Mittwoch, 14. November 2007
Das ist alles, nur kein Unfall!
Es hätte alles so einfach für Jack Norman sein können. Auf eine Insel fliegen, den Tod eines Milliardärs als Unfall deklarieren, raus aus dem Sauwetter und bei einer guten Flasche Rotwein Chopin hören.
“Ich kann momentan keinen Mord geauchen“ so die Anweisungen seines Vorgesetzten. Wir eigentlich auch nicht, aber da das Spiel doch mehr als ein Kurzfilm werden soll, entschlossen sich die Entwickler, den guten Jones nicht an einem Herzinfarkt unter einer Edel-Prostituierten sterben zu lassen, sondern ihn aus seinem Rollstuhl eine Klippe herunter fallenzulassen, samt eines Fingernagels einer Dame in der Wange, sowie einem Blutfleck auf einem Stein ,der weiter weg vom Fundort der Leiche darauf hinweist, dass hier alles, nur kein Unfall passiert ist. In dieses beschauliche Szenario wird der Spieler und sein Alter Ego Jack Norman, der Mann der drei Tage lang seine Sachen nicht wechseln wird, geworfen. Doch es wird noch beschaulicher, denn die Insel, auf der der gigantische Turm, nicht der einer kindlichen Kaiserin, sondern der des Milliardärs steht, wird gerade von einem starken Sturm heimgesucht und droht zu sinken. Jacki-Boy hat also nur drei Tage Zeit herauszufinden, was Jones zugestoßen ist. Zwar wird durch den Sturm eine Art Zeitlimit gesetzt, der Vorteil ist aber, dass sich alle Verdächtigen noch auf der Insel befinden und seit dem Tode nicht fliehen konnten.
Apropos Zeitlimit, in Sinking Island habt ihr die Möglichkeit das Spiel in zwei Modi zu spielen. Zum einen der ganze normale Abenteuer-Modus. Hier habt ihr alle Zeit der Welt, und die Insel sinkt nur dann ein bisschen weiter, wenn ihr in der Story aufgrund von Untersuchungsergebnissen vorangeschritten seid. Der andere Modus, der groß auf der Packungsrückseite angepriesen wird, hört auf den aufregenden klingenden Namen: Zeitdruckmodus. Ihr spielt dasselbe Spiel, habt aber nicht unendlich Zeit, falls ihr einen bestimmten Spiel-Abschnitt nicht in der vorgegebenen Zeit lösen konntet, ist Sinking Island vorzeitig zu Ende. Wir geben euch einen Tipp: vergesst den zweiten Modus! Er ist einfach nur frustrierend, nicht weil er zu schwer ist, sondern weil er durch das durchwachsende Gameplay einfach nur nervig ist. Bewahrt eure Nerven lieber für den Abenteuer-Modus, denn so habt ihr keinen zeitlichen Nachteil, wenn ihr wieder mal fluchend eine Runde durch die Wohnung rennen müsst, weil ihr euch über die vielen unnützen Dialoge und Laufwege ärgert. Aber wir greifen vor.
Der allwissende PDA
Denn jetzt stehen wir erst einmal mit Jack Norman, im Beisein seines Anwalts Hubert de Nolent vor der Leiche von Walter Jones. Mauszeiger wird bewegt, und aha, er verändert sich je nach Situation. So weit so gut, wir kennen das ja aus anderen Adventures. Nachdem wir den Zeiger über die Leiche bugsiert haben, verwandelt er sich eine Lupe. Alles klar, gucken wir uns den Herren mal näher an. Aha, ein Fingernagel in der Wange des Toten. Das wird per Foto gleich festgehalten und wandert in die Beweisabteilung. Nachdem sich der Mauszeiger in eine Sprechblase verwandelt hat, starten wir auch unseren ersten Dialog mit dem Anwalt. Hier bemerkt man, dass die Lokalisation von Sinking Island gut gelungen ist. Professionelle Sprecher, die ziemlich viele Dialoge vertonen mussten, vermitteln ein gute Atmosphäre, und das obwohl unter ihnen keine Bekannten sind. Der Anwalt berichtet, dass er ein gutes Verhältnis zu Jones hatte, und dass er sich zur Tatzeit im Restaurant befand. Aha, eine interessante Mitteilung, die in die Aussagenabteilung wandert. Was wir damit meinen? Euer Alter Ego sieht mit seiner komischen Lederjacke und Jeans, sowie seiner leicht feminin angehauchten Rennweise, zwar nicht besonders ernst zunehmend aus, hat aber perfektes technisches Equipment. Euer PDA ist dabei euer wichtigstes Instrument bei euren Untersuchungen. Er speichert Aussagen, Fotos, Fingerabdrücke usw. außerdem zeigt er sämtliche Personalien und Beziehungen der 10 Verdächtigen auf der Insel, sowie deren Standort an. Außerdem ordnet das Gerät die einzelnen Beweise in ihre jeweiligen Kategorien. Das haben die Entwickler wunderbar durchdacht, denn so habt einen Haufen Informationen auf einen Punkt, und trotzdem sortiert.
Nachdem ihr also den Fingernagel einer Dame in der Wange des Toten sicherstellen konntet, ist jetzt die nächste Frage, von wem dieser stammt bzw. wem dieser jetzt fehlt. Was liegt da näher, als sämtliche Hände der weiblichen Verdächtigen abzulichten und sie dank des cool inszenierten Analysators zu vergleichen. Bingo, die einheimische und stumme Baina, die schon für viele als die Hauptverdächtige gilt, hat sich einen Nagel abgeochen. Ihr Vater Kolio behauptet zwar, dass er die ganze Nacht mit seiner Tochter in seiner Hütte veracht habe, aber Fakten lügen nun mal nicht.So und jetzt tut uns einen Gefallen. Steht auf, legt euch auf den Rücken, macht 20 Situps und danach 10 Liegestütze. Ob wir jetzt vollkommen bekloppt sind? Die Frage ist bezüglich AreaGames-Redakteure zwar überflüssig, aber macht es einfach. Denn solange ihr für diese Übungen aucht, solange sind die Laufwege in Sinking Island. Die Verdächtigen befinden sich fast alle in dem 22stöckigen Turm. Natürlcih über mehrere Etagen verteilt. Also, Aufzug nehmen, Anklopfen, Eintreten, Dialog, Foto machen, rausgehen, Aufzug nehmen, nächste Etage usw. Falls ihr mit Baina und ihren Vater reden wollt, dürft ihr den ganzen Weg vom Turm zu der einsamen Hütte laufen. Das dauert knapp zwei Minuten. Dabei fragt man sich, ob die Entwickler, dem guten Jack Norman ein bisschen Fitness für lau antrainieren wollten, oder die wunderbar gerenderten Hintergründe zur Schau stellen wollten. Man läuft über mehrere Bildschirme und fragt sich eigentlich, welche Bewandtnis diese haben. Vergeblich. Zum Glück kann der Detective rennen. Das Ganze wirkt aber durch die merkwürdige Gangart etwas feminin und auch nicht besonders schnell. Da hätten wir uns das Feature aus Everquest gewünscht. Quasi eine Art Mini-Map, auf der man per Mausklick von einem Ort zum anderen reisen konnte, oder wenigsten per Doppelklick an den Bildschirmrand gleich in den nächsten wechselt.
Kombiniere Wats.. ähh Jack
Die gute (böse) Baina hat also etwas mit dem Tod des Milliardärs zu tun, doch wer war noch anwesend? Das ist eine von vielen Fragen, die man fast schon als Kapitel von Sinking Island bezeichnen kann. Denn ein Fortschrittsbalken zeigt an, wie viele Beweise, Aussagen usw. ihr diesbezüglich gesammelt habt. Ist der Balken voll, wisst ihr, dass ihr das Rätsel lösen könnt. Dazu müsst ihr aus den einzelnen Ruiken (Beweise, Fingerabdrücke usw.) relevante Dinge auswählen und in das Lösungsfenster ziehen. Habt ihr alles beisammen, und drückt auf „Lösung“ zeigt sich, ob ihr recht habt. Falls nicht, müsst ihr andere Indizien miteinander kombinieren. Zu Beginn reichen drei oder vier Beweise aus, um das Kapitel zu beenden, später können es auch mal zwölf sein. Bei den unzähligen Aussagen und Beweisen, die ihr sammelt, gibt es also zig Kombinationsmöglichkeiten. Hier ist anstelle von Ausprobieren durchaus der Grips gefragt.
Als dynamisches Element wirkt in Sinking Island der Sturm, denn aufgrund der enormen Regengüsse werden im Verlauf des Spiels mehrere Etagen überflutet und eure Interaktionsräume weiter eingeschränkt. Das kann man fast schon als positiven Aspekt betrachten, denn so ist die Auswahl an Lokations geringer, ergo eure Laufwege kürzer. Danke lieber Sturm. Doch nicht zu vorschnell, liebe Lauffaule. Der Sturm hat nämlich auch den Fahrstuhl außer Betrieb gesetzt, das heißt das Treppenhaus wird euer neuester Freund. Nach 18 Stockwerken und einer Doppeleklick-Orgie, ist es dann auch schnell wieder Feind geworden. Das andere dynamische Element sind die Ortswechsel der Verdächtigen, die euch eigentlich nur insofern tangieren, als dass ihr jetzt neue optimale Reihenfolgen finden müsst, um die Laufwege zu verkürzenNatürlich hat Sokal sich mit der Erzählweise von Sinking Island viel Mühe gegeben. Die einzelnen Charaktere werden liebevoll mit all ihren Macken ausgeführt und wenn man den Dialogen lauscht, entwickelt man gewisse Sympathien und natürlich Antipathien für sie. Schade nur, dass die Animationen nicht mit den gerenderten Videos mithalten können. Denn sie sind für alle Charaktermodelle gleich, jeder hebt also seine Schultern oder gestikuliert wie euer Charakter Jack Norman. Genauso wiederholen sich die Fragen die ihr stellt. Spätestens bei dem zehnten „Was können sie mir über den Tod von Walter Jones erzählen?“ macht ihr Geauch von der rechten Maustaste, die euch gnädig von diesem „One-Liner“ erlöst.
Endlich ein Spiel mit Grips. Das waren meine Erwartungen an Sinking Island – Mord im Paradies. Meine Erwartungen wurden erfüllt, leider nur insofern, als dass man an manchen Stellen nachdenken muss – die restliche Zeit läuft man. Dadurch, dass in Sinking Island nur wenige Rätsel mit dem klassischen „Finde Gegenstand und kombiniere ihn mit einem anderen“-Prinzip, und die meisten durch reine Dialoge gelöst werden, verkommt das Spiel zu einem Ablaufen von Stationen und dem Kombinieren von einer Aussage mit einer anderen. Und wenn zwischen diesen einzelnen Stationen die eben besagten ewig langen Laufwege liegen, hat man vollends das Gefühl in einer Autofaik zu sitzen und Akkordarbeit zu leisten. Ich will nicht sagen, dass Sinking Island schlecht ist, aber es ist einfach nicht mehr für die Generation, die moderne Adventures wie Jack Keane oder Everlight mag. Es ist eher für Leute, die Zeit haben, und die sich über ein schlechtes Gameplay nicht aufregen, sondern einfach nur in Ruhe kombinieren, und die schöne Kulisse genießen wollen. Wer ein Urban Runner kennt, der weiß, was ich meine. In diesem Sinne, ist die Wertung zwar niedrig, dennoch kann ich es allen denen empfehlen, die so richtig gefordert werden wollen.