Donnerstag, 09. Oktober 2008
Das Gras ist wieder saftig grün, die Erde wieder braun und ein kleines Würmchen mein erster freiwillig vorbei gekommener Besucher im Garten, den ich just „Spaßland“ getauft habe. Der nächste Kriecher folgt sobald. Als Dauerspieler des ersten Viva Piñatas weiß ich, wie der Hase läuft: Ich bau' den beiden Jungs (?... irgendwie haben diese Pappmachéwesen nie ein Geschlecht) fix eine Hütte und leite den Paarungsprozess per supersimplem Labyrinthminispiel ein. Danach verfüttere ich sie an dahergeflogene Vögel, damit ich auch sie in meiner kleinen Ökowelt begrüßen darf. Klingt grausam, aber die Beerdigung gewisser Moralvorstellungen ist eben ein Opfer das jeder gute Gärtner in Rares Piñataversum erbringen muss, Die Kinder der Würmchen machen neue Kinder und werden wiederum gefressen, jetzt möchte ich neben normalen Vögeln nämlich auch noch ein paar Hühnchen haben. Mein Startgeld wird direkt mal in ein paar Holzzäune investiert um ein Gehege zu bauen, wo meine inzwischen sehr stattlich gewachsene Wurmzucht mit Bedacht reguliert wird. Hühner brauchen zum Paaren insgesamt vier Würmer, da bin ich doch froh um die Liebesbonbons. Hat man die Paarungsbedingungen einer Rasse erstmal erfolgreich erfüllt, kann dieses Hilfsitem aus dem städtischen Shop auf dem Medikamentenweg für die sofortige Fruchtbarkeit meiner Piñatas sorgen. Während ich nun die Würmer herangezogen habe um erst mal so weit zu kommen, haben sich diese genetisch fortentwickelt und kommen nun mit schickem Stachelkragen zur Welt. Füttere ich sie mit bestimmten Früchten, Samen oder sonstigen Dingen, kann ich noch andere Varianten in verschiedenen Farben erzeugen. Mit etwas Glück kommt bei einer solchen Transformation sogar eine ganz neue Piñatasorte hervor, zum Herumprobieren und Entdecken wird tatsächlich herrlich viel geboten.
Wer sich da in den Kopf setzt alles auf einmal versuchen zu wollen, erlebt die große Krise. Man muss Schritt für Schritt denken und sich selbst immer wieder kleine Ziele setzen, dann kommt der Rest von ganz alleine. Da sich auf dem Weg zum nächsten individuellen Meilenstein stets neue Piñatas zeigen, weitere Samen entdeckt werden und überhaupt ständig irgendetwas im Garten zu tun oder zu optimieren ist, kommt man nicht selten in einen regelrechten Viva Pinata Suchtstrudel. Man wollte ja nur den großen Bananenbaum zu Ende züchten, hat aber dann den Affen auch noch für sich gewinnen wollen, ist dabei eine Stufe aufgestiegen und musste dann selbstverständlich herausfinden, was es mit dem mysteriösen orangen Saatgut auf sich hatte... dazwischen immer wieder Alltagsarbeit wie Blumengießen und Kämpfe schlichten, da ist die Nacht auch schon wieder um. Der für den Schlafrhythmus des Spielers so fatale Trick von Viva Piñata ist schlicht, dass es einem immer nur kleine Belohnungen spendiert, aber nie das Gefühl gibt mit der Arbeit tatsächlich fertig geworden zu sein.
Mit der Präsentation von Viva Piñata: Trouble in Paradise beweisen Rare mal wieder, warum sie eigentlich so legendär sind. Von der Menügestaltung bis zu jedem einzelnen Hintergrundgeräusch wirkt das Game so konsequent wohlüberlegt auf ein Gesamtbild hin durchgestyled, wie man das sonst am ehesten von Apples Corporate Design kennt. Vom Startbildschirm an hat man wirklich das Gefühl gerade ein Gesamtwerk „betreten“ zu haben und dieses Feeling verlässt einen auch erst mit dem Abschalten der Konsole respektive der Rückkehr ins Dashboard wieder. Schon der erste Teil der Serie sah wunderschön aus, ein „weicheres“ Lichtsystem verleiht dem lebendigen Treiben in euren Gärten nun einen noch geschmeidigeren Look. Letzteres ist übrigens auch mit Grund dafür, dass man sich beim Spielen von Viva Piñata einfach nur pudelwohl fühlen kann. Vom ersten Tierchen an merkt man, wie der Kulisse wahrlich Leben eingehaucht wird und die kleinen Kerlchen dabei zu beobachten wie sie sich gegenseitig anglotzen, über neue Dinge im Garten staunen oder sich voreinander erschrecken, erzeugt einen Zuguckspaß wie ich ihn seit Die Siedler 2 nicht mehr erlebt habe. Die Interaktionen der Piñatas miteinander haben sich dabei merklich verbessert, das ganze Verhalten der Tierchen wirkt inzwischen etwas weniger zufallsgesteuert. Auch lassen die Gartenbewohner sich nun wesentlich besser dirigieren, störrisches Kopfschütteln erfährt man als eine Art Gottheit jetzt nur noch selten. So bietet Viva Piñata: Trouble in Paradise dem Spieler überwältigend viele Miniaufgaben vom Fangen übers Züchten aller Gattungen, bis zum Bepflanzen und der kompletten Gestaltung eines kleinen Gartens, während es sich die meiste Zeit über angenehm entspannend mit seinem Herausforderungsgrad zurückhält.
Die meiste Zeit über, wohlgemerkt. Spaßland gibt es nicht mehr. Wollt ihr wissen was mit Spaßland passiert ist? Nun, etwa acht bis neun fröhliche Spielstunden lang habe ich dort mein stolzes Naturreich aufgebaut, mit prächtigem Fluss, viel Dekoration, mächtigen Bäumen und ein paar Piñatas die mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen waren. Ich habe sie sogar nach einigen meiner realen Familienmitglieder benannt, im Kleidershop mit modischen Hüten und verrückten Kostümen angezogen. Mit zunehmender Spielzeit häufte sich jedoch das Auftreten der sauren Piñatas und der Rowdys. Erste Abkömmlinge dieser Art konnte ich noch fix entschärfen indem ich sie mit den passenden Samen fütterte und damit zu meinen Freunden machte. Nach einer Weile wurde dies jedoch immer aufwendiger und so war ich ständig angehalten meinen Garten nach Unholden abzusuchen, um sie mit der Schaufel zu zerschlagen. Im Anschluss daran musste ich die aus ihnen springenden Schädlingssamen kaputt kloppen. So viel zu den bösen Tieren, die Rowdys mit ihrem Anführer Dr. Pester derweil bekam ich nie in den Griff. Sie machten herzhaft lachend ständig meine mit viel Liebe gepflegten Pflanzen kaputt, meine Piñatafreunde krank und meine Seen zu Schlammland. DAS war ja noch ok, auch wenn ich mich nicht dagegen zu wehren wusste. Konnte man schließlich alles wieder ins Lot bringen. Besagter Dr. Pester aber geht alle fünf bis zehn Minuten (Zeitangaben gefühlt, jedoch möchte ich mich angesichts der Suchterscheinungen durch das Spiel nicht darauf festnageln lassen) in mein Reich, sucht sich mein teuerstes Piñata aus und zerbricht es einfach. Ich kann nur zugucken und leiden, lese am unteren Bildschirmrand (der viel zu oft hoffnungslos mit Statusmeldungen überfüllt ist) eine Schreckensnachricht nach der anderen. „Oma Gisela wurde zerbrochen“, „Ein Piñata ist krank“, „Der Weg zu einem kranken Piñata ist versperrt“,... bitte was?!
Tatsächlich! Während ich mal kurz etwas intensiver mit der fachgerechten Aufzucht eines Brombeerstrauches beschäftigt war, hat sich aus einem einzigen von mir übersehenen Unkrautstrauch eine wahre Epidemie gebildet. Ein großer Teil meines Paradieses ist von giftigen Pflanzen durchwuchert, die regelmäßig neue Samen ausspucken. Wenn ich sie zerschlage, kommen ebenfalls vier neue Samen dabei heraus und die kann ich in der Zeit bis sie anfangen zu wachsen nicht alle kaputtschlagen. Der Stadtarzt kommt mit seinem Bobby-Car nicht durchs Geäst und lässt meine Lieblinge einfach vor sich hin sterben, alles was in meinem Garten gepflegt werden muss vergammelt und gleichzeitig machen die bösen Buben ja keinesfalls Pause. Dank Autospeichersystem war meine stundenlange Arbeit vernichtet, waren meine Piñatas zu denen ich echte Beziehungen aufgebaut hatte tot und mein Geldbeutel war dank vergeblicher kostspieliger Rettungsversuche komplett leer. Ohne, das möchte ich betonen, dass ich eine Chance der Rettung gehabt hätte. Jedenfalls ohne eine von der ich wüsste und wenn es eine gegeben hätte, haben Rare es versäumt mir die rechtzeitig beizubringen. Natürlich kann man sich viel später noch einen kompletten Schutz vor den Übeltätern verdienen, aber die Art und Weise wie sie bis dahin den Spielfluss stören ist höchst frustrierend. Jüngere Xbox Spieler, offensichtlich die Zielgruppe des Franchises mitsamt Cartoonserie, hätten mit Sicherheit mindestens mit den Tränen gekämpft und... ja... ich habe es auch.
Was da passiert ist, stellt für mich den größten Designfehler von Viva Piñata dar. Und damit meine ich beide Teile. In der Regel spielen sie sich superangenehm und familiengerecht, fordern mehr mit ihren vielen Möglichkeiten und kleinen Zielsetzungen, statt mit Kniffligkeit. WENN dann aber mal der Schwierigkeitsgrad anzieht, dann sofort fatal unfair und extrem destruktiv. Hier ist genau so wenig eine Besserung im Gegensatz zu Teil eins zu sehen, wie bei der teilweise fummeligen Steuerung. Selbst der neue Schnellzugang zu Saatgut und Dünger gestaltet sich hakelig und der Cursor springt gerne mal ständig zwischen zwei sich nahe stehenden Objekten hin und her, oder kann eines der beiden gleich gar nicht mehr erfassen. Alles was mit Landschaftsgestaltung zu tun hat lässt sich nur grob formen, ob man nun verzweifelt versucht einen Wassergraben nach Wunsch auszuheben oder zwei Gebäude platzsparend nebeneinander zu setzen. Größtenteils macht es gar keinen Sinn kleinere Detailobjekte in den Garten zu bringen, da sie ein unverhältnismäßig großes Areal um sich herum für Bepflanzung oder Bauarbeiten blockieren. Wer sich dabei jetzt an die viel zu enge Gartenplatzbegrenzung des ersten Serienteils erinnert fühlt, wird bei Trouble in Paradise ein Déjà-vu erleben wie es im Buche steht. Auch die Anzahl der in einem Garten erlaubten Piñatas ist streng begrenzt, wer alle haben möchte muss definitiv mehrere Spielgebiete eröffnen. Was zum Glück auch möglich ist, aber man hätte sich eigentlich endlich mal eine große Welt zum Gestalten und Beleben gewünscht, statt immer wieder neu anfangen und sich für bestimmte Gattungen entscheiden zu müssen. Doch auch dann ist man aufgrund der engen Limits dazu gezwungen, seinen Garten immer wieder entgegen seiner eigenen Vorstellungen zu verändern um den Zuchtbedingungen und Co. gerecht zu werden. Wer also die Vorstellung hat in Viva Piñata nach Herzenslust ein eigenes kleines Naturreich gestalten zu dürfen, wird vom Dauerimprovisationscharakter des Games richtig genervt sein.
Regelrecht gerettet werden weniger stressresistente Personen durch den Endlosmodus, in dem man ohne Geld- und Gegnersorgen einfach drauf los spielen darf. Hier muss man jedoch auch auf so manches Piñata und diverse Goodies verzichten, auf Dauer werden sich da nur Gelegenheitsspieler wohlfühlen. Eine neue Option besteht nun auch darin, sich im Splittscreen oder gar via Xbox LIVE Hilfe in den Garten zu holen. Die Koopsessions mit bis zu vier Teilnehmern können spaßig sein, haben aber natürlich mit den gleichen Störfaktoren im Gameplay zu kämpfen wie das Sologärtnern. Und zugegeben, ich habe nur ganz kurz Onlineluft geschnuppert. In meinem Bekanntenkreis ist die Verbreitung von Viva Piñata nicht gerade hoch, das dürfte bei den meisten von euch ja nicht anders sein. Fremde mag ich genau so wenig in meine Gartenwelt lassen, wie ich mich auch nicht bei ihnen als Saisonarbeiter abtun will. Das macht die Multiplayermodi von Trouble in Paradise auf keinen Fall schlecht, besonders der verbesserte offline Koopmodus ist garantiert eine feine Sache für alle Eltern die mit ihren jüngeren Sprösslingen spielen oder Paare die mal was ohne Schießen gemeinsam zocken wollen. Nur ist die Sache hier eher als netter Bonus zu sehen, der von Rare leider anstelle vieler wichtigerer Baustellen besonders inständig angegangen wurde. Gleiches gilt für die Piñata Vision, eine Kameranutzungsmöglichkeit die es erlaubt mit realen Kärtchen Einfluss auf die Spielwelt zu nehmen. Hält man also die entsprechende Karte vor die Vision Cam, geht die Sonne unter oder es erscheint das darauf abgebildete Piñata in eurem Garten. Funktioniert nach ein paar mal ausprobieren ganz gut und da es schon Aberhunderte dieser (von jedermann selbst erstellbaren) Kärtchen aus dem Netz zu laden gibt, lässt sich damit auch wirklich eine Menge anstellen. Mehr als ein hippes Gimmick ist das aber nicht, zusätzliche Gartenfläche hätte ich mir viel lieber gewünscht. Die beiden separaten Mininebengebiete Wüste und Schneewelt zählen dabei nicht mit, hier hin zu switchen um Piñatas mit einem einfachen Fallentrick zu fangen habe ich eher als nervig und deplaziert empfunden.
Trouble in Paradise fügt der Serie einige gut gemeinte Gimmicks wie den umfangreichen Koop oder auch eine Fotofunktion samt Onlinealben hinzu, vergisst dabei aber so gut wie alle spielerischen Macken des Erstlings auszubessern. Außer ein paar neuen Piñatas, Objekten und ganz dezent ausgefeilterer Grafik, bleibt das Sequel mir als Spieler des ersten Teils einfach zu viel schuldig um als Vollpreisnachfolger akzeptiert zu werden. Spaß macht's trotzdem und ich bin wieder süchtig genug um mir dieses mal Vorzunehmen wirklich alle Piñatas einzufangen. Danach überlege ich mir sogar den ersten Teil zu reaktivieren, um meine Sammlung auch dort zu vervollständigen. Den fliegenden Wechsel zwischen den beiden Games, werde ich wahrscheinlich nicht mal bemerken.
Kommentare (9)
Slipknot666
sponk
MilchBanDi
Daniel Pook
Athene
das mit dem prof. pester war/is es echt immer übel. aber dass es dir gleich den ganzen garten versaut hat...
sind die aggressiver geworden als im ersten teil?
pester kam im ersten teil mit ziemlich hohem level. bis dahin konnte man sich schon genug geld zusammengearbeitet haben.
Daniel Pook
tslarusso
Athene
kann dir da zustimmen, dass es die rowdys und prof. pester nicht gebraucht hätte. ich wär jedenfalls auch nicht traurig gewesen, wenn es sie nicht gäbe.
ein kumpel von mir hat auch über das unkraut geschimpft. is anscheinend echt schwerer es unter kontrolle zu haben.
rare hat offensichtlich gemeint, dass VP zu stressfrei war und somit der 2. teil ein wenig schwerer sein muss. dabei is es doch eigentlich besser so wie´s daniel im test beschrieben hat. einfach gärtnern, versuchen möglichst viele tierchen zu züchten und ihre variationen zu finden. das benötigt allein auch schon genügend zeit und ist motivation genug. aber nobody´s perfect.
Aresius
Fand die Kritiken an diversen Stellen auch berechtigt. Die "bösen" Pflanzen verbreiten sich wirklich sehr schnell. Ich komme damit ohne groß Probleme klar, aber bei kleineren Spielern stelle ich mir die Probleme gut vor!
Geldprobleme hat man, wenn man es richtig macht, eigentlich nicht. Hatte hierbei allerdings den Vorteil Teil 1 zu kennen. Durch doppelte Jokerpinatas lässt sich enorm schnell Geld verdienen :) Somit kann ich schön alles kaufen und wenns mal knapp wird (also unter 100 000 Schokomünzen ;)), wird eben wieder etwas gut gezüchtet. Aber wer in seinem Garten nebenher immer etwas züchtet und macht, kommt auch so irgendwann auf einen Geldberg (war in Teil 1 schon so ^^)
Nebenher: Für Dr. Pester gibt es die Pinata-Attrappe. Funktioniert klasse und man entgeht sich viel Stress :)