State of Emergency

16.01.2007 11:37
State of Emergency


Wer einen Blick in die Zukunft riskieren will, sollte sich auch darauf gefasst machen, dass man eventuell Dinge sehen könnte, die einem nicht gefallen werden. Im Jahr 2035 haben sich diverse Großkonzerne unter dem innovativen Namen THE CORPORATION zusammengeschlossen und die Weltmacht ansich gerissen. Sämtliche Medien wurden gleichgeschaltet, demokratische Wahlen abgeschafft und der Ausnahmezustand erklärt. Es versteht sich von selbst, dass dieser inakzeptable Freiheitsverlust eine Gruppe von Rebellen dazu veranlasst, den Kampf gegen die Corporation aufzunehmen - mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln...

State of Emergency definiert zwar das Thema Gewalt in Computerspielen nicht vollständig neu, aber der politisch höchst unkorrekte Umgang mit selbiger könnte sicherlich den Job einer 50 köpfigen BPJS-Kommission auf etliche Jahre sichern. Im Spiel metzelt man sich größtenteils als Rebell durch riesige Menschenmassen wie ein Mähdrescher während der Erntezeit. Sobald man die Geschichte mit dem Revolution-Modus startet, beginnt das Chaos in Reinkultur: Hunderte Leute plündern sämtliche Geschäfte und rennen wie von der Tarantel gestochen wild durch die Gegend. Mitten im Getümmel befindet sich der Spieler, der ähnlich wie bei dem großen Vorbild GTA viele Minimissionen absolvieren muss. Allerdings ist man im Gegensatz zu GTA oder True Crime lediglich per pedes unterwegs - fahrbare Untersätze gibt es leider nicht. Was wäre das für ein Spaß gewesen, mit einem Elektromobil oder Skateboard durch eine Shopping-Mall zu ausen. Nun ja, Wunschdenken sollte an dieser Stelle erlaubt sein.

Dafür wurde im Spiel definitiv nicht an geballter Feuerkraft gespart: Neben Pistolen, Uzis, Kalaschnikows, M16, Shotguns, Granatenwerfern, Miniguns, Raketenwerfern, Tränengaspistolen oder Flammenwerfern gibt es unter anderem auch Baseballschläger, Schwerter, Granaten, Molotov-Coctails oder Pfefferspray. Und selbst das herumstehende Mobilar lässt sich "sinnvoll" zweckentfremden und als tötliche Waffe einsetzen. Wenn das alles nicht helfen sollte, dann dürfen auch wirbelnde Fäuste oder Füße zum Einsatz kommen.

Einfacher geht´s nicht

State of Emergency besitzt im Wesentlichen 6 verschiedene Missionsarten: Natürlich dürfen in einem Actionspiel wie diesem die obligatorischen Aufträge der Marke "Töte Person XY" nicht fehlen. Und egal wie varierend die restlichen Mini-Missionen auch ausfallen mögen, letztendlich geht es bei diesem Titel ums blanke Überleben - wobei es sich in keinster Weise vermeiden lässt, eine blutige Spur der Zerstörung zu hinterlassen.

Auch Diebstahlsmissionen kommen immer mal wieder im Spielverlauf vor, in welchen bestimmte Gegenstände wie z.B. Geheimkoffer etc feindlichen Truppen der Corperation abgenommen und den freundlichen Rebellen aus der Nachbarschaft übergeben werden sollten. Auch Eskort- und Beschützeraufträge hat man bereits in anderen Spielen gesehen und bedürfen keiner großen Erklärung. Des Weiteren müssen gelegentlich Rebellen aus den Händen der Corporation befreit oder diverse Objekte in die Luft gejagt werden. Im Großen und Ganzen ist das Missionsdesign kurz und knackig gehalten - und somit genau das Richtige für zwischendurch. An die Genialität von Mafia oder GTA kommen die wüsten Actionsequenzen allerdings nicht heran. Macht nichts, letztendlich geht es bei State of Emergency nur ums pure Ballern im Retrostil. Entweder man mag diese Art von Spielen oder man lässt es bleiben.

Insgesamt muss der Spieler rund 175 Missionen erfüllen, die sich auf 4 große Level aufteilen. Die fehlende Abwechslung fällt nur bedingt auf, da das Shopping-Zentrum, Chinatown, die East Side und die Corporation-Zentrale relativ umfangreich designt wurden. Erfreulicherweise hilft auch eine einblendbare Karte, um verirrte Naturen zurück auf den rechten Weg zu ingen.

Action pur

Während des Spielverlaufs werden 3 neue Charaktere freigeschaltet - somit stehen dem Spieler insgesamt 5 muntere Gesellen zur Auswahl. Genreüblich hat jeder davon bestimmte Vor- und Nachteile, die sich beispielsweise bei der Laufgeschwindigkeit oder der Gesundheitsanzeige bemerkbar machen. Der Schwierigkeitsgrad ist leider verhältnismäßig hoch angesiedelt: Man sollte schon ein paar Actiongames im Laufe einer anständigen Zockerkarriere gespielt haben, um in den späteren Missionen voranzukommen.

Die Steuerung ist für ein schnelles Spiel dieser Sorte bis auf die Kameraperspektive recht gut gelungen. Sämtliche Aktionen lassen sich problemlos ausführen und dank des weißen Buttons gibt es wie bereits erwähnt eine übersichtliche Karte für alle Leute, die bereits im heimischen Aldi die Orientierung verlieren. Leider macht die Kamera dem Spielspaß mehr als einmal einen dicken Strich durch die Rechnung, da ein häufiges Nachjustieren viel zu oft auf der Tagesordnung steht.

Neben dem Revolution-Storymodus existiert auch noch ein witziger Kaos-Modus, der euch direkt in einen wählbaren Level teleportiert und dort gegen Hundertschaften von Gegnern antreten lässt. Die Zeit tickt hier gnadenlos gegen Euch: Getötete Feinde hinterlassen aber immer wieder Extras, welche die Zeitanzeige erneut auffüllen. Das Ganze funktioniert selbst ohne Story überraschend gut - zumindest für eine halbe Stunde, ansonsten ist die Luft schnell raus. Ähnliches gilt für den freischaltbaren Last Clon Standing Modus.

PlayStation2-Niveau

Der Optik sieht man erneut auf die PS2-Herkunft allzu deutlich an. Während der gesamten Spielzeit sucht man vergeblich nach tollen Xbox-Spezialeffekten, hochauflösenden Texturen oder realistischen Animationen. Dafür läuft der Titel immerhin zu 99 % flüssig, was aufgrund der Hundertschaften an Menschenmassen nicht unbedingt zu erwarten wäre. Außerdem ist die Umgebung schön interaktiv - angefangen von berstenden Scheiben bis hin zum zweckentfremdeten Mobilar.

Soundtechnisch gibt sich der Titel eher unspektakulär. Es wird nur selten Sprachausgabe verwendet und selbst der 08/15 Techno/Rock-Soundtrack ist kaum der Rede wert. Immerhin punkten die achialen Sound FX, was natürlich bei einem puristischen Actionspiel zur absoluten Pflicht gehört. Richtig vorbildlich ist außerdem die Unterstützung eigener Soundtracks ausgefallen. Was für ein Spaß, wenn man frustriert nach Hause kommt und schnell eine Runde State of Emergency zu den Klängen von Frank Sinatra oder Marilyn Manson zockt.

Unterschiede

Bisher hat sich die Xbox-Version nur marginal vom umstrittenen PS2-Original unterschieden. Wirklich neu ist aber der umfangreiche Multiplayermodus, der zwar nur über Splitcreen und nicht via Xbox-Live funktioniert, aber dennoch eine spaßige Alternative zum Singleplayer-Modus darstellt. Insgesamt kann man mit bis zu drei Freunden folgende Modi zusammen spielen: Multiplayer Kaos, Last Clon Standing, Deathmatch und Survivor. Die meisten dieser Multiplayergefechte sind entweder gegeneinander oder aber im Kooperationmodus möglich. All in all, hätte man mit einem Online-Modus in neue Spielspaß-Dimensionen vorstoßen können, so bleibt letztendlich dank des Splitscreens nur ein altbackenes Old School-Feeling, welches aber aufgrund der leicht stumpfsinnigen aber immer unterhaltsamen Dauer-Action durchaus die eine oder andere Party retten kann.

"Woke up this morning, the world turned upside down..."

(Meinung » Alexander Wilke)

Wer bisher dachte, dass man den umstrittenen Gewaltfaktor eines GTAs nicht mehr steigern kann, hat scheinbar State of Emergency noch nicht gesehen. Selbst wenn die üblichen Kritiker und Moral-Apostel dieses digitale Blutbad erneut für äußerst bedenklich halten werden, so zeichnet sich der politisch höchst unkorrekte Titel letztendlich nur durch eine stark überzeichnete Comic-Gewaltdarstellung aus. Die Provokation der öffentlichen Meinung ist trotzdem ein gelungener Werbegag, doch was bietet das eigentliche Spiel? Auf den ersten Blick klingen rund 175 Missionen noch unglaublich viel, aber da diese in lediglich 4 großen Leveln stattfinden, relativiert sich die schiere Anzahl der Aufträge recht schnell. Immerhin macht State of Emergency besonders nach einem anstrengenden Tag durchaus jede Menge Spaß und eignet sich perfekt zum schnellen Frustabbau - ganz besonders weil man neben den dutzenden Schießeisen auch nahezu jeden erdenklichen Gegenstand als Waffe einsetzen kann.

Wer die Wahl hat, hat die Qual: Nachdem für die Xbox bereits weit über 200 Spiele erschienen sind, fällt es immer schwerer eine eindeutige Empfehlung für einen mittelmäßigen Titel auszusprechen. Dennoch: Wer in seiner Brust, das Herz eines Kleinstadt-Rambos schlagen hört, der könnte mit State of Emergency richtig glücklich werden. Kein anderes Spiel kann derzeit den Wahnsinn und die Hysterie eines Ausnahmezustandes besser simulieren. Ich persönlich bleibe trotzdem lieber bei Take 2s anderen Spitzentiteln wie Mafia (PC), den beiden Max Payne-Spielen oder dem famosen GTA-Bundle.

Bewertung

State of Emergencyxbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.