mit den Fahrzeugen aus der Eigenproduktion bestritten, das Gegnerfeld setzt sich dafür aus über 40 lizenzierten Sportflitzern von Lotus, Jaguar und Mercedes zusammen. Wer selber im Lotus über die schönen Pisten jagen möchte, muss mit dem Arcade-Modus Vorlieb nehmen.
Im Gegensatz zur grandiosen Grafik wurde in der akustischen Abteilung offensichtlich gespart. Die Musik klimpert bemüht daher, kann aber keinen Racing-Fan aus dem Gurt schlagen. Gegen Soundtrackmonster wie Project Gotham Racing kann RE mit seinem Dudel-Funk nicht ankommen. Die Musiktracks reichen dabei von "nette Fahrstuhlmusik" zu "absolut unpassend". Die Soundeffekte können hier auch nicht mehr viel zum Positiven wenden: So gibt es nur ein einziges Geräusch dafür, wenn einen ein anderer Fahrer rammt bzw. hinten auffährt (und dies ist bei RE oftmals der Fall), und spätestens nach 10 Minuten geht einem dieses Scheppern zweier Mülleimerdeckel schwer auf die Nerven. Immerhin: Wer aus der Motorhaubenperspektive fährt, muss all dies nur gedämpft ertragen.
Der Arcade-Modus (hinter dem sich auch der Multiplayer-Modus versteckt) bietet pures Rennvergnügen ohne störendes Beiwerk. Allerdings muss ein Großteil der Strecken und Fahrzeuge zuvor durch Siege im Dream-Modus freigeschaltet werden. Hier scheint sich ohnehin ein neuer Trend anzubahnen. Wer das volle Spiel haben möchte, soll gefälligst dafür arbeiten. Ob dies nun für zusätzliche Motivation sorgt, sei dahingestellt, da sich die meisten Spieler aber ohnehin zuerst durch den spaßigen Dream-Modus kämpfen werden, fällt dieser Punkt nicht weiter unangenehm ins Gewicht.
Der Multiplayer-Modus ist leider nur im 1. Gang unterwegs. Zwar werden Kopf-an-Kopf-Rennen via 2er-Splitscreen geboten, aber damit erschöpfen sich auch schon die Mehrspieler-Optionen. Im Duell gegen einen menschlichen Mitspieler dreht man auch recht einsam seine Runden, da die KI-Gegner für diesen Modus anscheinend Sonderurlaub eingereicht haben. Xbox Live und System-Link wird ebenfalls nicht unterstützt, was zumindest für einen Xbox-Only Titel ein klein wenig nach „verpasster Chance“ rufen lässt.
Die Meldungen machten schnell die Runde. Auf einigen Konsolen verursachte Racing Evoluzione sogenannte "Freezes", sprich, die Xbox stürzt während das Ladevorgangs ab und reagiert nicht mehr. Diese Fehler tauchten bei den unterschiedlichsten Stellen im Spiel auf, meist jedoch beim Ladevorgang eines neuen Rennens. Dieser Fehler konnte mit mehreren Methoden umgangen werden, wichtig war dabei, dass der temporäre Speicher der Xbox gelöscht wurde. Dies konnte unter anderem bei gemoddeten Xbox-Konsolen leicht per Hand ausgeführt werden, wer eine Memorycard zu Hand hatte, konnte unseren Lösungsweg benutzen.
Normalerweise führen bei uns Bugs in Videospielen zu spürbaren Abwertungen, wie es z.B. bei Crazy Taxi der Fall war. Da diese Fehler aber nicht bei jedem Spiel auftauchen, können wir nicht von einem grundsätzlichen und vermeidbaren Programmierfehler ausgehen. Vielmehr scheint sich das Spiel nicht mit dem Speichermanagement von einigen Konsolen zu vertragen. Hier muss dringend etwas von Microsoft getan werden, damit die unterschiedlichen Revisionen der Xbox mitsamt des geänderten Kopierschutzes nicht zur Falle für die Entwickler werden.
„Von der Garage in die Spielhalle“
(Eigene Meinung » Alexander Laschewski)
Würde man das Drumherum des Dream-Modus wegstreichen, könnte Racing Evoluzione auch in jeder gut sortierten Spielhalle stehen. Die Grafik ist einfach atemberaubend und flutscht mit ansprechendem Tempo über den Fernseher. Im Gegensatz zu Need for Speed HP2 und Konsorten bietet Racing Evoluzione aber auch lang anhaltenden Spielspaß. Bis man die über 150 Rennen abgeschlossen hat, wird man einige Tage beschäftigt sein.
Über die etwas seltsame Gegner-KI mit Gummibandfaktor kann ich locker hinwegsehen. Für Arcade-Racer ist eine ausgefeilte KI ungefähr so wichtig, wie ein gutes Drehbuch für einen Van-Damme Film. Spaß machen die Rennen auf jeden Fall, und die Spannung kommt auch in späteren Rennen nie zu kurz.
Auch wenn im Detail noch viele Elemente verbesserungsfähig sind, so zeigt RE zur Zeit den meisten Xbox-Rennspielen deutlich, wo der Auspuff hängt. Mehr Grafik und Spielumfang sind momentan in keinem Arcade-Racer für 60 € zu bekommen. Spieler, die Burnout und Test Drive Overdrive mochten, werden RE lieben und sollten sich zum Händler ihres Vertrauens begeben.
„Arcade-Hit mit kleinen Mängeln“
(Eigene Meinung » Matthias Loges)
Mit Racing Evoluzione erweitert sich das Xbox-Rennspielportfolio um einen weiteren hochkarätigen Genrevertreter im Arcade-Bereich. Der erste Milestone-Konsolentitel begeistert durch nahezu perfektes Wagenhandling, sehr gutes und abwechslungsreiches Streckendesign sowie die beeindruckende Grafik.
Anlass zur Kritik bietet leider die stur auf ihrer Ideallinie fahrende Gegner-KI. Durch dieses Manko kommt es immer wieder zu nervigen Dauerrempeleien, weil die Computerfahrer ohne Rücksicht auf die Position des Spielerfahrzeugs jederzeit eben diese Ideallinie ansteuern. Generell sorgt der extreme Gummibandeffekt mit Gegner-Boost für stets spannende Rennen, trotzdem ist dieses Feature in meinen Augen etwas zu offensichtlich ausgefallen. Bereits nach einer Handvoll Rennen könnt Ihr das immer gleiche Schema des KI-Verhaltens einschätzen und zum Teil zu Eurem Vorteil nutzen. Generell gilt aber: Fahrt Ihr fehlerlos mit der entsprechenden Streckenkenntnis, habt Ihr auch keine unfairen Aufholjagden der KI zu befürchten.
Der Storymodus bietet eine willkommende Abwechslung zum Racer-Einheitsei und wurde mit den schönen 3D-Menüs ansprechend in Szene gesetzt. Hinter der innovativen Fassade versteckt sich allerdings eine sehr lineare Meisterschaft, die jedoch in Sachen Umfang vollends überzeugen kann. Um RE erfolgreich durchzuspielen, müsst Ihr allerdings nicht alle Rennen bestreiten und auch nicht sämtliche Prototypen entwickeln. Hinzu kommt, dass Ihr nach Ablauf des Abspanns keinerlei Rennen oder Prototypenentwicklungen vervollständigen könnt - RE ist an diesem Punkt leider schlichtweg beendet.
Unter dem Strich bleibt die neben RSC beste Rennspielgrafik aller Zeiten, ein insgesamt motivierendes Spielprinzip und das womöglich beste Streckendesign aller Zeiten. Einige Mängel im Spieldesign, im Verhalten der Gegner-KI und im Soundbereich verhindern den absoluten Tophit. Im reinen Arcade-Bereich ordnet sich RE somit, nicht zuletzt aufgrund des beeindruckenden Umfangs, in der Xbox-Referenzklasse ein und sollte im Regal eines jeden Rennspielfans mit einer Ader für Action stehen.