Rezepte gegen die Spielemüdigkeit
17:43 Uhr - Als Spieleredakteur wird man dank des nahezu bewegungsfreien Jobs nicht nur ständig vom Damoklesschwert des frühen Herzinfarkts bedroht (wenn man nicht vorher wahlweise dem Lungenkrebs oder der Alkoholvergiftung erliegt) sondern befindet sich auch in der Risikogruppe der sporadisch auftretenden Spielmüdigkeitsattacken. Das Phänomen der plötzlichen Lustlosigkeit am Zocken dürfte allerdings auch jeden anderen langjährigen Zocker bereits einmal getroffen haben, Grund genug, dieser Erscheinung in unserer aktuellen Kolumne auf den Grund zu gehen.
Fortschreitendes Alter bringt nicht nur die üblichen Zerfallserscheinung des Körpers mit sich (Wurde mir eigentlich immer nach zwei Stockwerken Treppensteigen schwarz vor Augen?), sondern auch manch erfreuliche Erfahrungen: Ehe und Nachwuchs im Haus bringen zwar einen Zugewinn an Lebensqualität bedeuten aber auch einen Mangel an Freizeit. Trotzdem findet man natürlich immer noch den nötigen Freiraum, um sich in diversen Spielewelten auszutoben. Wenn man nicht gerade von der heimtückischen Spielemüdigkeit getroffen wird. Erste Symptome: Man spielt zahlreiche Spiele an, hört aber nach 2-3 Stunden auf, ohne auch nur die Hälfte des Spiels erlebt zu haben. Gerade Xbox 360 User sind von einem anderen Symptom besonders gefährdet: Man quält sich durch Spiele, weil man irgendwie noch die Gamerscore voll kriegen möchte. Fortgeschrittenes Symptom: Man stellt sich beim oder nach dem Spielen die Frage, ob man gerade überhaupt Spaß hatte. Endstadium: Man guckt lieber Fernsehen oder schaut sich DVD-Filme an, weil man hier wenigstens nicht ein Quicktime-Event meistern muss, damit die Handlung weitergeht. All diese Faktoren konnte ich im vergangenen Monat bei mir entdecken. Ein Spiel wie Resident Evil 5 habe ich trotz witziger Koop-Sessions mit Daniel nach drei Stunden ins Regal gestellt, dafür aber Monster vs Aliens durchgespielt (na, wenn man schon dabei ist kann man sich ja schnell noch die Achievments holen). Im Regel hatte ich noch einige Spiele, die ich nur kurz angespielt hatte, und eigentlich spielen wollte „wenn ich mal Zeit“ habe, im Grunde hatte ich aber keinen Zeit-, sondern schlichtweg einen Lustmangel. Resultat. Die Konsolen blieben fast eine Woche unberührt. Auf diese Weise hatte ich aber die Gelegenheit, mit der Entdeckung von drei einfachen Regeln wieder Spaß am Zocken zu bekommen.
Den eigenen Spieltyp kennen
Es klingt banal, aber auch ich kann gar nicht so schnell sagen, welche Art von Spielen mir am meisten Spaß macht. Das führt meistens dazu, dass ich Spiele anfange, nur um sie mal „auszuprobieren“, obwohl ich es besser wissen müsste. Resident Evil 5 ist so ein Fall. Ich habe Resident Evil 1 auf der Playstation gespielt. Nach 1-2 Stunden aufgehört. Ich habe Resident Evil 4 auf dem GameCube gespielt: Beim zweiten Endboss aufgehört. Und natürlich hatte ich auch beim fünften Teil keinen Bock, nachdem ich im Sumpflevel angekommen war und andauernd von Riesenkrokodilen angefallen wurde. Konnte ich mir das nicht vorher denken? Genauso Metal Gear Solid 4: Auch hier hätte ich mir denken können, das mich der vierte Teil nicht stärker vom Hocker reißt, als Teil 1-3, in die ich auch immer nur kurz hineingeschnuppert habe. Natürlich sind all die genannten Spiele anerkannte Meisterwerke der Spieleindustrie, nur eben nicht mein Ding. Am meisten Spaß hatte ich mit Spielen wie Deus Ex, Bioshock, Mass Effect, Ratchet & Clank, GTA IV, und ja, zur Zeit Mercenaries 2. Ich mag also Mischungen aus Rollenspiel und Action, mit möglichst verschiedenen Lösungswegen, Sandbox-Welten, die möglichst barrierefreien Spielspaß bieten, bei denen man also nicht an Stellen hängen bleibt, die man nur mit einer ganz bestimmten Taktik bestehen kann. Statt jedes neues Spiel anzuzocken, spiele ich zur Zeit noch einmal intensiver die Titel, die mir viel Spaß gemacht haben. Mass Effect macht beim zweiten Durchlauf genauso viel Spaß (will ja Shepard auch auf Level 60 bekommen) wie das Goldbolt- und Skillpointsuchen bei Ratchet & Clank.
Spielzufuhr verknappen
Das klingt zuerst nach einem Luxusproblem eines Spieleredakteurs, der ja immerhin über einen recht konstanten und kosten-neutralen Spielnachschub verfügt, dürfte aber auf die meisten Hobbyzocker zutreffen, die über eigenes Einkommen aus dem Berufsleben verfügen. Während man in der grauen Schulzeit vielleicht alle ein- bis zwei Monate genug Taschengeld für ein neues Spiel zusammen gekratzt hatte, und dieses dann alleine schon mangels Alternativen dann sehr intensiv spielte, sieht das heute schon anders aus. Nicht wenige Zocker kaufen sich mindestens 3-4 Spiele im Monat, verkaufen sie dann anschließend wieder, und holen sich dann schnell die nächsten. Sie sind wahre Durchlauferhitzer für Videospiele. Auf diese Art hatte sich auch bei mir im Regal die paradoxe Situation ergeben, dass da drei-vier Spiele lagen, die ich irgendwann mal spielen wollte (z.B. 50 Cent), aber nie richtige Lust dazu hatte. Irgendwann habe ich mit dem unangenehmen Gefühl in mein Spielregal geguckt, dass ich da noch Spiele „abzuarbeiten“ hätte. Schon der Begriff ist eigentlich pervers, wenn es um die Freizeitgestaltung „Spielen“ geht. Also habe ich schlichtweg das Regel leer geräumt, alte Spiele auf den Dachboden gestellt und aktuelle Titel an andere Kollegen verliehen. Auf diese Art spiele ich nur ein Spiel, und nicht drei halbherzig parallel. Die alte Regel „Erst ein Spiel durchspielen, dann das nächste beginnen“ erfordert zwar im Grunde gerade bei Neuerscheinungen etwas Disziplin und Überwindung belohnt mich aber mit einer viel intensiveren Beschäftigung mit Spielen, die mir wirklich gefallen.
Gegen den Trend spielen
Es gibt Spiele, die in einem gewissen Zeitfenster in „Mode“ sind. So spielt fast jeder Titel wie Gears of War 2, Killzone 2 oder Halo Wars, sofort in der Woche des Erscheinens. Hätte man sich aber diese Spiele auch geholt, wenn es keinen Hype darum gegeben hätte? Wenn sie kein anderer gespielt hätte? Nun bei einigen Spielen kann ich das locker verneinen. Dafür habe ich zur Zeit einfach enorm viel Spaß mit PS2 Spielen, die ich damals verpasst habe. So machen Kingdom Hearts 2 und Final Fantasy X mir im Moment mehr Spaß als die meisten aktuellen Titeln. Es schadet also nicht, von Zeit zu Zeit einmal wirklich kritisch zu hinterfragen, auf welche Art Spiel man im Moment Lust hat, und nicht nur blind das Spiel der Woche zu zocken, nur weil es anscheinend gerade jeder auf der Freundesliste macht.
Für meinen Teil habe ich mit diesen drei simplen Regeln meinen kurzen Anfall von Spielemüdigkeit überwunden. Mittlerweile freue ich mich wieder auf die Zeit vor der Konsole, und auf die nächste Runde Mercenaries 2, bei dem ich einfach Spaß habe. Nicht weil es tolle Wertungen bekommen hat, nicht weil es gerade das angesagte Spiel ist, sondern schlichtweg, weil ich dabei andauernd grinse.
Habt ihr auch schon Phasen der Spielemüdigkeit erlebt? Was sind eure Rezepte gegen den Spielefrust? Teilt eure Erfahrungen in den Kommentaren mit den Usern.
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Kommentare (47)
Saibot
Ich denke ziemlich genau der, der im Artikel beschríben ist, geren auch mehr Action! :)
Sehr gut ;-)
bikvik
xXDonReneXx
Das Final Fantasy X auch heute noch unglaublich Spaß macht kann ich nur bestätigen... Und danke für den Hinweis, Kingdom Hearts wollte ich auch immer mal zocken... Vllt komm ich ja jetzt mal dazu :)
The Darkside
Wenn die Games erstmal im Regal stehen mit dem Gedächtnisvermerk:"wenn ich mal Zeit habe, spiele ich es weiter..." kann man getrost davon ausgehen, daß 90% der Regalhüter so gut wie nie wieder in die Konsole wandern. Kenn ich aus eigener Erfahrung und auch aus dem Bekanntenkreis!
Mortician
Cuberde
Und sich öfters mit alten Spielen auseinander zu setzen, kann ich wirklich nur empfehlen. Hatte letzten Winter eine wirklich tolle Zeit mit den ersten beiden Oddworld-Teilen und Heart of Darkness. Spielen sich irgendwie noch erstaunlich frisch (was vielleicht daran liegt, das dieses Genre so gut wie ausgestorben ist...).
tslarusso
Blackburn7
Krebsverwertung
bikvik