Tales of Vesperia
15:29 Uhr - Importhändler führen Tales of Vesperia schon dermaßen lange in ihren Angeboten, dass man auch als verarmter AreaGames-Redakteur nicht um den vorzeitigen Erwerb des japanischen Rollenspiels herum kam. Was natürlich den Vorteil hat, dass ich euch hier nun relativ pünktlich zum Start einen Testbericht auf Basis längeren Spielens ohne viel Druck und Hast abliefern kann. Die Basics liefert mein altbekannter Erfahrungsbericht aus der Anfangsphase des Spiels, um nicht zu viel spoilern zu müssen. Das Fazit verrät euch im Anschluss dann kurz und knackig, ob Tales of Vesperia den starken Ersteindruck auch später noch bestätigen konnte.
Malerisch geradlinig
Als das eigentliche Spiel mit einer Ingame-Dialogszene begann, war ich mir im ersten Moment noch gar nicht im Klaren darüber, bereits Spielgrafik zu sehen. Die tatsächlich wie gemalt wirkende Optik von Tales of Vesperia ist derart flüssig und weich, dass ich fast zu sagen gewollt bin, noch nie zuvor eine so überzeugende Comicgrafik in Bewegung gesehen zu haben. Klar, Titel mit einem ähnlichen Cell-Shading-Stil hat man inzwischen schon einige gesehen. Doch so kanten- und flimmerlos wie hier, mit so viel dreidimensionaler Perspektive und trotzdem Liebe zum Zeichendetail? Zugegeben, ich bin kein Mega-Experte was japanische RPGs im Allgemeinen angeht, vielleicht fehlen mir also die echten Vergleiche aus der Insiderszene (außer dem ebenfalls hübschen Eternal Sonata, dessen Umgebungen ich jedoch als etwas grober empfinde). Tales of Vesperia hat mich optisch aber auf alle Fälle von Anfang an beeindruckt und damit atmosphärisch gleich ins Spielgeschehen ziehen können. Eine kleine Enttäuschung ist dagegen, dass die vielen, zumeist sinnlosen Nebendialoge mit Statisten-NPCs (fast schon Genre-typisch) unvertont geblieben sind. Eher unmotiviert skippe ich mich durch die ersten der obligatorischen „Straßenhund macht Wuff-Wuff“- und „Hallo, liebes Mädchen! Oh, du bist nur ein Typ mit langen Haaren, ha,ha,...“-Sprechblasen, bevor ich mich entscheide, weniger investigativ, mehr zielgerichtet der Hauptstory zu folgen. Habe eh nicht das Gefühl, dies sei ein RPG, bei dem es unbedingt so viel abseits der Hauptpfade zu entdecken gibt. Und hey, ohne dieses unergiebige Nebengeplänkel kommt sowieso viel mehr „Anime zum Mitspielen“-Feeling auf.
You are Yuri
Das hatte ich auch auf alle Fälle in den ersten Minuten von Tales of Vesperia, in denen ich Hauptcharakter Yuri vorgestellt bekomme, der als ständig abgefuckter aber am Schwert doch ziemlich talentierter und auch so recht cleverer Jungspund im Armenviertel der imperialen Hauptstadt vor sich hin gammelt. Im Schlepptau stets sein treuer Hund (überzeugter Pfeifenraucher), mit dem er sich ab und an gar unterhält. Die Tatsache, dass sein Bezirk zu überfluten droht, schafft es Yuri wider Willen aus seiner Bude zu locken und mal wieder an die frische Luft zu bringen. Natürlich ist er in Folge dessen der Einzige weit und breit, der ein fehlendes Emblem am Stadtbrunnen als Ursache des nassen Übels ausmachen kann. Bis zum ersten Aufeinandertreffen mit dem Siegeldieb in dessen Villa wirkt Tales of Vesperia wie ein Zeichentrick-Adventure, das fast wie von alleine abläuft. Optikstil und Handlung sind zwar interessant genug, um mich auch dank einer hervorragenden englischen Synchronisierung so weit bei der Stange zu halten, meine Hände am Controller fühlen sich abgesehen vom ständigen „A“-Drücken, um die Dialoge fortzutreiben, anfangs aber doch recht unausgelastet.
Rundum rundenfrei
Dies ändert sich spätestens nach meinem story-bedingten Gefängnisaufenthalt im Anschluss an den kurzen Ausflug ins Reichenviertel. Einzelne Wachmänner und kleine Soldatengrüppchen (die stets sichtbar eingeblendet werden und nicht etwa zufallsbasiert aus heiterem Himmel auftauchen) bedürfen etwas Haue, wobei das Spiel jeweils in eine Japan-RPG-typische Kampfarena abseits der normalen Spielwelt wechselt. Hier wird – so ist es neuerdings offenbar Mode im Genre – in Echtzeit gekämpft, während Menüs und sonstige Aufmachung nach wie vor klassisch anmuten. Hat man sich erst mal daran gewöhnt, dass man auch beim Blocken stets Schaden einsteckt und es eher Ziel ist, gegnerische Schläge zu lindern als sie komplett zu vermeiden, machen die Geplänkel sogar ganz schön Laune. Möglichst lange Kombos sind dabei essenziell, die 360°-Umgebung bietet taktisches Stellungsspiel in Echtzeit und mit jedem zusätzlichen Charakter in der Partie (als erstes stößt eine sehr effektive Heilerin hinzu) gewinnen die Kämpfe strategisch an Tiefe. Mikromanagement müsst ihr dabei nicht befürchten, eure Kumpanen werden getreu eurer Grundvorgaben K.I.-gesteuert und stellen sich dabei sogar ziemlich geschickt an. Auch die Menüs sind so zugänglich simpel gestaltet, dass man sich voll und ganz auf die wesentlichen Echtzeit-Fights konzentrieren kann. Derer bin ich mir nach einer kürzen Eingewöhnungsphase übrigens so sicher geworden, dass inzwischen selbst drei oder mehr Gegner auf einmal kein großes Problem mehr darstellen und auch der erste kleine Bossbattle locker von der Hand geht. So darf es ruhig weitergehen, denn gerade die ständigen Standardkämpfe zum Aufleveln arten auf diese Weise im flüssig vonstatten gehenden Echtzeitsystem nicht in zähes Abarbeiten aus, wie es gerade zu Rundenzeiten noch bei mittelprächtigen Genrevertretern wie Enchanted Arms der Fall war.
Pro und Contra
- + Fast perfektionierter Anime-Stil
- + Charaktere und Dialoge aus begabter Feder
- + Eine Story voller wunderbarer Märchenmomente
- + Fast keine Zwangskämpfe
- + Kampfsystem in Echtzeit
- - Kein freies Speichern
- - Sprachausgabe nur auf Englisch
- - Bezieht seine Tiefe weniger aus der RPG-Spielmechanik
Schöne Geschichte
Genau so flüssig bin ich auch stets mit Tales of Vesperias wunderbar fantasievoller Handlung vorangekommen, die nicht zuletzt von ihren sehr guten Haupt-Dialogen (die optionalen Gespräche sind eher belanglos) getragen wird. Während ich mich von den ständigen Gesprächsunterbrechungen in den meisten anderen japanischen RPGs in der Regel eher gestört fühle, fügen sie sich hier sehr stimmig ins Gesamterlebnis des Spiels ein. Und dieses Gefühl habe ich bei Tales of Vesperia was jedes einzelne Element angeht. Seien es nun die flotten Fights, das geradlinige Vorankommen von Storypunkt zu Storypunkt bzw. Ort zu Ort (man folgt immer einem klaren roten Faden, auch bei Zugang zur weitläufigeren Oberwelt) oder die wunderschöne Zeichentrickgrafik, die sich im Direktvergleich wohl einzig in Sachen lebendiger Animationen Eternal Sonata geschlagen geben muss. Da ich meine Feinde in der Spielwelt tatsächlich sehe, kann ich sie innerhalb der einzelnen Locations und auch auf der Weltkarte meistens umgehen, was Zeitanspruch und Nerven schont. Weniger auf dem Stand der Zeit sind dagegen das nicht-freie Speichersystem anhand von reinen Autosaves und die fehlende deutsche Synchronisation (Sprache Englisch, nur Texte auf Deutsch). Nichtsdestoweniger ist Tales of Vesperia mehr als nur ein Lückenfüller für Fans japanischer RPGs. Es ist eine liebevolle Geschichte mit Charakteren, die ans Herz wachsen, erzählt in feinster Zeichentrickgrafik. Vielleicht fehlt es am spielerischen Tiefgang, um in noch höhere Wertungshöhen vorzudringen. Die Story verzaubert in den gut 40-50 Stunden normaler Durchspielzeit dafür um so mehr und darauf sollte es Fans dieser Art von Spiel wohl am meisten ankommen.
Bewertung
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Kommentare (19)
kalumet72
bin normalerweise kein großer Japano-RPG-Fan, aber das werde ich mir definitiv mal ausleihen
und anzocken.
sieht gut aus!
Elite
BMST
Rude
BLaZin
Ich hätte wohl auch eine 8/10 gegeben.
Aylon5
Wollte StarOcean vorher eigentlich noch durchspielen bin aber vom anspielen von Vesperia nicht mehr weg gekommen.
So ich werde mich jetzt mal weiter diesem überaus stimmigen Spiel witmen =)
Daniel Pook
Aber doch nicht so richtig. Also die Stats und so werden gesaved, aber nicht alles so wie man gerade ist.
jiro
Maz
Pairikas
Und Fans der Tales of Reihe (wie ich) werden hier garantiert nicht enttäuscht.