RalliSport Challenge

16.01.2007 11:49
RalliSport Challenge


n einem Rally-Spiel scheiden sich bereits seit längerer Zeit die Geister: Während die Rally-Puristen und Simulationsfans auf Etappenrennen ohne direkte Gegner bestehen, fordert der Rest direkte Rennen mit konkurrierenden Autos Stoßstange an Stoßstange. Erste Abhilfe schuf seinerzeit das Spiel V-Rally, das gleichzeitiges Duellieren mit den Gegnern in diversen Etappenrennen ermöglichte. Leider wirkte dieser Zusatz eher überflüssig, so dass die meisten Rallyfreaks generell nur auf die klassische Meisterschaft gegen die Zeit zurückgriffen. Microsofts neuester Beitrag zum Thema Rally namens Rallisport Challenge (RSC) ist glücklicherweise bereits seit der Xbox-Markteinführung hierzulande erhältlich und bietet das bisher ausgewogenste Verhältnis zwischen klassischer Etappen-Rally und mitreißenden Gegner-Rennen.

Nach einem rasant geschnittenen, größtenteils aus bearbeiteten Spielszenen bestehenden Intro gelangt Ihr in das Hauptmenü. Zu Anfang geht es an das Erstellen eines Spielerprofils, bei dem Ihr zwischen zwei Schwierigkeitsgraden wählen dürft. Der wichtigste Unterschied zwischen "Anfänger" und "Normal" besteht darin, dass Ihr in der leichteren Spielstufe die Rennen jederzeit abechen und neu starten dürft. Dieser Punkt mag zunächst eher unwichtig erscheinen, bekommt allerdings im späteren Verlauf des Spiels eine durchaus tragende Bedeutung. Weiterhin steht das "Normal"-Profil für deutlich intelligenter agierende Gegner und erspielbare Sonderboni in Form spezieller Fahrzeuge, die in der einfacheren Spielstufe nicht erspielt werden können.

Zunächst habt Ihr im Hauptmenü die Wahl zwischen den Punkten "Einzelrennen", "Zeitfahren", "Multiplayer" und dem Kernstück von RSC, der "Karriere". Einmal gestartet, befindet Ihr Euch in der ersten von vier Rennklassen mit der Bezeichnung "Profi". Wie die erste, bestehen auch die weiteren drei Klassen ("Experte", "Klassik" und "Unbegrenzt") aus einer Reihe von kleinen Turnieren oder Rallys. Während dieser Prüfungen sammelt Ihr Punkte für die Plazierung, die Gesamtzeit, die Höchstgeschwindigkeit und gegebenenfalls die schnellste Runde. Diese Punkteverteilung soll zum Vorteil haben, dass Ihr auch bei einer schlechten Plazierung beispielsweise mit einer schnellsten Runde punkten könnt und somit die Vergabe der Score etwas fairer ausfällt. Leider sieht die Lage in der Realität etwas anders aus: Fahrt Ihr auf den ersten Platz und habt zudem die schnellste Runde in die Strecke geannt, ist selbige mehr Punkte wert als sie es bei einer schlechteren Plazierung wäre.

Innerhalb Eurer Karriere startet Ihr sowohl in Etappenrennen von Punkt A nach Punkt B, als auch in Rundenrennen direkt gegen flinke Gegnerfahrzeuge. Wie anfangs erwähnt fügen sich aber auch diese von Rally-Puristen ungeliebten Events wunderbar in das gesamte Spiel ein, da diese Gegner-Wettbewerbe ausschließlich auf Rundkursen stattfinden. Ihr trefft in den Modi "Eisrennen" und "Rally Cross" auf jeweils 3 Gegnerwagen, die es stilecht zu verheizen gilt. Auch in den Etappenrennen fahrt Ihr generell nur gegen die die Zeit von 3 Gegnern, während Euch ein sogenannter Fortschrittsbalken während des Rennens ständig über Eure Position und die absolvierte Streckenpassage informiert.

Sowohl Strecken als auch Wettbewerbe und Fahrzeuge werden im Laufe Eurer Karriere (auch für alle anderen Spielmodi) freigeschaltet. So kommt Ihr beispielsweise erst im späteren Verlauf des Spiels in den Genuss anspruchsvoller Bergrennen und den dazugehörigen PS-starken Sonderboliden. Allgemein gibt es über den Gesamtfuhrpark wenig zu meckern: Insgesamt 29 komplett lizensierte Rally-Geschosse stehen Euch am Ende von RSC zur Verfügung. Die Palette reicht von den wichtigsten gängigen Modellen der World Rally Championship (Mitsubishi Lancer Eco VII) über anarchisch anmutende Gruppe B-Klassiker (MG Metro 6R4) aus den 80er Jahren bis hin zu speziellen Hill Climb-Monstern mit nahezu 1.000 PS (Pikes Peak Toyota Takoma). Sicht- aber nicht anwählbar sind zu Anfang bereits 26 Wagen - die 3 geheimen Vehikel offenbaren sich Euch erst nach kontinuierlich ersten Plätzen innerhalb der Meisterschaften Eurer Karriere.

Einmal am Steuer einer der Karossen platzgenommen, dürft Ihr Euch für eine der 6 verschiedenen Kameraperspektiven entscheiden, die Ihr Euch vorher im Options-Menü vorkonfiguriert habt. Dank des sehr rennspielfreundlichen Controllers der Xbox geht auch das Handling der Wagen intuitiv von der Hand. Nach einer kurzen Lernphase driftet Ihr unter gefühlvollem Einsatz des Gaspedals um die Kurven und erfreut Euch des realistischen Fahrgefühls. Hier geht RSC einen kleinen Spagat ein: Während die Handhabung der Fahrzeuge durchaus simulationslastig anmutet, fallen die überzogenen Überschläge und die rasende Spielgeschwindigkeit eher in den Arcade-Bereich. Freiwillige oder unfreiwillige Ausritte neben die Strecke werden Euch umgehend mit einem automatischen Zurücksetzen auf die Piste quittiert. Das im Vorfeld vielgepriesene Schadensmodell erweist sich im Härtetest auch eher als hauptsächlich optisch. Spürbare Auswirkungen Eurer Crashes merkt Ihr erst sehr spät in Form einer verzogenen Lenkung oder eines beschädigten Getriebes. Dank Eures sehr gut verständlichen (deutschen) Co-Piloten werdet Ihr frühzeitig in Kenntnis der Beschaffenheit der nächsten Kurve gesetzt, so dass sich unplanmäßige Crashes zunächst noch in Grenzen halten. Im späteren Verlauf der Karriere legt der Schwierigkeitsgrad allersdings saftig zu, wodurch die auswendige Kenntnis des Kurses und die nahezu perfektes Beherrschung des eigenen Fahrzeugs unverzichtbar werden.

Der selbstverständlich vorhandene Multiplayer-Modus lädt bis zu 4 Spieler zum Duell ein. Leider fährt auch zu zweit kein Computergegner mit, so dass Ihr ausschließlich mit Euren menschlichen Widersachern Vorlieb nehmen müsst. Variationen oder zusätzliche Multiplayer-Modi sucht man ebenfalls mit der Lupe - abgesehen von der Möglichkeit, eine Ausscheid-Zeit zu aktivieren, bietet RSC keine Abwandlungen. Immerhin führt diese Option, bei der jeder Wagen ausscheidet, der mehr als 30 Sekunden hinter dem Führenden liegt, zu etwas Abwechslung in den durchaus unterhaltsamen Multiplayer-Duellen.

Im grafischen Bereich zeigt sich RSC dagegen nahezu perfekt und nie dagewesene Nähe zum Fotorealismus. Die äußerst detaillierten Strecken protzen geradezu mit unzähligen Details und allerfeinsten Texturen. Den Streckenrand säumen unzählige animierte Grashalme, Büsche und Bäume und selbst die winkenden Zuschauer sind komplett mit Polygonen ausmodelliert und schauen sogar dem vorbeirasenden Rally-Boliden hinterher. Die Fahrzeuge hinterlassen dank feinstem Bump Mapping tiefe Reifenspuren im Untergrund und wirbeln während der Drifts unzählige Steinchen und dichte Staubwölkchen auf. Die Fahrbahntexturen verdienen noch einmal ein Extralob - es gleicht schon einem faszinierenden Schauspiel, wenn eine mit realistischen Rillen versehene Eisoberfläche die psysikalisch absolut korrekt einfallende Sonne im wahrsten Sinne des Wortes blendend reflektiert. Die Wagenmodelle stehen der Landschaftsgrafik in fast nichts nach. Laut Entwicklerangaben besteht jeder einzelne Bolide aus 18.000 Polygonen, die man auch zu sehen glaubt. Die Reifen sowie die Karrosserie sind nach einem anstrengenden Rennen mit einer dichten Staub- , Schlamm- oder Schneeschicht überzogen. Bleibt der Wagen einmal sauber, sticht Euch sofort das kubische Environment Mapping ins Auge, das die Umgebung anhand einer Stage-Map verblüffend realistisch im Lack und in den Scheiben reflektiert. Aufgrund von fehlender Kantenglättung (Anti-Aliasing) an den Fahrzeugen könnt Ihr leider auch eine leichte Treppenbildung erkennen, die aber im wunderbar flüssig laufenden 60 Hz-Modus nahezu überhaupt nicht auffällt. In eben diesem Modus fliegen die RSC-Strecken in butterweichen 60 Bildern pro Sekunde an Euch vorbei - und das in einer rasend schnellen Geschwindigkeit, die sogar V-Rally 2 (Dreamcast) noch übertrifft. Da es zu aller Freude auch nicht den Ansatz eines Grafikaufbaus am virtuellen Horizont gibt, gebührt RSC die systemübergreifende Grafik-Krone im Rennspielbereich. Wahrlich eine Meisterleistung der Entwickler!

Auch im soundtechnischen Bereich besteht wenig Grund zur Klage, gibt es doch am bereits erwähnten Co-Piloten nicht das Geringste auszusetzen. Etwas anders sieht es im Bereich der Motorsounds aus: Zwar haben die Entwickler die Original-Motorengeräusche sämtlicher Boliden eigenhändig aufgenommen und digitalisiert, jedoch ist das Ergebnis zwiegespalten. Während einige Fahrzeuge absolut traumhaft realitätsnah klingen (Lancia Delta S4), erwecken andere eher den Eindruck einer Nähmaschine im Turbogang (Citroen Xsara Kit Car). Die Musikuntermalung ab Werk ist mit Bands wie Fear Factory oder den Dub Pistols ebenfalls passend und ansprechend ausgewählt. Zudem habt Ihr die Möglichkeit, Eure eigenen auf die Xbox-Festplatte kopierten CD-Tracks im Spiel auszuwählen. Aufgrund der Kürze der Rennen (zumeist nicht länger als 3 Minuten) und der Unabkömmlichkeit der Co-Piloten-Stimme raten wir allerdings von Musikuntermalung während der Fahrt ab. Wer allerdings von der optionalen Dolby Digital 5.1-Unterstützung profitieren kann, dem sei schon im Vorfelde gratuliert, denn diese Option wurde wieder einmal beeindruckend in Szene gesetzt.

"Fordernde Brillianz"

(Meinung » Matthias Loges)

Mit Rallisport Challenge ist den Entwicklern von DICE ein beeindruckendes Rally-Erlebnis gelungen. Die Grafik darf als nahezu perfekt bezeichnet werden und auch das Wagenhandling ist sehr gut durchdacht und gestaltet sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wunderbar intuitiv. Das Spielsystem und die Verknüpfung klassischer Etappenrallys mit rundenbasierten Gegner-Rennen ist ebenfalls sehr gelungen und motiviert fließend über Wochen hinweg.

Allerdings möchte ich an dieser Stelle auch eine Warnung an alle ungeduldigen Zockernaturen aussprechen: RSC wird im späteren Verlauf des Spiels immer schwerer und setzt zum Gewinnen eine absolut perfekte Streckenkenntnis voraus. Ein einziger Fahrfehler kann das Aus bedeuten und selbst routinierten Rennspielfreaks den ein oder anderen Wutausuch verschaffen. Trotzdem wird RSC aber nie unfair und lässt sich mit der notwendigen Geduld und fahrerischem Können durchaus meistern. Rein spielerisch erreicht das Spiel somit stellenweise den Charakter einer reinen Simulation, weshalb Arcade-Fans mit einem dünnen Gedultsfaden lieber einmal ausführlich anzocken sollten.

Leider schauen auch Multiplayer-Fans weitestgehend in die Röhre, denn der Mehrspieler-Modus ist mangels Umfang nicht mehr als eine nette Zugabe. Nichts desto trotz ist Rallisport Challenge jedoch für alle Rennspielfans - die bereit sind genügend Zeit und Geduld zu investieren - die neue Offenbarung im Rally-Bereich!

"Spitzenklasse mit kleinen Kratzern im Lack"

(Meinung » Alexander Laschweski)

Bei anderen Spielen war es ein Werbegag, bei Rallisport möchte ich wirklich aussteigen und mir die Landschaft in Ruhe angucken. Selten habe ich soviele kleine Details erst im Replay entdecken können. Mit 230 Sachen im Gepäck hat man einfach auch keinen Blick für ein paar vorbeiziehende Zeas oder einen Schwarm aufgescheuchter Vögel. Auch das Geschwindigkeitsgefühl kann sofort begeistern, trägt aber auch seinen Teil zum happigen Schwierigkeitsgrad bei.

Manchmal habe ich aber den Eindruck, die Entwickler drücken sich absichtlich vor einem perfekten Spiel: Hätte man Rallisport Challenge noch ein etwas besseres Schadensmodell spendiert, dass auch Auswirkungen auf die Fahrphysik besitzt und bei der Gelegenheit auch noch die sehr engen Respawn-Grenzen (selbst Querfeldein-Abkürzungen in Scheitelkurven führen zum Zeitverlust durch Respawn) etwas ausgedehnt, Rallisport Challenge wäre das Paradies für Rennsportfreunde. Auf jeden Fall beweisen sowohl Rallisport Challenge als auch Project Gotham Racing, dass Rennspielfans kaum um den Kauf einer Xbox herumkommen.

Bewertung

RalliSport Challengexbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.