The Saboteur
12:22 Uhr - Call of Duty versetzt euch in diesem Jahr wieder einmal in die nahe Zukunft, Medal of Honor besucht im nächsten Jahr eine ähnliche Zeitepoche. Wo, zum Teufel, ist der Zweite Weltkrieg hin? Nun, glücklicherweise gibt es ja noch Pandemic. Pardon, es gab Pandemic, denn Kürzungsmaßnahmen bei Electronic Arts verursachten vor kurzem die Schließung des Studios. Ob The Saboteur nach dem durchschnittlichen Mercenaries 2 als erinnerungswürdiges, lautes und auch buntes Abschlussfeuerwerk taugt? Nun, dazu fehlen dem Spiel zumindest die Farben…
"Geh um die richtige Ecke in Paris und du kannst alles finden."
Richtig gelesen, The Saboteur überrascht schon kurz nach der Anfangssequenz mit einem Schwarz-Weiß-Look. Nicht etwa, weil die Entwickler schon ihre Koffer gepackt haben, als die Farbgebung auf dem Tagesplan stand. Die gewissen Ähnlichkeiten zu dem Film Sin City sind volle Absicht, denn sie sollen den grausamen Belagerungsalltag während des Zweiten Weltkrieges widerspiegeln, unter dem die Pariser Bevölkerung damals zu leiden hatte. Dabei erinnern gerade die farblichen Ausnahmen (gelb leuchtende Fenster, rote Armbinden und Nazi-Flaggen) an das Meisterwerk von Frank Miller. Der Clou: Säubert ihr ein Gebiet von den Nazis, kehrt die Farbe vollständig zurück. Zivilisten flanieren fröhlicher über die belebten Straßen, die aufständischen Mitglieder der Résistance kehren an die Macht zurück. Eine Schlüsselfigur des Widerstandes ist auch der heimatlose Ire Sean Devlin, seines Zeichens Protagonisten von The Saboteur. Er selbst ist Mechaniker und Rennfahrer, duelliert sich während des Grand Prix von Saarbrücken mit einem deutschen Pistenkonkurrenten und muss kurze Zeit nach dem unglücklichen Ausgang des manipulierten Wettkampfes feststellen, dass der Heimsieger abseits des Kameragewitters zu einem grausamen Folterexperten wird. Und so endet eine eher unscheinbare Auseinandersetzung für Sean und seinen besten Freund Jules in einer Tragödie. Jules wird brutal ermordet, Sean gelingt nur knapp die Flucht. Eine Geschichte um Rachsucht und Vergeltung also, die sich von einem persönlichen Konflikt bald auf eine ganze Stadt ausbreitet. Zwar ist es schwer, eine emotionale Bindung mit Seans Schicksal aufzubauen, da sein Kumpel schlichtweg zu kurz und oberflächlich in das Geschehen eingebunden wird, ein nachvollziehbares Motiv für die folgenden Ereignisse liefert der Prolog aber allemal.
„Ein lausiges Zimmer in einem lausigen Teil einer lausigen Stadt.“
Sean taucht in Paris unter und wird in dem von leicht bekleideten Damen durchströmten Nachtclub Belle von einem Widerständler überredet, beim Aufstand gegen die Invasoren an vorderster Front mitzukämpfen. Fortan strukturiert sich The Saboteur nach dem klassischen Sandbox-Prinzip. Abseits der hauptsächlichen Geschichte mit ihren erfreulich abwechslungsreichen Anweisungen (Auftragsmorde, Rennen, Sprengungen, ...) findet ihr an allen Ecken Nebenmissionen und andere Dinge zum Entdecken. Während sich die Missionen dank mehrerer zusammenhängender Aufträge und vieler kleiner Geschichten homogen in das Geschehen einfügen, ist das Erledigen der sonstigen Beschäftigungen eher plump umgesetzt und bereits nach kurzer Zeit so trist wie die besetzten Zonen selbst. Dann artet die Flak-Zerstörung und das Ausheben von Scharfschützennestern in Arbeit aus, die zwar ordentlich bezahlt wird, für den letztendlichen Erfolg glücklicherweise aber nicht essentiell ist. Soll heißen: auch ohne den ständigen, selbst gekauften Nachschub vom Schwarzmarkt kommt man im atmosphärisch ordentlich umgesetzten Paris, zumindest auf den normalen Schwierigkeitsgraden, bestens zurecht.
„Ich nehme ihm seine Waffen ab. Alle beide.“
Die meiste Zeit verbringt ihr in The Saboteur mit zwei Sachen: der Reise von A nach B und der Beförderung der Besatzer von den französischen Straßen auf deutsche Friedhöfe. Um zu den jeweiligen Missionszielen zu gelangen, zerrt ihr üblicherweise arglose Bewohner in bester GTA-Manier aus ihren Autos. Wer den CO2-feindlichen Weg trotz gelungener Steuerung nicht gehen möchte, weicht auf den Fußweg aus. Dabei seid ihr keinesfalls an das Straßenpflaster gekettet, sondern klettert wie Altair oder Ezio („Assassin‘s Creed“) an Hauswänden, dem Eiffelturm und anderen Objekten empor. Ganz so flüssig wie bei der Ubisoft-Konkurrenz klappt das leider nicht. Zwar leuchten greifbare Objekte stets auf, allerdings erfordern die Akrobatikeinlagen ständigen Tastendruck und wirken insgesamt nicht so flüssig. Gerade die Steuerung auf den Dächern ist hakelig und resultiert oft in einem ungewollten Sturz in die Tiefe.
Auch der Kampf gegen die äußerst klischeebeladenen Nazis lässt sich grundsätzlich auf zweierlei Art und Weise angehen. Entweder wechselt man in den Schleichmodus, erwischt den Feind von Hinten (...) und schnappt sich seine gesamte Ausrüstung, um getarnt in das feindliche Gebiet, welches auf der Karte durch eingezäunte Bereiche dargestellt wird, einzudringen. Oder man vertraut voll und ganz auf eine irische Ein-Mann-Armee namens Sean, dessen Sprüche in den vielen Dialogen der Hauptmission, gerade solche mit dem weiblichen Geschlecht, furchtbar machomäßig wirken und seinen Testosterongehalt damit wohl oder übel bestätigen. Wie auch immer: The Saboteur lässt sich dem eigenen Spielstil anpassen. Und das ist ja stets eine gute Sache.
„Mich beschleicht Verwirrung die die Grenze zur Besorgnis stürmt.“
Was Pandemics kostenpflichtiges Abschiedsgeschenk hauptsächlich ausbremst, sind technische Macken. Selbige treten leider nicht selten auf und sind auch nicht nur leichter Natur. Es fängt damit an, dass eure Kameraden ihren Weg auf den Beifahrersitz eurer Karre trotz ausreichendem Laufwege-Platz nicht finden und wie ein noch herumlaufendes Huhn mit abgetrenntem Kopf durch die Gegen irren. Leider kippen sie, im Gegensatz zur zukünftigen Suppenzutat, nicht irgendwann einfach um. Weiter geht‘s mit völligen KI-Aussetzern. Ein Beispiel: Sean soll einen teuren Fusel von einer Nazi-Versammlung stibitzen. Ich wähle den Weg über die Dächer, stehe oben, werde bemerkt, die versammelte Mannschaft ist in Alarmbereitschaft. Sie gucken mich sogar geradewegs an - feuern aber nicht! „Gut, dann werden die mir den Champus anscheinend schenken“, denke ich mir, klettere hinab, lande schließlich auf dem Boden und... werde innerhalb einer Sekunde von Gewehrkugeln durchsiebt. Sehr freundlich, dass gewartet wurde, bis meine Füße das Pflaster berühren. Eine weitere, anscheinend gewollte, Kuriosität: Fängt man in der Nähe eines Besatzers an zu klettern oder wechselt in die gebückte Schleichstellung, füllt sich direkt eine Verdächtigkeitsanzeige. Schnappt sich Sean hingegen ein Auto und mäht beim Anfahren auch noch einen Passanten um, kümmert es den Bindenträger nicht das Sauerkraut.
Abseits der stimmigen Schwarz-Weiß-Geschichte kratzt das Spiel nur zaghaft an aktuellen Referenzen und lässt den inneren Wunsch nach zusätzlicher Polierarbeit durch matschige Texturen, heftiges Tearing (gerade bei Xbox 360 sowie PlayStation 3) und asynchrone bzw. gar nicht vorhandene Lippenbewegungen nur weiter wachsen. Dafür ist sowohl die englische als auch die deutsche Vertonung gelungen. Ein seltsamer Schritt ist übrigens, die Nacktheit im Optionsmenü der Konsolenversionen nur via Download-Code (inklusive nerviger Registrierung bei Electronic Arts) freizuschalten. Der Beipackzettel soll nur befristet beiliegen, danach werden Käufer sogar zur Kasse gebeten! Wer am „spectacle de minuit“ im ohnehin erst ab 18 freigegebenen und - bis auf bestimmte Symbole - auch ungeschnittenen Titel ohne Download teilnimmt, sieht statt blanken Brüsten eben ein paar Nippel-Sticker. Es gibt schlimmeres. Für bestimmte Menschengruppen.
Pro und Contra
- + atmosphärisch toll umgesetztes Paris
- + abwechslungsreiche Missionen
- + leicht bekleidete Damen
- + Farbtrick gelungen
- - viele & schwere Bugs
- - technisch veraltet
- - monotone Nebenbeschäftigungen
- - schwammige Klettersteuerung
Ein Abschied ohne Heulerei
Abseits der verlorenen Arbeitsplätze und den damit verbundenen Schicksalen der einzelnen Mitarbeiter ist der Abgang von Pandemic aus reinen Zocker-Gesichtspunkten nicht allzu tragisch: Schon Mercenaries 2 enttäuschte, und auch The Saboteur lässt den Abschied ohne einen ganz großen Heulanfall vorbeiziehen. Daran tragen nicht nur das mittelprächtige Technikgerüst und die abwechslungsarmen Nebenbeschäftigungen Schuld, sondern vor allem die zahlreichen sowie zum Teil schwerwiegenden Bugs. Solche Patzer gehören heutzutage einfach nicht mehr auf den Bildschirm und werden dementsprechend in der abschließenden Wertung von uns abgestraft. Andererseits habe ich während des Tests von The Saboteur auch in keinster Weise angesichts der sonstigen Qualität des Spiels Tränen vergießen müssen: Im Grunde bietet der erneute Ausflug in den Zweiten Weltkrieg - verbrauchtes Setting hin oder her - mit dem funktionierenden Sandbox-Gameplay eine riesige Portion Spaß. Gerade der Moment des Auflebens eines Stadtteils nach seiner Befreiung ist immer wieder ein befriedigender, selbst wenn das gewiss friedlichere PSN-Game Flower dieses Kunststück meiner Meinung nach besser beherrscht. Wer den Test zeitnah zu seiner Veröffentlichung liest, sollte sich nur Eines fragen: Wozu brauche ich The Saboteur im Moment? Es ist nicht das bessere Assassin‘s Creed 2, nicht das bessere The Ballad of Gay Tony, nicht das bessere Red Faction: Guerilla ... sollte in diesem Segment allerdings Nachschubbedarf herrschen, dann ist der aufständische Ire euer Mann!
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Kommentare (21)
GamePROll
Hmm ... ob ich dann allerdings meinen Namen hier ändern müsste?
Strolch
..... :ugly: xD
Die 7/10 scheint aber auch noch recht hochgegriffen zu sein. Immerhin sind Bugs ein Grund, ein Spiel überhaupt erst garnicht weiterzuspielen. Naja, Gothic 3 war auch absolut unspielbar und hat relativ gute Wertungen eingeheimst. Die Leute von heute akzeptieren einfach alles viel zu schnell und viel zu gern.
Strolch
dragooncomet
ToXsic WaRgoD
mir gehts genauso. ich hab Augen gemacht als ich die Wertung gesehen hab. Ich bezweifle aber dass die GP-Redaktion sich bestechen lässt.... nach langen gesprächen mit Markus, Nino, Kai etc. war/bin ich überzeugt dass sie in der Sache ehrlich sind.
Zu Saboteur gibt es nur zu sagen: "Lasst es noch stehen, denn es wird bald billiger über den Ladentisch gehen!" ;)
el_bollo
Jägerfisch
Pandemic hat auf Kritik von Mercs2 im eigenen Forum die Leute gebannt und behauptet, dass Game sei fehlerfrei. Somit wage ich zu bezweifeln, dass es mit "The Saboteur" irgendwie anders gelaufen ist. Scheinbar sind die nicht in der Lage gewesen die Macken von Merc2 auszubügeln und dann haben die lieber an "the Saboteur" angefangen zu werkeln. Mich kümmerts nicht, dass die nu weg vom Fenster sind und das Game kommt mir nur in die Konsole, wenns auf dem Grabbeltisch liegt.
el_bollo
Lappen
Ich hoff mal, dass die Spieleflut anfang nächsten Jahres, mit allen potentiellen Hit-Kandidaten, ein überfluss an überdurchschnittlich guten Spielen auf uns wirft.
Auf das, dass nächste Jahr alle vielversprechenden Titel hervorragend werden lässt!! :D