Transworld Snowboarding

16.01.2007 11:47
Transworld Snowboarding


Sich im Sommer auf ein Snowboard-Brett zu stellen, um damit den Abhang auf der Suche nach guten Sprung- und Trickmöglichkeiten nach unten zu rasen, das kann nur der Wunsch nach Abkühlung sein. Auch wenn Transworld Snowboarding schon etwas länger im Handel ist, haben wir uns auf die Piste gewagt und versucht, die Umgebungstemperatur zu vergessen. Und tatsächlich: Schon bald stellte sich ein erstes Frösteln ein, was jedoch weniger mit der Thematik als mit der teilweise schludrigen Realisierung des Spiels zu tun hat. Ein Totalausfall ist Transworld Snowboarding nicht zuletzt wegen der recht guten Grafik nicht geworden, mit Genregrößen wie Amped oder SSX Tricky kann das Spiel aber nicht ganz mithalten.

Transworld Snowboarding, das von den Housemarque-Entwicklern stammt, hatte dabei schon lange vor dem Release auf sich aufmerksam gemacht. Die ersten Bilder hinterließen einen absolut positiven Eindruck. Die Verwendung von verschiedenen Stimmungen wie zum Beispiel einer Abenddämmerung und der damit verbundenen Lichtverhältnisse machten Lust auf mehr, zumal auch die Snowboarder hoch detailliert wirkten und erste Gameplay-Informationen schon fast den Amped-Killer vermuten ließen. Nach dem Release verschwand das Spiel allerdings relativ schnell in der Versenkung und es wurde ruhig um das kalte Vergnügen.

Das Spiel ist insgesamt weder ein Vertreter der Funspiele geworden noch wird Realismus groß geschrieben. Zwar steuern sich die Snowboardfahrer eher wie beim großen Vorbild aus der Microsoft-Schmiede, mit Realismus ist es aber spätestens dann vorbei, wenn man merkt, dass es geradezu schwierig wird, den Fahrer auf die Nase zu legen. Während man bei Amped sich über mehrere Tage und Wochen immer mehr im Handling verbessern kann und man einige Zeit benötigt, bis man sich an die Steuerung gewöhnt hat, darf man bei Transworld Snowboarding in der Lernphase schon munter erste Erfolge einheimsen. Dies mag sich auf den ersten Blick sehr positiv anhören, wenn aber selbst die tollsten Tricks sofort klappen, weil selbst die ungenauesten Landungen verziehen werden, dann trinkt die Motivation schon mal einen Jager-Tee, wenn der Spieler noch auf der Piste ist.

Herzstück des Spiels ist der Karrieremodus mit dem Namen Transworld Tour, bei dem es wieder einmal darum geht, vom kleinen unbedeutenden Snowboarder zum König über die insgesamt 17 Berge zu werden. Wer seine Sache gut macht und die verschiedenen Aufgaben je Abschnitt meistert, schaltet neue Level frei, bekommt ein besseres Snowboard oder darf sich darüber freuen, auf der Titelseite eines Szenemagazins abgelicht zu sein. Dabei kann man nicht nur mit einem der insgesamt zehn Spieler alle Aufgaben erfüllen, sondern darf für jeden Fahrer einzeln (ähnlich wie bei diversen Funsporttiteln wie zum Beispiel Aggressive-Inline oder der Tony Hawk-Reihe) auf die Piste steigen, um mit unterschiedlichen Fahrern die selben Aufgaben zu meistern. Die Motivation, dies allerdings mit allen Fahrern zu absolvieren, dürfte sich dabei in Grenzen halten, zumal man auch nach einmaligem Durchspielen fast alles gesehen hat.

Fans der Sportart dürfen sich darüber freuen, dass man im Spiel die Auswahl aus echten Snowboardern hat und keine fiktiven Figuren für die Abfahrt herhalten mussten. So trifft man auf Jussi Oksanen, Andrew Crawford, Tina Basich, Wille Yli-Luoma, Peter Line, Todd Richards, Kevin Jones, Barrett Christy, Nicola Thost und Daniel Franck. Das Aufgabenspektrum, das es im Transworld Tour-Modus zu bewältigen gilt, kennt man aus anderen Spielen: Es müssen bestimmte Gesamtpunktzahlen während der Abfahrt erzielt werden, geheime Orte abseits der Hauptpiste warten auf ihre Entdeckung, manchmal muss man über eine bestimmte Stelle grinden und oft reicht das Ausführen eines ganz bestimmten Tricks. Natürlich gibt es auch das Posen vor Journalisten, die ein begeisterndes Bild fürs Titelblatt benötigen. Auffällig ist von Anfang an, dass der Schwierigkeitsgrad der einzelnen Aufgaben schon innerhalb eines Levels sehr stark schwankt. Während man viele Aufgaben bereits im ersten Durchgang löst, muss man sich später vor allem dann anstrengen, wenn man eine bestimmte Gesamtpunktzahl erreichen muss.

Die Streckenführung kann dabei leider in keinster Weise mit der von Amped mithalten. Während man dort zur "Pistensau" wird und auch schon mal die Flora und Faune in einem abgelegenen Wäldchen durcheinander ingt, ist die Abfahrt bei Transworld Snowboarding abgesehen von den "Abseits der Piste"-Strecken ähnlich linear wie bei SSX Tricky. Gelegentlich meint man zwar, einen Hauch von Freiheit zu spüren, dieser endet aber meist an der nächsten Absperrung. Der Aufbau der jeweiligen Strecke hängt von der Levelart ab, in dem man sich gerade befindet. Während man Abseits der Piste noch relativ viel Freiraum genießt und man hier beide Daumen für akzeptables Design nach oben halten könnte (sorry, aber wir kennen Amped und wissen, wie es noch besser geht), sind vor allem die Sprunglevel Kurzzeitspaß im Schnee. Kurz den Abhang hinunter, Tricks machen, was das Gamepad aushält, um zum Schluss an der letzten Wand mit einem abschließenden Sprung nochmal ordentlich zu punkten - das geht zu schnell, um wirklich authentische Snowboard-Atmosphäre aufkommen zu lassen.

Zusätzlich zu den Fahrten abseits der Piste und den Sprüngen gibt es noch normale Abfahrten, während denen die Strecke im wesentlichen vorgegeben ist, Level in der Halfpipe, in der man einen Trick nach dem anderen vom Stapel lassen sollte und die sogenannte Boarder Rally. Hier ist man nicht allein unterwegs, sondern muss sich im Wettkampf mit anderen Fahrern durch Siege profilieren. Wer sich generell vom Transworld Tour-Modus fernhalten möchte, der darf auch in einem Einzelspiel starten und dabei zum Beispiel im Freeride ohne Zeitlimit die Strecken erkunden oder im Zeitfahren neue Rekorde aufstellen. Die Sprung- und Halfpipe-Level stehen dabei nicht zur Verfügung und wer in beiden Modi auch die späteren Abschnitte sehen will, der muss sie im Transworld Tour-Modus erst frei schalten.

Die Steuerung des Spiels ist einfach und dank der oben angesprochenen Steh-Auf-Männchen-Qualität muss man sich über mögliche Patzer am Anfang keine Gedanken machen. Der linke Ministick ist zur Steuerung des Charakters zuständig, mit dem rechten Stick werden die verschiedenen Boardgriffe in der Luft gezeigt und mit A macht man einen Ollie. Wer während der Abfahrt eine gekonnte Luftakrobatik hinlegt, dessen Geschwindigkeitsschubanzeige steigt, nur um gleich wieder mit X entleert zu werden. Gegrindet wird mit B.

Richtig hohe Punktzahlen lassen sich nur durch Kombos erzielen und wer versucht mit Einzeltricks die geforderten Scores zu erzielen, der sollte im nächsten Winter lieber Schneemänner bauen. Für eine Kombo müssen kurz vor der Landung die beiden Schultertasten leicht zeitversetzt gedrückt werden, worauf ein Kombo-Countdown anzeigt, dass man jetzt einen weiteren Trick anreihen sollte. Das Absolvieren nicht enden wollender Kombos gehört eindeutig zu den motivierendsten Aspekten des Spiels, da man hier nach einiger Zeit auch deutliche Fortschritte macht. Insgesamt lässt sich in der Luft ein recht vielfältiges Repertoire an Tricks durchführen. Ob ganz normale Salti oder Schrauben oder gar eine Kombination aus wilden Drehungen und Griffen ans Board - echte Snowboarder werden unter anderem mit Hetzel Flip, 90 Roll und Rodeo bei den Tricks auf ihre Kosten kommen.

Das Hauptproblem von Transworld Snowboarding ist die Tatsache, dass es den Entwicklern gegen Ende der Produktion wohl zu kalt geworden ist. Anders ist es nicht zu erklären, dass einige unschöne Fehler, die die Liebe zum Detail vermissen lassen, den Gesamteindruck des Spiels nach unten ziehen. So gibt es bei der durchaus gelungenen Grafik immer wieder Clipping-Fehler und die Kollisionsabfrage schwankt oft zwischen "noch akzeptabel" und "spielspaßkillend". Nicht selten fährt man an einer Wand entlang und wundert sich darüber, dass Teile des Boarders in selbiger verschwinden, wenig später glaubt man dann, die Abfahrt fehlerfrei hinter sich zu ingen und stößt an eine Kante, die eigentlich viel zu weit weg ist, um Einfluss zu nehmen.

Zudem kann der Spieler sehr wenig machen, um sich eine sympathische Spielerfigur zusammen zu setzen. Ein Modus, in dem man seinen eigenen Spieler kreirt, fehlt völlig und selbst die Kleidung kann nicht von Beginn an munter gewechselt werden. Wie blanker Hohn wirkt es da, dass der Spieler im Auswahlmenü entscheiden kann, ob der Snowboarder die Schneeille aufsetzt oder nicht, zumal er sie im Rennen ohnehin immer trägt. Ob ein tiefer Blick in die Augen der Protagonisten wirklich der Sinn und Zweck einer Fahrerwahl sein sollte?

Das optische Gesamtbild ist jedoch erst bei genauerem Hinterfragen zum Beispiel durch oben genannte Clippingfehler getrübt. Auf den ersten Blick weiß das Spiel in diesem Punkt durchaus zu überzeugen und zeigt mit der Grafik definitiv den Pluspunkt des Spiels. Vor allem die stimmungsvollen Spielereien mit dem Licht wirken gelungen und würde das Spiel nicht immer wieder durch Framerateneinüche oder PopUps von der Umgebung ablenken, könnte man die Snowboardatmosphäre im Licht der Abenddämmerung durchaus genießen. Die Animationen der Charaktere sind jedoch noch verbesserungswürdig und zeigen vor allem in den (seltenen) Extremsituationen eines Sturzes eine gewisse Kantigkeit. Die Qualität der Texturen kommt leider nicht einheitlich daher und findet selbst im vermeintlich homogenen Weiß des Schnees unterschiedliche Realisierung. Während gerade unter viel Lichteinstrahlung der Untergrund wirklich gut aussieht, kann das Weiß an einigen Stellen wiederum überhaupt nicht überzeugen. Dennoch sieht das Spiel insgesamt hübsch aus, was aus heutiger Sicht auch die frühen beeindruckenden Screenshots zum Spiel erklärt.

Bei der akustischen Untermalung setzt man auf genretypischen Mix aus Rock, Punk, Electronic Beats und Hip Hop.Die ganz großen Namen bei den lizensierten Stücken fehlen zwar, aber Szenefans werden mit den Namen Hoobastank, Sivercrush, Quarashi, Apulanta, Buuba Sparxxx oder Felonious etwas anfangen können. Mit über 70 verschiedenen Musikstücken hat man hier auf alle Fälle kräftig aufgetischt. Wem das noch nicht reicht, der darf seine eigenen Soundtracks von der Festplatte spielen und auch die Auswahl verschiedener Musikgenres ist möglich. Wer also nur zu Electronic Beats den Hang hinunterrasen will, der darf das genauso tun wie die HipHop-Only-Fraktion.

Was bei der Musik noch überzeugen kann, hinterlässt bei den Soundeffekten keinen bleibenden Eindruck. Es gibt nichts, worüber man sich aufregen könnte aber auch nichts, was im Gedächtnis zurückbleibt. Sowohl das Carven und Grinden als auch die Umgebungsgeräusche wie der Applaus der Zuschauer sind durchschnittlich und völlig unspektakulär. Dolby Digital wird allerdings immerhin unterstützt, auch wenn das Genre nicht unbedingt zum akustischen Surround-Spektakel einlädt.

Mit bis zu drei Mitspielern darf man Transworld Snowboarding auch via Splitscreen spielen oder im sogenannten Super-Profi-Modus nacheinander versuchen, in einem bestimmten Levelabschnitt so viele Punkte wie möglich zu erzielen. Von der technischen Seite erweist sich der Multiplayer-Modus via Splitscreen leider teilweise als Spielspaßkiller. Man hat nicht nur mit den situationsbedingten Übersichtlichkeitsproblemen zu kämpfen, sondern muss - noch etwas deutlicher als in der Singleplayer-Kampagne - sich mit Frameratenproblemen anfreunden. Ansonsten kann der Multiplayer durchaus ein oder zwei Nachmittage motivieren, das Spiel ist jedoch ganz klar für einen Spieler ausgelegt.

„Die Konkurrenz kann's besser“

(Eigene Meinung » Sebastian Philipp)

Die Frage, warum man bei Transworld Snowboarding im Vergleich zu anderen Genre-Spielen so selten in den Schnee stürzt, liegt auf der Hand. Die Entwickler müssen wohl gewusst haben, dass ihnen selbst das keine weiße Weste mehr bescheren wird. Die ersten Bilder von Transworld Snowboarding waren wirklich spektakulär und auch heute sieht ein unbewegtes Bild noch immer sehr beeindruckend aus. Je mehr man das Spiel allerdings in Fahrt kommen lässt, desto enttäuschender endet letztendlich das Schneetreiben.

Sowohl spielerisch als auch technisch hält Transworld Snowboarding leider nicht mit den Größen des Genres mit und kann mich kaum länger vor den Fernseher fesseln als für diesen Test nötig. Die noch überdurchschnittliche Wertung kam in diesem Fall leider vor allem durch die Grafik zu Stande, da Videospieler heute nicht mehr gewillt sein sollten, unfertige Programmierleistungen kommentarlos zu akzeptieren. Wer mit zahlreichen kleinen Fehlern, die sich in der Masse dann allerdings auftürmen, leben kann und absoluter Snowboard-Fan ist, der kann vielleicht über einen Kauf nachdenken, allerdings nur, wenn zumindest Amped schon im Schrank steht und ausgiebig gespielt wurde.

Mir persönlich ist es unerklärlich, wie die internationale Fachpresse neben durchaus realistischen Wertungen auch einige Male mit 80er-Wertungen um sich geschmissen hat. Hier scheint mir doch eine gewisse Schneeblindheit vorgelegen zu haben, die wohl durch das strahlende Weiß als auch die Grafik hervorgerufen wurde. Ohne den Begriff des Grafikblenders zu sehr strapazieren zu wollen, empfehle ich dringend einen Blick hinter die Fassade.

Bewertung

Transworld Snowboardingxbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.