Uncut-Kolumne: Der Gamerscore-Fluch
Trophies, Achievements, Erfolge,... virtuelle Belohnungen dieser Sorte zählen zu jenen Neuerungen der aktuellen Videospielegeneration, die am meisten Anklang bei den Usern gefunden und sich entsprechend flächendeckend auf vielerlei Systemen ausgebreitet haben. So richtig angefangen hat der süchtigmachende Trend 2005 mit dem Start der Xbox 360, nur dort hat er mich wirklich packen können und auf dieser Plattform ist er für mich vor einer Weile auch gestorben.
Ich werde nie den Moment vergessen, als ich meinen Namen in die Highscore-Liste des Terminator-Flippers eintragen durfte, der sich bei jedem meiner Ostsee-Urlaube über mein komplettes Reisetaschengeld gefreut hat. Damals war ich zehn Jare alt, höchstens. Mein erstes "Xbox 360"-Achievement dagegen? Liegt nicht annähernd so weit zurück, wird wohl irgendetwas in Call of Duty 2 gewesen sein, aber ich müsste jetzt nachgucken gehen, um es genau zu wissen. Seit Start des Gamerscore-Systems habe ich schlicht so viele Spiele gespielt, Achievements erworben und Punkte gesammelt, dass der Gedanke an all diese "Erfolge" in meinem Hirn zu einer undurchsichtigen braunen Suppe verwässert ist. Selbst Gedanken an richtig originelle Vertreter ihrer Zunft, die es zweifelsohne gegeben hat, sind angesichts der schieren Masse optisch immer identisch aufploppender Belohnungen regelrecht in meinem Erinnerungsschatz begraben worden. Dass es Achievements wie Sand am Meer gibt, ist Microsofts Vorschriften geschuldet, denn jedes "Xbox 360"-Spiel muss eine Mindestzahl dieser Erfolge sowie einen maximal erspielbaren Gamerscore-Wert von 1000 vorweisen. Egal wie uninspiriert betextet, kinderleicht oder gar unfair schwer zu bekommen.
Ob utopisch hohe Abschusszahlen im Multiplayermodus, das mehrmalige Absolvieren ein und derselben Kampagne auf allen verschiedenen Schwierigkeitsgraden oder der Verrat an den eigenen Online-Teamkollegen, die Liste richtig dämlicher bis nerviger Achievements ist kaum kürzer als Martin Luthers Thesensammlung. Und so wird man speziell als geneigter Sologamer immer wieder mit dem unbedfriedigenden Anblick konfrontiert, trotz soeben vollbrachter Weltrettung oder ähnlicher Verdienste nach vielen Stunden Spielzeit trotzdem angeblich nur 10 bis 40 Prozent eines Spieles "geschafft" zu haben. Selbst Titel, die ich wirklich sehr lange und sogar mehrmals durchgespielt habe, wollen mir bei Betrachtung des Gamerscorestandes weismachen, ich hätte sie nur kurz mal angerissen und mich eigentlich noch gar nicht so recht mit ihnen auseinandergesetzt. Gleichzeitig weiß ich in vielen dieser Fälle genau: Ich werde die hier verlangten Achievement-Aufgaben nie im Leben vollbringen können, weil ich dabei jeglichen Spaß an der Sache verlieren würde.
Vor gar nicht allzu langer Zeit war das mal anders. Da habe ich über Nacht einen Stick am Controller mit Tesafilm fixiert, um den Hauptdarsteller aus Darksiders lange genug gegen eine Wand reiten zu lassen, damit mir das "Dark Rider"-Achievement zugeschrieben wird. THQs Action-Adventure war allerdings auch tatsächlich der letzte "Xbox 360"-Titel, den ich bloß wegen Gamerscore-Punkten viel länger gespielt habe, als ich eigentlich Lust darauf hatte. 815 Punkte hat mir das Game bisher eingebracht und eines der Achievements, die mir jetzt noch fehlen, würde mir stundenlanges Gegnerschlachten ohne Story und ohne besondere Spielherausforderung in den mir längst zum Halse heraushängenden Kulissen der Spielwelt abverlangen, nur um mir mit den so verdienten Seelen im Shop noch die letzten Zauber-Upgrades leisten zu können, damit es wieder heißt: "Erfolg freigeschaltet". Für eine ganze Weile war ich fest entschlossen, bei diesem Titel die greifbar nahen 1000 GS voll zu machen. Als ich dann aber so dabei war, die lukrativste Stelle zum Seelengrinden in Darksiders immer wieder schwertschwingend zu durchreiten, ist mir dermaßen langweilig geworden, dass sich mir immer stärker die Frage aufdrängte, die man sich im Alltag bekanntlich viel zu selten stellt:
- "Warum mache ich diesen Scheiß hier überhaupt?"
Ja, warum habe ich so lange auf das Erreichen möglichst vieler Gamerscore Wert gelegt? Warum habe ich die Höhe einer schnöden Punktzahl ohne jeglichen Mehrwert zum Anlass genommen, ein Spiel ums andere an jeder Freude vorbei regelrecht totzuspielen? Na weil das System eben da ist. Die Entwickler können es nicht ignorieren, ich kann es nicht aus meiner Gamercard ausblenden. Bei manchen Spielen sind die Achievements durchaus so gut designed, dass sie mir Freude bereiten. Auf die breite Masse des "Xbox 360"-Angebots trifft dies in meinen Augen aber trauriger Weise schlichtweg nicht zu und so sind für mich in meiner Gamerscore-hurigen Phase nur immer mehr die oben beschriebenen Nebenwirkungen in den Vordergrund gerückt: Entweder man lutscht ein Spiel länger aus als es einem überhaupt echte Spielspaßsubstanz zu bieten hat oder man muss mit dem blöden Gefühl leben, es massiv unvollendet beiseite gelegt zu haben. So oder so haben mich die Achievements also praktisch immer unglücklich gemacht und nach reichlicher Überlegung ging eigentlich kein Weg mehr daran vorbei, sie vor meinem inneren Gerichtshof für tot zu erklären. Gamerscore, no more. Seit ich meine Augen vor den Spielpunkten verschließe, zockt es sich an der Xbox wieder deutlich befreiter und ich breche einen "so la la"-Titel viel eher mal mitten in der Kampagne ab, um mich lieber wieder einem Spiel zu widmen, das mir durch und durch richtig gut gefällt. Egal, ob mir dadurch jede menge Achievements durch die Lappen gehen.
So laut ich übrigens damals darüber gelacht habe, wie unmotivierend Sonys PlayStation-Trophies sind, so froh bin ich inzwischen darüber, von dieser Art Erfolge-Jagd-System auf der PlayStation 3 erst gar nicht angefixt worden zu sein. Es wäre ja letztendlich nur aufs gleiche Ergebnis hinausgelaufen wie an der Xbox 360. Gebt mir Kostüme, Bonus-Charaktere, Zusatzwaffen, Gimmicks, Extra-Inhalte jeder Art zum Freispielen oder bietet mir so motivierende Highscorelisten, dass ich dauerhaft Spaß daran habe, meine Fähigkeiten innerhalb eines Spieles zu steigern und mich mit meinen Freunden zu messen. Da bin ich gerne dabei, wenn das Design auch so durchdacht ist, dass es den eigentlichen Spielspaß ankurbelt und für meine Zeit-Investition einen echten Mehrwert bietet. Auf stupide Massenpunktejagd habe ich aber selbst als Vielspieler überhaupt keine Lust mehr, weil die meisten Games dafür nicht das nötige Langzeitpotenzial hergeben, welches ihnen die momentanen Gamerscore/Trophäen/Achievement-Systeme viel zu oft aufzuzwingen versuchen.
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Kommentare (53)
KING_BAZONG
Spiele früher hatten das nicht und begeisterten oft deutlich mehr als große Spiele heute, die diesen Mist intus haben.
Trophies (hab ja nur die PS3) sind für mich überflüssig wie ein Kropf.
Bei der PS3 hab ich lediglich Uncharted 2 den Score voll. Aber da hat es auch einfach durchgehend Spaß gemacht, dass ich selbst bei 3 maligen durchspielen es immernoch super fand.
Toni III04
dennoch bietet es für mich auch heute noch einen sehr guten ansporn jene spiele die wirklich spass machen dann auch gezielt auf die erfolge hin durchzuspielen, und die zahl am gamertag ist einfach ein gewisser anreiz der wohl für mich nie komplett schwinden wird. wobei ich auch sagen muss, dass die sucht danach auch nichtmehr vorhanden ist
Germaniax
Ewoy2000
Brauche GS auch nicht so wirklich iss nett
SecurityDog
Als die dann schrott war und ich mir eine PS3 geholt habe, hab ich aber so gänzlich das "Gefühl" für diese Gamescores/Trophies verloren, da Sony allg. irgendwie nicht das Gefühl vermittelt, dass man Teil eines Ganzen ist, wie bei der 360.
Aber grundsätzlich find ich, dass jeder soviel Spaß mit den Punkten haben sollte, wie er mag :-)
PipBoy95
Johannes Krohn
PipBoy95
Noch mal eben versuchen ein paar Clicks zu generieren ;-)
Das Mirrors Edge Achievement fand ich auch super aber es gab wirklich teilweise stellen wo man theoretisch 5 Soldaten per Hand hätte ausschalten müssen oder alternativ um die 20 Anläufe gebraucht hat um einfach so durchzurennen.
Robot7
Bei einem Blick auf die Erfolge beleibt im Grunde nur das Gefühl ein Spiel nicht durchgespielt zu haben. Dazu tragen unter anderem die vermehrten Multiplayer-Erfolge oder lästige Sammelaufgaben bei. Assassin's Creed II hat Spaß gemacht, mir fehlte aber die Motivation das Spiel noch weiter zu durchforsten und sämtliche Federn zu sammeln. Solche Aufgaben haben für mich nichts mehr mit Spaß zu tun. Gerade ACII habe ich schon recht lange gespielt, da ich ein Mensch bin der Spiele überwiegend relativ langsam durchspielt und sich teilweise einfach nur an der Optik erfreut. Auf langes Einsammeln von diversen Objekten habe ich keine Lust und würde für mich rückwirkend das Spiel auch atmosphärisch zerstören.