19.01.2007 10:28
Red Card
Die Weltmeisterschaft ist rum und entgegen vieler Erwartungen ist Deutschland nicht jämmerlich untergegangen. Rudis Mannschaft löste in Deutschland eine neue Fußballbegeisterung aus und während vor der WM der Bolzplatz des nahegelegenen Sportplatzes bereits mit ersten Blümchen im Rasen Konkurs anmeldete, trifft sich dort jetzt wieder die halbe Fußballjugend, die noch Hoffnungen eines unkritischen Multitalents hegen. Fußball hat Hochkonjunktur und während der 50jährige Frührentner seine Frau beim wöchentlichen Bundesligaauftritt wieder einmal zum Bierholen in den Keller schickt, schicken andererorts Entwicklerteams ihre auf der Woge schwimmenden Spiele aufs Feld.
Im Reigen der Fußballspiele gibt es neben der offiziellen WM-Lizenz von Electronic Arts und International Superstar Soccer jetzt noch einen dritten im Bunde. RedCard nennt sich das Fußballspiel von Midway, das auf der Frontseite der Anleitung "Same Game Different Rules" verspricht. "Same Game": durchaus doppeldeutig, denkt man daran, dass das Spiel auch auf dem Gamecube und der Playstation 2 erschienen ist. Aber zumindest die Regelauslegungen der etwas anderen Art entstammen hier nicht nur der üblichen Selbsthuldigung des Publishers, sondern haben durchaus Wahrheitscharakter. Das Spiel, das sehr arcadelastig ist, zeigt deutlich härtere Fouls als dies die Konkurrenz zu bieten hat und so ist für reichlich Action gesorgt. RedCard - hier ist Name Programm.
Insgesamt 52 internationale Mannschaften und authentische Namen sowie authentische Stadien (z.B. Yokohama) sollen ihr üiges dazu beitragen, die Konkurrenz in den Schatten zu stellen, und - soviel sei vorweggenommen - dem Spiel ist das auch einigermaßen gelungen.
Nach einem kurzen Intro, das sich in seiner Qualität nicht zwischen Gut und Schlecht entscheiden kann, darf der ambitionierte Fußballvideospieler im Hauptmenü zwischen einem Freundschaftsspiel und einem "Spielniveau für Fortgeschrittene", hinter dem sich der Welteroberungs-Modus, der Endspiel- und der Turniermodus verbirgt, wählen oder im Modus "Mannschaft anpassen" eine bereits bestehende Nationalmannschaft den eigenen Vorstellungen anpassen oder gleich mit einer ganz neuen beginnen. Auch ein Optionsmenü und eine Speicherfunktion dürfen natürlich nicht fehlen. Traurig über die Tatsache, dass man hier von den Entwicklern als Fortgeschrittener angesprochen wird und nicht an ein "Spielniveau für Profis" gedacht wurde, führt uns der Weg ins Optionsmenü, wo man neben der Sprache, dem Schwierigkeitsgrad und der Dauer der Halbzeit unter anderem auch die Strenge der Schiedsrichter einstellen kann.
Wer mit der vorgegebenen Controller-Einstellung nicht einverstanden ist, darf fröhlich selbst konfigurieren und schon vorab kann hier das Stadion, die Tageszeit und das Wetter gewählt werden. Mit insgesamt 15 wählbaren Kameraperspektiven, dürfte für wirklich jeden etwas dabei sein und wer trotzdem noch Angst hat, Spieler zu übersehen, der darf auf Wunsch sogar ein Radar einblenden. Da man aus vergangenen Spielen ja immer etwas lernen sollte, bleibt auch der Lautstärke-Regler des Kommentars im Gedächtnis. Wer weiß schon, was für Pappnasen nachher das Spiel kommentieren werden. Eventuell muss man sie ja wieder einmal abschalten.
Letztendlich doch nicht so vermessen, sofort ins "Spielniveau für Fortgeschrittene" einzusteigen, nutzen wir erstmal die Chance eines Freundschaftsspiels, bei dem ein schneller Einstieg ins Geschehen garantiert ist.
Die Steuerung des Spiels präsentiert sich gleichermaßen simpel wie komplex und der Einstieg ins Spiel fällt äußerst leicht. Wie könnte es anders sein: Der linke Ministick dient zur Bewegung der Spieler und wer glaubt, es müsste mal etwas schneller gehen, der darf mit der rechten Schultertaste den Spielern Feuer unterm Hintern machen. Die eingeblendete Ermüdungsanzeige sollte man dabei natürlich im Auge behalten, sonst fehlen im entscheidenden Moment die Kräfte für einen vielleicht torentscheidenden Spurt. Allerdings füllt sich diese Anzeige recht schnell wieder auf, so dass man dem hohen Tempo des Spiels mit häufigen Sprints gerecht werden kann.
Mit der A-Taste wird der Ball auf normalem Wege zum nächsten Spieler gepasst und mit der X-Taste kann man den Ball auch durch die Luft weiterbefördern. Hier wird auch deutlich, dass es Midway um schnelles Spiel und weniger um Simulation ging. Drückt man während einem hohen Pass erneut die X-Taste, dann leitet der zuvor angepeilte Spieler den Ball direkt an einen Mitspieler weiter - ebenfalls mit einem hohen Pass. Dadurch entstehen teilweise schöne (natürlich unrealistische) Spielszenen, die den ganz eigenen Stil des Spiels unterstreichen.
Wer zum Abschluss kommen möchte, muss dieses Mal die ansonsten so selten für derartige Zwecke eingesetzte weiße Taste des Controllpads drücken. Wird die weiße Taste während einem Querpass gedrückt, fängt ein eigener Spieler, der dazu die Möglichkeit hat, den Ball ab und zieht direkt mit einem Volley aufs Tor. Drückt man zusätzlich zur weißen Taste den linken Schalter kann man noch schneller und direkter aufs Tor schießen. Im Unterschied zur einfachen Variante kann dieser Schuss allerdings nicht mehr umgelenkt werden. Positiv fällt auf, dass mit Hilfe des rechten Ministicks sich Schüsse hervorragend lenken lassen und man so recht genau die Ecke bestimmen kann, in die man den Torwart verladen will.
Den Arcade-Charakter des Spiels unterstützt unter anderem auch die Boost-Anzeige, die unabhängig von der Ermüdungsanzeige die Spielaktionen bei gedrückter linker Schultertaste in härterer Ausführung ermöglicht. Auch hier gilt: Wer zu oft zuschlägt, muss seinen Boost erst wieder aufladen lassen.
Erst bei der Verteidigung, wenn man das überhaupt noch so nennen kann, wird deutlich, was die Besonderheit dieses Spiels ausmacht. Das Spiel lebt von Fouls, die im alltäglichen Fußballgeschäft der realen Welt wohl zu lebenslanger Sperre führen würden. Und da kann es schon mal passieren, dass sich ein Spieler in der Luft überschlägt oder dass man förmlich die Knochen krachen hört. Selten (Nie?) ist mir ein Fußballspiel unter die Finger gekommen, bei dem die Aggression und die Brutalität so in den Mittelpunkt gerückt wurde. Moderatorenstatements wie "Genau der richtige Zeitpunkt für eine Grätsche" sind keine Seltenheit und selbst ein in den Optionen als streng deklarierter Schiedsrichter hat an den meisten Fouls seine helle Freude. Wenn er dann aber doch einmal zur Trillerpfeife greift, bleibt das Spiel seinem Titel treu und es hagelt oft eine rote Karte (gelbwürdige Fouls sind aber auch nicht wirklich an der Tagesordnung - hier heißt es fast immer: mit gestrecktem Bein in den Mann).
Natürlich bleibt es in dem Spiel nicht bei den Freundschaftsspielen, denn diese könnten sicherlich nicht für die nötige Langzeitmotivation sorgen. Und so verbirgt sich hinter dem Spielniveau für Fortgeschrittene mehr als man auf den ersten Blick vermuten mag. Als Herz des Spiels erweist sich schnell der Welteroberungsmodus, bei dem man mit seinem eigenen Team dem Rest der Welt die Schranken aufweisen muss. Ziel dabei ist es letztendlich, sich für die Weltmeisterschaftsendrunde zu qualifizieren. Doch der Weg ist steinig bis es erst einmal soweit ist. Während dem Welteroberungsmodus bietet eine Weltkarte eine gute Übersicht über die bereits bezwungenen Gegner und jene, die noch auf ihre Niederlage warten. Dabei ist es nicht immer so, dass ein einziger Sieg über das Land genügt. Eine Eroberungsstatistik gibt Aufschluss darüber, wie die Spiele im einzelnen Land ausgingen und wieviel Spiele in jedem Land noch absolviert werden müssen. Und wer erfolgreich ist, der wird auch noch mit zusätzlichen Stadien und Fantasy-Teams belohnt... Hey, wer hat die Pinguine auf den Platz gelassen?
Neben dem Welteroberungsmodus warten auf den Spieler noch der Endspielmodus und der Turniermodus. Während erster solide Weltmeisterschaftskost bietet, darf man im Turniermodus mit Freunden ein eigenes Turnier mit maximal 16 Mannschaften veranstalten. Dabei muss zuerst die Anzahl der teilnehmenden Spieler festgelegt werden, bevor jeder seine Lieblingsmannschaft ins Stadion lassen kann. Die nicht von Spielern gesteuerten Turniermannschaften werden von der CPU kontrolliert.
Keine Frage: Beim Spielspaß kann das Spiel von Midway richtig punkten und auch die Grafik ist insgesamt gelungen, wenn auch nicht richtungsweisend. Dies liegt vor allem daran, dass Midway leider wieder einmal darauf verzichtet hat, die Möglichkeiten der XBox auszunutzen und so bieten sich im Vergleich zur PS2-Variante nur geringfügige Unterschiede. Während die Spieler leider nicht die Ähnlichkeiten aufweisen wie bei Fifa Fußball Weltmeisterschaft von Electronic Arts (auch wenn die Animationen ausreichen, dass man sie ihren lebenden Vorbildern zuordnen kann), hat man vor allem beim Publikum richtig daneben gelangt, erwarten den Spieler hier flache Gruselgestalten, die grafisch nicht überzeugen können. Ein klarer Pluspunkt im grafischen Bereich sind teilweise die Torraumszenen, wenn nach besonders gut gelungenen Aktionen im mittlerweile vielgenutzten Matrix-Stil sich die Kamera in Slow-Motion um den Spieler dreht und den Torschuß dem Spieler am Controllpad noch näher ingt. Gerade im Bereich der Animationen wird somit einiges wieder gut gemacht und so wird man auch nach mehreren Spielen immer wieder Szenen erleben, die aufgrund ihrer Präsentation, weniger ihrer Grafik, überzeugen können.
Beim akustischen Auftritt gibt es dagegen wieder Minuspunkte. So sind die Kommentatoren nicht wirklich lustig, obwohl sich angesichts der tumultartigen Spielszenen oft genug dazu die Gelegenheit bieten würde. Einzig und allein leicht ironisch klingende Statements hinsichtlich der Brutalität im Spiel veranlassen zu einem Schmunzeln, es darf allerdings daran gezweifelt werden, ob dieser latent ironische Ton wirklich von den Entwicklern beabsichtigt war. Wenigstens ist das Publikum zur Stelle, wenn man mit gelungenen Aktionen nicht nur sich selbst, sondern auch die Zuschauermasse beeindruckt.
Das Spiel ist alleine schon recht lustig, aber im Multiplayer-Bereich kann man noch eine Schippe drauflegen. So ist es einfach eine Mordsgaudi, wenn man statt einer emotionslosen CPU-Figur seinen besten Freund von den Füßen fegt, nur um wenige Sekunden später seinerseits Opfer einer fiesen Blutgrätsche zu werden.
„Herr Doktor, ich hab hier elf Verletzte...“
(Eigene Meinung » Sebastian Philipp)
Da wird auf der einen Seite versucht, Fußballspiele oder Sportspiele generell immer realistischer werden zu lassen, man arbeitet an einer besseren KI, um Spieler und Schiedsrichter noch besser agieren zu lassen, die Stadien werden immer genauer nachgebildet und die Spieler ähneln ihren Vorbildern meist bis in die Außenwinkel der Mundspitzen.... und dann kommt Midway daher und produziert ganz dreist ein Fußballspiel, das auf die unausgesprochenen Konventionen der anderen nicht viel gibt.
Doch genau damit hat es RedCard geschafft, einen besonderen Eindruck bei mir zu hinterlassen, der größtenteils sehr positiv ist. Gerade die ersten Spielminuten waren jedoch äußerst gewöhnungsbedürftig, wer das Spiel und vor allem die schnelle Weitergabe des Balls nicht beherrscht, der verstrickt sich nur allzuoft in Duelle im Mittelfeld, ohne zu richtigen Torraumszenen zu kommen. Wer aber einmal gelernt hat, was man alles Fieses mit den eigenen Beinen in Richtung der Beine des Gegners unternehmen kann, der lernt schnell, die gegebenen Möglichkeiten hervorragend auszuschöpfen.
Es macht jede Menge Spaß, über das Spielfeld zu rennen, bis auf eine kurze Auszeit keine Ermüdung der Spieler befürchten zu müssen und dabei vieles, was in den Weg kommt, einfach wegzuhauen. Und wenn man erst einmal verstanden hat, dass das keine Notemse, sondern ein wichtiges Element des Spiels ist, dann lassen auch die Tore nicht mehr lange auf sich warten. Wie wichtig Torszenenprävention beim Gegner ist, sieht man an der Tatsache, dass der Gegner, darf er erst einmal zum Abschluss kommen, diesen auch nicht gerade selten verwandelt... also: Lieber einmal zuviel getreten als abgewartet. Natürlich gilt das nicht fürs richtige Leben.