Tetris Worlds

16.01.2007 12:12
Tetris Worlds


Welcher Videospieler erinnert sich nicht daran, einen GameBoy mit Tetris besessen zu haben? Kaum ein anderes Bild steht so signifikant - einem Stigmata gleich - für den Beginn der massentauglichen Videospiele. Zwar lässt sich kaum nachvollziehen, ob nun Tetris den Erfolg des GameBoy begründete oder umgekehrt ... fest steht jedoch: Es war eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht (siehe Extra-Kasten).

Bei THQ entschloss man sich nun, diesen Erfolg fortzusetzen und ingt das meistverkaufte Computerspiel aller Zeiten auf die Next Generation-Konsolen. Tetris Worlds verblüfft den Kenner dabei mit einer bizarren Hintergrundgeschichte: Die Minos - abstrakte, quadratische, einäugige Wesen - müssen schnell handeln, denn die Sonne ihres Sonnensystems droht, zur Nova zu werden und jegliches geometrische Leben zu vernichten. Zum Glück gibt es die Tetrionen - auf den verschiedensten Planeten verstreute Portale, die zu fernen Welten führen. Nun ist es an den Tetris-Meistern der Minos, diese Portale lange genug offen zu halten, damit die Tetrinauten durch die Portale reisen können, um sie von der anderen Seite aus zu öffnen, damit die Minoheit auf diversen Planeten des Universums in Sicherheit geacht werden kann.

Das alles klingt vielleicht putzig, ist jedoch nichts weiter als ein debiles Zugeständnis an die Tatsache, dass heutzutage offenbar wirklich jedes Spielprinzip mit einer Rahmenhandlung versehen werden muss. Im Falle von Tetris wirkt das Ganze extrem lächerlich, auch wenn es konsequent durchgezogen wurde. So konfiguriert der Spieler im Fortsetzungs-Spiel (quasi die Einzelspieler-Kampagne) als erstes seinen Minos, indem er ihm einen Namen gibt, "Haut-" und "Augenfarbe" auswählt und ihn auf Wunsch mit einer mehr oder weniger depperten Kopfbedeckung versieht. Sofern man ihn nicht deaktiviert, hüpft der Minos des Spielers nun während des Spiels neben dem eigentlichen Spielfel... pardon, neben dem Tetrion herum und visualisiert sehr engagiert die Aktionen (Stein drehen, Stein verschieben, etc.) des Spielers. Ein gänzlich sinnfreies Feature, da selbst Spieler, die ihr quadratisches Alter Ego nicht deaktivieren, besseres zu tun haben, als sich das muntere Kerlchen anzusehen.

Wenden wir uns nun wieder dem eigentlichen Spiel zu. Tetris Worlds beinhaltet neben dem klassischen Tetris-Spiel noch fünf weitere Spielmodi. Dementsprechend gilt es im Fortsetzungs-Spiel auch, fünf Welten zu meistern; jede mit ihrer eigenen Tetris-Variante und dem damit verbundenen Regelwerk ausgestattet. Die Spielmodi sehen dabei wie folgt aus:

Tetris: Die altbekannte Variante. Der Spieler muss von oben herabfallende geometrische Figuren möglichst geschickt stapeln. Sobald eine Reihe waagerecht lückenlos gefüllt ist, verschwindet sie und füllt das Punktekonto des Spielers. Erreichen die Steine den oberen Rand des Spielfeldes, hat der Spieler verloren.

Quadrat-Tetris: Dieser Modus ähnelt dem originalen Tetris, der Spieler kann jedoch Steine gleicher Art zu reinen Quadraten und Steine unterschiedlicher Art zu unreinen Quadraten zusammensetzen. Räumt er nun eine Reihe ab, die einen Teil eines solchen Quadrats beinhaltet, gibt es Bonuspunkte.

Kaskaden-Tetris: Während es im normalen Tetris schwerelos zugeht und einzelne Steine in der Luft hängen, obwohl sich direkt unter ihnen kein weiterer Stein befindet, ist das beim Kaskaden-Tetris genau umgekehrt. Wenn durch das Auflösen einer Reihe eine Figur "zerstört" wird, fallen eventuell üiggebliebene Reste nach unten. Kommt es durch diese Reaktion zum Auflösen einer weiteren Reihe, ist das eine Kaskade. Je mehr Kaskaden der Spieler in einem Zug erzeugen kann, desto mehr Punkte.

Klebe-Tetris: Dieser Modus ist eine harte Nuss. Am unteren Rand des Spielfeldes befinden sich einige Spielsteine, die durch einige "Geröllsteine" nach oben abgegrenzt sind. Ziel ist es, die untere Reihe aufzulösen. Dabei haben die Steine beim Klebe-Tetris verschiedenfarbige Seiten und Teile gleicher Farbe verschmelzen zu einer Einheit, wenn sie auf- oder nebeneinander platziert werden. Sobald auf diese Art und Weise 25 Steine einer Farbe zusammengeschlossen sind, lösen sie sich auf.

Heiße Reihe: Nein, hier geht es nicht ums wilde Treiben der Minos, wenn sie mal was anderes als Steine stapeln. In diesem Modus sind auf dem Hintergrund des Spielfeldes Linien eingezeichnet. Sobald der Spieler eine Reihe aus Steinen auf der Höhe einer dieser Linien auflöst, bekommt er Bonuspunkte gutgeschrieben; je höher die Linie platziert ist, desto mehr Punkte.

Fusions-Tetris: Hier dreht sich alles um Atomblöcke. Ein solcher Block befindet sich - durch "Geröllsteine" eingeschlossen - bereits auf dem Spielfeld und der Spieler muss je nach Schwierigkeitsgrad eine bestimmte Anzahl an weiteren Atomblöcken an diesen anschließen. Wie beim Kaskaden-Tetris (Lachmuskeln anspannen! Jetzt kommt ein Kalauer, auf den der Autor äußerst stolz ist) spielt die Schwerkraft dabei eine tragende Rolle.

Die Entwickler von Tetris Worlds haben sich also durchaus Mühe gegeben, das ergraute Spielprinzip etwas aufzupeppen. Das gilt auch für die grafische Präsentation. Neben den bereits erwähnten zuschaltbaren Minos präsentiert sich Tetris Worlds auch sonst kunterbunt. Die Hintergründe der einzelnen Welten sind animiert und mit jedem Fortschritt des Spielers verändern sich die Stages. Hier wächst ein Baum, dort schwimmen Fische vorüber ... zusammen mit den leicht comicartigen Animationen der Spielsteine ergibt das ein munteres Treiben auf dem Bildschirm, das Tetris äußerst ansehnlich macht, aber nicht zu Lasten der Übersicht geht. Teilweise werden diese Effekte sogar aktiv ins Spielgeschehen mit einbezogen; wenn in einer Unterwasser-Stage beispielsweise das Spielfeld durch Zerr-Effekte leicht verfremdet wird und es so wesentlich schwerer fällt, die Steine gezielt abzusetzen.

Dafür bietet Tetris Worlds diverse Hilfen für unerfahrene Spieler an. Eine Ghost-Funktion zeigt schon während des Falls an, wo ein Stein landen wird. Die "Halt"-Funktion ermöglicht es dem Spieler, den nächsten Stein (jedoch nur einen zur Zeit) vorerst zurückzuhalten, um ihn später gezielt einzusetzen. Außerdem ist es jetzt möglich, einen Stein durch ständiges Drehen selbst dann noch zu verschieben, wenn er eigentlich schon ganz nach unten gefallen ist. Erfahrenere Spieler haben die Möglichkeit, alle diese Hilfen (wie auch die Vorschau auf die nächsten sechs Steine) zu deaktivieren. Ebenfalls deaktivieren lässt sich die penetrante Sprachausgabe, die sich in Form einer säuselnden Frauenstimme im Ohr des Spielers manifestiert, die mit pseudo-erotischem Flüstern wahlweise auf Deutsch oder Englisch verkündet, wie viele Reihen abgeräumt wurden oder wieviel Zeit noch bleibt. Zeit? Ja, Zeit. Denn man modifizierte die Spieldynamik etwas; es geht nun nicht mehr nur darum, so lange wie möglich emsig zu stapeln. Das Spiel wurde in Etappen unterteilt; jede Etappe dauert zwei Minuten und innerhalb dieses Zeitlimits muss der Spieler eine ständig anwachsende Anzahl an Reihen abbauen. Gelingt ihm dies, wird nicht nur der Schwierigkeitsgrad um eine Stufe (pro Stage 15) erhöht, sondern der Spieler steigt zusätzlich einen Rang auf. Gelingt es ihm nicht, die geforderte Anzahl an Reihen innerhalb von zwei Minuten abzubauen, läuft das Spiel zwar weiter, er kann jedoch erst wieder in der nächsten Etappe aufsteigen.

Die Evolution vom russisch angehauchten Knobler zum hippen Party-Spaß, die Tetris durchgemacht hat, wird auch beim Soundtrack spürbar. Anstatt mit Folklore-Klängen wird der Spieler mit Techno- und Dance-Beats beschallt. Allerdings unterstützt Tetris Worlds die Möglichkeit, eigene Lieder ins Spiel einzubinden, die man auf der Festplatte der Xbox abgelegt hat. Besonders spaßig: Je höher der Spieler stapelt und je näher er damit dem Game Over kommt, desto schneller wird die Hintergrundmusik abgespielt. Auch eigene Musik-Tracks werden auf diese Weise verfremdet, was oftmals für launige Momente sorgt.

Zusätzlich zum Fortsetzungs-Spiel gibt es noch den Arcade-Modus. Dieser stellt nicht nur eine Art Endlosspiel dar, sondern dient auch als Austragungsort für Mehrspielerduelle mit bis zu vier Mitspielern. In der gleichen Etappenaufteilung wie im Einzelspielermodus tritt man hier gegeneinander an; sobald ein Spieler dabei zwei oder mehr Reihen auf einmal aäumt, bekommen seine Gegner eine entsprechende Anzahl an Reihen voller "Geröllsteine" unter ihre eigenen Blöcke geschoben. Sobald ein Spieler sein derzeitiges Etappenziel erreicht hat, wird sein Spielfeld allerdings komplett geleert, so dass auch diese Extra-Reihen verfallen, was das Ganze leider ad absurdum führt, da die Reihen voller "Geröllsteine" meist keine echte Gefahr darstellen. Auch der zweite Multiplayer-Modus namens "Race", in dem es darum geht, vor allen anderen das derzeitige Etappenziel zu erreichen, wurde unglücklich umgesetzt. Sobald ein Spieler nämlich eben dieses Etappenziel erreicht hat (was anfangs recht schnell geht), pausiert das Spiel, um genau diesen Sieg zu verkünden und emst damit den Spielspaß ungemein.

So macht der Multiplayer-Modus leider weitaus weniger Spaß, als es bei Tetris eigentlich der Fall sein sollte.

Geschichte einer Legende

Kaum ein Spiel gilt in ähnlichem Maße als Synonym für Computer- und Videospiele wie Tetris. Höchstens Klassiker der ersten Stunde wie das berühmte Pong oder der gefräßige PacMan haben einen vergleichbaren Status.

Das simple Spiel rund um's Stapeln von unterschiedlich geformten Steinen feiert dabei im Jahr 2002 seinen 17-jährigen Geburtstag. 1985 kam Alexej Pajitnov auf die Idee zu Tetris, als ihm in einer Mittagspause langweilig war. Der Angestellte des Computerzentrums der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften arbeitete eigentlich an Programmen zur Spracherkennung und künstlichen Intelligenz. Zwar spielen binnen kürzester Zeit immer mehr seiner Kollegen begeistert das Spiel, jedoch hätte Pajitnov vermutlich nie damit gerechnet, dass sein Spiel einmal derart bekannt sein würde.

Wenige Jahre nach Veröffentlichung stritten sich bereits die Konsolenriesen Nintendo und Sega um die Rechte des Originals. Letztendlich hatte Nintendo den längeren Atem und machte den GameBoy quasi über Nacht mit Tetris zum Superseller und Kultobjekt. Schätzungsweise 30 Millionen Tetris-Cartridges wurden weltweit verkauft.

Das russische Knobelspiel wurde schließlich auch fester Bestandteil von Windows 3.1 und binnen kürzester Zeit fanden sich die ersten Plagiate und später die ersten Abwandlungen. Interessant dabei ist, dass Pajitnov selbst mit Tetris zunächst kein Geld verdiente, da er die Rechte für zehn Jahre seiner Akademie überließ, die ihm aus Dank einen 286er PC schenkte. Zwar behauptete er beständig, dass ihm die Freude, eines der populärsten Spiele aller Zeiten geschaffen zu haben, völlig ausreiche ... wir verübeln es ihm trotzdem nicht, wenn er sich seit einigen Jahren daran erfreut, endlich selbst an seiner eigenen Idee zu verdienen.

„Zeitlos“

(Eigene Meinung » David Bergmann)

Sisyphos war ein Warmduscher! Das Heraufrollen eines Felsockens auf einen Berg ist ein Kinderspiel verglichen mit der Aufgabe, Tetris Worlds im Vergleich mit aktuellen Spielen angemessen zu bewerten. Grafisch wäre aus der Xbox zweifellos wesentlich mehr herauszuholen. Aber es handelt sich eben schlicht und ergreifend um Tetris und selbst die spärlich gesäten (und äußerst ansehnlichen) Effekte kann man als Spieler kaum wahrnehmen, da man sich auf das Spiel konzentrieren muss. Da entwickelten sich seit 1985 auch völlig neue Genres und so mancher aktuelle Titel bietet eine spielerische Vielfalt, die Tetris trotz der sechs vorhandenen Spielmodi die Schamesröte ins steinerne Gesicht treibt. Dem gegenüber steht der immer noch präsente Suchtfaktor, der mich auch vor der Xbox die Zeit vergessen ließ.

Der Knackpunkt ist letztendlich der Preis. Zwar sind 39,99 Euro für ein Xbox-Spiel ausgesprochen moderat, für Tetris jedoch trotzdem viel Geld. So muss letztendlich jeder für sich selbst entscheiden, ob er bereit ist, für Tetris Worlds diese Summe auszugeben. Schließlich versteht ja auch nicht jeder, wie so mancher Unsummen in ein Hobby wie Fußball investieren kann.

Verdammt viel Spaß macht Tetris jedenfalls immer noch - gerade, weil die Präsentation (sieht man einmal von der unsäglichen Hintergrundgeschichte ab) aufgebohrt wurde - und süchtig macht es ebenfalls. Deshalb gibt's von mir trotz eher mittelmäßiger Wertung ein "sehr gut". Die Prozentwertung hat deshalb eigentlich nur theoretischen Wert ... entscheidet selbst!

Bewertung

Tetris Worldsxbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.