19.01.2007 10:29
True Crime: Streets of L.A.
Es gibt wohl kaum jemanden, der sich ernsthaft für Videospiele interessiert und der noch nicht Rockstars Meisterwerke GTA 3 und Vice City gespielt hat. Beide Titel wurden jeweils zum Synonym für DIE Killerapplikation schlechthin und hunderttausende beigeisterter Spieler haben sich nur wegen dieser illanten Mischung aus Autorennen und Actiongame eine PS2 zugelegt oder ihren PC aufgerüstet. Der unglaubliche Erfolg der beiden Spiele hat natürlich auch die liebe Konkurrenz hellhörig werden lassen und es dauerte nicht lange, da erschienen deutlich von GTA inspirierte Titel wie The Getaway oder Mafia. Mit True Crime: Streets of L.A. steht nun ein weiterer Grand Theft Auto-Klon vor der Tür, der theoretisch alle Chancen hätte, den übermächtigen Konkurrenten zu entthronen.
Die Handlung von True Crime beginnt wie ein durchschnittlicher Actionfilm: Der suspendierte kaltschnäuzige Cop Nick Kang wird nach seiner Reaktivierung in eine Spezialeinheit des LAPD gesteckt, um einem Komplott der chinesischen und russischen Unterwelt auf die Spur zu kommen. Sämtliche Zwischensequenzen werden mithilfe der Ingame-Engine präsentiert und protzen mit toll designten Charaktermodellen und eindrucksvollen Gesichtsanimationen. Zu dumm, dass ausgerechnet die Story des Spiels äußerst konventionell ausgefallen ist. Besonders die holprigen Dialoge des Protagonisten Nick Kang sind wegen der vielen klischeehaften Sprüche hart an der Schmerzgrenze und sollten im geplanten zweiten Teil dringend einer Generalüberholung unterzogen werden. Da war es doch geradezu wohltuend, dass bei GTA 3 der Hauptcharakter während des gesamten Spiels kein einziges Wort sprach...
Nachdem Mr. Kang das Waffentraining in der Schießanlage abgeschlossen hat, erwartet ihn die große weite Welt des Polizistenalltags: Leider ist der Ersteindruck von L.A. umwerfend und ernüchternd zugleich. Die originalgetreu nachgebildete Stadt ist wirklich verdammt groß und dürfte mit rund 240 Quadratkilometer Ausmaß locker alle Konkurrenzspiele hinter sich lassen. Dennoch wirkt Los Angeles nie so lebendig wie etwa Vice City, was sicherlich am geringeren Verkehrsaufkommen liegen dürfte. Auch kleine spielerische Schmankerl - wie etwa Sprungschanzen für den Colt Seavers in uns allen - wird man bei True Crime leider vergebens suchen. Hat man sich aber ersteinmal an die Limitierungen der Stadt gewöhnt, verringern sich die ständigen GTA-Vergleiche und man kann sich auf das eigentliche Spielerlebnis einlassen.
Sämtliche Missionen lassen sich grob in ein 4er Schema einordnen: Ähnlich wie bei den Rockstar-Klassikern darf sich der Spieler auf spannende Verfolgungsjagden in diversen Fahrzeugen, adrenalintreibende Schusswechsel, prügellastige Nahkämpfe und auch auf kleine Stealth-Abschnitte freuen. Die Handlung erstreckt sich insgesamt über 100 Untermissionen, die größtenteils linear der Hauptstory folgen. Leider ist die Story recht kurz durchgespielt - nach spätestens 15 Stunden sollten auch ungeübte Spieler erfolgreich vor dem Abspann stehen.
Grundsätzlich muss Nick in den meisten Missionen erst einmal von A nach B kommen, was logischerweise am besten mit einem fahrbaren Untersatz funktioniert. Entweder schnappt sich der Spieler seinen langweiligen Dienstwagen oder man aquiriert einfach das nächstbeste Auto - natürlich ganz legal im Namen des Gesetzes. Verlangt es beispielsweise die Mission vom Spieler einen gegnerischen Wagen zum Halten ingen, dann kann man entweder versuchen auf die Reifen zu schießen und den Fahrer zum Aussteigen zu zwingen oder man probiert mit präzisen Schüssen den Tank zu treffen und den Insassen zu grillen oder aber man ist noch gemeiner und nimmt als "Bad Ass" den Fahrer gleich ins Zielkreuz.
Wenn man per pedes unterwegs ist und es einmal zu bleihaltigen Konfrontationen kommen sollte, darf sich Nick freuen, dass auch er über übermenschliche Fähigkeiten wie sein New Yorker Kollege Max Payne verfügt und die Zeit verlangsamen kann. In altbekannter John Woo-Manier kann man mit den bösen Jungs eine Ladung Blei austauschen - das Ganze wird erfreulicherweise sehr stylisch mit den obligatorischen Hechtsprüngen unterlegt. Allerdings wurde ähnlich wie bei Dead to Rights der Bullet Time-Modus nicht ganz konsequent umgesetzt: Benötigte Max Payne die Zeitlupenfunktion definitiv zum Überleben, so ist bei True Crime die Bullet Time eher als ein nettes Zusatzfeature zu betrachten. Zudem sind die meisten Schießereien ziemlich unübersichtlich ausgefallen - machen aber dank der fast vollständig zerstörbaren Umgebung trotzdem einen Heidenspaß. Beispielsweise orientiert sich eine der Actionsequenzen schamlos am berühmten Matrix-Shoot Out in der Lobby, was jedem filmbegeisterten Spieler sicherlich nur recht sein kann. Nick kann üigens im Gegensatz zu seinem schleichenden Kumpel Sam Fisher auch die Waffen der besiegten Gegner verwenden.
Sämtliche Nahkampfsequenzen sind mit den verschiedenen Schlag-, Tritt- und Wurfvarianten zwar recht nett anzuschauen und erinnern oft an bessere Momente aus Enter The Matrix, doch letztendlich läuft die Prügelei auf ein Buttonmashing erster Kajüte hinaus. Ein wenig mehr Spieltiefe und Taktik hätte besonders bei den zahlreichen Nahkämpfen nicht schaden können. Komplexer als die simplifizierten Prügeleien aus GTA ist True Crime aber auf jeden Fall.
In einigen Polizei-Missionen wird man außerdem in zufällig generierte Verechen verwickelt, bei denen die Täter schnellstmöglich gefasst werden sollten. Von Raubüberfallen bis hin zu Geiselnahmen oder Autodiebstählen ist die komplette Pallette der "Wahren Verechen" dabei und zumindest bis man alle Delikte zwei- oder dreimal gesehen hat, wird der Spieler ziemlich gut unterhalten. Später zerren die sich ständig wiederholenden Zufallsmissionen leider eher an den Nerven des Spielers.
Ein zweifellos tolles Feature ist die Entscheidungsmöglichkeit, ob man eine Mission erfolgreich oder nicht erfolgreich abschließt und trotzdem weiter in der Story voranschreitet, da alle Aktionen des Spieles Konsequenzen im weiteren Verlauf der Handlung haben. Handelt man beispielsweise politisch korrekt und verhaftet bzw betäubt die Kriminellen, so erhält man positive Punkte auf Nick Kang's Gewissens-Konto. Tötet man hingegen den Gegner oder gar unschuldige Passanten obwohl es eine friedlichere Alternativmöglichkeit geben würde, sacken die Good Cop-Punkte bedrohlich nach unten und man wird fortan als böser Cop eingestuft. Je nach diesen Gewissenswerten und nach Ausgang der einzelnen Missionen kann man mehrere unterschiedliche Spielenden erleben. Sollte man zudem zu viele Zivilisten getötet haben, wird ein SWAT-Team in Bewegung gesetzt, welches Nicks mörderischem Treiben schnell ein Ende setzt.
Im Verlauf der Story kann Nick seine Fähigkeiten in den Bereichen Nahkampf, Schießen und Fahren deutlich verbessern und zudem durchschlagskräftigere Waffen und schnellere sportlichere Fahrzeuge erhalten. Voraussetzung sind aber die bereits erwähnten Gewissens-Punkte, die es größtenteils bei den zahlreichen Zufallsverechen zu verdienen gibt. Als Belohnung winken unter anderem eine schnellere Nachladefähigkeit der Waffen, ein Zielfernrohr oder ein Betäubungsschuss. Auch spektakuläre Wendemanöver, ein Nitroboost oder das Fahren auf 2 Rädern machen das Spieldesign von True Crime wesentlich attraktiver. Auch wenn man ohne diese Spezialfähigkeiten anfangs im Spiel gut vorankommt, so sind die Upgrades unbedingt zu empfehlen, da sich so einige Minibosse leichter besiegen lassen oder bestimmte Zeitfahrten wesentlich einfacher zu meistern sind.
Die etwas träge Steuerung der Wagen ist nach einer kurzen Eingewöhnungsphase durchaus gelungen. Die Autos fahren sich insgesamt etwas realistischer als der wahnwitzige Fuhrpark von GTA und halten deutlich mehr Kollisionen oder Karosserieschäden aus. Für die Automissionen gibt es 4 unterschiedliche Kameraperspektiven, wobei die meisten Spieler sicherlich bei der Standardeinstellung bleiben werden. Apropos Standardeinstellung: Sämtliche Gamepadbelegungen lassen sich individuell anpassen und dürften somit auch Spielern entgegenkommen, welche die Default-Steuerung eher für suboptimal halten. Eine schöne Idee ist üigens das Einblenden der jeweils befahrenen Straßennamen am oberen Bildschirmrand: Selbst Ortsunkundige düften sich dank dieses Features (und nach ausreichendender Spielzeit) bestens im Dschungel von L.A. zurechtfinden.
Unverzeihliche Mängel weist leider die Kameraperspektive bei den zahlreichen Schlägereien auf. Immer wieder kommt es vor, dass man aus dem Nichts angegriffen wird, da die störrische Kamera den Gegner noch nicht im Bild hatte. Ebenfalls nicht ganz ideal ist die halbautomatische Target-Funktion bei den Actionsequenzen. Erst nach einer Handvoll Schießereien kann man sich mit dem langsamen Zielsystem anfreunden, welches zweifelsohne deutlich intuitiver sein könnte.
Schade, schade, schade: So detailliert und interaktiv die Grafik auch sein mag: Leider muss man sich während der gesamten Spielzeit mit einem leicht verwaschenen L.A. in diversen Grautönen anfreunden. Auf knallbunte Lichteffekte ala GTA Vice City verzichtet True Crime ganz bewusst, was zwar der Realtät mehr entgegenkommt aber auch deutlich an Atmosphäre einbüßt. Die Innenlevel wirken hingegen deutlich optimierter, da dort viele Texturen höher aufgelöst wurden und auch an der Farbpalette nicht gespart wurde. Die Animationen der Charaktere sind leider ziemlich durchwachsen - von spektakulär bis peinlich ist eigentlich alles dabei.
Unverständlicherweise ist auch die technische Seite nur sehr halbherzig umgesetzt worden: Zwar besitzt True Crime eine verhältnismäßig stabile Framerate von rund 30 fps, aber dennoch nerven Pop-Ups, Clipping-Fehler und flimmernde Texturen besonders zu Beginn des Spiels mächtig. Hat man sich an den leicht antiquierten Look von True Crime erst einmal gewöhnt, dann fallen einem aber auch viele nette kleine optische Details auf, wobei an dieser Stelle vor allem das tolle Schadensmodell der Wagen zu nennen wäre. Auch das ansehliche Partikelsystem kann grafisch mit Konkurrenzprodukten mithalten.
Die K.I. ist in den Außenmissionen weitestgehend gut gelungen. So kann es schon einmal vorkommen, dass sich ein Gegner genau unser abgestelltes Auto klaut und versucht, sich damit aus dem Staub zu machen. Etwas dümmlich wirken hingegen die bösen Jungs in den (kurzen) Stealthmissionen. Diese trampeln stupide auf immer den gleichen Pfaden und lassen sich auch nicht von einem riesigen geworfenen Schatten beeindrucken. Die Vielfalt an NPCs und Autos könnte zudem deutlich größer und abwechslungsreicher sein.
Für die Synchronisation hat sich Activision zweifellos mächtig ins Zeug gelegt. Nebenrollen wurden unter anderem mit Christopher Walken, Gary Oldman, Michelle Rodriguez, Michael Madsen oder Ron Perlman besetzt. Lediglich Russel Wong, den Filmfans bestimmt noch aus Romeo Must Die kennen, enttäuscht auf ganzer Linie, da ihm das Script nur drittklassige Film-Zitate verpasst, die seinen Sympathiepegel rasch ins Bodenlose sinken lassen.
Sobald man in einen Wagen einsteigt, ertönt ein äußerst lässiger Westcoast-Soundtrack der Marke Snoop Dog oder Warren G. Auch Metal-Fans dürfen sich über einige Songs ihrer Helden freuen (u.a. Megadeth). Einen synfonischen Soundtrack oder andere Musikstile außer Hip Hop und Rock gibt es leider nicht - dafür kann man dank der Xbox-Festplatte seinen eigenen Soundtracks lauschen, welche sogar in 3 unterschiedliche Kategorien eingeteilt werden können (Fahren, Action, Kämpfen).
„GTA + Max Payne + Enter the Matrix = Killerapplikation?“
(Eigene Meinung » Alexander Wilke)
Manchmal wünscht man sich sehnlichst, dass sich alle Entwickler für ein Spiel soviel Zeit lassen würden wie das legendäre Blizzard-Team. Ihr ahnt es bereits: True Crime ist leider wieder einmal ein Musterbeispiel für jede Menge verschenktes Potential. Vor allem mit der überdimensionalen GTA-Serie im Nacken hat es True Crime sicherlich nicht gerade leicht. Der unnachahmliche Coolnessfaktor und die spielerische Freiheit der berühmten Rockstargames GTA 3 und Vice City wurden insgesamt betrachtet nur teilweise übernommen - und auch so manche Neuerung ist eher von zweifelhafter Natur. True Crime bietet zwar neben den unterhaltsamen Autofahrmissionen auch einen mehr oder weniger auchbaren Prügelpart, stylische Bullet-Time-Action sowie ein paar halbherzige Stealth-Abschnitte, aber leider hätten all diese Elemente noch deutlich mehr Finetuning geauchen können. Die Prügeleien enden meistens mit Button-Mashing in Reinkultur, die Schusswechsel sind ziemlich konfus und über die mageren Stealth-Abschnitte hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens. Auch die optimierungsbedürftige Steuerung, die zweckmäßige Grafik und einige Bugs tragen ihren Teil dazu bei, dass True Crime nicht in höhere Wertungsregionen vorstoßen kann. Immerhin ist der wichtigste Teil des Spiels - nämlich das Autofahren - ziemlich gut umgesetzt worden, so dass eigentlich einer Spritz-Tour im virtuellen L.A. nichts im Wege stehen sollte. Nun ja, fast nichts:
Mein persönlicher Hauptkritikpunkt ist die äußerst schwach erzählte Story. Neben einer uninspiriert wirkenden Anhäufung von dutzenden Film-Klischees, die garantiert nicht mehr als Homage durchgehen würden, nervt vor allem Hauptcharakter Nick Kang mit seinen bemüht witzig klingenden Macho-Sprüchen. Auch der eigentlich tolle Soundtrack ist nicht ganz unproblematisch: Obwohl garantiert unzählige Spieler verdammt gerne Hip-Hop hören, halte ich die Beschränkung auf einen Musikstil für etwas gewagt. Sicherlich gibt es auch Abschnitte bei denen auch einige Metal-Songs ertönen, dennoch wird die irrwitzige musikalische Vielfalt von GTA oft schmerzlich vermisst. Immerhin sollten selbst hartgesottene Schlagerfreunde keinen Grund zum klagen haben, da man bei True Crime die Möglichkeit hat seinen Lieblingssoundtrack von der Xbox-Festplatte in das Spiel zu integrieren. Besonders gelungen ist zudem das rollenspielartige Auflevelsystem des Hauptcharakters: Nick kann im Laufe seiner Karriere nicht nur seine Kampfkünste verbessern, sondern lernt auch zahlreiche neue Schusstechniken und Fahrmanöver.
Fazit: Wer tatsächlich vor der Wahl stehen sollte, sich entweder True Crime oder das GTA Bundle zuzulegen, sollte eher bei Rockstars Klassikern zugreifen. In Sachen Witz, Atmosphäre und Abwechslung macht GTA so leicht keiner etwas vor. Dennoch bietet auch True Crime trotz einiger unübersehbarer Mängel eine gelungene Alternative für alle kompromissbereiten Freunde des noch jungen Genres. Gut geklaut ist meistens halb gewonnen. Aber eben nur halb...