Uncut-Kolumne: Ich bin verblüfft!
Vergangene Woche ist etwas geschehen, das ich schon so lange nicht mehr erleben durfte,... ich hatte fast vergessen, wie es sich anfühlt. Ganz ohne Vorwarnung, nach satten 160+ Stunden in dessen Ödland, hat es ein Spiel namens Fallout 3 doch tatsächlich geschafft, mich aus heiterem Himmel vollends zu verblüffen. Und das noch nicht mal mit sehr großem Aufwand.
Es ist hellichter Tag im Trümmerfeld einer ehemaligen Vorstadt Washingtons. Wie schon so oft zuvor, seit ich Bethesdas RPG-Welt durchstreife. Ich checke mein Equipment durch, gebe meinem Begleiter Charon ein paar Stimpacks und ziehe mir die weniger hautfreundliche, mich dafür aber vortrefflich als Monster tarnende Ghoulmaske an. Wie so oft. Immerhin gilt es, wie so oft, eine der vielen U-Bahn-Stationen des Games zu durchforsten. Hatte ich schon "wie so oft" gesagt? Na ja, um sicher zu gehen: Alles wie so oft schon zuvor genau so gemacht. Nun aber genug des Vorgeplänkels. Ich betrete den Sub-Urbanen Dungeon und... und... verdammt noch mal! Was zum Teufel ist hier los?! Wie perplex sehe ich mit an, wie eine ganze Horde der sonst so unspektakulär vor sich hin grummelnden Feindghoule an mir vorbei ins Freie rennt. Schnurstracks über die Ladegrenze hinweg, hinaus ans Tageslicht. Das machen die Viecher sonst nie. Gut. In Vorfreude auf ein spezielles Event in den Tunnels oder sonst eine damit verbundene Entdeckung schreite ich voran; erforsche jeden Winkel der unterirdischen Anlage, öffne jeden Schrank und schalte sogar im Spielmenü die Helligkeit komplett nach oben, um auch ja nichts von Belangen zu übersehen. War gar nicht nötig, denn es gibt im simplen Abkürzungsstück zwischen zwei Oberweltlocations rein gar nichts außergewöhnliches oder mysteriöses zu finden. Nicht mal weitere Feinde, NPCs oder sonstige Lebewesen. Warum zum Teufel waren die Ghoule also nach draußen gestürmt? Hatten sie irgendetwas gerochen? Ich beschließe, ihnen hinterherzurennen und kann sie allesamt gleich beim Eingang der U-Bahn stellen. Mir gegenüber friedlich, dank meiner feinen Maskierung, stehen sie da wie sonst gewohnt herum, wandern mal ein paar Meter, hocken sich auf den Boden, keuchen irgendetwas in die Luft. Kein Anzeichen für einen Kampf oder auch nur das geringste Außergewöhnliche, was sie aus ihrer eigentlichen Heimat hätte herauslocken können. Im Netz weiß niemand ein ähnliches Erlebnis über das von mir besuchte Areal zu berichten, von einer getriggerten Scriptsequenz - aus welch immer gearteten Gründen - ist demnach auch nicht auszugehen. Die Entscheidung der Ghoule, nach draußen zu laufen, scheint durch und durch willkürlich, ohne tieferen Sinn getroffen worden zu sein. Vielleicht sogar einfach nur zufällig. - Nun, aber genau das hat mich wie gesagt total verblüfft.
Ich stelle mir das Ganze Wunder der Ghoulschöpfung bei Bethesda, basierend auf dieser Beobachtung, wie folgt vor. Der Designer legt im Baukasten fest, das Charaktermodell X zur Rasse "Ghoul" und damit zur Fraktion "Monster" gehört. Damit gilt entsprechend folgendes: Der Racker kann im Prinzip alles machen, was jeder andere in der Welt auch kann, so lange es nicht krass gegen seine Natur verstößt (wie Kleidung anziehen oder Sprechen z.B.). Alles andere steht ihm zwar frei, aber er strebt auch nicht unbedingt danach. Die Entwickler haben offenbar im Detail definiert, dass Ghoule grundsätzlich am liebsten in einem bestimmten Umkreis umherwandern und damit zufrieden sind. Auch wenn sie - so zeigt es mein Ausnahmebeispiel - eigentlich auch überall anders hin gehen könnten; ihnen das Spiel keine unsichtbaren Barrieren oder festen Pfade vor die Nase setzt. Allen Ghoulen, denen ich in über 160 Stunden "Fallout 3"-Spielzeit begegnet bin, war diese theoretische Freiheit gemäß ihrer Grundhaltung völlig Wurscht. Nur dieser einen Gruppe nicht und ich weiß nicht warum. Nicht mal ansatzweise. Vielleicht wurden sie durch einen Glitch bzw. Bug für kurze Zeit in den Flucht- oder Angriffsmodus versetzt, sind deswegen panisch aus der U-Bahn gestürmt und haben sich oben wieder beruhigt. Doch selbst dann fasziniert mich das Ganze, denn es hat sie nichts am Verlassen des Untergrundes gehindert. Keine Programmzeile hat gesagt "Bleib du mal hier! Welchen Sinn hat es eigentlich, dass du jetzt da hoch läufst? Keinen, also STOPP und KEHRT! SOFORT!". Sie haben eine dynamische Handlung vollzogen, die von den Entwicklern auf keinen Fall so vorgesehen war, welche vom Spieldesign wiederum trotzdem nicht am Keimen gehindert wurde und die sich einfach aus sich selbst heraus entwickelt hat. Was ihr Auslöser, was ihre Bedeutung oder Motivation war? Es wird ihr eigenes kleines Geheimnis bleiben. Auch vor mir als Spieler. Und das obwohl ich persönlich Zeuge war.
Was unterscheidet das oben geschilderte Erlebnis von jedem x-beliebigen anderen K.I.-Aussetzer? Zum einen mal, dass es mir keine Sekunde lang wie etwas "kaputtes" vorkam. Es passierte alles ohne Zickerei ganz homogen in der Welt von Fallout 3, als habe es sich gerade tatsächlich vollkommen natürlich so zugetragen. Ich kann ja nicht mal mit Sicherheit sagen, ob es sich dabei überhaupt um einen Fehler gehandelt hat. Besonders da mir der Stein des Anstoßes für den Frischluftanfall der Ghoule schleierhaft blieb. Zum anderen hat sich die K.I. auch nicht über etwas hinweggesetzt, das ihr normalerweise verboten/"nicht möglich" wäre. Was mich vor allem zu der Frage führt, warum ich sonst nie einen Ghul zwischen verschiedenen Ebenen der Welt habe herumwandeln sehen. Warum verharrten bisher alle Verstrahlten an ihren Standardplätzen, es sei denn, sie wurden angegriffen? Die Ausreißer haben etwas getan, das jeder Ghoul hätte tun können, wozu es für Ghoule im Normalfall jedoch nicht den entferntesten Grund gäbe. Ich glaube der Punkt, der mich so sehr fasziniert, ist nun, dass dieser unwahrscheinliche Fall der unwahrscheinlichen Fälle in Fallout 3 trotz aller Unwahrscheinlichkeit eben doch möglich ist. Wenn in Red Faction: Guerrilla irgendwo im Hintergrund ohne mein Zutun ein Gebäude explodiert, dann überrascht mich das, aber es verblüfft mich nicht. Denn ich weiß: Die Gebäude sind zum Kaputtgehen da, überall stehen explosive Fässer herum und jeder dumme Zufall kann dank Physikengine 'ne unglücklich glückliche Kettenreaktion auslösen. Passiert ständig, weil das Game genau darauf zugeschnitten designt wurde. In Fallout 3 habe ich nun seit langem mal wieder das Gefühl gehabt, die Entwickler hätten viele Parameter der Spielwelt großzügig offen gelassen, damit sie sich ab und an - auch wenn es verglichen mit der Größe nur um Details geht - auch mal aus ihrem vorbestimmten Korsett freistrampeln kann. Monster, die aus 'nem Tunnel heraus an die freie Natur laufen, sind nun auf dem Papier sicherlich kein Eyecatcher. Doch in diesem Moment haben sie es zweifellos und trotz aller Simplizität der Situation geschafft, mich zum Wundern zu bringen. Ein schönes Gefühl, das ich im Spielebereich trotz vieler Toptitel wahrlich schon sehr, sehr lange nicht mehr in der Form erlebt habe.
Krasse Features, tolle Effekte, packende Storys - Qualitativ können wir Gamer uns trotz vieler Durchschnitts-Titel und sicherlich auch einiger Gurken insgesamt nicht wirklich über die moderne Spieleszene mit ihren vielen AAA-Blockbustern beschweren. Doch was ist mit eben jenen Momenten, die einen einfach nur verblüffen? Mit denen man nicht gerechnet hätte, über die man zu grübeln beginnt, die das Spiel plötzlich vor euren Augen zu etwas mehr machen, als nur vorgeschriebenen Programmzeilen zu eurer Unterhaltung? Gehen eure jüngsten Beispiele dieser Art bis in die Geburtszeit der legendären Unreal-Skaarj mit ihrer damals so schockierenden K.I. zurück, reichen sie gar noch in viel vergangenere Spielezeitalter oder erlebt ihr so etwas doch auch heute noch am Fließband? Der Kommentarbereich bringt hoffentlich die ein oder andere spannende Story hervor und auch unser Forum freut sich über jedes Futter zum Thema!
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Kommentare (37)
staatsfeind1234
IM Carlos
Die von Dir gemachte Erfahrung würd ich eher als Bug, denn als Feature einordnen. Dem relativ desolat wirkendem Programm "Fallout 3" würd ich einen Bug der art jedenfalls durchaus zutrauen.
Ich find es immer wieder nervig, wenn irgendwelche Rundungsfehler im Zusammenspiel mit der Physikengine einen gefallenen Gegner zum andauernden "Todestanz" zwingen.
Oder wenn ein zuvor erledigter Yao Guai beim wieder verlassen der Höhle plötzlich aus unerfindlichen Gründen hoch in die Luft fliegt.
Ehrlich solche "Events" reißen mich eher aus der Spielwelt, als dass sie mich verblüffen. Aber der Psycho Mantis-Kampf bleibt für die Ewigkeit.
staatsfeind1234
Daniel Pook
Ist ein super Beispiel, der schlägt auch in die Kerbe! Wie gesagt, mein jüngstes Erlebnis kann durchaus ein Bug sein. Aber ich habe ja beschrieben, warum es sich nicht so angefühlt hat und auch zwangsläufig nicht unbedingt ein solcher gewesen sein muss. So fehlerhaft wie von dir beschrieben ist Fallout 3 bei mir allerdings nicht. Habe schon derbere Glitches erlebt, aber vergleichsweise selten und angesichts der großen Spielwelt absolut verschmerzbar. Wäre das Erlebnis aber etwas wie die üblichen "kaputten" Glitches gewesen, hätte es nicht diese Wirkung gehabt.
tastepolice
npc als fahrer platziert. der ist dann in aller ruhe durch die stadt gecruised und mit der dicken qualmwolke
über der fahrerseite.
Daniel Pook
Scrub
man kann nichts darüber erzählen ohne zu spoilern. der kampf ist einfach cool. Da war ich damals auch echt verblüfft. Für mich einer der coolsten Momente der Spielgeschichte.
LookMyBullet
In deiner Posi würds mich glaub ich packen da anzurufen...Um mal zu fragen in wie weit sie wirklich eine "freie" Ki geschaffen haben...Oder ob es echt nur ein Bug war..
Viel. ist es ja auch ein Skript gewesen..Und bei jedem anderen der in diesen Bunker geht stürmen die Ghoule auch vorbei:D
Werner Stelzenpop
Dann würde ich sagen "Hut ab, Bethesta!" ;-)
Aber so zeigt es nur, dass man die Leute auch mit kleinen Schlenkern aus der üblichen Routine begeistern kann. Hatte ich früher beim VCS2600, als dann im nächsten Leffel die Balken statt rot auf einmal grün waren.
Aber das ist eigentlich ein sehr elitäres Feature. Nicht jeder kann Farben sehen.
Werner Stelzenpop