The Legend of Zelda – Spirit Tracks
13:03 Uhr - Der letzte große Titel dieses erstaunlichen Spielejahres erscheint ausgerechnet für das kleinste System. Abenteuer-Ikone Link buhlt auf dem DS in der halb-direkten Fortsetzung des umstrittenen Phantom Hourglass um einen Platz unterm Weihnachtsbaum. Muss der Wunschzettel also nochmal umgeschrieben werden?
Wären alle fiktiven Welten in Filmen, Spielen oder Büchern so, geradezu selbstkarikierend plakativ in Szene gesetzt, wie die von Spirit Tracks, hätten zum Beispiel alle Jedis in Star Wars, die dann aber Machtis genannt werden würden, Namen wie Lichtsäb, Mediklo oder Röchel. Die Zelda-Äquivalente sind Glaiss, Shiene, Delok oder Turbin; es gibt weise Lokomos und so weiter. Es sollte mehr als deutlich rübergekommen sein: Im neuesten Zelda geht’s um Züge. Naja, was heißt es geht um Züge? Von den dampfbetriebenen Fortbewegungsmitteln hängt schlichtweg alles ab. Die Bewohner des Landes haben offensichtlich das zu Fuß gehen verlernt und scheinen völlig aufgeschmissen, als plötzlich wie von Geisterhand immer mehr Eisenbahngleise verschwinden, die eigentlich Ketten sind, mit denen die Götter einen uralten Dämonen in einem heiligen Turm gebannt haben. Ein Hauch von aktuell bezogener Gesellschaftskritik? Was würde wohl passieren, wenn man in unserer Welt auf einmal die Straßen wegzaubern würde? Im Vergleich müsste das aber bedeuten, dass dann erst recht das Böse zu neuer Stärke findet. Genug philosophiert! Zelda-typisch jammern die Bewohner auch lieber und warten darauf, dass sich die Dinge wieder von selbst ins Lot bringen. Passiert natürlich nicht, sondern unser grüngekleideter Held muss wieder mal ran. Als frischgebackener Lokführer ist er auch diesmal mehr als prädestiniert für den Job und bekommt erstmals tatkräftige Unterstützung von der titelgebenden Prinzessin, die als Geist das ganze Spiel über an eurer Seite weilt.
Die alten Zeiten
The Legend of Zelda – Spirit Tracks basiert auf der Engine des Vorgängers Phantom Hourglass und spielt etwa hundert Jahre nach den Ereignissen aus dem Seefahrt-Abenteuer, was immer wieder durch kleine, subtile Hinweise verdeutlicht wird und für nette Aha-Erlebnisse bei Serien-Veteranen sorgt. Doch auch Neueinsteiger haben sowohl bei der Geschichte, die völlig eigenständig funktioniert, als auch beim Gameplay keine Probleme ins Spiel zu finden, da Nintendo das Tutorial wie immer vorbildlich ins eigentliche Spielgeschehen eingebunden hat. Kenner, vor allem des Vorgängers, werden aber auch viele, teils ungeliebte Elemente wiederfinden. Allem voran die langen Wegstrecken, die diesmal mit der knuffigen Lok zurückgelegt werden, aber euch mitunter immer noch zu weitgehend tatenlosem Zugucken verdonnern. Es gibt auch wieder einen Dungeon, in den ihr ständig zurückkehren müsst. Eine alternative Button-Kontrolle ist ebenfalls nicht zu finden, sodass Link weiterhin komplett mit dem Stylus bewegt wird. Was mich gleich zur die Grafik bringt und zu einem damit verbundenen Umstand, mit dem vielleicht nur ich ein Problem habe: Durch die Bedienung mit dem Touchpen kann Link sich frei in der Spielwelt bewegen und ist nicht mehr auf acht Laufrichtungen beschränkt, wie noch zu 2D-Zeiten. Wieso muss dann die Umgebung größtenteils so künstlich geometrisch aufgebaut? Vorgefertigte Grafikbausteine, um Speicherplatz zu sparen? Erscheint mir unnötig. Auch dass diese Art der Gestaltung für das Rätseldesign notwendig ist, kann mir keiner erzählen. Schließlich sehen die Konsolenversionen ja auch nicht aus, als wären sie aus Würfeln zusammengebaut. Außerdem mangelt es in einigen Bereichen, vor allem den Dungeons, doch deutlich an grafischer Anziehung, wenn etwa der Fußboden über weite Strecken mit der selben langweiligen Textur beklebt ist und es dort auch sonst nicht viele Details gibt, welche die Umwelt lebendig erscheinen lassen. Diese beiden Punkte fallen umso störender auf, wenn Spirit Tracks, etwa in den Häusern oder bestimmten Räumen zeigt, wie man auf höchsten Niveau genau das Gegenteil präsentieren kann.
Zeitlose Architektur
Alles Erbsenzählerei, die durch die Stärken des Spiels in die Bedeutungslosigkeit verbannt wird. Nintendo hat sich nämlich nicht nur die Kritik am Vorgänger zu Herzen genommen und einige Elemente deutlich verbessert, sondern auch die traditionellen Qualitäten der Serie wieder auf eine Klasse gehoben, die man nur begeistert bejubeln möchte. Die Zugfahrten sind nun zum Beispiel deutlich unterhaltsamer, als die Seereisen aus Phantom Hourglass. Ständig müsst ihr vor Gegnern auf der Hut sein und das geschickte Ausweichen vor den unzerstörbaren bösen Loks wird manchmal sogar richtig pulsbeschleunigend dramatisch. Bosskämpfe und Aufgaben wie die Hasenjagd oder das sichere Transportieren anspruchsvoller Passagiere sorgen für zusätzliche Unterhaltung. Außerdem ist die „realistische“ Interaktion mit der Lok, samt Dampfpfeife, Geschwindigkeitskontrolle, Weichenstellen und, nun ja, Kanonenschießen durchaus überzeugend. Wirklich zäh wird die Angelegenheit nur, wenn die Designer der Meinung waren, ihr müsstet unbedingt möglichst lange Strecken zurücklegen, um am Ziel zu erfahren, dass ihr diesen Weg gleich noch zwei Mal fahren dürft. Das kommt allerdings selten vor. Die interessanteste Qualitätswandlung ist jedoch, dass der vorher so nervtötende Tempel des Meereskönigs, der euch die selben Räume immer und immer wieder durchqueren ließ und hier durch den Turm der Götter ersetzt wurde, nun einer der spannendsten Orte im Spiel ist. Das liegt zum einen daran, dass der Wiederholungsfaktor wegfällt, da ihr nach und nach neue Stockwerke erkundet, ohne die unteren nochmal durchwandern zu müssen und ohne das penetrante Zeitlimit. Zum anderen ist das Rätseldesign, wie auch im Rest des Spiels schlichtweg grandios. Die Geisterprinzessin kann nämlich die einst so gefürchteten Phantomritter übernehmen, denen ihr per Stylus einen Weg vorgebt und die jedes Mal andere Fähigkeiten haben. Zum Beispiel kann sie Link auf ihr Schild nehmen und damit über Lava tragen oder mit einem Flammenschwert Fackeln entzünden. In den oberen Geschossen wird’s sogar richtig fordernd.
Die Errungenschaften der neuen Zeit
Das Rätseldesign bringt mich abermals auf die Stylus-Bedienung, die ohne Frage präzise und ultraintuitiv ist. Es gibt keine Möglichkeit die Steuerung nicht zu begreifen. Dennoch ist sie nicht so griffig und robust, wie die gute alte Digikreuz-Knopf-Kontrolle, weswegen ich eigentlich auch nicht so der Freund des Touchsystems bin. Hin und wieder ist mir schon mal der Stift aus der Hand gefallen, was in der Hitze des Gefechts natürlich wenig wünschenswert ist. Allerdings muss ich trotzdem eine Bresche schlagen. Denn ohne den kleinen Touchpen wären viele der innovativen Knobeleien und Ideen gar nicht möglich. Allein das Notieren auf der Karte ist ein Element das ich nicht mehr missen möchte. Und bevor ich ständig zwischen Buttons und Stylus wechseln muss, was ich noch viel weniger leiden kann, arrangiere ich mich lieber dem vorliegenden Konzept. Übrigens hat Nintendo die verhasste Vorwärtsrolle endlich ausführbar gemacht. Statt undefinierte, kleine Kreise zu ziehen, tippt ihr einfach nur zweimal auf den Touchscreen. So geht’s doch auch.
Überhaupt haben die Japaner sämtliche Möglichkeiten des DS wieder in brillanter Weise ausgenutzt. Doppelbildschirm, Mikrophon und Touchscreen wurden zu jeder Zeit sinnvoll eingebunden, sei es bei der Interaktion mit den Bewohnern, oder beim Einsatz der neuen wie alten Items. Ihr findet natürlich wieder Bumerang und Bogen, aber zum Beispiel auch eine Luftkanone, mit der ihr durch Pusten, giftigen Nebel, Gegner oder Gegenstände wegwirbeln könnt oder die Peitsche, die euch über Abgründe schwingen oder Feinde beklauen lässt. Neben den üblichen, aber nicht weniger kniffligen Verschieberätseln, stellt euch Spirit Tracks auch vor Denksportaufgaben, die teils an die Professor Layton-Spiele erinnern, etwa wenn ihr die Einwohner eines Dorfes in Teams einteilen sollt, aber klug kombinieren müsst, wer mit wem zusammenpasst. Zelda-typisch gibt es natürlich auch Belohnungen versprechende Nebenbeschäftigungen, von denen im Laufe des Spiels mehr dazu kommen, wie die bereits erwähnte Hasenjagd, Stempelsuche, Glückspostkartenverschicken, Training mit den Schlosswachen oder das Eintauschen von Schätzen gegen neue Zugteile. Für den Fall das es weiter oben zu kritisch rübergekommen ist: Die Grafik von Spirit Tracks ist, bis auf die angesprochenen Stellen, hervorragend und sogar noch einen Tick hübscher als in Phantom Hourglass. Sei es die jederzeit stimmige Farbgebung und die abwechslungsreichen Settings, die teils beeindruckenden Texturen, die putzigen Animationen, mit dem lebendigen Minenspiel der Charaktere, die gekonnt inszenierten Zwischensequenzen oder die schicken Effekte: Auf dem DS gehört das Spiel zur optischen Elite. Besonders die Überlandfahrten mit dem Zug haben es mir, dank der geschickt vorgetäuschten Weitsicht und den malerischen Ausblicken, angetan. Auch die Musik macht wieder einiges her. Zwar wurde das ein oder andere Stück wiederaufgelegt. Dennoch gibt viele neue, äußerst gelungene Kompositionen, die einen stets passenden, atmosphärischen Teppich über das Abenteuer legen. Das die gesamte Technik ebenfalls tadellos ist, muss bei einem Zelda-Spiel wohl nicht mehr extra erwähnt werden.
Pro und Contra
- + perfekt zugängliche Stylus-Steuerung ...
- + Rätsel sind originell, vielseitig und fordernd
- + Wie immer kompetentes Dungeon-Design
- + nutzt den DS in allen Bereichen voll aus
- + kluge wie spannende Bossfights
- + sympathische Spielwelt und Story
- + Duo Link und Zelda
- + Übernahme der Phantome
- + coole neue Gadgets
- + Verbesserung der Kritikpunkte des Vorgängers
- + Zugfahrten machen wesentlich mehr Laune
- + Grafik und Sound auf Top-Niveau
- + unterhaltsame Nebenaufgaben
- + Humor für alle Altersstufen
- + macht süchtig
- - ... die ermüden kann und für rasante Aktionen teils ungeeignet ist
- - manchmal etwas zäh durch zu lange Zugfahrten
- - Grafik teils eintönig und „eckig“
- - viele recycelte Elemente
- - deutlich linearer als andere Teile
- - Mehrspieler-Modus nett, aber chaotisch und ohne Tiefgang
Macht Dampf!
Obwohl ich die Zelda-Reihe abgöttisch liebe, war ich erst mal skeptisch, als Spirit Tracks angekündigt wurde, da mir Phantom Hourglass nicht ganz so zugesagt hatte. Der neueste Teil behält auch ein paar Unmutsfaktoren des Vorgängers und selbst in der Anfangszeit blieben noch Zweifel, ob die Handheld-Episoden dem großen Namen noch gerecht werden können oder nur noch Serien-Experimente für die Casual-Zielgruppe sind. Doch welch Wandel hat sich mit zunehmender Spieldauer vollzogen! Von Stunde zu Stunde wird das Spiel immer besser, bis bald nur noch die alte Faszination und Begeisterung vorherrschen und an Aufhören nicht mehr zu denken ist. Irgendwie schafft es nur Zelda, noch mehr als Metroid oder die neueren 2D-Castlevanias, bei mir eine ähnliche Suchtspirale auszulösen, wie etwa die Diablo-Spiele. Immer wieder kommen neue Elemente hinzu, die ich unbedingt ausprobieren möchte, entstehen neue Möglichkeiten und das Spiel wird stetig größer. Dabei bietet das Gameplay wieder unglaublich viel Abwechslung und zeigt sich wohldurchdacht. Die klugen Rätsel stellen euch teils vor echte Kopfnüsse und nutzen die ganze Bandbreite der DS-Features, die Bosskämpfe sind der Knaller, die neuen Items sinnvoll und interessant und die Panflöte ist, dank Mikro-Unterstützung, das vielleicht am authentischsten umgesetzte Instrument in einem Zelda-Spiel. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch die vielen liebenswerten Figuren, wie die Holzfäller, denen dringend Frauen in ihrem Dorf fehlen oder die Anoukis, die, obwohl sie keine Kämpfernaturen sind, sich tapfer gegen die Monster verteidigen wollen. Aber allen voran natürlich die Bande zwischen Zelda und Link, die durch witzige Gespräche und Mimik vertieft wird, wodurch die beiden endlich mal etwas mehr Persönlichkeit bekommen. So gesehen ein einzigartiger Moment in der Zelda-Historie. Auch der eingestreute Humor verdient Lob. Allein die rotzfrechen Antwortmöglichkeiten verursachen bei mir schon seit Wind Waker breites Grinsen, bis hin zu lautem Gelächter. Kurzum, ob Wii oder DS, Weihnachten darf dieses Jahr wieder mit Nintendo gefeiert werden!
Bewertung
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Kommentare (11)
Lappen
Deprave
Jack Scallion
Ich freu mich drauf. :)
Zocker 3000
Jack Scallion
Zed01
Was gibt es denn sonst noch für den Wunschzettel? Habe ich da was verpasst?
Mephi
zig
Timbojones