Stormrise
11:22 Uhr - Creative Assembly, das SEGA eigene Entwicklerstudio, scheint ein Doppelleben zu führen. Während die Jungs mit „Empire: Total War“ ein absolutes Top-Spiel programmiert haben, scheinen sie sich den ganzen negativen Frust aufgehoben zu haben und in ein Spiel zu stecken: Stormrise für die PlayStation 3, Xbox 360 und alibiweise den PC. Eigentlich soll es in Sachen Echtzeitstrategie auf Konsole neue Maßstäbe setzen. Nun, das hat es auch, und zwar in der Hinsicht, wie man eine gute Grundidee völlig verhunzen kann.
Der Klassiker: Menschheit versucht Natur zu beherrschen
Ich hätte gleich stutzig werden müssen, als ich plötzlich Stormrise auf dem Schreibtisch liegen hatte. Da liegt ein Echtzeitstrategiespiel von Creative Assembly und ich hatte im Vorfeld nahezu nichts davon gehört. Keine große Werbekampagne oder sonstige PR-Aktionen. SEGA wusste wohl, dass es hier getrost sparen konnte, denn was dabei herausgekommen ist, lässt sich nur mit einem „Schade“ abtun. Dabei hätte alles so schön werden können. Stormrise präsentiert sich nämlich überhaupt nicht wie ein B-Titel. Das Intro und die Story sind ansprechend gemacht. Die Menschheit hat versucht, die Natur zu kontrollieren, was dazu geführt hat, dass schließlich die Natur die Menschheit kontrolliert bzw. nahezu zerstört. Die wenigen Überlebenden gliedern sich in zwei Gruppen: Die Echelon und die Sai. Während die Echelon sich in der Zeit der Katastrophe in sichereren Bunkern verschanzt haben und durch einen künstlichen Schlaf die Krise überstehen wollten, sind die Sai das Ergebnis der Überlebenden, die der Natur ausgesetzt waren und folglich nur um das eigene Überleben kämpfen. Logisch, dass sich beide Gruppierungen nicht besonders mögen und diese Meinungsverschiedenheit per Waffengewalt lösen. Klar, wir haben hier ja auch ein Echtzeitstrategiespiel und keinen virtuellen Debattierclub. Der Spieler gehört den Echelon an und wird als eine Art „Auserwählter“ angesehen. Und wenn man der „Auserwählte“ ist, dann bekommt man im Gegensatz zu dem restlichen Pöbel gleich einen Kampfroboter gestellt, der mit einem Flammenwerfer und anderem Schnickschnack ausgerüstet ist – eben alles, was einen vom gemeinen Volk abhebt. Die ersten Minuten von Stormrise sind auch die besten des Spiels, denn hier bekommt man durch gute und stimmige Zwischensequenzen das Gefühl vermittelt, dass in der feindlichen Welt ordentlich aufgeräumt wird.
Zappen: Wie Fernsehen!
In dem Tutorial wird man auch gleich mit der außergewöhnlichen Steuerung, die ja bekanntlich Hauptaugenmerk von Stormrise sein soll, vertraut gemacht. Besonderheit Nr. 1 (merkt euch die Besonderheiten, denn ich werde sie später nur noch mit ihren Nummern bezeichnen): Man sieht alles aus der Perspektive der jeweils angewählten Einheit, deren Typen ziemlich klassisch sind. Da hätten wir die normalen Fußtrupps (Kanonenfutter), Fußtruppen mit MGs (Kanonenfutter, das Fußtrupps ohne MG zu Futter verarbeitet) und Panzer der Ultrazerstörung (für irgendjemanden muss das Futter ja da sein) sowie ein paar Flugeinheiten. Nichts Abgefahrenes also, dafür geht es auf Seiten der Sai ein wenig skurriler zur Sache, z.B. durch riesige Kampfkrabben und fliegende Würmer. Besonderheit Nr. 2: Will man zwischen den Einheiten wechseln, muss man zappen – möglich wird dies durch das revolutionäre „Whip Select“-System. Dabei müsst ihr den rechten Stick berühren, so dass ein Lichtkegel erscheint. Den müsst ihr nun so bewegen, dass er auf das Icon einer befreundeten Einheit landet. Lasst ihr den Stick jetzt los, fährt die Kamera mit „Mach 5“-Geschwindigkeit zum ausgewählten Kampftrupp. Klingt simpel, ist es auch und geht gut von der Hand – wenn man nur drei Einheiten auf dem Bildschirm hat. Das ist im Tutorial der Fall und macht hier auch Spaß. Per Druck auf die A/X-Taste schickt ihr den ausgewählten Trupp zur markierten Stelle. Gegner werden mit dem selben Verfahren angewählt und hoffentlich vernichtet. Soweit die Theorie und soweit gut funktionierend, wenn man sich im Tutorial befindet. Jetzt geht es aber ans Eingemachte bzw. in die erste Mission.
Fernsehen ist doch lustiger
Und genau hier hörte der Spaß auf. Denn hier hatte ich plötzlich das Kommando über zwei Mechroboter sowie 5 Infanterietrupps. Ok, schicke ich also zuerst meinen Helden im Mech los, der wird aufklären. Die ersten Biester sind auf dem Weg schnell erledigt. Wie mir hier schon auffällt, greift mein Schützling während des Laufens nicht automatisch an. Ein Punkt, der mich später noch Heerscharen an Infanterieeinheiten kosten wird. Nebenbei wird mir erklärt, wie ich Spezialfähigkeiten meines Helden einsetze. „Einfach“ auf einem durch Knopfdruck eingeblendeten Kreismenü auswählen und loslegen. Auch hier beschlich mich das Gefühl, dass mich in Zukunft jede Menge unnötiges Kreismenü-Aufrufen erwarten wird, denn nicht nur mein Held besitzt Spezialfähigkeiten – jeder Idiot von Infanterie-Blödian besitzt so eine Fähigkeit. Die Enforcer zum Beispiel besitzen ein Schild, das sie bei Bedarf anheben können, um weniger Schaden einstecken zu müssen. In dieser Phase sind sie aber bewegungsunfähig und können nur ausgerichtet werden (da merkt man den Einfluss von Empire: Total War aber nur gaaaaaanz wenig). Will man seine Jungs zum Weitergehen bewegen, muss man ihren Zustand im Kreismenü erst auf „Neutral“ setzen. Erst dann nehmen sie ihre Schilder herunter und laufen weiter. Schön, dass mir das jemand gesagt hat. Aber ich lenke ab. Habt ihr nämlich schon mal versucht, 10 Trupps den Befehl zu geben, den Schild herunterzunehmen? EINZELN? Das läuft dann so ab: Zur Einheit hinzappen, Kreismenü – „neutral“ wählen, fertig, zur nächsten Einheit zappen ... zwischendurch zappt man die falsche Truppe an, weil man in dem Klüngel der Icons nicht mehr weiß, wer denn noch den Schild oben hat. Ihr könnt euch vorstellen, wie lange es gedauert hat, eine Spezialfähigkeit abzuwählen.
Bauen und beten
Aber ich bin ja immer noch auf Erkundungstour mit meinem Helden. Der macht die ersten Angreifer locker fertig, steckt aber auch Schaden ein. Klar denke ich mir, dass ein Held seine Lebensenergie regeneriert und ich ihn weiter ins Gefecht schicken kann. Nix da, lieber Spieler. Hier regeneriert sich höchstens die Abneigung gegen Stormrise. Jeder verdammte Treffer treibt die Lebensanzeige des Mechs nach unten. Ist die bei Null angelangt, explodiert das Teil und man hat die Mission verloren. Ihr wisst worauf ich hinaus will. Da kämpft man sich durch Massen von Gegnern, aber im finalen Ansturm lässt man seinen Helden in Sicherheit, da er nur noch 3 HP hat. Ein toller „Auserwählter“ ist mir das. Aber ich habe ja keine andere Wahl. Meist gilt es, bestimmte Punkte zu erobern und sie auszubauen. So kann ich zuerst Geschütztürme anfordern (empfehle ich), Raffinerien ranbauen, die die Energiezufuhr erhöhen (wichtig zum Anfordern neuer Einheiten) und Schilde zum Schutz aufbauen. Ein Reparatur-Dock zum behandeln meines Helden suche ich hier vergeblich. Danke. Währenddessen werde ich ständig von den Sai angegriffen, die fortwährend respawnen und meine Enforcer zu Klump schießen. Hier hilft nur eine absolute Übermacht an eigenen Einheiten, um der chaotischen Schlachten Herr zu werden. Und ihr wisst, was das bedeutet. Genau: Zappen, was das Zeug hält, und das bei einer Ansammlung von 20-30 Einheiten. Viel Spaß beim Finden des richtigen Cursors. Und noch mehr Spaß beim Auswählen der Spezialfähigkeiten. Ich habe das Problem so gelöst: Einfach gaaaaanz viele Einheiten bauen und auf einen Punkt schicken. Und beten. Zum Glück habt ihr genug Energie, um quasi unendlich Kampftrupps zu „pumpen“. Die einfach immer hinterher schicken. IRGENDWANN werden sie den Computer schon knacken. Glaubt aber nicht, durch irgendwelche Flankier-Aktionen den Gegner überraschen zu können – ihr könnt nämlich nicht flankieren, da es einfach unmöglich ist, zwei Angriffe zu koordinieren. Zappt ihr auch nur einmal falsch, kann es sein, dass ihr am anderen Ende der Karte landet und die zickige Kamera euch die Orientierung völlig kaputt macht. Begleitet wird das hilflose herumgezappe ständig von einem „Einheit verloren“, das fast schon spöttelnd wirkt („Na, kommst du grad nicht klar? Ohhhh, deine ganzen Einheiten gehen gerade drauf.“). Falls ihr eine Taste sucht, die euch zeigt, wo gerade eure Mannen sterben, lasst es. Das hätte sonst etwas mit Komfort zu tun. Zum Glück gibt es aber noch die strategische Karte. Moment, ich muss kurz lachen. Glaubt mir, mit einem Bleistift und einem Karo-Blatt kriegt ihr eine „strategischere“ Karte hin als dieses grüne Ding, was auf den Bildschirm gestanzt wird, wenn man Select drückt. Hier könnt ihr euch das Geschehen quasi aus der Totalen angucken. Da seht ihr dann ganz viele rote (böse) und grüne (gut) Punkte. Ihr könnt in dieser Ansicht, die sich so unglaublich schlecht drehen bzw. zwecks besserer Übersicht kippen lässt, das man glaubt, die Entwickler wollten sich gegenseitig überbieten, wer den Spieler am meisten ärgern kann, weder den Truppen Befehle geben noch sonst irgendwelche Informationen herauslesen, die von taktischem Vorteil wären.
Technisch wirkt Stormrise, wie soll man es anders sagen, „Grau“. Hier ist alles Grau. Die Mechs, die Enforcer, die Panzer, die Umgebung, alles ist von einem ständigen „Grau“pelschauer umgeben. Man kann nicht sagen, dass Stormrise hässlich ist, aber wenn man sich mal die Schlachten von Empire: Total War anschaut, in denen sich bis zu 1000 Einheiten simultan die Rübe einhauen, dann weiß man, was Creative Assembly kann. Die Optik lässt sich also als „durchschnittlich“ bezeichnen. Trotzdem kommt es auf allen Systemen zu massiven Framerateeinbrüchen, sei es in den Zwischensequenzen oder heftigen Feuergefechten. Hier wurde eindeutig geschlampt. Für alle PC-Besitzer sei noch gesagt, dass ihr für Stormrise Windows Vista benötigt. Unter XP verweigert das Spiel unter dem "Games for Windos LIVE"-Logo die Installation.
Pro und Contra
- + Nette Inszenierung
- + Gamerscore
- + Trophäen
- + Zappen ist eine gute Idee
- - Steuerung macht ALLES kaputt
- - Technisch schwach
- - Kein Taktieren möglich
- - ...wenn man fern sieht
- - Übersichtskarte ist ein Witz
- - Held regeneriert sich nicht
- - Auf PC nur unter Vista
Was machen Creative Assembly?
Ich stelle mir die Entstehung von Stormrise so vor: Beim Zappen durch das Fernsehprogramm ist jemand von Creative Assembly aufgefallen, dass es doch verdammt cool wäre, durch Einheiten in Echtzeitstrategiespielen zu schalten. Er hat das laut ausgesprochen, woraufhin ein Spiel in Auftrag gegeben wurde, dass sich Stomrise nannte. Da die Jungs aber gerade mit Empire: Total War beschäftigt waren, war die Belegschaft so sauer auf den Ideenhaber, dass sie ihre Wut auf das Spiel projiziert haben. Also haben sie sich zusammengesetzt und überlegt, wie man diese gute Grundidee durch möglichst fiese Gameplayelemente zunichte machen kann. Bei diesem Brainstorming kam es dann zu Ideen wie die beschränkte Kameraperspektive, nutzlose Übersichtskarte, ein Held, der sich nicht regenerieren kann, sowie eine kaputte Technik. Verdammt, waren die Jungs in der Ausarbeitung dieser Punkte gut. Eigentlich wollte ich diesem Titel eine Chance geben, aber er ließ mich nicht. Zum Glück hat man das „Whip Select“-System patentiert und wird es hoffentlich später noch einmal verwenden. Vergesst Stormrise!
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Kommentare (6)
Spielereins
Mr Happy
Es hatte mich vom Setting her eigentlich total angesprochen (hat mich an KKND in 3D erinnert), aber als es dann so klammheimlich ohne Demo rauskam, wurde ich schon etwas mißtrauisch.
Danke für die zeitnahe Warnung bzw Test Areagames
kingmo
Morn
Saibot
Hätte eher so mit ner 7/10 oder gerechnet, aber gekauft hätt ichs wohl so oder so nicht...
Cabal2k
Ja genau, deswegen ist das auch auf fast jedem System der Welt unspielbar, selbst ein Core2Duo mit 4Ghz pro Kern und eine GTX 295 brechen gnadenlos ein in 1920x1200, unter 15 FPS sind keine seltenheit wenn die Action mal losgeht. Und warum ist das so? Weil die jungs noch nie was von "Multi" gehört haben, weder Multi-CPU noch Multi-GPU ist denen ein Begriff...
Gameplaymäßig haben die es bei Empire geschafft, grafik ist überragend, aber die Technik ist ein Hohn! Ärger mich schon das ich das Game gekauft habe und es jetzt dank Steam nicht wieder verkaufen kann....