Red Dead Redemption
12:24 Uhr - Statt einer Packung Nudeln fällt euch eine Landkarte in die Hand, sobald ihr das Spiel öffnet. Sieht so ein echter Spagetti-Western aus? Joachim Hesse hat sich dem Leben als Kuhjunge gestellt und berichtet live und in Farbe aus dem virtuellen Wilden Westen von Red Dead Redemption. Dabei stellte sich ihm immer wieder eine Frage: Hasst oder liebt uns Entwickler Rockstar?
„Wie heißen Sie, mein Freund?“, fragt der Ire, dem ihr gerade das Leben gerettet habt. Sein Pferd galoppiert wenige Meter vor dem euren durch die Nacht. „John. John Marston“, erwidert euer virtuelles Ich wahrheitsgemäß. „Ein glücklicher Zufall, dass Sie vorbeigekommen sind. Kurz habe ich geglaubt, ich hätte mein letztes Frühstück geschluckt.“ So ist er, der Wilde Westen: rau, herzlich und von Eigennutz geprägt. Denn die zwei Kerle, die euren Gesprächspartner in der Pferdetränke ersäufen wollten, habt ihr nicht ohne Hintergedanken aus dem Verkehr gezogen. Ihr braucht ein Geschütz, ein schweres Maschinengewehr, um euren früheren Gauner-Kumpan Bill Williamson aus seinem besetzen Fort zu schießen. Und dieser Typ vor euch auf dem Gaul soll angeblich wissen, wo so ein Wunderwerk der Kriegstechnik lagert.
Ein Gefühl von Freiheit
Bereits nach wenigen Minuten steckt ihr tief im Sog der Prärie. Die meisten wird Red Dead Redemption bereits packen, wenn sie im Vorspann mit dem Zug durch die staubige Gegend fahren und den Gesprächen der Mitreisenden lauschen. Das Flair von Freiheit und Abenteuer ist einzigartig, fast schon körperlich präsent. Vielleicht ist Red Dead Redemption das erste Spiel, das dieses Gefühl auf diese Weise einfängt. Das soll nicht bedeuten, dass das Spiel perfekt und andere Entwickler sich einen neuen Beruf suchen sollten. Das nicht. Aber das Team von Rockstar San Diego schafft in der Tat den Kunstgriff, eine in Wahrheit überschaubare Spielfläche wie eine komplette, lebende Welt ohne Grenzen wirken zu lassen. Gefüllt mit besagter Priese Freiheit und Abenteuer, die selbst der Marlboro-Mann nicht vermitteln könnte, wenn er von Clint Eastwood gespielt drei Zigaretten gleichzeitig qualmen würde.
Volltreffer
Ein Schuss ins Bein und der Mexikaner vor euch geht in die Knie, eine weitere Kugel fegt den Revolver aus seiner Hand. Jetzt habt ihr die Wahl den Kerl mit dem Lasso zu fangen und zu fesseln oder ihn zu exekutieren. Für lebende Ziele zahlt der Marshal mehr. Eure Entscheidung. Wie so vieles im Spiel. In diesem Punkt unterscheidet sich das Spiel deutlich vom Vorgänger Red Dead Revolver. Die Atmosphäre bleibt zum Glück ähnlich. Musikalisch setzt Redemption zwar nicht mehr auf lizenzierte Klänge aus alten Spagetti-Western, doch die unaufdringlichen Melodien gefallen ebenfalls. Genau wie den „Dead Eye“ genannten Zeitlupen-Modus, den es auch bei Redemption wieder gibt. Ist eurer Dead-Eye-Balken aufgeladen, dürft ihr die Zeit verlangsamen und mit dem Fadenkreuz sogar mehrere Gegner parallel mit Kreuzen kennzeichnen. Schießt ihr nun, ballert euer Draufgänger auf alle markierten Stellen – praktisch bei größeren Gegnergruppen, nahezu unverzichtbar, wenn ihr Gegner zu Pferd bekämpft. Außerdem darf man sich so als echter Revolverheld fühlen. Vielen Dank!
Schlechtes Spiel
Doch euer Alltag besteht nicht nur aus Schießereien. Ihr dürft zum Beispiel auch pokern, Texas Holdem. Das geht bereits in Armadillo, eurer ersten Station im Spiel. Dazu sucht ihr mit John das Hinterzimmer des Saloons auf, in dem drei Herren an einem Tisch um Geld spielen. 25 virtuelle Dollar beträgt euer Einsatz, um ins Spiel einzusteigen. Die Zeit für eine kleine Partie muss sein. Nach zwanzig Minuten erreicht der Pott astronomische Höhen. Ladenbesitzer Herbert Moon hat längst die Karten gestreckt, Landei Luis Shelton schiebt. Rufus Stakey, erhöht den Einsatz. Der Typ mit dem roten Halstuch hat die Spiele zuvor gewonnen. Ihr selbst habt ein Buben-Pärchen. Passabel allenfalls, doch um auszusteigen, ist es zu spät. Zu viel Geld liegt bereits auf dem Tisch. Ihr geht All-in, alles oder nichts! Rufus Stakey hat einen Flush, fünf Herz-Karten. Verdammt! Das Geld futsch, die investierte Zeit futsch, alles futsch. Als ihr vom Tisch aufsteht, erwacht der Gesetzlose in euch. Als ihr den Revolver zieht, wissen auch die drei Ex-Mitspieler, was die Stunde geschlagen hat. Während sie noch an ihren Halftern nesteln, spricht euer Colt schon die Sprache des Wilden Westens und spuckt Blei. Ein Blutbad. Flugs sinkt euer Ehre-Pegel wieder von der „Ehrlichen Haut“ zum „Herumtreiber“. Als ihr die Leichen fleddert entdeckt ihr bei Mr. Stakey 200 Dollar. Die braucht der Widerling nicht mehr. Den herbeigeeilten Sheriffs entwischt ihr und zahlt an der nächsten Telegrafenstation euren Strafzettel für die Aktion: 90 Dollar für drei Leichen. Unter dem Strich ein lohnender Einsatz. Wäre da nicht euer Ziel, das Spiel als lebende Legende und Liebling der Massen abzuschließen. Gut, vielleicht kann man nicht alles haben.
Glücksspielmonopol
Poker. Früher ein Spiel für harte Kerle, darf heutzutage im Internet und Fernsehen jeder Hanswurst inklusive Sonnenbrille mitmischen. In Red Dead Redemption rächt sich diese Kombination aus Halbwissen und Selbstüberschätzung. Denn hier erklärt keine Anzeige die Gewinnchancen. Warum eigentlich nicht, Rockstar? Jedes billig Download-Spiel bietet diesen Service. Nicht authentisch genug vielleicht? Aber Himmel, wenn man ein authentisches Computerspiel wollen würde, hätte man auf dem PC den Flight Simulator installiert und im Wohnzimmer das Cockpit eines deutschen Linienflugzeugs nachgebaut. Aber gut, andere Spiele haben leichtere Regeln. Das Messerspiel etwa, bei dem man im Takt eine Klinge zwischen die auf dem Tisch ausgestreckten Finger schlägt. Oder Würfeln. Oder Hufeisenwerfen. Ganz leicht. Und ebenfalls in Red Dead Revolver vorhanden.
Auf der Fehler-Jagd
Doch ein derart umfangreiches Spiel wie Red Dead Redemption bietet zwangsläufig viel Platz für Schludereien. Manche davon sind lustig, andere nerven. Im Internet kursieren Videos von einer Frau mit Eselgesicht, die sich reiten lässt. Oder einem Mann, der wie ein Berglöwe brüllt und auf Knien Menschen anfällt. Zum Totlachen. Doch wenn sich bei einem Duell das zuvor herbei gepfiffene Pferd zwischen die Duellanten schiebt und man deswegen stirbt, ist das einfach nur Murks. Genau wie die hübsche, aber auf kleineren Fernsehern nahezu unmöglich zu lesende Schrift. Besitzen bei den Entwicklern alle Mitarbeiter 50-Zoll-Plasma-Fernseher oder wieso fällt so ein Mangel nicht auf? Das ist besonders für diejenigen ärgerlich, die aufgrund der englischen Sprachausgabe auf Untertitel angewiesen sind. Gequatscht wird reichlich. Die meisten Gespräche sind zudem wirklich köstlich. Schade für die, denen der Inhalt entgeht.
Schwimmuntauglich
Der Rest der Kritik fällt unter den Punkt: bewusst getroffene Entscheidungen. Gutfinden müsst ihr das nicht. Wieso etwa ertrinkt John Marston in jedem Rinnsal? Das Seepferdchen-Abzeichen hätte man Mister Beinhart schon zugetraut. Oder warum schafft es Rockstar nicht, ein Speichersystem wie zum Beispiel in Fallout 3 einzubauen? Keine Lust oder Zeit mehr, speichern, an der Stelle weiterspielen, wo man den Spielstand gesichert hat. Stattdessen zwingen die Entwickler den Spieler, irgendwelche Unterschlüpfe zu besuchen oder vor den Toren der Stadt ein Zelt aufzuschlagen. Da hat sich trotz aller Kritik seit GTA 2 wenig verändert. Auch dass es nur drei Spielstände gibt, erinnert an die Zeiten von Festplatten unter 500 Megabyte. Vermutlich kreisen bei diesen Worten inzwischen bereits die Mauszeiger erzürnter Redemption-Anhänger über dem Knopf „Kommentar abgeben“, um den Tester mit Todesschwadronen zu drohen und zu erklären, warum genau nur dieses Speichersystem zu Red Dead Redemption passt. Und sicher kann man auch mit dieser Art der Bevormundung leben, doch warum nicht gleich so komfortabel wie möglich? Ernsthaft, Rockstar: Hört bitte auf, den Käufern eurer Spiele diese Speicher-Philosophie aufzuzwingen und lässt jeden selbst entscheiden, wann und wie er einen Spielstand anlegt! Es gibt tatsächlich Menschen, die müssen irgendwann schlafen gehen oder zur Arbeit und wollen nicht die 360 oder PS 3 im Pause-Modus parken. Letztendlich kosten genau solche Punkte das Spiel die Höchstwertung. Denn alles in Allem ist Red Dead Redemption ein Meisterwerk.
Gemeinsamer Ausritt
Der im Vorfeld mit Vorschusslorbeeren bedachte Mehrspieler-Modus erweist sich weniger als neue Mehrspieler-Offenbarung, sondern als gute Dreingabe. Zumindest soweit das zum aktuellen Zeitpunkt aus zu beurteilen ist. Im Grunde sind es die üblichen Online-Spielmodi mit anderen Namen. Alleine der Bandenkrieg hebt sich ein wenig davon ab. Hierbei könnt ihr euch zu Trupps mit bis zu acht Spielern zusammen schließen und gemeinsam in die Schlacht reiten. Hier kommt ein Hauch von Kooperations-Modus auf (der mit Sicherheit der Hammer wäre). Interessant ist das Rangsystem, über das ihr euch neue Ausrüstung verdient. Denn am Anfang steht euch etwa bloß ein Esel als Reittier zu Diensten – Pferde dürft ihr natürlich stehlen. Momentan leiden die Online-Gefechte besonders auf der 360 noch des öfteren unter Verbindungsabbrüchen. Es geht doch nichts über den Solo-Modus.
Zeitspiel
Das Beste am Spiel ist, dass es so wahnsinnig viel zu unternehmen gibt. Oft reitet man zu einem Ziel, das man sich auf der Karte markiert hat, kommt aber nicht dort an. Nicht etwa, weil man sich verirrt, sondern weil einen zwischendurch ein Typ um Hilfe gebeten hat, dessen Kumpel Strauchdiebe aufknüpfen wollen. Sobald man sich wieder auf den Weg macht, läuft einem das für die Jagd-Nebenmission benötigte fünfte Stinktier über den Weg, dem ihr natürlich nachjagt. Habt ihr das Vieh erlegt, wächst natürlich in der Nähe der blöde Präriemohn, den ihr natürlich auch unbedingt pflücken wollt. Und da vorne, sieht das nicht wie der Felsen aus, der auf der Schatzkarte markiert ist? Wer solche Reize nicht auszublenden vermag, verbringt Stunde um Stunde im Spiel ohne auch nur die Hauptaufgabe ein Stück voran zu treiben. Das geht und bereitet in der Tat auch jede Menge Freude. Natürlich lassen sich längere Wege mit der Eisenbahn oder der Postkutsche verkürzen, Duellen im Staub der Straße kann man aus dem Weg gehen und Kopfgelder braucht man auch nicht zwingend kassieren. Aber genau das macht Red Dead Redemption aus. Freiheit und Abenteuer! Wer das Spiel innerhalb von 15 bis 20 Stunden bereits durchgespielt hat, darf sich getrost bescheinigen lassen, dass er es nicht verstanden hat. Freiheit und Abenteuer – hier findet ihr sie.
Pro und Contra
- + tolle Illusion einer grenzenlosen Landschaft
- + Unglaublich schöne Sonnenuntergänge
- + bietet alle Klischees des Wilden Westens
- + klar herausgearbeitete Charaktere
- + Meist erstklassige Schusswechsel inklusive Zeitlupen-Modus
- + Es gibt unglaublich viel zu entdecken
- + das Ambiente macht Lust, seine Zeit zu investieren
- + Gute und schlechte Taten wirken sich auf die Umwelt aus
- + angenehme Rücksetzpunkte bei längeren Missionen
- + die schönsten Pferde, die ein Spiel je gesehen hat
- + ungeschnittene Version in Deutschland
- + Wendecover ohne USK-Logo
- - Version für PlayStation 3 im Vergleich zur Xbox 360 mit niedrigerer Auflösung und niedrigerer Bildwiederholrate
- - einige Nickligkeiten offenbaren die Grenzen der Spielwelt-Illusion
- - Hauptfigur kann nicht schwimmen
- - Texte auf kleinen Bildschirmen schwer lesbar
- - veraltetes Speichersystem
- - man muss sich die Funktionen des Spielsystems relativ selbstständig erschließen
- - Käufer der Limitierten Edition starten mit besserer Ausrüstung
Das bisher beste interaktive Western-Epos
Seit ich Red Dead Revolver vor knapp sechs Jahren für eine Zeitschrift gestestet hatte, habe ich auf einen solchen Nachfolger gehofft. Cowboys zäher als Steak, das zwei Stunden in der Pfanne brutzelt, Duelle bei denen man sich wie John Wayne fühlen darf und Hengste, von denen jeder Ponyhof-Simulator nur träumen kann. Ja, so stelle ich mir den Wilden Westen vor. Die offene Spielwelt erzeugt ein Mittendrin-Gefühl, das ich schon lange bei einem Spiel nicht mehr hatte. Genre-Konkurrenz Gun ging vor einiger Zeit schon in diese Richtung, das zweite Call of Juarez bewies, dass der Wilde Westen gut aussehen kann, und Red Dead Redemption verbindet nun alle Tugenden zur Lagerfeuer-Elite-Klasse. Es sind nicht die recht simplen Hauptmissionen, die mich an Red Dead Redemption fesseln, vielmehr ist es das Drumherum. Wo gehobelt wird, fallen natürlich Späne. So auch hier. Doch letztendlich ist es der Abenteuer-Spielplatz wert, um über Bugs und Komfortmängel mit einem verschmitzten Grinsen hinwegzusehen. Wenn ihr mich fragt: unbedingt kaufen!
Bewertung
Bewertung
Weitere News
Diese Artikel könnten dich auch interessieren:
Datenblatt - Spieletest - Trailer - Bilder - News ...
Bitte logge Dich ein, um Kommentare zu verfassen.
Coming Soon
Galerien
Red Dead Redemption: The Undead Nightmare
Screenshots mit den vier Pferden der ApokalypseRed Dead Redemption
Händler, Jäger und merkwürdige Hasen - im kostenlosen DLCRed Dead Redemption: Undead Nightmare
Cover-Artwork und Screenshots zum Zombie-DLCRed Dead Redemption
Screenshots für künftige Lügner und Betrüger... d.h. DLC-Kunden.Red Dead Redemption
Screenshots aus dem Multiplayer-DLCRed Dead Redemption
Outlaws bis zum Schluss... auch im ersten Koop-DLC, der hier zu sehen ist.Red Dead Redemption
Natural Fawn Killers...Red Dead Redemption
Screenshots aus dem Koop-DLC The Outlaws to the EndRed Dead Redemption
Screenshots aus dem Wilden WestenRed Dead Redemption
Screenshots aus dem MultiplayermodusRed Dead Redemption
Die offiziellen Packshots, noch ohne USK-EinstufungRed Dead Redemption
Screenshots aus Rockstars Wildem Westen stellen die Protagonisten vorRed Dead Redemption
Fotos der aufwendigen Mauerwerbung in New York CityRed Dead Redemption
Screenshots mit Cowboy in ActionRed Dead Redemption
Screenshots aus dem virtuellen Wilden WestenDie Neuesten User-Tests
Call of Duty: Modern Warfare 3 XBOX360
"Krieg ensteht aus Täuschung" - das sind die ersten Worte in MW3. Ist es Weisheit, Weitsicht oder Zufall das die gesamte Gaming-Welt sich auf MW ...
The Elder Scrolls V: Skyrim XBOX360
Nach, verhältnismäßig bescheidenen, 50 Stunden Spielzeit und nach Beendigung von Hauperquest nebst zweier Gilden wage ich mich an mein...






































Kommentare (172)
el_bollo
IM Carlos
Alexander Laschewski-Voigt
Ja :-)
Boandl86
ansonsten stimme ich der 9/10 zu :)
Frystil
Kettenhund
sonst wird immer kritisiert, dass die spiele durch etliche kleine tutorials unnötig gebremst werden.
TheRealGOTT
xXDonReneXx
II FatFox II
Trifft's Haar genau. Perfekte Aussage. Ich bin soo arg angetan von dem spiel. dieses spiel ist echt zu bewundern. ein meisterwerk der spielegeschichte! solch viele kleine aber feine details. dieses spiel werd ich so schnell nicht wieder vergessen. genau solche spiele braucht mein gamer herz. wunder schönes spiel.
aaaaaaahhhh! dass musste mal raus :-D
Daniel Pook