Uncut-Kolumne: Wertungen sind kein Wunschkonzert, liebe Leser!
15:08 Uhr - Es gibt AreaGames-User, die halten mir im Kommentarbereich eines Testes vor, ich würde mich immer nur am Durchschnittswert von Metacritic.com orientieren. Unter dem nächsten Test werde ich auf einmal dafür kritisiert, dass ich zu stark von der internationalen Normwertung abweichen würde. Dieselbe Gattung User macht mir auch zwei Jahre nach Erscheinen eines Artikels noch Vorwürfe, nicht die "richtige" Spielspaßwertung vergeben zu haben. Gerne werden dann fröhlich bunt gemischte Wertungen von AreaGames oder anderen Magazinen zum Vergleich herangezogen, Parolen wie "mit zweierlei Maß gemessen" ausgepackt und am Ende soll ich mich als Kritiker dann schuldig fühlen, weil... ja warum denn eigentlich?
Weil ich meine ehrliche Meinung über ein getestetes Spiel niedergeschrieben habe? Weil ich auf ganz natürliche Weise meinen persönlichen Geschmack habe, den ich niemals gänzlich ablegen kann? Vielleicht sollte man dann in Zukunft lieber Roboter an Spieletests heranlassen, die ganz emotionslos ihre Checkliste abarbeiten. Wobei ich bezweifeln würde, dass man die ewigen Wertungsdiskussionen damit tatsächlich eindämmen könnte. Der typische Wertungsquerulant übersieht bei seiner standardmäßigen Diffamierung anderer Meinungen und dem oft ausgesprochenen Aufruf zu mehr Objektivität nämlich, dass er selber auch "nur" ein Mensch mit subjektiver Meinung ist. Selbst die genormten, gefühllosen Roboterredakteure würden irgendwann zwangsläufig zu Testurteilen kommen, welche nicht dem persönlichen Empfinden eines jeden Lesers entsprächen. Auch objektive Tests prallen letztendlich auf die subjektive Meinung jedes einzelnen Lesers und haben dann garantiert mit denselben Anfeindungen gewisser Nörglerfraktionen zu rechnen. Deren Problem ist meinen Beobachtungen zufolge nämlich gar nicht, auf welche Weise eine Wertung oder ein Fazit zustande gekommen ist. Es geht ihnen nur darum, dass der betroffene Redakteur nicht "ihre" Wunschwertung vergeben hat. Und das geht in ihrem kleinen Universum mal gar nicht, denn da ist nur Platz für ein Urteil, ihr Urteil, alles andere ist nicht zu akzeptieren. Es macht sie sogar wütend!
- "Das Spiel da wollte ich mir kaufen, jetzt bewertet dieser Idiot es schlecht? So ein Assi!"
- "Ich habe Geld dafür bezahlt und jetzt kriegt es keine 10/10? Zum Kotzen!"
- "Der ist begeistert von dem Spiel und ich nicht? Kann gar nicht sein, weil ich ja nicht begeistert davon bin!"
Die Option, dass zwei individuelle Menschen ein und dasselbe Spiel und den Spaß damit komplett anders empfinden können, gibt es für den Wertungsquerulanten gar nicht. Er kann und will solch ein Szenario nicht akzeptieren. Er will gar keinen Testbericht, auch keine Spielebenotung, Entscheidungshilfe... Fremdmeinung lesen. Er will seine Wertung bestätigt sehen und wenn die nicht schön verpackt mit Schleifchen oben drauf geliefert wird, ist er beleidigt. Dann ist der Artikel schlecht und dem Autoren fehlt sowieso ein Stück Gehirn. Mindestens die Hälfte. Da kann der betroffene Redakteur noch so stichhaltig argumentieren oder darauf verweisen, dass er sich (ganz im Gegensatz zu seinem Gegenüber) gar nicht als Α und Ω der Meinungswelt ansieht. Gewiss steht er zu dem, was er geschrieben hat, verteidigt seine Argumentation aus dem Test, grundsätzlich rät er seinen Lesern aber auch dazu, sich nach Möglichkeit eine eigene Meinung zu bilden oder gerne auch Tests von Kollegen zu lesen, die ein Spiel gegebenenfalls ganz anders bewertet haben. Jede Meinung ist eine Bereicherung und kein Feind. So sehe ich das zumindest, so sehen wir alle das in der Redaktion von AreaGames. Und darum hat auch niemand unserem Johannes seine 9/10 für Just Cause 2 verboten, auch wenn die anderen Redakteure eher zur 8/10 tendiert hätten. Was ich so begeisternd an den Halo-Games finde, kann Kollege Laschewski-Voigt auch nicht komplett nachvollziehen. Manche Leser schon,... andere wieder nicht. Dass ein Tester in seinem Test das schreiben darf, was er schreiben möchte und die Wertung vergeben kann, die er selber für angemessen hält, ist ein wichtiger Grundsatz der Pressefreiheit und ein wesentlicher Stützpfeiler des Vertrauens zwischen Leser und Redakteur. Dass es immer wieder Leute gibt, die vehement öffentlich eine Beschneidung dieser Freiheit verlangen und dabei meistens noch nicht mal zu realisieren scheinen, was sie da mit ihren Kommentaren unter anonymen Nicknames überhaupt ungeheuerliches vom Tester einfordern, finde ich geradezu erschreckend. Auch wenn ich mich inzwischen eigentlich daran gewöhnt haben müsste, um das trauriger Weise noch hinzuzufügen. Die alte Scheiße Internet...
Was eigentlich jedem Leser klar sein sollte (und das ist es angesichts sich ständig wiederholender Diskussionen offensichtlich nicht): Die Aufgabe eines Testers ist es (zumindest bei AreaGames), nach bestem Gewissen das zu vermitteln und zu bewerten, was er persönlich aus seiner eigenen Sicht mit einem Spiel erlebt hat. Sobald er etwas anderes versucht, rät er oder lügt er schlicht, denn er würde dann etwas beschreiben, das er gar nicht so gesehen hat. Im besten Falle würde er damit noch versuchen, sich in die Perspektive der breiten Masse oder jeweiliger Genrefans zu versetzen... was letztendlich nichts anderes als Spekulation auf Basis von Klischees und Archetypen entsprechen würde. "Verbiegt sich die Wertung oder der Tester?", würde das Orakel aus Matrix passend dazu wohl fragen. Wie viel ist ein Fazit Wert, dessen Grundlage die Vermutung ist, wie andere Menschen ein Spiel womöglich sehen könnten? Oder ein Testbericht, dessen Priorität es ist, einen Großteil der Leserschaft "zufrieden" zu stellen? Nicht mehr als eine Wertung, die vom Publisher gekauft wurde, das sage ich euch aber. Anderer Kunde, gleiche Herangehensweise und beide Szenarien sind verzerrte Realitäten, die vor allem eines nicht sein können: Ehrlich! Eine persönliche Meinung, die ganz egoistisch keinen Pfifferling darauf gibt, was Dritte von ihr halten mögen, ist die einzige Meinung, auf die man sich uneingeschränkt verlassen kann, wenn einem etwas an aufrechtem Rückrat und Ehrlichkeit gelegen ist. Sie mag dem Leser nicht zwangsläufig nach dem Mund reden, dafür aber auch niemandem sonst. Und so lange der Leser im Hinterkopf behält, das eine einzige Meinung nie verbindlich für jeden Menschen auf der Welt sprechen kann, wird er selbst dann den vollen Nutzen aus solch einem Testbericht ziehen können, wenn er mit der Wertung nach dem letzten Satzende persönlich nicht einverstanden ist. Natürlich vorausgesetzt, er liest sich auch wirklich den ganzen Text durch und klammert sich nicht alleine an einer Zahl fest, die ohnehin nur eine grobe Abwägung dessen ist, was man niemals in stimmiger Mathematik ausdrücken können wird. Spielspaß. Die Vergleichbarkeit abertausender von Games im Wandel der Zeit. Der Streit um eine Wertung an sich ist also ein Streit über etwas von Natur aus absurdes, in sich widersprüchliches, das wir Redakteure sowieso am liebsten gleich abschaffen würden.
Wenn die Note am Schluss nicht vielen Lesern und natürlich auch den Publishern so wichtig wäre, um neue Titel beim Erscheinen ungefähr im Pool der anderen aktuellen Veröffentlichungen einordnen zu können. Und das finde ich trotz allem nachvollziehbar, einen erkennbaren Sinn haben abschließende Wertungen durchaus. Wenn man sie denn richtig zu deuten weiß, was unter anderem auch die Lektüre der jeweiligen Einstufungsskala eines Magazins voraussetzt. Oft beschweren sich Leser über Wertungen, scheinen dabei allerdings ihre ganz eigenen Notendefinitionen im Kopf zu haben (10/10 gilt dann z.B. mal eben als "perfektes Spiel", was laut unserer Beschreibung ja gar nicht der Fall ist) und das passt dann so gut zusammen wie das Deiecksförmchen ins Kreisloch - ohne gemeinsame Diskussionsbasis für Redakteur und Leser. Man kann eine Wertung schließlich immer nur mit der Beschreibung verbinden und verstehen, nach der sich der Autor dieser Wertung gerichtet hat. Dies sollte mit etwas logischem Denken auch gleich verdeutlichen können, wo eine der großen Schwächen von Angeboten wie Metacritic, Critify und Gamerankings zu finden ist. Sie verwässern einzelne Benotungen zu einem Wert, obwohl diese einzelnen Benotungen keiner einheitlichen Richtskala folgen. Verteufeln möchte ich solche Übersichten und Durchschnittsrechnungen trotzdem nicht, ich werfe selber immer interessiert einen Blick darauf. Jedoch wohl wissend, was sie mir zu bieten haben und was nicht. Aus diesem Wissen heraus würde ich der Wertung eines einzelnen Testes auch niemals vorwurfsvoll die Gesamtkalkulation von Metacritic & Co. an den Kopf werfen, um damit zu beweisen, dass dieser einzelne Mensch mit seiner Meinung "falsch" liegt. So nach dem Motto: "Der Typ hat keine Ahnung, alle anderen sehen das anders.", wie ich es nicht selten von Usern zu hören kriege oder auch bei Kollegen unter ihren Testberichten im Kommentarbereich lese. Münder aus denen solche Stimmen kommen vergessen einfach, dass eine solche Durchschnittswertung zum gleichen Teil aus der Summe der Ausreißer wie aus der des einigen Chores besteht. In einem Metacritic-Ranking von 50% stecken die 1%-Wertungen genau so drin wie die 100%er und die glatten 50er. Wirft man einem Redakteur vor, sein Urteil sei nicht glaubwürdig, da es nicht der internationalen Durchschnittswertung entspricht, verhöhnt man damit gleichzeitig auch die Durchschnittswertung selbst. Man kann einen Pressespiegel also immer als ergänzende Information heranziehen, als Teil einer Reihe von Entscheidungshilfen, die eine abweichende Einzelmeinung aber nicht richtiger oder falscher macht.
"Der Pook kann in seinen Tests selber ganz schön hart sein, was heult der jetzt so rum?" - Gute Frage, lieber Leser! Und die Antwort ist ganz einfach, dass ich Meinungen liebe. Ich lese selber Artikel von Kollegen aus allen Bereichen, Forenbeiträge und Comments in rauen Mengen und weiß sie in klar ausformuliertem Zustand selbst dann zu genießen und für mich selbst einzuschätzen, wenn ich unterm Strich zu einem anderen Fazit komme. Es geht mir hier nicht darum, dass man Testberichten nicht kritisch gegenüber stehen soll. Das wünsche ich sogar, man soll ja schließlich auch als Leser seine eigene Meinung haben. Ob über ein Spiel oder einen Artikel. Wir sind bei AreaGames zudem bekannt dafür, gerne mit unseren Lesern zu diskutieren und den gemeinsamen Dialog zu suchen, auch wenn man sich dabei am Ende nicht immer einig ist. Was in mir allerdings eine ganze Armada von Alarmglocken aufschrillen lässt ist, wenn Kritik an der Kritik keine persönliche Gegenargumentation mehr darstellt, sondern dem Gegenüber stattdessen das grundsätzliche Recht abzusprechen versucht, eine eigene Meinung und eigene Gefühle bezüglich eines Spiels zu besitzen. Für jeden muss das Recht gelten dürfen, dass er ein Spiel, einen Film oder was auch immer auf individuelle Art erleben und darüber auch frei heraus schreiben darf (ääähm... selbstverständlich stets innerhalb der gesetzlichen Richtlinien und so weiter...). Wenn ich im Kommentarbereich eines Testes allerdings die blanke Aufforderung dazu lese, das doch bitte zu unterlassen, nur weil der Leser nicht die von ihm vorab herbeigewünschte Wertung zu sehen bekommen hat, frage ich mich ernsthaft, warum diese Person den Test dann überhaupt gelesen hat. An meiner Meinung scheint sie dann ja gar nicht interessiert gewesen zu sein. Was sonst hat sie sich vom Test erhofft, außer einer (an sich doch total überflüssigen) Bestätigung der eigenen Ansichten? Ich werde mir und vielen Gleichgesinnten mit dieser jederzeit zum Verlinken griffbereiten Kolumne hier in Zukunft gewiss reichlich Zeit ersparen, denn hoffentlich wird nach ihrer Lektüre auch der Hardliner unter den Querulanten uneingeschränkt verstanden haben: Unsere Tests sollen euch keine Wünsche erfüllen, sie sollen euch über unsere Sichtweise aufklären. Wenn es euch darauf nicht ankommt, dann lest sie am besten erst gar nicht. Vor allem aber: Pinkelt bitte ins Klo und nicht auf die Tatsache, dass wir ehrlich mit euch sind. Ein höheres Gut haben wir als Redakteure nämlich nicht zu hüten.
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Kommentare (63)
chris1993_
nein gute kolumne
tsubasa_87
Blackburn7
bufu117
zum schluss nochmal, wirklich eine super kolumne.
ludgrau
Die AreaGames Leser kennen sich ned wircklich aus.
Die finden jeden abgedroschenen Scheiss super.
Saibot
Sind immer sehr gut geschrieben und unterhaltsam ;)
Rosa03
Hast mir wieder ein paar schmunzler auf die Lippen Gezaubert.
Gute Kolumne.
Zapp313
Besonders dieser Punkt mit der Fehlinterpretation der Wertungsskala (10/10 = Perfekt) regt mich auch immer wieder unglaublich auf. Zumal das hier auch schon gefühlte 10 Milliarden mal erklärt wurde, was eine 10/10 denn wirklich ist.
Aber bei den Leuten, die hier über die Wertungen meckern, musst du dir natürlich auch immer bewusst machen, dass die Bereitschaft zum Meckern im größer ist, als die zum Loben. Auf jeden User, der hier einen bescheuerten Kommentar verfasst hat, kannst du locker eine Handvoll Leute rechnen, die dir im Stillen zustimmen Daniel:)
PandaVegetto
abschließend bleibt nur die frage, ist die Kolumne eine 9/10 oder doch eher eine 8/10? :D ^^