16.01.2007 16:01
Shenmue 2
Das Ende der Dreamcast traf viele Spieler hart und während uns dadurch der ein oder andere Topptitel durch die Lappen gegangen ist, so gab es für Xbox-Besitzer zumindest einen positiven Aspekt aus der SEGA-Misere zu ziehen. Die hochgelobte Shenmue-Reihe fand ihren Weg auf Xbox und während der Release von Shenmue II für Europa immer noch in den Sternen steht, so durften zumindest schon einmal die amerikanischen Kollegen erneut in die Welt von Ryo Hazuki eintauchen.
Was die Serie schon auf der Dreamcast so besonders gemacht hat, war neben dem ungewöhnlichen Genremix vor allem die ausladende Hintergrundgeschichte, die so komplex ist, dass schon zu Beginn feststand, dass ein Spiel nicht ausreichen würde, um die Geschichte des Titelhelden Hazuki zu erzählen. Vielmehr entschied sich Entwicklerlegende Yu Suzuki sein bis dato wichtigstes Werk in insgesamt 16 Kapitel aufzuteilen, von denen in Shenmue II Part zwei bis vier erzählt werden. Das erste Kapitel bekommt der Spieler, sofern er es nicht auf der Dreamcast nachgespielt hat, wahlweise über den Diggest-Modus auf der Spiel-DVD geboten oder über eine zusätzliche Video-DVD, welche dem Spiel beiliegt und den nur in Japan erschienen Shenmue-Film enthält. Hierzu sei erwähnt, dass es sich bei Shenmue – The Movie um eine reine Video-DVD handelt, für welche man wahlweise einen DVD-Player oder das DVD-Kit von Microsoft aucht. Während man im Diggest-Modus eine sehr spärliche Zusammenfassung der Geschehnisse in Videoformat präsentiert bekommt, dürft ihr auf der Film-DVD noch mal fast alle Zwischensequenzen sowie einige komplett neu erstelle Videos des ersten Teils genießen, welche zu einem mehr oder minder logischen Film zusammengeschnitten wurden. Zwar hat Microsoft bis auf zwei Trailer darauf verzichtet, die Extras der Original Shenmue – The Movie-DVD mit auf den Datenträger zu packen, dennoch ist dies ein mehr als sinnvolles Extra, da der zweite Teil nahezu nahtlos die Geschichte aus dem ersten Teil weiterspinnt.
Ryo Hazuki musste mit ansehen, wie sein Vater von einem mysteriösen Fremden namens Lan Di tödlich im Zweikampf verwundet wird und ein ihm bisher unbekannter Stein aus dem Familienbesitz entwendet wird. Ohne genau auf weitere Details einzugehen, sei erwähnt, dass Ryo sich aufmacht, den mysteriösen Kämpfer zu stellen und Rache am Tod seines Vaters zu nehmen. Dies führt den jungen Hazuki ins Hong Kong des Jahres 1987, wo man zu Beginn des Spiels mit einem Schiff einläuft. Was nun folgt ist die weitere Suche nach Lan Di im fremden Hong Kong sowie eine Art Weg zur spirituellen Selbsterkenntnis.
Natürlich besteht das Spiel nicht komplett aus Zwischensequenzen der sehr asiatisch angehauchten Hintergrundgeschichte und so wird der Spieler schon zu Beginn mit einem mehr als ungewöhnlichen Genremix konfrontiert, welchen SEGA selbst F.R.E.E. - Full Reactive Eye Entertainment – tituliert hat. Verständlich ausgedrückt bedeutet dies, dass ihr in Shenmue eine komplett simulierte Welt durchleben dürft, wo man sich mit wirklich jeder Person unterhalten kann, diese einen mehr oder weniger glaubwürdigen Tagesablauf besitzt und überhaupt jede Tür, Schachtel und Box sich öffnen und inspizieren lässt. Was sich anfangs extrem detailliert anhört, bekommt schon nach wenigen Spielminuten spürbare Einschränkungen. Denn obgleich sich viele Automaten und Gegenstände benutzen lassen, beschränkt sich die Interaktion häufig auf das Aufheben von Dingen und Betrachten selbiger. Nicht einmal die Möglichkeit, Dinge zu versetzen oder mitzunehmen, habt ihr, sofern der Gegenstand nicht relevant für euer späteres Abenteuer ist.
Vielmehr beschränkt sich die Interaktivität auf die Möglichkeit, euch mit allerlei Leuten zu unterhalten und kleinere und größere Minispielchen zu meistern. Diese bestehen zu großen Teilen aus sogenannten Quick Time Events, welche nostalgische Erinnerungen an diverse Laserdisc-Klassiker wach werden lassen. Während einer selbstablaufenden Sequenz müsst ihr möglichst schnell eine Taste oder Tastenkombination, welche kurz zuvor auf dem Bildschirm eingeblendet wurde, nachdrücken. Gelingt es euch nicht, innerhalb eines sehr kurzen Zeitlimits die geforderte Kombination einzugeben, scheitert Ryo und ihr müsst im schlimmsten Fall einen erneuten Versuch wagen. Diese QTEs kommen jedoch nicht nur bei den diversen Minispielchen und Jobs vor, welche ihr optional meistern könnt, sondern wurden auch aktiv in den Adventurepart eingebaut. So verfolgt ihr schon zu Beginn einen jungen Dieb und müsst während einer rasant geschnitten Actionszene durch Knopfdruck diversen Hindernissen ausweichen. Je nachdem ob es euch gelingt, rennt Ryo mit voller Wucht gegen das Hindernis und verliert dadurch Zeit oder umläuft es stilvoll. Im Gegensatz zum Vorgänger bedeutet das Scheitern in einem dieser Abschnitte nicht mehr automatisch den Neubeginn der Sequenz. Es gibt einige QTEs, welche im Falle eures Scheiterns die Geschichte einfach minimal anders weiterspinnen. Leider sind diese multiplen Geschichtsverläufe nur auf sehr wenige QTEs beschränkt, so dass der Spieler nicht zuletzt angesichts der enormen Länge solcher Actionszenen wieder einmal darauf angewiesen ist, entweder über sehr gute Reflexe zu verfügen oder die Sequenzen auswendig zu lernen.
Neben den Quick Time Events macht der Beat’em Up-Part einen großen Teil von Shenmue aus. Das Spiel besitzt eine modifizierte Virtua Fighter 4- Engine, welche extra für die Xbox-Variante noch einmal deutlich überarbeitet wurde. Insgesamt verfügt Ryo Hazuki schon zu Beginn über fünfzig verschiedene Moves, welche sich im Rollenspielteil des Spiels steigern und erweitern lassen. Diese könnt ihr dann in klassischen 1-gegen-1-Kämpfen, wie man sie aus Dead or Alive und anderen Genrevertretern her kennt, anwenden oder aber in diversen Massenschlägerein, welche nicht zuletzt dank der teilweise interaktiven und zerstörbaren Umgebung verblüffend an alte Streets of Rage-Partien erinnert, erproben. Einzig die teils konfuse Kameraeinstellung stört in den ansonsten extrem hochwertigen Kampfsequenzen. Dies lässt sich angesichts enormen Abwechslungsreichtums durch diverse Missionsziele während der Kämpfe jedoch leicht verschmerzen.
Abgerundet wird das Gameplay-Erlebnis durch kleinere Sammeleinlagen, sowie den oben schon angedeuteten Faktoren Zeit und Geld. Da jede Person in Shenmue ihren eigenen Tagesablauf besitzt, kommt der Spieler nicht darum herum, stellenweise auf eine wichtige Person zu warten. Glücklicherweise hat SEGA aus dem Vorgänger gelernt und bietet nun optional an, die Zeit bis zum wichtigen Treffen vorzustellen. Situationen, wo man mit diversen Arcade-Spielchen wie Outrun, welche ihren Weg auch in Teil 2 gefunden haben, versucht hat, die Zeit tot zu schlagen, gehören damit der Vergangenheit an. Ebenfalls recht ansehnlich gelöst ist das Hilfssystem im Spiel. Auch wenn auf ein einleitendes Tutorial verzichtet wurde, kann der Spieler auf Wunsch jederzeit ein Hilfsmenü einblenden, wo noch einmal alle Tasten respektiv das momentane Spielziel genau erklärt werden. Da dies zu jeder Zeit möglich ist, bleibt der Spieler immer genau im Bilde, was von ihm abverlangt wird. Komplett neu für Besitzer der Dreamcast-Version ist die Möglichkeit nun beinah überall Photos zu machen und auf der Xbox-Festplatte abzuspeichern. Leider erlaubt dieses nette Goodie nur circa 120 Bilder, was angesichts des enormen Umfangs von Shenmue und der Vielzahl an schönen Gegenden, die einfach nur zum Bildermachen einladen, schnell aufgeaucht ist.
Womit wir eigentlich schon bei den technischen Aspekten von Shenmue II sind. Die Dreamcast-Version ist wohl mit Abstand das technisch ausgereifteste Spiel, welches für die SEGA-Konsole erschienen ist und entsprechend groß waren die Erwartungen, als es um die Xbox-Variante ging. Fakt ist, dass Shenmue II, obwohl es sich nur um eine minimal aufgebohrte Konvertierung der Dreamcast-Grafik handelt, auch auf der Xbox noch eine hervorragende Figur macht und zu den optisch ansprechendsten Titeln für die Microsoft-Konsole gezählt werden kann. Die Darstellung des fiktiven Hong Kongs ist extrem detailliert und bis auf einige misslungene Charaktermodelle gibt es kaum Anlass zu Kritik, wenngleich Shenmue II sicherlich keinen neuen Maßstab auf der Xbox setzt. Die Verbesserung von Microsoft beschränkt sich hierfür einfach zu sehr auf Details. So sind nun bis auf wenige Ausnahmen die Einüche in der Framerate verschwunden und das Spiel wurde um einige sehr schöne Licht- und Wassereffekte erweitert. Leider wurde eines der Hauptprobleme immer noch nicht beseitigt. Es kommt auch bei der Xbox-Version gelegentlich vor, dass Personen wie von Geisterhand ins Bild eingeblendet werden. Dies wirkt sich nicht nur negativ auf die Atmosphäre des Spiels aus, sondern ist angesichts der überlegenen Rechenleistung der Xbox sicherlich nicht mehr nötig gewesen.
Weitere Detailverbesserungen finden sich schließlich in den Ladezeiten, welche ungefähr halbiert wurden, und neu hinzugekommenen Grafikfiltern, welche man auf Wunsch hinzuschalten kann,und welche beispielsweise das Spiel im Film Noir-Stil nur noch Schwarz-Weiß darstellt. Zudem darf man sich nun – die richtige Anlage vorausgesetzt – über Dolby Digital 5.1-Soundeffekte freuen, wenngleich sich dies einzig auf die Zwischensequenzen beschränkt. Das Spiel selbst ist immer noch Stereo.
Womit wir auch schon beim letzten Punkt von Shenmue II sind und leider auch beim schlechtesten Part des Spiels. Während die Musik von Toshiyuku Watanabe immer noch zum Besten gezählt werden kann, was jemals eigens für ein Videospiel komponiert wurde und auch die reichhaltigen Soundeffekte dazu beitragen, dass der Spieler im digitalen Hong Kong versinkt, ist die englische Sprachausgabe der Xbox-Version schon beinah ein Verechen am Spiel. Zwar konnte Microsoft auf einen großen Teil der Sprecher zurückgreifen, welche schon den ersten Teil mehr oder minder überzeugend vertont haben, jedoch finden sich einige Neuzugänge, welche einfach nur schlecht sind und beinah die komplette Atmosphäre des Spiels töten. Glücklicherweise beschränken sich diese Fehlgriffe nur auf eine Hand voll Personen, wenngleich es sicherlich wünschenswert gewesen wäre, wenn Microsoft neben der englischen Variante noch das japanische Original auf die DVD gepackt hätte.
"Wem es gefällt"
(Meinung » Sven Mittag)
Es gibt Spiele, an denen selbst erfahrene Videospielredakteure verzweifeln. Nicht etwa weil sie schlecht wären oder überaus schwer, sondern weil das Spielerlebnis so eigenwillig, ja sogar so einmalig ist, dass es schwer fällt, es in Prozentpunkten auszudrücken. Die Dreamcast-Portierung Shenmue II zählt eben zu jenen Werken.
Während das Spielprinzip selbst genau genommen eine Ansammlung von Minispielchen im Edelgewand ist, schafft Yu Suzukis F.R.E.E.-Titel ein Spielgefühl, welches einnehmend ist wie kaum ein anderes zuvor. Wer bereit ist, sich in die Welt von Ryo Hazuki fallen zu lassen und sich nicht daran stört, dass im Vergleich zur ultradetaillierten Darstellung der fiktiven Welt die Interaktion stark eingeschränkt und alles andere als "frei" ist, dürfte nahezu perfekt unterhalten werden.
Wem unzählige Zwischensequenzen und Dialoge jedoch schon bei Halo den letzten Nerv gekostet haben und wer Videospiele mit einem Adrenalinkick gleichsetzt, ist bei Shenmue II komplett fehl am Platz. Ebenso unnötig ist der Kauf für Besitzer der Dreamcast-Version. Die Xbox-spezifischen Änderungen halten sich stark in Grenzen und auch die immer noch überzeugende Grafik wurde beinah 1:1 von SEGAs Daddelkiste portiert.
Kurzum: Wer Spiele aufgrund ihrer Atmosphäre und Geschichte spielt, wird Shenmue lieben, alle anderen sollten zumindest ausführlich Probespielen. Ich für meinen Teil zähle mich zur ersten Gruppe…
"Ein episches Meisterwerk"
(Meinung » Wolfgang Ophagen)
Shenmue hat einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde als teuerste Videospielproduktion aller Zeiten. Und wenn es dadurch auch ein finanzieller Verlust für Sega war, weil es auf der Dreamcast die hohen Verkaufserwartungen nicht erfüllen konnte, so ist es doch ein riesiger Gewinn für die Xbox und eine Bereicherung für ihr Spiele-Lineup.
Ursprünglich einmal als ein Virtua Fighter-RPG konzipiert, wurde aus der Shenmue-Serie ein gewaltiges 16 Kapitel umfassendes Martial-Arts Epos. Shenmue II, das aus den Kapiteln 2-4 der Saga um Ryo Hazuki besteht, bügelt fast alle Fehler aus, die sein Vorgänger noch gemacht hat. Die langweiligen Wartezeiten wurden beseitigt, das Gameplay ist jetzt wesentlich actionlastiger und der Umfang im Vergleich zum Vorgänger riesig. Zudem wurde auf der Xbox die ohnehin schon fantastische Grafik noch dezent aufpoliert und Stotterer bei der Framerate beseitigt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welche Drogen manche der US-Kollegen genommen haben, als sie die Shenmue II-Grafik als Xbox-unwürdig abstempelten. Fakt ist, dass Shenmue II auch auf der Xbox nach wie vor ein Festschmaus für das Auge ist. Wenn es auch inzwischen technisch nicht mehr so beeindruckend ist wie noch vor ein oder zwei Jahren: Vom Design und Stil her schlägt die Grafik in meinen Augen jedes andere Spiel auf der Microsoft-Konsole.
Doch Shenmue II ist alles andere als ein Grafikblender. Tatsächlich bietet es neben dem an ein klassisches Adventure erinnernden "Exploration"-Teil eine Unmenge an Gameplay in Form von Spielen im Spiel. Zuallererst sei natürlich das an die Virtua Fighter-Serie angelehnte unglaublich tiefgehende Kampfsystem genannt. Daneben die vor allem präsentationstechnisch überzeugenden QTEs sowie unzählige Glücks- und Geschicklichkeitsspiele wie Darts oder Pachinko. Und zusätzlich noch insgesamt vier perfekt emulierte Arcade-Klassiker in Form von Outrun, Afterburner, HangOn und Space Harrier, die mitsamt ihren originalgetreu nachmodellierten Arcade-Kabinetts aus den 80er Jahren daher kommen.
Natürlich gibt es auch einige wenige Kritikpunkte: So haben Sega und Microsoft es leider auch im zweiten Teil von Shenmue nicht geschafft, eine von der Qualität her dem japanischen Original entsprechende englische Synchronisation hinzubekommen. Auch macht das Kistenschleppen im Sequel weit weniger Spaß als das Gabelstaplerfahren in Shenmue I. Doch hier kommen wir auch wieder zu einer der Stärken von Shenmue II. Denn wer nicht Kistenschleppen will, der muss es auch nicht. Das Spiel bietet auch jede Menge andere Erwerbsmöglichkeiten: Von Armdrücken über Preiskämpfe bis hin zu Glücksspiel in vielen Variationen.
Shenmue ist kein Spiel für jedermann: Es ist vor allem ganz sicher nichts für ungeduldige Naturen oder reine Actionzocker. Auf dieses Spiel muss man sich einlassen wie auf ein gutes dickes Buch. Wer aber dazu in der Lage ist, wird mit einem fantastischen Spieleerlebnis belohnt, das mit hollywoodreifer Präsentation und gänsehautingend schönem Soundtrack glänzt.