The Whispered World
12:03 Uhr - Ersetzen wir die sympathisch durchgeknallte Edna in einem Irrenhaus durch einen Kummerklops-Clown in einem Wanderzirkus mit dem bezeichnenden Namen „Sadwick“, den ominösen Hasen „Harvey“ durch ein Raupen-Etwas, das sich in unterschiedliche Zustände verwandeln kann, und packen das Ganze in ein melancholisches Szenario einer Welt, die kurz vor dem Abgrund steht, fertig ist das wohl „interessanteste“ Adventure dieses Jahres: The Whispered World.
Mann ist der scheiße drauf!
Der Vergleich mit „Edna bricht aus“, kommt natürlich nicht von ungefähr, denn hinter beiden Adventures stecken die deutschen Adventure-Schöpfer Daedalic und behaupten die Krone der Abenteuerspiele mit Tiefgang. Im Gegensatz zu Ednas Ausbruch aus der Irrenanstalt, mit temporären Ausflügen in eine verstörte Kindheit, kommt The Whispered World ohne diese offensichtliche Komik daher, sondern überrascht, vor allem ein älteres Publikum mit tiefsinnigen und eher philosophischen Fragen über das Sein und dem Grund, warum es uns überhaupt gibt. Logisches Gefäß dieser Gedankengänge, die das empfohlene Spielalter von 6 Jahren um 20 erweitert, ist die tragisch-komische Clown-Figur Sadwick, die mit ihrem ewig unterdrückenden Bruder Ben und dem senilen Opa, der immer eine gute Geschichte parat hat, sich jedoch über mehr als einen Satz hinaus kaum konzentrieren kann, einen eher erfolglosen Wanderzirkus betreibt. In seinen Träumen hat Sadwick die Vision des Weltuntergangs, der sich in der Wirklichkeit schon manifestiert, trotzdem noch nicht das Ausmaß angenommen hat, wie in Sadwicks REM-Phase. Von diesen Träumen verfolgt, unter chronischer Missstimmung leidend und ohne Motivation, dem üblichen Handwerk eines Schaustellers nachzukommen, das heißt Kunststücke zu üben, Jonglieren (was der Bruder eh besser kann) oder das einzige Tier im Trupp zu füttern, lässt Sadwick euch mit jeder Faser seines ulkig kostümierten Körpers spüren, dass ihr es mit einem etwas anderen „Helden“ zu tun habt.
Ihn als wirklich sympathisch zu bezeichnen, ist beleibe zu hoch gegriffen, denn Sadwick ist mit einer Stimme bewaffnet, die wie Bart Simpson ohne Eier klingt (und ich weiß, dass Bart von einer Frau gesprochen wird) und lässt Sprüche vom Stapel, die seine eigene Existenz in ein solch düsteres Licht dastehen lassen, dass ein Obdachloser unter seiner Brücke sein Leben für das Erstrebenswerteste halten müsste. Es ist eigentlich EGAL, welchen Gegenstand ihr Adventure typisch anklickt (eher untypisch ist die Art des Interagierens, da man die linke Maustaste gedrückt halten muss, um ein Kontextmenü zu öffnen, das euch die Wahl zwischen Sprechen, Nehmen oder Ansehen lässt – für mich umständlich, da ich es gewohnt bin, mit Linksklick Dinge anzusehen, während die rechte Maustaste für das Interagieren mit Gegenständen bzw. Menschen reserviert ist) Sadwick kriegt es immer hin, einen deprimierten Spruch zum Besten zu geben. Da hätten wir einen Schraubstock: „Mein Kopf fühlt sich immer so an, als sei er zwischen einen gespannt.“ Da hätten wir eine Blume: „Nein, die nehme ich nicht mit, die geht eh ein – liegt wohl an meiner Ausstrahlung“ Ein Globus: „Nein, ich habe eh schon das Gefühl, dass die ganze Welt auf meinen Schultern lastet“ Eine Schublade: „So wenig besitze ich. Es passt alles in diese Schublade.“ Ein Mauseloch: „Oh, es ist leer – so wie ich.“ Hallo? Geht es noch? An all die anderen Spieleseiten, die Sadwick als „sympathisch“ bezeichnet haben – ich finde diesen Kerl zwar nicht unsympathisch, aber mit ihm ein ganzes Abenteuer zu bestreiten? Das ist so, als ob ihr mit einem Kumpel eine Weltreise machen wollt, er aber jede Sehenswürdigkeit mit Sprüchen abtut wie: „Stützt eh bald ein.“ „Ich stürz mich von runter.“ „Das stürzt auf mich ein.“ – und das, obwohl man selbst am liebsten einfach nur in einer Bar abstürzen möchte. Bringt eine gehörige Portion Lebensmut beim Spielen von The Whispered World mit, ihr werdet ordentlich davon zehren müssen, denn die gesamte Welt ist ein Sammelsurium an Trübsal. Die schön gezeichneten Hintergründe geizen mit Farben, was der Depri-Stimmung nur weiteres Brennmaterial zum Lodern bietet und die ständig im Hintergrund dudelnde Melancholie-Melodie lässt mich öfter die angestöpselte Aufputsch-Infusion aufdrehen, als es einem Medizinstudenten beim Lernen für das Hammerexamen lieb ist. Damit man sich nicht gleich nach Spielstart in einer Badewanne voller warmen Wassers die Pulsadern aufschneidet, hat The Whispered World ab und an doch ein paar humorvolle Elemente eingebaut. Der Opa von Sadwick unterhält mit ungewollten Wortspielen, die sich erst auf dem zweiten Blick als solche und nicht als seniler Unfug herausstellen und wichtige Tipps für die teilweise schwierigen Rätsel beinhalten. Liebling der Spieler wird sicherlich Spot, die kleine Raupe an der Seite von Sadwick werden. Ähnlich wie der Hase Harvey in Edna bricht aus, wird Spot in viele Rätsel eingebunden, die durch das Wechseln seiner Form noch an Variabilität gewinnen. So kann sich die Raupe etwa aufblähen oder aber dank des Verspeisens von Feuerinsekten selber über das heiße Element herrschen. Per Knopfdruck verändert Spot dann seine Form und kann dann mit der Umwelt interagieren. Die unterschiedlichen Fähigkeiten lernt Spot im Verlaufe des Spiels.
Spot on Spot!
Spot ist dabei der einzige Begleiter von Sadwick auf seiner Mission, die Welt vor dem Abgrund zu retten (obwohl Sadwick laut einem Orakel, das man erst einmal finden muss, das genaue Gegenteil zu tun hat – er soll sie tatsächlich zerstören). Auf seiner Reise begegnet Sadwick allerhand merkwürdigen, wie skurrilen Geschöpfen. Da ist die Rede von Furcht einflößenden Asgil, den mutigen Chaskis, von denen Bobby, der Einzige ist, der nicht gerade mutig, sondern einfach nur hungrig ist und dann gibt es noch die Gebrüder Steine, die die Welt erobern wollen. Die Zutaten für herrlich aberwitzige Dialoge sind also da und werden von den Jungs von Daedalic hervorragend gemixt. Heraus kommt ein Cocktail, der vor allem mit der bekannten Liebe zum Detail beeindruckt. Jeder Dialog ist hervorragend vertont, nahezu jede Kombination unterschiedlicher Gegenstände wird individuell kommentiert. So wird man immer dazu eingeladen einfach mal herumzuexperimentieren, einfach weil man wissen will, was Sadwick als nächstes Trostloses von sich gibt. Nur ganz selten wiederholen sich einige Sprüche. Die Sprecher machen dabei alle einen hervorragenden Job, gerade der schwierige Part des ewig trauernden Sadwick wird von seiner Synchronstimme wunderbar bewältigt. Die Rätselstruktur ist solide, die Aufgaben reichen dabei von „Captain Obvious“ über „Ah, gut, dass ich noch mal bei Opi nachgefragt habe“ hin zu „Wie soll man denn darauf kommen?“ Einige Rätsel sind tatsächlich verdammt heftig, was aber nicht unbedingt am Grips des Spielers liegen muss. Das Problem hierbei ist das Kontextmenü von The Whispered World. Normalerweise denkt man nicht, dass man, um eine Kerze ausblasen zu wollen, mit ihr „sprechen“ muss. Bevor ihr also so ewig herumrätselt wie ich, hier ein kleiner Tipp: Die drei Interaktionsmöglichkeiten wirken sich immer unterschiedlich aus. „Hand kombiniert mit Mauseloch“ bedeutet also nicht das absolut hirnrissige „Nimm Loch mit“ – daher habe ich es im Vorfeld sein lassen – sondern „Klopf an Mauseloch an“. Eine doch etwas nachvollziehbarere Aktion, auf die man mit der normalen Logik nicht kommen würde. Die klassische Interaktion per Rechtsklick, die euch kontextbasierte Aktionen durchführen lässt, wäre hier wünschenswert gewesen. Aber auch andere Rätsel fallen durch nicht nachvollziehbare Lösungen negativ auf – aber das werdet ihr schon noch selbst herausfinden.
Die Würfel sind gefallen - und wieder - und wieder ...
Ansonsten haben wir noch klassische Elemente wie ein Inventar, das sich per Rechtsklick auf den Bildschirm stanzen lässt, in dem sich Gegenstände miteinander kombinieren lassen, was aber durch seine Übersichtlichkeit zu unnötigen Klickereien einlädt. Das ist aber Kritik auf einem eher hohen Niveau. Auch die Errungenschaften der modernen Adventures haben hier ihren Einzug gefunden. Dialoge lassen sich wegklicken, wichtige Gegenstände durch den Druck auf die Leertaste hervorheben und ein Doppelklick auf den Bildschirmrand lässt euch sofort zum nächsten Wechseln (obwohl mir hier die Ladezeit ein Tick zu lang erscheint). Sadwick kann leider nicht rennen (was gerade in Kapitel 2 nervt), dafür lässt euch eine Karte bequem und schnell die Ortschaften wechseln.
HINWEIS: Jedes Mal, wenn ihr The Whispered World startet, müsst ihr eine Kopierschutzmaßnahme über euch ergehen lassen, die beim ersten Mal zwar noch recht sympathisch herüber kommt, beim zehnten Absolvieren aber durchaus auf die Nerven gehen kann. Dem Spiel liegen nämlich drei Würfel mit gefühlten 100 Seiten bei. Auf jeder Seite befindet sich ein Symbol. Startet das Spiel, müsst ihr die Würfel so drehen, dass ihre Symbole so ausgerichtet sind, wie auf der Anzeige des Bildschirms wiedergegeben. Auf dem Bildschirm fehlt aber ein Symbol, das ihr nur auf euren realen Würfeln sehen könnt und aus einer Liste wählen müsst. Habt ihr für alle drei Würfel das richtige Symbol ausgewählt, startet das Spiel.
Pro und Contra
- + Einzigartiger Held
- + Abwechslungsreiche Rätsel
- + Schöne handgezeichnete Hintergründe
- + Skurrile Charaktere
- + Netter Kopierschutz
- - ... der verdammt traurig ist
- - ... einige sind etwas unfair
- - ... die die Laune auch nicht heben
- - BANDO nervt aber
- - ... der irgendwann nicht mehr nett ist
Dieses Spiel muss nicht geflüstert werden
Ich kann leider nicht mit derselben Begeisterung The Whispered World empfehlen, wie der Rest der Fachpresse. Kann man mit dem Szenario überhaupt nichts anfangen und versteht unter einem Adventure eher ein Paket aus Humor und fordernden Rätseln, bleiben hier eher die anspruchsvollen Rätsel übrig. Mir ist Sadwick, wie sein Name schon vermuten lässt, einfach zu traurig und depressiv. Wenn man in einem Raum vier Gegenstände hat, mit denen man interagieren kann und zu allen wird ein Spruch aller „Damit kann ich eh nichts anfangen, weil ich dazu zu blöd bin.“ Oder „Das erinnert mich an das Grab meiner Mutter“- ich weiß nicht, aber dann ist die gute Laune irgendwie verpufft und ich spiele tatsächlich noch Spiele, um mich gut zu fühlen. Wenn ich trübsinnig, nachdenklich im Stuhl sitzen möchte, dann schaue ich mir „Schindlers Liste“ an und schmeiße nicht meinen Computer an. Dennoch konnten mich vor allem die guten, wenn auch manchmal nicht ganz fairen Rätsel von The Whispered World so weit an der Stange halten, dass ich das äußerst bewegende Ende doch noch zu Gesicht bekommen habe. Es entschädigt tatsächlich für die melancholische Tour durch eine Welt, die vor dem Ende steht. Findet selbst heraus, was GENAU dahinter steckt. Es lohnt sich – wenn ihr lebenslustig genug seid.
Bewertung
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Kommentare (8)
Ragism
Normalerweise bin ich vor allem bei moderneren Adventures sehr kritisch, weil sie irgendwie nie so zu bezaubern wissen wie die guten alten LucasArts-Spiele. Bei TWW ist dem aber absolut nicht so. Klar, manche Rätsel bisher waren schon knackig, aber im Gegensatz zu den meisten modernen Adventures habe ich wirklich Lust, mich mit ihnen zu beschäftigen. Für mich ist es eine 9/10, aber wie gesagt: Man muss etwas für den Hauptcharakter übrig haben.
Aldigator
Ben Man
Demnach finde ich das Spiel grandios und auch künstlerisch sehr liebevoll gemacht !
Für mich eines der besten Adventures ÜBERHAUPT !
PS: Das Spiel läuft nur in 1024...sieht aber auch so grandios aus !
j1mbo
j1mbo
pc_only_user_95
Aber die Idee an sich ist klasse!