Spiderman - The Movie

19.01.2007 10:27
Spiderman - The Movie


Spiderman bedarf eigentlich keiner Vorstellung mehr. Der Held im rot-blauen Kostüm hat in den vergangenen Jahren auf allen erdenklichen Konsolensystemen einen mehr oder weniger geglückten Auftritt gehabt. Am besten blieb sicherlich Neversofts PSOne-Version in Erinnerung - eines der wenigen Beispiele, die bewiesen, dass auch Comic-Lizenzspiele echte Toptitel sein können. Nun gibt es also den ersten Xbox-Auftritt von Peter Parker oder besser gesagt seines Alter Egos Spiderman. Das Action-Adventure orientiert sich spielerisch an seinen erfolgreichen 3D-Vorgängern und lehnt sich nur rudimentär an die Geschichte des derzeitigen Sommerblockbusters von Sam Raimi an.

Zu Beginn des Spiels kann man sich ein toll geschnittenes Renderintro anschauen, welches in einigen Szenen stark an den derzeitigen Kassenschlager erinnert. Kunststück, haben wir es doch hier mit einer waschechten Filmlizenz zu tun. Dennoch gibt es im weiteren Verlauf der Story viele Wendungen und Endgegner, die im tatsächlichen Kinofilm komplett fehlen. Es wäre auch sicherlich ein langweiliges Spiel geworden, wenn man nur gegen 7 bedauernswerte Gangster und den Grünen Kobold gekämpft hätte… So erwarten den Spieler zahlreiche Gegner, darunter auch alte Bekannte aus den Comics wie Schocker oder Geier.

Heldenhaft?

Wer als Superheld noch etwas wacklig auf den Beinen ist, dem ist das umfangreiche Tutorial sehr zu empfehlen. Dort lernt der Spieler alle Fähigkeiten vom eleganten Netzschwingen bis hin zu den actiongeladenen Kämpfen. Wer aber denkt, dass man diese Trainingsmissionen in 5 Minuten durchläuft, hat sich gewaltig geirrt. Fast wie bei den Metal Gear Solid VR-Missionen kann man sich in diversen künstlichen Räumen mit der extrem umfangreichen Steuerung bekannt machen. Dennoch aucht niemand gleich in sein Gamepad zu beißen: Die Entwickler von Treyarch haben alle wichtigen Befehle intelligent durchdacht und dadurch faktisch alle wesentlichen Spiderman-Kräfte der Comics in dieses Spiel gerettet.

Lange Rede kurzer Sinn: Die vielfältigen Tutorialmissionen sind zwar alle prima designt und werden schlagfertig kommentiert, aber einen wahren Haudegen wie Spiderman dürstet es nach echten Heldentaten. Also schwupp ein neues Spiel angefangen und auf geht's. In den ersten Missionen ist Spiderman ähnlich wie im Film noch in einem sehr provisorischen Kostüm unterwegs und ähnelt eher einem absurden Bankräuber als einem hochkarätigen Superhelden. Spätestens nachdem er den Mörder seines Onkels gefunden hat, ist der rot-blaue Krabbler aber im klassischen Spiderman-Outfit unterwegs.

Draußen und drinnen

Wie gestaltet sich ein typisches Level bei Spiderman? Grundsätzlich gibt es zahlreiche Innen- und Außenlevel, die sich spielerisch jeweils sehr unterscheiden. Mir persönlich haben die Außenabschnitte zwar grafisch wunderbar gefallen, aber die Schwingerei zwischen den Dächern von New York gestaltet sich nicht immer so abenteuerlich, wie man es sich wünschen würde. Besonders die luftigen Konfrontationen mit dem Grünen Kobold oder dem Geier sind spielerisch eher unspektakulär. Außerdem muss man gelegentlich über Sinn und Unsinn der schwingenden Spinne rätseln ("Wo ist momentan eigentlich das Seil befestigt?"), aber dem Spielspaß tut dies insgesamt keinen Abuch.

Die Innenlevel sind hingegen etwas weniger eindrucksvoll designt, aber dennoch macht der klassische Action-Adventure-Teil mit gelegentlichen Schleicheinlagen wesentlich mehr Spaß als das oft hektische Outdoorspektakel. Beispielsweise ist der Kampf gegen den Jäger Kraven im Museum genauso witzig wie der Einuch bei Oscorp. Leider muss sich Spiderman in punkto Spiellänge einen harschen Kritikpunkt gefallen lassen. Die Level sehen zwar alle wunderschön aus, aber die meisten Abschnitte sind realtiv schnell gemeistert. So wird beispielsweise, das Potential der berühmten Grand Central Station fast komplett verspielt. Trotz der Kürze besitzt Spiderman einen relativ hohen Wiederspielwert, egal ob es die neuen freischaltbaren Kostüme sind oder der witzige Multiplayermodus Spiderman-Bowling - in diesem Titel steckt mehr drin als man zunächst denken sollte. Neben den bereits erwähnten Tutorial Missionen, die den Spieler durchaus eine Weile in Trab halten, gibt es auch noch diverse Geheimräume und Boni, um weiteres Zusatzmaterial wie Production Arts-Bilder auf der DVD frei zuschalten. Wer das Spiel in der höchsten Schwierigkeitsstufe schlägt, darf sogar als Grüner Kobold eine leicht abgeänderte Story erleben.

Spinnensinne und Handgreiflichkeiten

Wie jedem Comicfan bekannt sein dürfte, hat Peter Parker seit einem Spinnenbiss übermenschliche Fähigkeiten. Beispielsweise kann er ohne Probleme an Wänden und Decken entlang laufen oder neuerdings seine Spinnfäden auf organische Art und Weise auf Gegner abfeuern. Besonders die letztere Tatsache ist einigen echten Spiderman-Fans etwas sauer aufgestoßen. Doch egal ob nun Patronen oder Körperflüssigkeit - spielerisch ändert sich durch diese Hollywoodsche Änderung eigentlich nichts. Sobald es zum Kampf kommt, besitzt Spiderman jede Menge Schlag und Trittkombinationen, um sich kunstvoll zu verteidigen. Doch bevor er diese einsetzen kann, muss er spezielle Items aufsammeln, welche diese versteckten Kombinationen enthalten. Wer all die eindrucksvollen Tricks beherrschen möchte, sollte sich allerdings mit einem x-beliebigen Beat' em Up-Game einige "Vorkenntnisse" aneignen.

Kommen wir nun kurz zur Steuerung. Eine komplette Auflistung aller Befehle ist zwar wegen des gigantischen Umfangs nicht sinnvoll, aber ich möchte dennoch auf die wichtigsten Manöver eingehen. Geschwungen und gezogen wird sich via der beiden Triggertasten. Der A-Knopf sorgt für Sprünge, X für die Schläge, C für die Tritte und Y ermöglicht diverse Netz-Attacken. Wenn man sich erst einmal in die noch wesentlich kompliziertere Padbelegung eingefuchst hat, dann macht der Einsatz der Superkräfte einen Heidenspaß. Eine gute halbe Stunde sollten Anfänger aber mindestens investieren, um sich mit allen Befehlen vertraut zu machen. Auch das Handbuch erweist in diesem Fall hervorragende Dienste.

Technische Klasse

Das augenscheinlich Beste an Spiderman ist die prächtige Grafik. Selbst die "bekannten" Warenhaus- oder Kanalisationslevel sind mit wunderschönen Texturen überzogen. Sobald es dann endlich zum Kampf kommt, fliegen einem sofort die grafischen Special Effects nur so um die Ohren. Schüsse hinterlassen gut sichtbare Leuchtstreifen, Explosionen krachen gewaltig mit allerlei Funkenflug und Schockers Druckwellen scheinen fast plastisch zu sein. Auch die zahlreichen Animationen unseres Superhelden sind exzellent umgesetzt wurden. Wer nun aber denkt, dass man solche Grafikpracht wie die monumentale Grand Central Station durch Framerateneinüche erkauft, hat sich gewaltig geirrt. Nur selten treten minimale Performanceprobleme auf.

Leider sind die 24 Level, wie bereits erwähnt, sehr kurz geraten. Selbst die späteren Abschnitte verlangen kaum etwas von einem geübten Spieler. Ungeduldige Naturen seinen aber gewarnt: Stirbt der Titelheld kurz vor dem Ausgang eines Levels, so muss man noch einmal von vorn anfangen. Wie es besser geht beweist, Oddworld mit einer Quicksave-Funktion oder Halo mit diversen Speicherpunkten während eines Abschnitts.

Ein weiteres Merkmal von Spiderman sind die tollen Zwischensequenzen die teilweise in der Ingame-Engine ablaufen und teilweise prächtig gerendert sind. Die komplett deutsche Synchronisation ist rundum geglückt, auch wenn manche Sprüche von Spiderman arg platt rüberkommen. Leider hat es die Original-Sprachausgabe nicht auf die DVD geschafft. Dies ist mehr als schade, da in der NTSC-Version alle wichtigen Originalschauspieler des Films ihre Stimme zur Verfügung gestellt haben. Das Tutorial wurde beispielsweise von B-Movie-Held Bruce Campbell gesprochen, den viele sicherlich noch aus den Tanz der Teufel-Filmen kennen werden und welcher im aktuellen Spiderman-Film wieder einen Kurzauftritt hat. Der restliche Sound ist ebenfalls ohne Fehl und Tadel. Die Musik wurde stimmungsvoll orchestral eingespielt, auch wenn ich mich nicht unbedingt an Danny Elfmanns Filmmusik erinnert fühle. Auch die Sound FX verdienen ein Extralob - es kracht und zischt wirklich an allen Ecken.

"Ins Netz gegangen"

(Meinung » Alexander Wilke)

Gratulation, so und nicht anders stelle ich mir ein Superheldenspiel vor! Das Auge wird von absolut fantastischer Grafik verwöhnt und die Ohren bekommen eine Extrabehandlung mit schwungvoller synfonisch-epischer Musik. Trotzdem ist Spiderman kein Blender, der nur seine technischen Muskeln spielen lässt. Das Spiel mit dem Spinnenmann ist durchweg spannend gescriptet und immer wieder abwechslungsreich - leider aber auch zu kurz. Doch schon allein die absolut abgefahrene Idee, ein Multiplayer-Bonusspiel namens Spiderman-Bowling zu integrieren, verdient einen kleinen Innovations-Award.

Auch bei dem neuen Action-Adventure von Treyarch hapert es mal wieder an der richtigen Kameraperspektive. Zwar ist Spiderman durch die nachjustierbare Kamera nicht so hoffnungslos frustrierend wie Batman Vengeance, aber trotzdem passiert es dem Spieler des Öfteren, dass man plötzlich die Orientierung verliert. Die löbliche Kamera-Lock-Funktion ingt immerhin bei den knackigen Endgegnern eine deutliche Verbesserung der Übersicht. Wer eine Weile den Spinnenmann gesteuert hat, erkennt aber später fast intuitiv, wohin man die Kamera schwenken sollte. Einsteiger werden dennoch mit der Kameraperspektive hart zu kämpfen haben.

Wenn nicht das Manko der "dynamischen" Kamera und der relativ kurzen Spielzeit wäre, dann hätte Spiderman sogar die magische 80 % Hürde problemlos überwunden. Dennoch ist dieses Spiel die wohl beste Comic-Versoftung aller Zeiten, die sich kein Fan des berühmten New Yorker Superhelden entgehen lassen sollte.

"Gut gesponnen!"

(Meinung » Sebastian Philipp)

Superhelden - im Kino erfolgreich, die Videospielwelt fest im Visier. Der vom Film und dem Mythos begeisterte Spieler kratzt sich immer wieder die letzten Reste seines Ersparten zusammen, um nach einem gelungenen Kinoabend selbst die Rolle des Superhelden zu übernehmen. Nicht selten war diese Investition eine herbe Enttäuschung. Gute Filmlizenzen sind leider selten und so waren meine Erwartungen bei Spiderman nicht gerade sehr hoch.

Umso mehr freute es mich, dass das grafische Spektakel von Anfang an den Eindruck eines soliden Spiels machte, das nicht mal eben zwischendurch aus fieser Geldgier auf die Zockerwelt losgelassen wurde. Die Steuerung ist nach einer anfänglichen Gewöhnungsphase recht eingängig und die meisten Missionen machen wirklich Spaß. Während Alex vor allem die Innenlevel überzeugen konnten, haben es mir die Außenlevel angetan, weil hier einfach das typische Spiderman-Feeling aufkommt, wenn der Held spinnengleich zwischen den Hochhäusern böse Jungs vermöbelt.

Was sich die Entwickler allerdings bei der Kamera gedacht haben, wird für mich ewig im Netz von Spiderman versponnen sein. Für mich bleibt die Kameraführung auch nach längerem Spielen ein großer Fehltritt. Insgesamt ist Spiderman ein Spiel, das zu den ganz Großen zählen könnte, würde man sich nicht ständig bei der Kameraführung fragen: Spinn ich jetzt?

Bewertung

Spiderman - The Moviexbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.