Spyborgs
11:17 Uhr - Böse Zungen behaupten ja Grafik wäre nicht alles. Auf der Wii steigt der Wert eines optisch ansprechenden Spiels aber ganz gewaltig. Spyborgs ist ein solches Spiel. Doch kann das Robo-Gemetzel auch spielerisch überzeugen?
Ich bin ja oft ein Freund der einfachen Dinge: In 96 Hours wird Liam Neesons Tochter verschleppt. Da bringt er die Entführer einfach alle um. Simpel und gut. Klassische Vollmilchtafeln liegen mir mehr als neumodischer Chilli-Krisp-Orange-Aloe Vera-Kakteenstachelsaftextrakthonig in weißer Schokolade. Mein Handy muss zum Telefonieren und SMS-Schreiben geeignet sein, mehr nicht. Auch bei Videospielen sind die schlichten Konzepte manchmal einfach reizvoller. Sinnfreies Holzen in Metal Slug statt taktische Ego-Shooter-Planung in Rainbow Six? Aber hallo! Sofortige Einsteigen-Losfahren-Kopf-an-Kopf-Rennaction statt stundenlangem Schraubendrehen im Tuning-Menü? Auf jeden Fall! Das zuviel bzw. eher zu wenig des Guten dann aber auch irgendwie stumpf werden kann, zeigt das von Capcom vertriebene Spyborgs leider überdeutlich. Für den höchst wahrscheinlich einmal eintretenden Umstand, dass das Gameplay des Wii-exklusiven Beat’em ups in einem Test abgefragt wird, könnt ihr euch dessen Zusammenfassung auf ein Fingerglied schreiben.
Spektakel
Dabei sieht alles erst mal so schön aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wenn ihr bei dem auf Zwei-Spieler-Koop ausgelegten Action-Titel selbige erst mal in Gang setzt, werden euch bildhübsche Partikel- und Lichteffekte um die Augen gehauen, eingebettet in detaillierte und, dank fein ausgewählter Kolorierung, äußerst stimmige Kulissen, bevölkert von flüssig animierten Charaktermodellen, präsentiert durch ruckelfreie Technik. Ein paar haushohe Bossgegner sorgen für den gewünschten Boah ey!-Faktor, den die Levelgestaltung leider nicht bietet. Gemäldetaugliche Ausblicke findet ihr praktisch gar nicht. Stilistisch erinnert Spyborgs an eine typische Samstagmorgen-Cartoon-Actionserie und wirkt dementsprechend austauschbar. Letzteres ist ein gutes Stichwort, denn könnte ich die Hintergrundmusik austauschen, ich würde es tun! Die immer gleichen E-Gitarren und Elektroschleifen sind das einzige was den Spielablauf in Sachen Eintönigkeit noch übertrifft. Glücklicherweise werden sie die meiste Zeit durch sehr passende, aber etwas schwachbrüstige Soundeffekte übertönt, von denen es durchaus noch ein paar mehr hätte geben können.
Gekrakel
Doch worum geht’s überhaupt? Im Solo-, wie auch im Multiplayer-Modus wählt ihr aus drei Spyborgs ein Zweier-Team und macht den Bösen den Garaus. Da hätten wir Stinger, den stereotypen Söldner-Muskelprotz mit Gatling/Rocketlauncher-Arm, Clandestine, das stereotype Cyber-Ninja-Mädel mit Samurai-Brotschneider und Bouncer, das stereotype, ebenso tonnenschwere wie schweigsame Robo-Gorilla-Haustier mit baumstammdicken Armen. Also erst mal eine ziemlich sympathische Truppe. Dieses Trio zieht gegen den bösen Jakal und seine wenig variantenreiche Maschinenarmee zu Felde. Über das Warum lässt euch das Spiel aber eine ganze Weile im Unklaren. Die Hintergründe der Feindschaft erfahrt ihr im Laufe des Spiels in den Zwischensequenzen oder, wie mittlerweile Usus, in vielerorts versteckten Audiolockbüchern. Spannend oder gar interessant ist das dünne Handlungsgerüst aber kaum. Seid ihr alleine am Start, übernimmt der Computer ziemlich zuverlässig die zweite Figur, zu der ihr jederzeit auf Wunsch wechseln könnt.
Debakel
So geht ihr also los und zerlegt in einem Abschnitt alle Gegner und unzählige Kisten, sowie Teile der Einrichtung, in denen sich verschiedenfarbige Funken befinden. „Funken“ ist dabei nur die Alibi-Neubezeichnung für die gleiche Art von Orbs, die inzwischen zu Third-Person-Hack’n Slays gehören, wie die Münzen zu Mario. Ich nenne sie Furbs, nein Orbsen. Blaue Orbsen heilen dabei die Energie, orange füllen die K.O.-Schlaganzeige, rote sind für den Kauf von Verbesserungen und grüne machen kurzzeitig unverwundbar. Ist ein Bereich gesäubert, ist der nächste dran und immer so fort. Immer wieder findet ihr unsichtbare Behälter, Schalter, Tonbänder und auch Gegner, die ihr mit Wii-Pointer und A-Knopf enttarnen könnt. Das macht das Gameplay aber auch nicht komplexer, sondern nimmt eher Tempo aus dem Spiel. Um der kybernetischen Übermacht herzuwerden stehen jedem Charakter ein leichter und schwerer Angriff, sowie Sprung und Block zur Verfügung, die sich zu einigen wenigen Combos aneinander reihen lassen. Nach jedem Level könnt ihr Upgrades, wie mehr Kraft und Gesundheit oder neue Moves kaufen. Das ist langweilig, aber notwendig, denn das Spiel ist recht schwer, was unter anderem an der mangelnden Übersicht liegt. Verrichtet die Kamera in den meisten Fällen noch einen recht guten Dienst, gehen die Helden in dem Inferno aus Funkensprühen und herumwirbelnden Metallmonstern schlicht unter, geschweige denn, dass sich die Angriffsmuster der Gegner deutlich ausmachen ließen und man so zum richtigen Zeitpunkt blocken könnte. Mit entsprechend gefüllter K.O.-Schlagleiste könnt ihr (Team-)Combos auslösen, die mal wieder das Nachamen von Controller-Bewegungen erfordern und, richtig ausgeführt, jeden Feind sofort zurück zu Dosenblech verwandeln und mit etwas Glück sogar noch einige der umliegenden Kontrahenten. Das war’s!
Pro und Contra
- + coole Grafik
- + gute Steuerung
- + netter Koop-Modus
- + fette Bosse
- - extrem eintöniges Leveldesign
- - Spieltiefe tendiert gegen null
- - schwache Story
- - wenig Gegnertypen
- - unübersichtliche Kämpfe
Spielt sich wie Flasche leer
Wie Eingangs erwähnt hab’ ich nichts gegen simple Konzepte und Spyborgs’ Spielprinzip hat enormes Potential für gedankenlose, aber unterhaltsame Koop-Action á la (Ar)carte. Doch das Spiel grenzt in seiner Stumpfsinnigkeit schon an völlige Hirninaktivität. „Unübersichtliches Gehacke, Weitergehen, unübersichtliches Gehacke, Weitergehen“ in der Endlosschleife. Nach fünfzehn Minuten habt ihr beinahe alles erlebt. Dann probiert ihr noch ein wenig zwischen den einzelnen Kämpfern und versucht vernünftige Combos anzubringen, na ja, und dann spielt ihr doch einfach weiter, bis die Birne leer ist oder ihr die Hoffnung aufgegeben habt, dass sich am Gameplay noch was ändert. Und es ist unglaublich, wie lange es bis zum ersten Endgegner dauert. Was haben sich die Entwickler bloß bei diesen riesigen, ereignislosen Levels gedacht? Dafür steuert sich die Action tadellos und ist überaus hübsch anzusehen. Und letztlich hat das Spiel dann doch wieder den gewissen Charme der Einfachheit, wo die Guten die Bösen bekämpfen und man friedliche Konfliktbewältigung nur aus Gruppentherapien für gehänselte Sozialkundestudenten kennt. Zu zweit macht die Geschichte etwas mehr Laune, auch wenn eigentlich nie echte Zusammenarbeit gefragt ist. Dafür kann der jeweils andere dann immer aufpassen, dass das eigene Gehirn nicht doch Beine bekommt und davon rennt.
Bewertung
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Kommentare (7)
Leoneo
T1M2K9
Ben Man
z101-Liste der Über-Titel wird immer dünner ;-)
Cuberde
Da das Spiel von keiner Seite aus besondere aufmerksamkeit gekriegt hat, kann dieses wohl kaum als "Hoffnungstitel" bezeichnen.
Und gute Grafik? Naja, vielleicht von dem Effekten her, aber der Stil...
Fühlt sich bei diesem Figurendesign noch jemand an "Actimel"-Werbung erinnert?
Saibot
zaziki78
wenns dann aber jemand mal macht muss ers natürlich wieder auf die spitze treiben bzw gleich übertreiben.
schade drum? wiiso sollte es das?^^
Matt1980