TD Overdrive

19.01.2007 10:28
TD Overdrive


Eigentlich ist es verwunderlich, dass die Marke Test Drive in Europa einen recht schlechten Ruf genießt. Zwar glänzten die vorhergegangenen sechs Teile der Serie nicht gerade durch Originalität, boten doch mit Ausnahme von Teil 3 (PC) immer solide bis gute Rennspielkost. Gerade in den USA steht daher die Test Drive-Brand für Qualität, weshalb auch andere Infogrames-Titel wie die V-Rally-Reihe (PSOne, PS2 und Dreamcast) oder auch Die 24 Stunden von LeMans (Dreamcast, PS2) dort als Teil dieser Serie auf den Markt kamen. Aufgrund der anfangs erwähnten Unbeliebtheit in europäischen Gefilden wurde auf einen PAL-Release von Test Drive 6 (PSOne) gänzlich verzichtet und im neuesten Werk, das Infogrames unter dem kultigen Atari-Label herausgeacht hat, nur noch die Initialen der ehemals legendären Reihe verwendet.

Ähnlich zu Bizarre Creation's aktueller Rennspielperle Project Gotham Racing finden sämtliche sämtliche Rennen von TD Overdrive in den vier internationalen Großstädten San Francisco, Tokyo, London und Monte Carlo statt. Im Hauptmenü erwarten Euch neben den üblichen Spielvarianten Einzelrennen, Zeitfahren und Multiplayer auch die Punkte Cop-Chase und SatNav-Herausforderung.

Während die Polizei-Jagden schon seit Teil 4 fester Bestandteil der Test Drive-Reihe sind, und Ihr wie gewohnt sowohl in die Rolle des Gesetzeshüters als auch des Geschwindigkeitsrowdies schlüpfen dürft, bildet die Satellitenherausforderung ein Novum der Serie: Hier werdet Ihr durch plötzlich auftretende Richtungshinweise in der Metropole Eurer Wahl hin- und hergehetzt, jederzeit das recht knappe Zeitlimit im Nacken. Dank regem Zivilverkehr auf den Straßen sind gelegentliche Unfälle, die das Raserleben nicht unbedingt vereinfachen, nur schwer vermeidbar.

Zunächst steht Euch jedoch nur ein Bruchteil der insgesamt über 20 Fahrzeuge von Dodge Charger bis Jaguar XJ 220 zur Verfügung, und auch die Streckenvielfalt will erst einmal freigespielt werden, bis Ihr am Ende aus über 40 unterschiedlichen Rennen auswählen dürft.

Werkzeug hierzu ist der soganannte Untergrund-Modus, der Euch vor eine Karriere als Nachwuchsfahrer illegaler Straßenrennen stellt. In der Rolle des Amerikaners Dennis Black werdet Ihr von einem genauso mysteriösen wie wohlhabenden Briten namens Donald Clark als Fahrer engagiert. Clark hat früher selbst erfolgreich Rennen gefahren, bis ihn ein schwerer Unfall temporär an den Rollstuhl gefesselt hat. Im Laufe Eurer hoffentlich ruhmreichen Karriere werdet Ihr mit den verschiedensten Gegnern konfrontiert, die Euch - genau wie Mr. Clark - vor und nach den Rennen per Videolink kontaktieren.

Im Laufe des Untergrunds ennt der Asphalt runden- oder abschnittsweise, zeitweise tretet Ihr auch zu einer Reihe von Drag-Rennen an, bei denen das richtige (manuelle) Schalten der einzige Weg zum Sieg ist. Von Zeit zu Zeit fühlt sich außerdem ein Konkurrenz dazu beflügelt, Euch zu einem 1 gegen 1-Rennen herauszufordern, bei dem der Sieger neben dem schlichten Ruhm auch das Gegnerfahrzeug abstaubt. Die restlichen Rennen lassen Euch gegen jeweils 5 weitere Gegner und die stets wachsame Polizei antreten, die per simpler Verhaftung Eurer Karriere kurzerhand ein jähes Ende setzen kann. Meist müsst Ihr Euch für ein erfolgreiches Weiterkommen nach der Zieldurchfahrt unter den ersten Dreien plaziert haben, später wird gar der oberste Podiumsplatz zur Voraussetzung des Erfolgs. Frustgefährdete Spielernaturen unter Euch atmen ob der Option unendlicher Neustarts (erfreulicherweise ohne erneute Ladepause) erleichtert auf.

Glücklicherweise gestaltet sich das Wagenhandling genauso eingängig, wie von Wagen zu Wagen unterschiedlich. Während die kultigen Muscle Cars zum Ausechen des Hecks neigen, liegen Supersportwagen vom Schlage eines Lotus Esprit deutlich aver auf der Straße. Insgesamt haben sich die Entwickler von Pitbull Syndicate für ein sehr arcade-lastiges Gameplay entschieden, was sich mit zunehmender Spieldauer als Ideallösung erweist.

Die Gegnerfahrzeuge werden beizeiten extrem geboostet, stellen sich also auf Euer Fahrverhalten sehr genau ein. So wird Eure Führung nach einem fatalen Crash nicht lange halten - fairerweise könnt Ihr die vorbeigezogene Gegnermeute Eurerseits aber genauso schnell wieder einholen, so dass von Rennanfang bie Rennende Spannung garantiert ist. Dass auch der Humor während der Action garantiert ist, untermauern wahllos auf den Pisten verteilte Sprungschanzen und mehr oder weniger coole Gegnersprüche bei Überholvorgängen.

Dass die Xbox-Version von TD Overdrive auf der parallel entwickelten PS2-Fassung basiert, wird glücklicherweise nur durch die etwas verwaschenen Texturen deutlich. Ansonsten gibt es wenig Anlass zum Ärger, denn technisch kann der Titel durchaus auch auf der Xbox überzeugen: Eine zum größten Teil konstante Framerate von 60 Bildern pro Sekunde im PAL 60-Modus (50 fps bei 50 Hz) vermerken wir genauso positiv wie zahlreiche schöne Licht- und Wettereffekte. Die Streckengrafik weiß durch detaillierte Umgebungen zu gefallen, die im direkten Vergleich selbst Project Gotham Racing überflügeln. Dies gilt leider nicht für die Wagenmodelle, die zum Teil etwas lieblos und detailarm modelliert wurden. Die erfreulich kurzen Ladepausen dürft Ihr Euch zudem mit einer kultigen Partie Pong verkürzen, die uns ohne die langen Ladezeiten der PS2-Version und Trend-Label Atari vermutlich verwährt geblieben wäre.

Technik-Freaks freuen sich zudem über serienmäßigen 16:9-Support und sehr nette Dolby Digital 5.1-Unterstützung, Leider klingen die meisten Motorengeräusche etwas eiig, doch Umgebungs- und Gegnersounds ertönen physikalisch korrekt aus der jeweiligen Richtung. Musikalisch steuern bekannte Acts wie Junkie XL, Moby, Bubba Sparxxx, Ja Rule und DMX ihre Hits bei - trifft diese Auswahl nicht Euren persönlichen Geschmack, besteht glücklicherweise die Möglichkeit, Eure eigenen, gerippten Tracks von der Xbox-HD auch im Spiel zu implementieren. Allen Verächtern mieser deutscher Synchronsprecher würden wir zudem nahelegen, vor dem Spielen von TD Overdrive die Systemsprache der Xbox auf Englisch umzustellen, denn ansonsten werden die zahlreichen Spieldialoge nur äußerst motivationslos in unserer Landessprache heruntegelesen.

Multiplayer-Freunde können leider nur maximal zu zweit und ohne Computergegner in diversen Rennen antreten, wenigstens müsst Ihr Euch auch hier noch mit schadenfreude-erzeugendem Zivilverkehr herumplagen. Zumindest die Framerate bleibt im Splitscreen erfreulich flüssig, trotzdem gehört ein optionaler 4-Spieler-Modus heutzutage eigentlich zum Standard.

"Storylastiges Rennvergnügen"

(Meinung » Matthias Loges)

Allen Dreamcast-Besitzer, die seinerzeit mit Speed Devils ihren Spaß hatten, ist TD Overdrive geradezu auf den Leib geschneidert. Endlich hat ein Entwickler wieder einmal das Konzept einer storybasierten Karriere mit charakterisierten Gegnern aufgegriffen und erfolgreich umgesetzt! Leider ist der Ablauf Eurer Laufbahn letztendlich sehr linear, was dem Spielspaß jedoch keinerlei Abuch tut.

Die gelungene technische Umsetzung tut ihr Üiges, um das Rennpielerlebnis im positiven Sinne zu intensivieren. Die Spielgeschwindigkeit kommt zwar nicht ganz an die derzeitige Highspeed-Referenz Burnout heran, dafür laufen Unfälle mit zivilen Verkehrsteilnehmern weitaus fairer ab und sind meistens auch vermeidbar. Insgesamt ist Infogrames mit TD Overdrive ein sehr spaßiges Rennspiel gelungen, das sich kein Genre-Fan entgehen lassen sollte - alle anderen dürfen dank des zu Anfang einsteigerfreundlichen Schwierigkeitsgrads ruhig einmal ausführlich anspielen!

Denn bedenkt: Wer sich einmal auf TD Overdrive einlässt, der wird sich erst wieder schweißgebadet zurücklehnen, wenn ein gewisser Vasily seine Dodge Viper GTS-R Concept im Duell verloren hat. Doch das ist eine andere Geschichte, die es für Euch selbst herauszufinden gilt...

"Ein Test Drive ist zu empfehlen"

(Meinung » Alexander Laschewski)

Dank konsequent schlechten Fortsetzungen, konnte man in den letzten Jahren eine Gruppe Rennspielfans mit einem lauten Ruf "Test Drive!" einen ordentlichen Schrecken einjagen. Zu sehr schien die einstige Kultreihe den Anschluss an die Genre-Platzhirsche wie Need for Speed, PGR und GT3 verloren zu haben. Mit Test Drive Overdrive gelingt jedoch das Comeback: In cooler "The Fast and the Furious"-Athmosphäre düst man durch abwechslungsreiche und lange Stadtkurse. Die Options-Vielfalt anderer Titel wurde hier glücklicherweise auf ein Minimum reduziert: Man icht schnell das peinliche Geabbel der digitalen Rennkonkurrenten ab, wählt ein Auto und fährt los. Selbst in den kurzen Ladepausen kann man noch mit einer Runde PONG seinen Spaß haben.

Test Drive Overdrive ist daher ein rasantes Arcade-Rennspiel im Stil von "Crusin USA" bei dem man sich immer wieder daran erinnern muss, dass es keine gute Idee ist, Münzen in die Xbox zu werfen. Wer bei Rennspielen weniger Wert auf realistische Fahrphysik und Gegner-KI legt, sich dafür aber gerne bis zur Ziellinie mit den gegnerischen Fahrzeugen um den ersten Platz prügelt, sollte beim Händler seines Vertrauen vorstellig werden. Die rasante Action lässt dann sogar über die peinlichen geratenen Zwischensequenzen im Minimalstil hinwegsehen.

Bewertung

TD Overdrivexbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.