Toy Story 3
13:29 Uhr - Disney Interactive hat auf der E3 mit Warren Spectors Epic Mickey bereits ein Zeichen gesetzt, bevor das Wii-Game rund um die malende Zaubermaus überhaupt auf den Markt gekommen ist. Und auch schon vorher gab es Signale, dass sich der zwischenzeitlich ins Straucheln gekommene Großkonzern nicht mehr länger mit mäßigen Videospielen auf Basis seiner Lizenzen abfinden möchte. So hat man z.B. den Pixar-Dauervertrag mit THQ nicht mehr verlängert, um nach Ratatouille, Wall-E, Oben & Co. vor weiterer irrelevanter Magerkost verschont zu bleiben. Und auch wenn es für die Avalanche-Adaption des neusten Kinofilms von Pixar nicht bis zur Unendlichkeit gereicht hat, so ist man nach dem Entwicklerwechsel doch schon... ja, viel weiter.
Toy Story 3 Reloaded
Das Lizenzspiel zu Toy Story 3 (dem bis dato erfolgreichsten Pixar-Film aller Zeiten) beginnt, genau wie die Vorlage, mit einer rasanten "Wild West"-Verfolgungsjagd samt Pferd, fahrendem Zug und fliegendem Schwein. Änderungen am wesentlichen Ablauf inbegriffen, auch wenn sich der rote Faden von Spiel- und Kinovariante durch dieselben Hauptlocations windet und sämtliche Figuren aus dem Einen auch im Anderen ihre Auftritte haben. Dass sich die Entwickler bei der Spieleversion trotzdem alle Freiheit nehmen konnten, Actionsequenzen weiter aufzubauschen, Dialog- sowie Emotionsmomente aus dem Script zu werfen und aus Toy Story 3s Kampagne schlichtweg ein reinrassiges Plattform-Actionspiel zu formen, wird durch einen simplen, auch für Kinogänger durchaus stimmigen Kniff ermöglicht: Was man in Toy Story 3 an der Konsole erlebt, ist die Nacherzählung einer der Nebenfiguren aus der Filmvorlage. Und ihr wisst ja: Mit Nacherzählungen ist das wie mit Podcasts. Da hat einer plötzlich einen Riesenschwanz und der Kollege angeblich 'ne tote Nutte im Kofferraum. Hier eben bloß kindgerechter. So kommt man z.B. nur im Lizenzspiel in den Genuss des offiziellen "Buzz Lightyear"-Videogames (als Spiel im Spiel) und der ausführlich ausgeklügelten Beschaffungsaktion eines Haustelefons, an das man nur unter geschicktem Einsatz seiner drei Hauptfiguren (Buzz, Woody, Jessie - Koopmodus an einer Konsole inbegriffen!) sowie der grünen Fallschirmspringersoldaten kommt. Die Minirätsel und kleinen Spielchen, welche man in jedem Areal meist in frei wählbarer Reihenfolge absolviert, präsentieren sich einfallsreich und quer durch alle Genres (vom Shooter bis zum Rennspiel) gemischt. Allerdings wiederholen sie sich innerhalb eines Levels auch sehr oft in gleicher Form und vom Anforderungsgrad her entsprechen sie am ehesten dem kleinen Andy, den man aus dem ersten Teil von Toy Story kennt.
Die Tatsache, dass man über unendlich Leben verfügt und nach dem Ableben an fairen Speicherpunkten zurückgesetzt wird, fängt allerdings auch eine Menge Frustpotenzial ab, das die zuweilen unpräzise Steuerung bei Sprungeinlagen, die in manchen Szenen unvorteilhaft platzierte Kamera und zeitweise auch Problemchen mit der mehrfach belegten, kontextsensitiven Tastenbelegung durchaus in sich bergen. Selbst in seinen schlechteren Momenten ist das Handling von Toy Story 3 zwar nie richtig schlecht, man hat aber trotzdem weder beim Ballern, beim Hüpfen oder beim Fahren bzw. Reiten das Gefühl, es würde einem eine wirklich runde, ausgereifte Version der jeweiligen Gameplayvariante geboten. Man spielt eher eine simplifizierte Quickiefassung etablierter Spielformen nach der anderen. Ohne richtigen Tiefgang oder ein nennenswertes Gefühl der Herausforderung, aber in bunt, lustig und halt sinnvoll mit "Toy Story"-Elementen umgesetzt. Alleine letzterer Punkt hat den Storymode von Toy Story 3 für mich zu einem unterhaltsamen Spaß und einer schönen Abwechslung zwischen all den "erwachseneren" Spielen gemacht, selbst wenn im Spiel abseits einiger ulkiger Humormomente und dem grundlegenden Charm der Lizenzvorlage kaum Wert auf große Kinogefühle gelegt wird.
Kistenweise Extraspaß
"Hauptsache, wir werden pünktlich fertig"-Lizenzspiele wären bereits mit dieser geradlinigen, auf simpler Ebene recht gut gelungenen Kampagne rundum zufrieden gewesen. Oder sie hätten gleich den hier nun als nächstes beschriebenen Spielzeugkistenmodus als kompletten Vollpreistitel vorgewiesen. Hinter dem Bonuspart (!) von Toy Story 3 verbirgt sich ein (innerhalb des Genres verglichen) verhältnismäßig kleines Sandboxgebiet, das allerdings bis zum Rand mit kleinen Aufgaben, Bewohnern, Wettrennen, freischaltbaren Gimmicks, zu entdeckenden Items und allen möglichen Hauptprotagonisten aus der Story gefüllt wurde. Sämtliche Quests, deren Aufgaben von ganz speziellen Fotosessions bis hin zu idiotensicher ausgeschilderten Sammelarbeiten und originell aufgemachten Minispielchen reichen, lassen sich einzeln gesehen innerhalb weniger Minuten absolvieren, was bei mir besonders innerhalb der ersten Stunden in der Spielkiste durchaus für etwas Suchtfaktor sorgen konnte. Das Foto schieße ich noch, die Figürchen kleide ich noch alle mit Mexikanerhüten ein, das Rennen wird jetzt eben schnell geritten und jaaaaa... wieder regnet es ganz viel Konfetti und Geld für all die geschafften Missiönchen. Geld? Investieren! Zwar enttäuscht der Baupart von Toy Story 3s kleiner Sandbox mit wenigen vorgegebenen Bauplätzen und ultrasimpler Modifizierbarkeit der Gebäude (Man wählt bei Bedarf aus einer Hand voll grober Einzelteile und streicht die Gebäude dann noch in seinen Lieblingsfarben an), dafür sieht man die Spielzeuglandschaft bei stetem Fortschritt im Missionslogbuch auch im laufenden Spiel immer weiter wachsen. Extramodule wie Zurgs "Sci-Fi"-Festung und Sids Horrorhaus stellen nicht nur HUB-artig angesteckte Vergrößerungen der Spielwelt dar, sie beeinflussen auch die thematische Gestaltung der alles verbindenden Oberwelt.
So lange man nicht alle Gruselquests gelöst hat, wird die Basis-Westernstadt in nächtliche Dunkelheit gehüllt und von Geistern heimgesucht. Geht man Zurg nicht an den Kragen, toben am Himmel UFO-Kämpfe, große Aliens entführen Tiere und kleine Aliens,... ihr merkt langsam, wie viele verrückte Dinge bloß im Bonuspart von Toy Story 3 vor sich gehen. Alleine hiermit hatte ich mehr Spaß als mit allen Pixar-Lizenzgurken der Vergangenheit zusammen und das vor allem auch deswegen, da Avalanche das Potenzial der Lizenz als erste Entwickler auch mal wirklich umfangreich auszunutzen wissen. Spätestens wenn man die Glibbermaschine freigespielt hat, mit der man jede Figur und auch manche andere Objekte in der Spielwelt temporär vergrößern oder verkleinern kann, hat man an Toy Story 3 trotz all seiner Simplizität auch als geneigter Hardcorespieler einen Narren gefressen. Zumindest ging es mir so, denn ich bin auch anfällig für Sammelaufgaben, deren Objekte nicht ZU gut versteckt sind und die sich relativ angenehm ohne viel Mühe am Rande der anderen Aufgaben abarbeiten lassen. Am wichtigsten ist aber, dass ich in Toy Story 3 ständig belohnt und gefeiert werde. Hier ein Sammelkärtchen gefunden, dafür gibt's ein neues Kostüm. Dort ein neues Püppchen entdeckt, das ist ein neuer Stadtbewohner. Eine Kuh versucht in den Brunnen zu werfen, dafür gibt's einen Bonusstern mit Geldgewinn. Als erfahrener Spieler tänzel ich wie im Belohnungsrausch durch den Sandboxmode des Spiels, ohne dass es sich jemals so anfühlt, als würde es keinen Spaß mehr machen. Ich spiele eben mit typischen Spielzeugen in einer Spielzeuglandschaft und da ist es doch das Natürlichste von der Welt, dass mir alles total leicht fällt und ich ein Happy End nach dem anderen erlebe. Ein Konzept, das man im Erwachsenen-Alter auf Thaimassagen umverlegt hat... und an das man sich durch Toy Story 3 auf der Konsole heutzutage gerne in kindgerechter Umgebung zurückerinnert fühlt.
Einfach schön spielen
Auf technischer Ebene möchte sich Toy Story 3 nicht mit dem Klischee abfinden, Lizenzspiele zu 3D-Animationsfilmen müssten unbedingt veraltete Grafik und nervige Bugs zu bieten haben. Toy Story 3 läuft absolut sauber und flüssig über den Bildschirm, ist schön hell und bunt, sieht vor allem aber recht stimmungsvoll passend gemäß der Vorlage umgesetzt aus. Natürlich erreicht der Lizenztitel selbst in seinen spärlich gesäten Cutscenes nie das optische Niveau des Kinostreifens der Pixar-Magier, jedoch sind die Animationen (ob im Gesicht oder an den Beinen) der Videospielefiguren so liebevoll und mit dem Original im Hinterkopf umgesetzt worden, dass nicht nur der so wichtige Wiedererkennungsfaktor im Spiel gegeben ist, sondern auch tatsächlich das Feeling aufkommt, man würde sich wirklich im Universum der Leinwand-Abenteuer befinden. Dass nicht jede Textur im Spiel superdetailliert ausfällt und die Level-Architektur von Toy Story 3 niemals den Libeskind-Ehrenpreis abräumen wird, schadet dem positiven Gesamteindruck der Spielgrafik überhaupt nicht. Das "Toy Story"-Flair wird toll eingefangen, die Scriptsequenzen sind rasant in Szene gesetzt, einige liebevolle Anspielungen an die Filmserie sowie andere Referenzen sind sowieso inklusive und was mich vor allem freut ist, dass sich einige Kulissenteile auch gleich physikalisch beeinflussen lassen, womit die Wirkung der interessanten Spielzeugperspektive besonders in den riesengroß wirkenden Menschen-Umgebungen nicht durch zu sterile Szenerien beeinträchtigt wird. Abgesehen von einer fantastischen englischen Synchronisation, mit der die deutschen Sprecher mal wieder nur bedingt mithalten können, überrascht die musikalische Untermalung nicht unbedingt damit, dass sie die fröhliche Grundnote der Spiele-Adaption vortrefflich akustisch zu zelebrieren weiß. Ich sing' nur: "You've got a friend in me..."
Pro und Contra
- + Roter Faden aus dem Kino, anders erzählt
- + Bietet nicht nur Filmschauplätze
- + Viel Abwechslung mit Minispielen & Co.
- + Unendlich leben, viele Checkpoints
- + Spaßiger Sandboxmodus fast eigenes Spiel
- + Sammelaufgaben die tatsächlich Spaß machen
- + Lokaler Koopmodus
- + Stimmige Optik, detailgetreu animiert
- + Musik macht Stimmung
- - Emotionen & Dialoge der Vorlage gestrichen
- - Kaum Cutscenes, keine Film-Ausschnitte
- - Alle Spielvarianten nur simpel gestrickt
- - Steuerung nicht immer vom Feinsten
- - Erfahrene Spieler kaum gefordert
- - Spielareale bleiben eher klein abgesteckt
- - Keine Onlinemodi
- - Viele eher undetaillierte Texturen
- - Nur englische Synchro überzeugt richtig
Toy, toy, toy
Ich wages es kaum auszusprechen, aber entgegen der internationalen Lobeshymnen und des riesigen finanziellen Erfolges finde ich den neuen `Toy Story`-Kinofilm keinesfalls so euphorisierend fantastisch, wie offenbar der ganze Rest der Welt das tut. Obgleich der Streifen (einen Filmcheck dazu gibt es hier bei AreaGames ab kurz vor dem Kinostart) gewohnt brilliant animiert ist und er gerade für einen Familienfilm durchaus gut gelungen ist, hätten es Pixar meinetwegen gerne bei den deutlich besseren Vorgängern belassen können. Gar nicht missen möchte ich als Fan des Franchises dagegen die Videospiele-Adaption von Toy Story 3, denn dabei handelt es sich um nicht weniger als eines der besten, vor allem dem Original am stimmigsten gegenüberstehenden Lizenzspiele überhaupt. Was es von noch höheren Wertungsregionen fern hält ist einzig die Tatsache, dass es auf keiner Ebene wirklich das Niveau eines AAA-Titels erreicht, der mich mehrere Tage lang in seinen Bann ziehen kann und der auch etwas handfestere Spieltiefe mit sich bringt. Als kindertauglicher Genremix mit ordentlichem Umfang, bunter Grafik und liebevoller Umsetzung des `Toy Story`-Universums hat mich der Titel dennoch auch als Hardcorezocker weit mehr überzeugt als das allgemeine Filmspielegulasch, das man im Normalfall zum Start eines Blockbusters kredenzt bekommt. Vor allem hat es mir auf seine einfache Weise auch losgelöst vom neuen Kinofilm schon sehr viel Spaß gemacht und es ist wirklich nur noch ein paar kleine Minisoldatenschritte davon entfernt, an meine Vorstellung des `Toy Story`-Videospiels heranzukommen, dass ich mir seit dem ersten Filmteil immer schon gewünscht habe.
Bewertung
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