Uncut-Kolumne: Wer jetzt nicht spielt, spielt nie!
10:58 Uhr - Wiimote Plus, Project Natal und Sony`s lustiger Leuchtdildo, sie alle sollen Menschen für Spiele begeistern. Menschen, denen ein Joypad offensichtlich zu kompliziert ist. Was aber sollen das eigentlich für Leute sein, die mit einem Pad überfordert sind? In unserer aktuellen Kolumne behauptet Alexander Laschewski-Voigt, die Konsolenhersteller zerbrechen sich den Kopf über eine Frage, die von niemanden gestellt wird.
Man kennt das ja. Viele Menschen würden sich gerne einen Fernseher kaufen, schrecken aber vor den komplizierten Fernbedienung zurück. 60 Tasten, nur um Barbara Salesch zu gucken? Ohne mich. Dann noch die Installation, DVB-S, DVB-T, DVB-C, da lese ich doch lieber ein gutes Buch. Auch Autos finden keinen Absatz, da vielen die Bedienung des Fahrzeuges einfach zu kompliziert ist. Fernlicht, Abblendlicht, Standlicht. Hallo? Bei mir zu Hause gibt es auch nur Licht an und Licht aus. Da laufe ich doch lieber. Handy? Telefon? Wozu denn erst ein Studium von Symbion OS anfangen, oder gar diese Geheimwissenschaft T9? Nur um aus dem Bus heraus zuhause anzurufen und Bescheid zu sagen, dass ich in drei Minuten vor der Tür stehe? Oder um per SMS die Ehefrau in Kenntnis zu setzen, dass ich auf dem Klo sitze und das Papier alle ist? Mit all dieser Technik kann man mir getrost gestohlen bleiben.
Seien wir ehrlich. Niemand kennt das. Der Einleitungssatz ist dreist gelogen. In jedem deutschen Haushalt stehen mehr Fernseher als Zimmerpflanzen, das Auto ist des Deutschen liebster Freund und auf jeden Bundesbürger dürften mindestens drei Handys kommen. Viele dieser genannten Geräte sind zwar im Laufe der Zeit einfacher in der Handhabung geworden, einfach gestaltet sich der Umgang mit Handy, TV und PKW aber erst nach einer gewissen Lernphase. Das Joypad einer Xbox 360 oder einer PS3 hat in der Regel 10 Knöpfe und zwei Analogsticks. Damit wird schon einmal jede Fernbedienung oder jedes Handy unterboten. Die geistige Kapazität, ein PS3-Pad zu benutzen scheint daher jeder Mensch, ob alt oder jung von Hause aus mitzubringen. Sobald der potentielle Nutzen oder simpler, Spaßzugewinn, die Mühe des Anlernens übersteigt, ist der Kunde dabei. So gibt es auch Senioren, die sich gut mit einem Handy auskennen, weil es eben einfach netter ist, auf eine SMS der Enkelin auch antworten zu können. Nun mag der Leser dieser Kolumne gelangweilt die Stirn runzeln und sich fragen, warum Nintendo denn sonst so enorm erfolgreich mit seiner Wii ist? Ist es nicht gerade die simplizierte und intuitive Steuerung, die neue Kunden erreicht hat?
Natürlich haben wir die ganzen zwanghaften Bemühungen von Sony und Microsoft, irgendwie neue Formen der Eingabe zu finden, Nintendos Erfolgskonsole zu verdanken. Wer aber glaubt, Nintendos Erfolg würde einzig und alleine an Wiimote und Nunchuck hängen, befindet sich auf dem Holzweg. Sicher ist es hilfreich, dass man Spiele wie Tennis nun fast wie in Wirklichkeit spielen kann, aber sicher darf auch der Einfluss folgender Erfolgsfaktoren nicht unterschätzt werden:
Lebenshilfe statt Freizeitkiller: Nintendo hat es wie kein anderer geschaft, Spiele aus der männlich dominierten, schummrig beleuchteten Zocker-Ecke herauszuholen und sie in das helle Tageslicht zu zerren. Der Wii ist hell , freundlich und Wii-Sports (das für nicht wenige Käufer vermutlich das einzige Spiel geblieben ist) vermittelt eher den Eindruck von sportlicher Betätigung als dem faulen Couchgelümmel. So wird die Wii immer mehr zum Lebenshelfer, ein normales Spielen ruft schon fast schlechtes Gewissen hervor. Stattdessen werden Kalorien gezählt, Trainingspläne erstellt und wohl bald auch der Herzschlag gemessen, wofür auch immer. Würde eine Frau ihren Freundinnen ihre Xbox 360 zeigen, dürfte sie in der Regel desinteressierte Blicke ernten. Wii-Spielerinnen vermitteln hingegen ein hippes, sportliches Gefühl, ähnlich einer Pilates DVD im Regal.
Fit für die Generation Iphone: Produktdesign, Verpackung, Werbemotive. Wer sich hier nicht an Apple erinnert fühlt, glaubt sicher auch, dass Giana Sisters ein eigenständiges Hüpfspiel ohne Mario-Anleihen ist. Die konsequente Umstellung auf ein schlichtes, grau-weißes Design ist bei der Generation Iphone natürlich besonders erfolgreich. Die Wii schafft es, sich als perfekte Wohnraum-Ergänzung für bürgerliche Designerpärchen in Szenebezirken zu präsentieren. Wer eine Gruppe von Latte Machiato schlürfenden Ikea-Junkies zu Gast hat, die sich über die neuen Hybrid-Autos unterhalten braucht sich nicht schämen, wenn da ein kleiner weisser Kasten unter dem Fernseher steht. Die Wii findet dank der unaufgeregten Werbung und bezahlten Gutfindern wie Jörg Pilawa Akzeptanz in Schichten, die über die Killerkonsolen nur die Nase rümpfen.
Disney der Videospiele. Eltern wissen, dass sie ihren Kindern ohne Bedenken Disney-Filme zeigen können. Wo Disney drauf steht, sind Micky Maus, Nemo und, nun ja, auch Hannah Montana drin. Mann muss sich nicht erst Gedanken machen, ob der jeweilige Film für Kinder geeignet ist. Kein anderes Filmstudio hat dieses kinderfreundliche Image. Und genau dieses Image hat sich auch Nintendo bewahrt. Die Madworlds und House of the Deads werden sowohl von der Nintendo PR als auch von Kunden schlichtweg ignoriert. Wer von uns selber schon Kinder hat, wird den eigenen Nachwuchs sicher auch lieber mit Mario und Yoshi an das Hobby heranführen, als mit einer Konsole, bei der Gears of War oder Killzone die großen Verkaufshits sind.
Auf die meisten dieser spezifischen Nintendo-Vorteile haben die Mittbewerber auf lange Sicht keine Antwort. Microsoft knabbert an seinem Bug und RoD-Image, und gilt vor allem als Dienstleister für Online-Fixierte Hardcore Gamer. Sonys vollgestopfte Multimedia-Kiste leidet noch etwas unter dem Firmen-Motto: „Wenn sie dir zu teuer ist, arbeite mehr“. Trotzdem werden beide auch in Zukunft ihre Käufer finden. Denn wer sich erst einmal ernsthaft mit dem Hobby Spielen beschäftigt, kommt an den beiden nicht mehr vorbei. Hier gilt es vor allem Geduld und langen Atem zu haben und die Stärken weiter auszubauen. So bietet Microsoft das überzeugendste Online-Modell der gesamten Videospielgeschichte und Sony die technisch ausgefeilteste Basis für bombastische Spielerlebnisse.
Das Joypad-Design, das Microsoft und Sony mittlerweile verwenden, dürfte das flexibelste und benutzerfreundlichste sein, das man für die verschiedenartigsten Spielvarianten verwenden kann. Mit dem Pad lassen sich Autos um Kurven jagen, Aliens die Glubschaugen vom Schleimkopf schiessen, ganze Armeen befehligen, knifflige Rätsel lösen, Fussball-Weltmeisterschaften gewinnen und Prinzessinnen befreien. Ist es nicht denkbar, dass die modernen Pads das Maximium an Nutzbarkeit erreicht haben? Wer kommt auf die Idee, das Lenkrad eines Autos abzuschaffen, weil das viele Gekurbel an dem runden Ding, potentielle Fahrer verschrecken könnte? Statt neues zu erfinden, macht es nur noch Sinn, bereits etablierte Steuerungsmethoden auch für Spiele zu übertragen. Klar, dass Forza mit einem Forcefeedback-Lenkrad mehr Spaß macht und Guitar Hero natürlich mit Plaste-Gitarre gespielt wird. Für ein episches Rollenspiel benutze ich dann aber doch lieber das gute alte Pad, mit dem es sich so kuschelig auf das Sofa pflanzen lässt.
Deswegen sind Spielereien wie Natal höchstens eine nettes Experiment, die vielleicht ein paar ehemalige Wii-Spieler zum Wechsel bringen wird und von den meisten Coregamern kurz ausprobiert und dann letztendlich zur Seite gelegt wird (mit Gruß an EyeToy und Xbox Live Vision). Die letzte große Reichweitenerweiterung findet damit nicht mehr statt, denn sie wurde bereits von Nintendo abgeschöpft. Die Zielgruppe der „ich würde ja gerne spielen, aber nur wenn ich meinen Körper dabei auch bewegen kann“-Gelegenheitsgamer dürfte mit der Wii vollkommen zufrieden sein und sich nicht Gedanken darüber machen, ob der Fitnesstrainer in HD nicht vielleicht besser aussehen würde. Wer heutzutage unter 40 ist und nicht spielt, der tut dies, weil ihm diese Art der Freizeitgestaltung einfach nicht zusagt. Diese Entscheidung wird man auch durch alberne Fuchtelspiele nicht ändern. Aber probiert es ruhig. Ist ja nicht mein Geld.
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Kommentare (22)
Zapp313
Ich freue mich aber sowieso immer, wenn das Symbol für dir uncut-Kolumne in der Newsleiste auftaucht:)
j1mbo
Turkishflavor
The_Jo
roohdiment
Auf dem DS hat man den Spagat doch auch irgendwie geschafft, da spiele ich eben mein "Phantom Hourglass" und die Freundin "Cooking Mama" oder "Contra"... und beide Arten von Spielern, ob nun Core oder Casual kommen auf ihre Kosten und fühlen sich durch die intuitive Stylus-Steuerung bereichert.
Daher finde ich schon, dass eine vernünftig umgesetzte Motionsteuerung auch bei Coregames zu mehr Spielspass führen kann.
made in hell
Cuberde
Und was ist mit den Möglichkeiten, die die Steuerungen den "traditionellen" Zockern bietet? Klar, die Bewegungsmechanik der Wiimote ist alles andere perfekt, aber dafür funktioniert der Pointer tadellos und erlaubt Spielkonzepte, die so nur mit der PC-Maus möglich wären, auch im großen Stil auf die Konsolen zu holen (World of Goo z.B.). Und mit Natal soll Facetracking möglich sein, ist das etwa nicht für den Shooter-Fan interessant? Je mehr unterschiedliche Eingabemöglichkeiten um so besser, auch wenn diese noch unter Kinderkrankheiten leiden.
Alexander Laschewski-Voigt
@made in hell: Vollkommen richtig. Bestimmte Spiele lassen sich auch nur vernünftig auf dem PC mit Maus und Tastaur spielen, z.B. Strategiespiele wie Starcraft oder Aufbauspiele wie Anno. ABER zugegebenermaßen werden diese Titel auch immer seltener, und nicht selten werden PC Besitzer aufgefordert doch bitte ein Xbox 360 Pad anzuschliessen. Da immer mehr Spiele zuerst für die Konsole entwickelt werden, wird dies in Zukunft noch weiter zunehmen. Wer also auch mal Renn- und Actionspiele auf dem PC spielt, wird über Kurz oder Lang mal auf einen Controller zurückgreifen. Denn Maus und Tastaur sind auch nicht die Universal-Lösung (schon garnicht im Wohnzimmer). Ob Bewegungserkennung oder Leuchtdildos der bessere Ersatz für Maus und Tastatur sind, bleibt abzuwarten.
@Cuberde: Klar, irgendwie hat wohl jeder mal Bock, ein Lichtschwert zu schwingen. Aber mal sehen, ob die Coregamer aus ihrer gemütlichen Sofaecke kommen, um jetzt vor der Plasmaglotze abzuturnen. Ich denke da nur an die Steurung der ersten EyeToy Spiele. Klar, es ist fancy durch winken und schütteln der Hände sich durch Menus zu steuern. Aber nach ein paar Minuten nimmt man doch das Joypad, weil man so schneller ans Ziel kommt. Ich fauler Sack zumindest.
Für mich kranken Bewegungssteuerungen vor allem daran, dass sie fast immer im luftleeren Raum ohne Widerstand und damit Nullpunkt stattfinden. Es ist einfach unheimlich wichitg, das man bei einem Lenkrad oder einem Joypad fühlen kann, wo die Mitte ist. Spielt mal Mario Kart mit dem Wii Wheel, das ist gefühlt um 10 Stufen ungenauer als jedes Pad.
CeeKay
Wer nun wann welche Inovation erfunden hat interessiert nach dem erscheinens von Natal und SMC nach nem Monat eh niemanden mehr. Casual User schonmal garnicht. Es wird kein Patriotismus unter Casual Usern geben die sagen "nö, also das finde ich ja jetzt dumm das Microsoft das nachmacht... kauf ich nicht".
Im Gegenteil! Was in der Kolumne fehlt ist ein entscheidender und meiner Meinung der WICHTIGSTE Grund Natal und Sony's MC nicht zu unterschätzen. Virales Marketing!
Mehr als 50% aller momentanen Xbox Besitzer werden sich auf kurz oder lang Natal kaufen, da bin ich mir sicher. Hier werden also nicht die Casual User den ersten Schritt gehen, sondern die Technikfanatiker haben Natal beim Launch zuhause stehen. Anschließend erzählen die ach so bösen Core Gamer ihren Casual Freunden von dem tollen Teil. Hier ist der Wendepunkt.
Core User, erzählen Casual Usern das ihre Hardwaretechnisch überlegene Konsole nun das gleiche bzw. eventuell sogar bessere Spielerlebnis liefern kann wie der kleine weiße Kasten. Der Casual User allerdings hört nur "Das selbe wie mit der Wii, nur in Cooler". Ihm ist es scheiß egal ob Microsoft, Sony oder Nintendo auf der Konsole steht, er möchte einfach beim nächsten Zeitalter (und genau als solches wird es von Microsoft und Sony beworben werden) des Videospieles dabei sein.
Es ist also meiner Meinung so, das die Wii die Türen geöffnet hat, und Natal bzw. Sony's MC (wobei ich ehrlich gesagt eher von Natal ausgehe) nun diese Türen einreißen werden.
Casual Gamer die sich ne Wii gekauft habe und Wii Sport als ihr einziges Spiel nennen, sind auch für Nintendo nicht als Absatz zu betrachten. Zwar wird einmal an der Konsole verdient. Aber dafür verkauft Microsoft und Co im verhältnis viel mehr an Software.
Der nächste Zaubertrick heißt also jetzt nicht mehr: "Wie bekomme ich Nicht-Spieler zu Casual Spieler" sondern "Wie bekomme ich die Casual Gemeinschaft weg von der Wii"
Und das könnte bei entsprechendem Line-Up und Marketing wunderbar funktionieren.