Slam Tennis

16.01.2007 15:23
Slam Tennis


Was waren das noch für Zeiten, als der deutsche Tennis noch Hochkonjunktur hatte und feste Tennisgrößen wie Steffi Graf, Michael Stich, Anke Huber und natürlich allen voran Boris Bobbele Becker die gelbe Filzkugel erfolgreich über das Netz schmetterten und Gegner das Fürchten lehrten. Heute spielt Steffi Graf höchstens noch an... (pardon) mit ihrem Agassi, Michael Stich macht auf dem Platz selbigen schon lange nicht mehr, Anke Huber versucht sich als ARD-Praktikantin bei den French Open und Boris Becker verschwindet zwischen Zur-Schau-Stellung von Designer-Klamotten und Gerichtsterminen mal kurz in der Wäschekammer.

Wo früher deutsche Spielerinnen und Spieler die Tennis-Weltrangliste bestimmten, heißen Tennis-Asse heute Williams mit Nachnamen, nennen sich Lleyton Hewitt, Marat Safin und Andre Agassi. Die einen haben Tennis schon komplett abgeschrieben, die anderen schauen nur noch hin, wenn Anna Kournikova statt Schläger mal wieder Hinterteil schwingt und gäbe es nicht noch Tommy Haas, der momentan auf Platz acht der Weltrangliste kursiert, dann dürfte man Deutschland wohl getrost ein derzeitiges Tennis-Tief nachsagen.

So kann es nicht weitergehen, dachten sich wohl die Entwickler von Infogrames, die mit Slam Tennis versuchen, das Interesse am weißen Sport in Deutschland wieder zu wecken. Und wenn wir schon mal diese edlen Züge unterstellen wollen, so ist doch schnell vergessen, dass man mit diesem Spielegenre eine bis dato unbesetzte Genrelücke auf der Xbox fürs erste vereinnahmen will.

Nach einem kurzen Intro findet man sich im Hauptmenü wieder und nach den ersten Impressionen weiß man bereits, dass Farbe bei Infogrames im Einkauf nicht sonderlich teuer war. Und damit begibt man sich in die recht bunte und farbenfrohe Welt von Slam Tennis, was aber nicht von spielerischem Nachteil ist. Die Anzahl der Spielmodi ist zwar nicht berauschend, reicht insgesamt für ein Tennisspiel aber gerade noch aus und so kann man seine spielerischen Ambitionen nicht nur im Arcade-Modus ausleben, sondern auch beim Schaukampf antreten oder gleich im Championship-Modus auf die Jagd nach Extras gehen. Wem reines Tennis zu bieder ist, der darf sich außerdem an den Herausforderungsspielen probieren, die gleichzeitig ein gutes, gar nicht einmal so leichtes Training bieten.

Der Arcade-Modus soll dabei nicht nur Spielhallenfeeling bieten, sondern auch einen schnellen Einstieg ins Spiel ermöglichen. Bei einem Einzelspieler-K.O.-Spiel darf man sich in kurzen Matches mit anderen Gegnern messen, die nach einigen siegreich absolvierten Runden immer talentierter werden und nach den Einstiegsspielen auch genau wissen, dass das Ding in ihrer Hand nicht nur als löchriger Fächer zu verwenden ist. Die Spielerauswahl - es warten bekannte Spielernamen wie Tim Henman, Carlos Moya und Yevgeny Kafelnikov, aber auch fiktive Personen - ist dabei anfangs sehr eingeengt, kann aber durch erfolgreiches Abschneiden im Championship-Modus erweitert werden.

Wer beim Arcade-Modus sofort an verrauchte Spielhallenatmosphäre denkt und sich angesichts dieser Vorstellung unter Schaukampf mehr Freiraumatmosphäre verspricht (was de facto nicht der Fall ist), der kann sich in selbigem auf ein normales K.O.-Spiel oder ein ganzes Ausscheidungsturnier einlassen. Die Auswahl der Spieler, des Tenniscourts (Rasen, Sand, Hardcourt) und verschiedener Match-Einstellungen kann dabei im Vorfeld getroffen werden.

Hinter den klangvollen Namen "Sand, Sea & Serve", "Crazy Collapsing Columns", "Bubble Bursting Bonanza" und "Rocking Ring Riot" verbergen sich die bereits kurz erwähnten Herausforderungs-Spiele, eine Art Minispiele, die gleichzeitig Spaß machen sollen (und das trotz teilweise höherem Schwierigkeitsgrad zumindest für kurze Zeit auch machen) und außerdem eine gute Trainingsgrundlage bieten, bevor man für den Ernstfall auf den Tenniscourt tritt. Hier muss man mit einem Aufschlag Wasserbälle abschießen, Kistensäulen mit den eigenen Schlägen zum fallen ingen, Blasen zerplatzen lassen und auf dem Spielfeld auftauchende Ringe zerschießen. Wenn die jeweilige Aufgabe gelöst ist, kommt man ins nächste Level und darf sich am Ende in eine Highscore-Liste eintragen. Nach kurzer Zeit wird - vorausgesetzt man hat keine Tennisbälle auf den Augen - aber klar, dass die vier Minispiele sich insgesamt zu stark ähneln und so lässt schon bald die erste Motivation nach. Hier wäre größere Abwechslung und höhere Langzeitmotivation angeacht gewesen.

Das Herzstück des Spiels und gleichzeitig Zugang zu freispielbaren Extras wie zusätzlichen Tenniscourts, Spielern, Sportoutfits und Cheats ist der Championship-Modus, den man leider nicht in einem sportlichen CoOp-Modus, sondern nur alleine bestreiten kann. Das Ziel vor Augen, Gewinner des Slam Tennis Championships zu werden, muss man sich nach Wahl eines Championship-Pfades eine Art Erfolgspyramide hocharbeiten, um am Ende nicht nur ganz oben zu stehen, sondern auch oben erwähnte Features freigeschaltet zu haben. Als Auswahlmöglichkeiten bieten sich dabei der Weg nach England, der Weg in die USA, der Weg nach Frankreich und der Weg nach Australien.

Während am Anfang nur ein Spieler zur Verfügung steht, der das große Ziel mit Hilfe des Spielers vor Augen hat, gesellen sich an seine Seite mit zunehmendem Erfolg weitere Helden der Szene. Um am Ende jedoch ungekrönter König zu sein, müssen alle vier Pfade erfolgreich abgeschlossen sein. So hartnäckig manche Gegner auf dem Pfad zum Erfolg jedoch auch sind, insgesamt bleibt die Langzeitmotivation auch bei diesem Modus nur im mittleren Bereich, denn der Wiederspieleffekt ist nach erstmaligem Erfolg nicht so hoch, wie man es gerne gesehen hätte. So hätten ein paar Rollenspielelemente (Steigern der Eigenschaften von Spielern) dem Spiel sicherlich nicht geschadet. Trotzdem: Man ist schon eine Weile mit dem Championship-Modus beschäftigt und danach bleiben ja immer noch Mehrspieler-Duelle mit den Freunden.

Die Steuerung des Spiels ist einfach und gut durchdacht und darf als klarer Pluspunkt auf dem Einkaufszettel vermerkt werden. Dennoch bedarf es einer Eingewöhnungszeit von etwa einer Stunde, bis man sie verinnerlicht hat. Danach steht Tennisspielen auf hohem Niveau allerdings nichts mehr im Weg. Pauschal kann man sagen, dass bei Slam Tennis den einzelnen farbigen Buttons des Controllers verschiedene Schlagtechniken zugeordnet werden. So sorgt die A-Taste für einen "normalen" Schlag, während die B-Taste für einen Topspin-Ball, die X-Taste für einen Backspin-Ball und die Y-Taste für einen Lob steht. Gesteuert wird der Spieler mit dem Steuerkreuz oder dem Ministick.

Beim Aufschlag wird durch Drücken der Aufschlag-Taste der Ball erst einmal in die Luft geworfen und eine Anzeige erscheint neben dem Spieler, in der man den sich bewegenden farbigen Balken am höchsten Punkt stoppen sollte, um ordentlich Power in den Schlag zu legen. Die Richtung des Aufschlags kann mit dem Ministick vor dem Auftreffen des Schlägers auf den Ball festgelegt werden und wer gleichzeitig noch die linke oder rechte Schultertaste des Controllers einsetzt, der sorgt zusätzlich noch für Spin. Parallel zur Zuordnung der Tasten bei einem normalen Schlag steht die A-Taste für einen flachen Aufschlag, die B-Taste wird beim Topspin-Aufschlag verwendet und mit der X-Taste darf man sich an einem Slice-Aufschlag erfreuen.

Ein Blick in die Anleitung ist bei den verschiedenen Schlagarten nicht verkehrt und so erfährt man dort, dass Vorhand- und Rückhandschlag abhängig von der Position des Spielers in Relation zum Ball sind. Und auch ein Volley muss nicht erst groß eingeleitet werden, sondern ergibt sich daraus, dass man rechtzeitig nahe genug herangeht, bevor der Ball auf den Boden aufkommt und durch frühzeitiges Drücken der Schlagtaste den Gegner ganz schön ins Schwitzen ingt. Die nur noch in Ausnahmefällen zu erreichenden Stopps entstehen, wenn man die Richtungs-Steuerung vom Netz wegzieht, ein Schmetterball ist möglich, wenn der Ball über Kopfhöhe angeflogen kommt.

Die Richtung des Schlages kann wiederum - ähnlich wie beim Aufschlag - durch Zeitraum und Richtung des gedrückten Ministicks beeinflusst werden. Zwar wird man dadurch zumindest anfangs den ein oder anderen Ball hemmungslos ins Aus befördern, Erfolge stellen sich aber bereits nach relativ kurzer Spielzeit ein. Ab diesem Zeitpunkt lässt sich das Spiel wirklich hervorragend steuern, nur am Netz würde man sich manchmal noch etwas mehr Beeinflussung der Flugrichtung durch Drücken einer Richtung wünschen. Obwohl der Stick hier manchmal geradezu gewaltsam in eine Ecke des Controllers gezogen wird, schlägt der Spieler den Ball dann doch vergleichsweise harmlos ins Feld.

Eine Spezialschlaganzeige am oberen Bildschirmrand füllt sich unterdessen bei jedem Schlag des eigenen Spielers. Ist diese erst einmal voll (was durch Blinken angezeigt wird), dann darf man durch schnelles zweimaliges Drücken einer Schlag-Taste einen Spezialschlag aningen.

Pluspunkte, die bei der Steuerung und Spielbarkeit fleißig gesammelt wurden, müssen leider zum Teil bei der Grafik wieder abgezogen werden. Das wohl positivste Argument ist: Die Grafik erfüllt ihren Zweck. Leider ist sie jedoch nicht ganz Xbox-würdig und verrät bereits nach wenigen Minuten, dass auch dieses Spiel leider in die Kategorie "lieblose PS2-Portierung" eingeordnet werden muss. Die Texturen sind deutlich zu arm geraten und leichte Clipping-Fehler bei den Tennisspielern unterstützen den nur leicht überdurchschnittlichen Eindruck, den die Grafik hinterlässt. Die Qualität der Animationen reiht sich in das Aufgebot durchschnittlicher Spiele. Besonders lustig (zumindest anfangs) sind die Animationen der Zuschauer, wenn die Replay-Kamera an der jubelnden Menge vorbeifährt. Bei dieser Klatschfrequenz fragt man sich, unter welchem Drogeneinfluss das Publikum stehen muss.

Der Sound ist in Ordnung und teilt sich im wesentlichen in Schlaggeräusche, Zuschauerreaktionen und Kommentare der Unparteiischen. Zu bemängeln wären nur die etwas aupt abechenden Ovationen der Zuschauer, die, sobald der Aufschlag ansteht, sofort verstummen, als ob bei einem eigens verursachten Geräusch die sofortige Exekution drohen würde. Lustig dagegen sind manche akustischen Auftritte der Linienrichter, die ein "Out" schonmal klingen lassen, als ob sie am morgen ihr Gebiss zu Hause gelassen hätten oder vom letzten Schmetterball an empfindlicher Stelle getroffen wurden.

Der Multiplayer-Part ist bei Slam Tennis in etwa so, wie man es sich von einem Tennisspiel erwarten darf. Leider beschränkt sich der Auftritt mit Freunden auf den Schaukampf-Bereich. Hier jedoch können ein bis vier Spieler im Einzel oder Doppel-Match gegeneinander antreten, was durchaus bei einem kleinen Party-Spiel am Abend für gute Laune sorgen kann.

„Weißer Sport mit nicht ganz weißer Weste...“

(Eigene Meinung » Sebastian Philipp)

Insgesamt gehöre ich nicht zu den Menschen, für die Tennisspiele eine außergewöhnliche Bereicherung der Videospielwelt darstellen und trotzdem freute ich mich auf ein Sportspiel der nicht ganz alltäglichen Art. Insgesamt wurde meine Vorfreude nicht enttäuscht, auch wenn das Spiel zu deutliche Mängel aufweist, um in hohe Bewertungskriterien vorzustoßen. Für Tennisfans kann man jedoch schon einmal eine Empfehlung aussprechen, auch wenn mit Fila World Tennis Tour, Pro Tennis WTA Tour und Tennis Masters Series 2003 in den nächsten zwei Monaten drei weitere Tennisspiele darauf warten, Xbox-Besitzer zu überzeugen.

Am meisten stört mich bei Slam Tennis die im Einzelspielermodus zu gering ausfallende Langzeitmotivation. Ein paar Spielchen sind anfangs recht nett, das richtige Beißen nach Erfolg und der ungeochene Wille, dem Gegner die Filzkugel um die Ohren zu hauen, stellt sich aber nicht so richtig ein. Die freischaltbaren Extras versuchen zwar ihr Bestes, Spieler und Controller aneinander zu fesseln, dennoch hätte der ein oder andere zusätzliche Modus oder eine Art Karriereleiter mit Rollenspielelementen wie zum Beispiel der Franchise-Modus bei NHL Hitz dem Spiel sicherlich nicht geschadet.

Außerdem gehen bei mir immer wieder die roten Warnlichter an, wenn ich mich mit lieblosen Konvertierungen herumschlagen darf, bei denen wieder einmal nicht versucht wurde, das Spiel an die Leistungsmöglichkeiten der Xbox anzupassen. Auch wenn dieser Satz in meinen Spieletests zum Running Gag des schwarzen Humors wird, werde ich nicht aufhören, diese Tatsache zu bemängeln, auch wenn mir durch die Brille der Entwickler und Publisher vielleicht klar ist, dass hier nur das schnelle Geld zählt.

Die vor der Tür stehende Konkurrenz wird zeigen, wie sich Slam Tennis im Duell mit den Genretiteln schlagen wird. Ungeduldige Tennis-Fans können aber trotz aller Kritikpunkte sicherlich jetzt schon zugreifen.

Bewertung

Slam Tennisxbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.