Tom Clancy's H.A.W.X.
16:00 Uhr - Das „Tom Clancy”-Franchise hebt ab: Mit „H.A.W.X.” entführt euch UbiSoft in luftige Höhen, um in der Rolle von David Crenshaw für Ordnung zwischen den Wolken zu sorgen. Ob die Militärreihe nach mehr oder weniger enttäuschenden Titeln wie „Rainbow Six Vegas 2“ oder „EndWar“ aufgrund des Perspektivenwechsels wieder zurück zu alter Frische findet, erfahrt ihr in unserem Review.
Amerikaner hui, der Rest eher pfui
Zwar steht der berühmte Autor Tom Clancy eigentlich in keinem Zusammenhang mit „H.A.W.X.“, die Geschichte des Flugabenteuers gibt sich aber genauso oberflächlich und patriotisch wie die zuletzt erschienenen Titel mit dem verkaufsfördernden Beinamen. Der Spieler schlüpft in die virtuelle Haut von David Crenshaw und kämpft zunächst als Söldner, später aber auch offiziell unter amerikanischer Flagge gegen das Böse. Letztes besteht in der nahen Zukunft zunehmend aus privaten Militärgruppen (PMCs), welche dank großzügiger Finanzierung nicht nur unzählige Mitglieder anwerben, sondern auch einen riesigen Haufen tödlicher Waffen anschaffen können. Das Chaos ist vorprogrammiert: Ganze Staaten werden erpresst, Präsidenten entführt und Zivilisten bedroht – je nach Tageszeit vorzugsweise mit handlichen Pistolen oder Atombomben. In solchen Zeiten ist selbst die Übermacht Amerika nicht mehr vor den militanten Mächten in Sicherheit. Eine Kriegserklärung der PMC dient hier als klischeegeladener Beweis. Na gut. Also schnell ins Cockpit gestiegen und die ersten Missionen gestartet! Unsere Auftragsziele erhalten wir dabei stets von langweiligen CGI-Figuren via Videofeed. Zusätzliche Informationen lassen sich aus Satellitenbildern und Missionsbeschreibungen herausfiltern. So ähnlich hat es ja auch schon das erste „Rainbow Six“ vor über zehn Jahren gemacht…
Zerstöre das, beschütze dies, weiche dem aus
Dafür sind die verschiedenen Aufgaben der eher kurz gehaltenen Einsätze wesentlich abwechslungsreicher als die hölzerne Präsentation im Vorfeld. Hier muss die Air Force One sicher in der Luft gehalten, dort Trägerverbände geschützt und am Ende auch noch einer voll beladenen Luftabwehrstellung ausgewichen werden. Nettes Detail am Rande: Direkt im ersten Level müssen die Ghost-Truppen unterstützt werden, auch nachher finden immer wieder kleine Franchise-Verflechtungen statt. Klar, den Großteil der etwa sechs- bis achtstündigen Kampagne verbringt ihr mit der Ausschaltung von Luft- sowie Bodenzielen. Im direkten Vergleich zur Konkurrenz hat „H.A.W.X.“ in diesem Punkt trotzdem mehr zu bieten. Leider nimmt die Anzahl zu beschützender Einheiten im späteren Spielverlauf deutlich zu und artet zum Teil fast schon in Frust aus. Schuld daran ist die zunehmende Unübersichtlichkeit, da mehrere Dinge auf einmal erledigt werden müssen, während man selbst oft mit dem Ausweichen vor feindlichen Raketen oder anderen Nebensächlichkeiten beschäftigt ist. Abhilfe schafft hier nicht nur ein klarer Kopf, sondern auch die befehlsempfänglichen KI-Kameraden. Mit dem digitalen Steuerkreuz setzt ihr eure Flügelmänner entweder auf Angriffs- oder Verteidigungskurs. Übrigens können die dazu benötigten Befehle, ebenso wie der Wechsel von Waffen und andere Routineaktionen, über ein Headset eingesprochen werden, wobei die Stimmerkennung nicht immer ganz so wunderbar funktioniert, wie es ein „EndWar“ zuletzt vorgemacht hat.
H.A.W.X. = Das Burnout der Lüfte
Über eines sollten sich alle Flugfans im Klaren sein: Wer eine realistische Simulation sucht, sollte das Fernglas schleunigst wieder anlegen und ganz fest an die Sehorgane drücken. Der neuste „Tom Clancy“-Streich ist vom Realismus so weit entfernt wie George W. Bush von einem Friedensnobelpreis. Für Neulinge im Genre ist das allerdings ein klarer Vorteil. So visualisiert das so genannte ERS („Enhanced Reality System“) Flugbahnen für den optimalen Angriffswinkel genauso wie den besten Fluchtweg vor feindlichen Raketen. Ein kurzer Druck auf die X- bzw. Quadrattaste reicht aus und schon erscheinen farbige Dreiecke vor der Nase eures Flugzeuges. Fliegt man den vorgegebenen Weg nun möglichst exakt nach, verbucht man eigentlich immer einen Erfolg auf dem eigenen Konto. Gerade bei am Boden befindlichen Angriffszielen wie Panzern ist diese Herangehensweise äußerst praktisch, da abgefeuerte Raketen ansonsten gerne in den oftmals nahe stehenden Gebäuden einschlagen. Über physikalische Kräfte, wie einen Strömungsabriss, muss man sich ebenfalls keine großen Sorgen machen, vor allem, wenn der Assistenzmodus eingeschaltet ist. Mit den Triggertasten wird beschleunigt bzw. gebremst, der Analogstick gibt die Richtung an und per Tastendruck werden die schier endlos vorhandenen Raketen und MG-Salven angefeuert. Das ist nicht nur äußerst arcadig, sondern erinnert stellenweise schon fast an einen waschechten Shooter.
Herausforderung auf Umwegen
Wen es nach mehr Herausforderung in „H.A.W.X.“ dürstet, der schaltet nicht nur einen höheren Schwierigkeitsgrad ein und stellt die Steuerung zwecks Komplizierung auf „Experte“, sondern deaktiviert einfach den Assistenzmodus. Dann habt ihr nicht länger die Wahl zwischen schicker Außenansicht oder Cockpitfeeling. Stattdessen wird euch eine frei schwebende Kamera weit weg vom Flugzeug aufgezwungen. Das hat zwar einerseits den Vorteil, dass riskante Manöver intuitiver auszuführen sind, andererseits lassen sich Feinde ein ganzes Stück schwieriger ins Fadenkreuz nehmen – es gibt hier nämlich keines. Immerhin genießt man im Off-Modus den weitschweifenden Blick über die verschiedenen Schlachtfelder. Von belebten Städten wie Washington oder Las Vegas bis hin zu kahlen Wüsten sind hier alle möglichen Szenarien vertreten. So lange man sich weiter oben aufhält, sieht „H.A.W.X.“ prächtig aus: Scharfe Bodentexturen gespickt mit ausmodellierten, dreidimensionalen Hochhäusern, wuchtige Explosionen in der Luft und schicke Flugzeugmodelle machen einiges her. Knapp über der Oberfläche schwindet der Glanz natürlich, andererseits befindet man sich nur selten so nah am Boden. Auch in puncto Sound macht der Titel fast alles richtig: Die Musikuntermalung passt sich stetig der vorherrschenden Situation an und realistisch wirkende Funksprüche erreichen im Sekundentakt euer Cockpit.
Mit dem Wingman auf Erfolgskurs
Ein wahres Highlight von „H.A.W.X.“ ist der Mehrspielermodus. Statt nur in kompetetiven Team-Duellen gegeneinander anzutreten, geben euch die Entwickler ebenfalls die Möglichkeit, jede einzelne Mission im Kooperationsmodus zu bewältigen. Hier dürfen bis zu vier menschliche Flieger gleichzeitig auf Jagd gehen. Eine Liste verfügbarer Sessions wird euch direkt in der Missionsbesprechung angezeigt. Sofern die Konsole mit dem Internet verbunden ist, versteht sich. Glücklicherweise lief das Geschehen meist flüssig über den Bildschirm. Nur selten kam es zu wirklich störenden Lags. Über einen Splitscreen ist der Multiplayer-Part übrigens nicht spielbar. Für errungene Erfolge werden, genau wie im Einzelspielermodus, immer wieder neue Waffen und vor allem Flugzeuge durch Erfahrungspunkte und Levelaufstieg freigeschaltet. Schade: Bis auf äußere Merkmale unterscheiden sich die Vehikel kaum voneinander, weder in der Geschwindigkeit noch in der Waffenstärke. Auch wenn es uns die Statusanzeigen der verschiedenen Flieger glaubhaft machen wollen…
Pro und Contra
- + sehr einsteigerfreundlich
- + schicke Präsentation
- + einige einfallsreiche Missionsziele
- + gelungener Mehrspielermodus inkl. Co-Op
- - dafür zu wenig Herausforderung für Profis
- - im späteren Spielverlauf ziemlich stressig
- - plumpe Geschichte à la Tom Clancy
Kein Überflieger, für Arcade-Flieger aber ein Must-Have
Wer eine Simulation sucht, wird bei „H.A.W.X.“ nicht fündig. Das weiß mittlerweile nicht nur der treue AreaGames-Leser, sondern auch UbiSoft. Die Entwickler haben es nämlich verstanden, ein von Grund auf funktionierendes Arcade-Action-Spiel mit luftigem Setting auf die Beine zu stellen. Hier finden besonders Genre-Neulinge die perfekte Einstiegsdroge in das Fluggenre, denn stellenweise erinnert der Titel fast an einen modifizierten Shooter. Von dem Gefühl, ein mächtiges Instrument der Kriegsführung zu kontrollieren, bleibt hier nicht mehr viel übrig. Egal: „H.A.W.X.“ bietet teils interessante Missionsziele, eine schicke Optik und kurzweiliges Mehrspieler-Vergnügen. Mit einer tiefgründigeren Story, weniger Stress im späteren Spielverlauf und einer etwas ausgeklügelteren Steuerung für Experten wäre hier noch deutlich mehr drin gewesen. Doch Flugspiele sind sowohl auf der Xbox 360 als auch auf der PS3 rar gesät. Von daher bleibt Freunden der Lüfte nichts anderes übrig, als hier zuzugreifen.
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Kommentare (10)
highdef
BullsEye1977
lg
Robert Buch
So hart hab ich die matschigen Bodentexturen nun auch nicht in die Mangel genommen, oder? ;)
Kit Kat ChunkY
EL POLLO DIABL0
Saibot
chiefrebelangel
Alexander Laschewski-Voigt
DerDuffman
Normalerweise habt ihr ja immer diese (wie ich finde, ein SEHR gutes Feature) Vergleiche mit ähnlichen Spielen.
Wie schlägt sich HawX denn gegen Ace Combat 6?
Das hat mir nämlich sehr gut gefallen...
chiefrebelangel