16.01.2007 15:32
Soldier of Fortune 2: Double Helix
Als im Jahre 1993 das kleine, texanische Unternehmen id Software ein Spiel namens Doom veröffentlichte begann die Geburt eines neuen Genres, das daraufhin seinen Siegeszug durch die Spielindustrie begann. Zum ersten mal konnte der Spieler in die Haut seines digitalen Charakters schlüpfen, und die Abenteuer, die das Spiel bot, noch intensiver genießen. Mit zunehmender Rechenpower der Computer und Konsolen, wurde das Genre immer komplexer und realistischer. Heutzutage verfügen gute First-Person-Shooter, über eine intensive Story, realistische Grafik und Dolby Digital Unterstützung. Je besser und wirklichkeitsnaher diese Titel jedoch wurden, umso öfter wurden sie ein Opfer der Deutschen Bürokratie. Kaum ein „Killerspiel“ steht nicht auf der roten Liste der Jugendschützer. Dabei geht es in den meisten Spielen nicht um das Töten im Allgemeinen, sondern viel mehr um taktischen Vorgehen oder das Finden eines Lösungsweges. Die Waffe ist dabei nur Mittel zum Zweck, ähnlich dem Hüpfen Super Marios auf den Panzer einer Schildkröte.
Nicht alle Spiele fanden dabei immer das richtige Maß: Immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik geriet das von Raven Software entwickelte und im Jahre 2000 veröffentlichte Soldier of Fortune das mit schon fast übertriebener Brutalität, jeder Menge Blut und abgetrennten Körperteilen den Jugendschützern ein Dorn im Auge war. Nach einer Konvertierung für Dreamcast und Playstation 2, folgte dann zwei Jahre später auf dem PC der Nachfolger namens Soldier of Fortune 2 Double Helix. Während deutsche PC Besitzer hierzulande mit einer stark geschnittenen Version vorlieb nehmen mussten (in der man in einem Paralleluniversum solange auf Roboter-Menschen schießen konnte, bis sich die Schweißnähte lösten), kommen Xbox Fans nun dank neuem Jugendschutzgesetz in den Genuss der unzensierten US Fassung. Wie schon im Vorgänger, schlüpft der Spieler in die Rolle von John Mullins, seines Zeichens hochdekorierter Ex Soldat der Army, und mittlerweile Kopfgeldjäger und Söldner im Auftrag einer U.N. Terroreinheit namens SHOP.
Agenten des SHOP haben herausgefunden, das eine nicht genauer spezifizierte Terroristenorganisation eine gefährliche Waffe entwickelt hat, und nun damit droht diese auf die Menschheit loszulassen, falls die Forderungen der Terroristen nicht erfüllt werden. John Mullins Auftrag lautet, die Terroristengruppe ausfindig zu machen, die Pläne der Organisation zu vereiteln, und den Kopf der Gruppierung dingfest zu machen. SHOP vermutet Prag als derzeitigen Aufenthaltsort der Terroristen.
Soviel zur Vorgeschichte von Soldier of Fortune 2, dessen Ereignisse den Spieler über die ganze Welt führen werden. Jede Mission ist dabei in einzelne, größere Abschnitte unterteilt, in denen es gilt, bestimmte Missionsziele zu erfüllen. Diese gestalten sich dabei durchaus abwechslungsreich. Mal gilt es eine feindliche Basis zu infiltrieren und Gefangene zu befreien, mal muss einfach nur eine Anlage in die Luft gesprengt, oder aber Informationen beschafft werden. Neben den First Person Aufträgen gibt es gelegentlich auch kurze Shootereinlagen am Abzug eines stationären MGs in denen der Spieler „wie auf Schienen“ durch das Level geführt wird. Dazu gesellen sich noch einige Schleichpassagen, in denen man unbemerkt in Gebäude oder Lager eindringt.
Neben den üblichen Pistolen, MGs und Scharfschützengewehren, greift Ein-Mann-Armee Mullins auch auf Explosionsgeschosse, Raketenwerfer, Blendgranaten oder sein Kampfmesser zurück. Ingesamt stehen über 20 unterschiedliche Tötungswerkzeuge zur Verfügung, die alle über bestimmte Vor- und Nachteile verfügen. Vor einer neuen Mission will daher genau überlegt sein, welche Schießprügel der Einzelkämpfer denn nun mit auf den Feldzug gegen die Unterdrückung nimmt. Auch der Einsatz von Fernglas, Nachtsichtgerät oder Wärmebildsensor, will genau überlegt sein. Echte Profis nutzen dabei das Objective Individual Combat Weapon, kurz OICW, einer Mischung aus MG und Granatwerfer, mit Zielfernrohr, Feinderkennungssoftware, Nachtsichtfunktion und Flugbahnberechner. Durch eine Vielzahl von Einstellungsmöglichkeiten und Hilfefunktionen, ist dieses High Tech Gerät genau das richtige für die Feindbekämpfung.
Steuerungstechnisch gibt sich der Titel keine Blöße. Mit den beiden Analogsticks bewegt ihr den Charakter durch die Missionen, die beiden Schulterbuttons dienen dabei für die beiden Angriffsmodi, die den meisten Waffen zur Verfügung stehen. Gesprungen wird mit A, B dient als Schnellwechseltaste zwischen Feuerwaffe und Granate. Mit X wird nachgeladen, Y aktiviert Schalter oder sonstige Interaktionen. Mit dem weißen Knopf schaltet ihr durch die Feuermodi Einzelschuss, Halbautomatik und Dauerfeuer. Der schwarze Knopf sorgt für eine kniende oder liegende Position der Kampfmaschine, mit dem Digikreuz lehnt sich der Held nach Links und Rechts und schaltet durch die vorhandenen Waffen. Mit Back schaut man in die Missionsdaten und Einsatzziele. Mit Start haltet ihr das Spiel an, wechselt in die Optionen oder speichert das Spiel jederzeit ab.
Technisch präsentiert sich der Titel sehr durchschnittlich. Irgendwie erinnert die Grafik doch frappierend an die des Vorgängers, und ist in keinem Fall Xbox würdig. Die Geschehnisse auf dem Bildschirm präsentieren sich polygon- und detailarm. John Mullins schleicht vorbei an kargen Gebäuden und tristen Fahrzeugen mit eckigen Reifen oder aber begegnet Feinden die so detailarm sind, aus dem N64 Shooter Goldeneye stammen könnten. Zu allem Überfluss hat der Söldner anscheinend ein Problem mit seinen Augen, anders kann man sich die geringe Sichtweite und die Kaschierungen durch Nebelbänke nicht erklären. Dazu gesellt sich ein ständiges Ruckeln, das ab und zu in unerklärliche Slowdowns übergeht. Gut gelungen sind Raven Software dagegen die Soundeffekte. Während die Hintergrundmusik eher unbeachtet im Hintergrund vor sich hin dümpelt, sorgen knackige Waffengeräusche und markige Explosionen für Wohlwollen in des Testers Ohren. Insgesamt handelt es sich bei Soldier of Fortune 2 Double Helix aber um eine lieblose Portierung auf die Xbox, das lässt sich zum Beispiel auch an den billig umgesetzten Zwischensequenzen ersehen, die viel zu pixelig sind, und mit fetten Balken aufwarten. Auf eine Übersetzung ins Deutsche, oder deutsche Untertitel wurde ebenfalls verzichtet.
Nach gut 10-15 Stunden Spielzeit ist der Storymodus von Soldier of Fortune 2 durchgezockt. Wer mag, kann Mullins Abenteuer dann noch einmal auf einem anderen der vier Schwierigkeitsgrade durchzocken, oder aber sich den anderen Spielmodi des Programms widmen. Für Einzelspieler noch von Belang wäre da der Random-Missions Generator. Nach vorherigem Einstellen mehrerer Parameter generiert das Programm Zufallsmissionen. Neben der Einsatzart lassen sich so auch Location, Tageszeit, Schwierigkeitsgrad, Inventar und Zeitlimit einstellen. Dank unspektakulärem Leveldesign und schlechter Gegner-KI machen diese Zufallskämpfe aber nicht allzu lange Spaß.
Interessanter ist da schon der Multiplayermodus, der wahlweise per System Link oder über Xbox Live ausgetragen werden kann. Gegenüber dem Singleplayer wurden für Multiplayergefechte einige Änderungen vorgenommen. So wird das Granatenlimit von sechs auf zwei Explosionsgeschosse heruntergeschraubt. Auch der Schadensradius wurde gegenüber dem Einzelspielermodus gesenkt. Dafür wurde die Feuerrate der Schusswaffen erhöht. Neue Waffen , die dem Einzelspieler verwehrt bleiben, sorgen für mehr Abwechslung. Mit bis zu 12 Leuten lassen sich im System Link spaßige „Deathmatch“-, „Team-Deathmatch“-, „Capture the Flag“-, „Elimination“-, „Demolition“- oder „Infiltration“-Matches bestreiten. Objektiv gesehen, ist der Multiplayermodus doch deutlich spaßiger ausgefallen, als der uninspirierte, langatmige Singleplayermodus.
„Daseinsberechtigung: Xbox Live“
(Eigene Meinung » Alexander Laschewski)
Xbox-Live Kunden haben bisher noch keine große Auswahl an online-fähigen Shootern. Neben dem eher unrealistischen Unreal Championship bietet nur die Rückkehr zum Schloß Wolfenstein ein ähnliches hartes und schnelles Spielerlebnis wie SoF 2. Da die muntere Nazi-Jagd in Deutschland allerdings offiziell nicht legal erhältlich ist, werden sollten Shooterfans notgedrungen einen Blick auf SoF 2 werfen. Die realistischen Waffen inklusiver der Möglichkeit mit gezielten Headshots einen Gegner mit einem Schuss aus dem Gefecht zu ziehen, sind eine willkommene Abwechslung zur üblichen Shooterkost, bei der die Gegner erst nach 300 Brusttreffern leichte Ermüdungserscheinungen zeigen. Allerdings fällt auch schon an den geringen Mitspielern in XBL auf, das SoF 2 nicht zu den beliebtesten Shootern im Netz gehört. Eine 12-Spieler Partie vollzukriegen grenzt daher schon an eine organisatorische Meisterleistung.
Die technische Umsetzung von SoF 2 lässt allerdings an den Portierungskünsten der Entwickler zweifeln. Ein PC-Titel aus dem letzen Jahr, der zudem noch auf der Quake3-Engine basiert, auf die Xbox zu ingen, ist normalerweise eine ideale Aufgabe für Programmier-Azubis im ersten Lehrjahr. Unverständlicherweise wurden allerdings beinahe alle Eye-Candies der PC-Version aus der Xbox-Varianten entfernt, und durch polygonarme Gegner oder triste und verwaschene Texturen ersetzt. Dass die Xbox weitaus mehr kann, zeigten auf eindrucksvolle Weise alle Spiele, die auf der Unreal Warfare Engine basieren.
Für reine Solo-Spieler besteht deswegen wenig Grund, mit John Mullins auf Safari zu gehen. Weder die technische Umsetzung noch das Spieldesign sind in Zeiten von Halo und Splinter Cell noch zeitgemäß. Wer unbedingt sehen möchte, welche Auswirkungen verschiedene Waffen auf die menschliche Anatomie haben, kann bequem an einem Wochenende seine pathologischen Kenntnisse auffrischen, und sollte die Videothek seines Vertrauens aufsuchen.
„Lieblose PC Konvertierung ohne Biss“
(Eigene Meinung » Mario Schonhoff)
Da Kollege Laschewski in seinem Fazit bereits auf den Multiplayermodus eingegangen ist, möchte ich noch einmal kurz den Singleplayermodus Revue passieren lassen. Dank einer miesen, lieblosen Umsetzung ist dieser deutlich schwächer ausgefallen, als erwartet. Technisch erinnert Soldier of Fortune 2: Double Helix stark an seinen Vorgänger aus dem Jahr 2000, und reizt die Xbox Hardware nicht im geringsten aus. Klobige, eckige Gegner, Leveldesign mit dem Detailgrad und der Sichtweite eines N64 Spiels und billig wirkende Effekte, sprechen nicht gerade für das Programmierteam. Das sich zu dieser grafischen Einöde auch noch ein permanentes Ruckeln gesellt, ist eine Frechheit und absolut unverständlich. Der Höhepunkt sind aber die verpixelten Zwischensequenzen mit schwarzen Balken oben und unten, die fast den halben Bildschirm einnehmen. Lediglich die Soundeffekte erinnern mich dank knackiger DD 5.1 Unterstützung daran, das ich vor meiner Xbox sitze.
Und auch spielerisch weiß der Singleplayer nur bedingt zu überzeugen. Zwar reist John Mullins während seines Auftrags durch abwechslungsreiche Szenarien, aber irgendwie präsentiert sich das Missionsdesign langweilig und bieder. Missionsziele ähneln sich zu häufig, auf innovative, frische Ideen hofft man vergebens. Auch die Gegner KI reißt heutzutage keine Bäume mehr aus. Anstatt vor Mullins Gewehrlauf in Deckung zu gehen, rennen die Feinde häufig genau in das Mündungsfeuer des Söldners. Mir kommt es so vor, als ob Raven Software Schwächen im Leveldesign und Gameplay, durch einen überspitzten Grad an Brutalität wett machen wollte. So spritzt das Blut physikalisch korrekt an die Wände, feindliche Köpfe lassen sich in mehrere Teile zerschießen, überall liegen Arme und Beine herum. An dieser Gewaltorgie hat man sich allerdings nach gut einer halben Stunde satt gesehen, üig bleibt ein 0815-Shooter ohne eigene Ideen und mit einer miesen technischen Präsentation.