Voodoo Vince

19.01.2007 10:31
Voodoo Vince


Probleme mit lästigem Ungeziefer? Da hilft nur noch, sich eine Nadel in den Kopf zu stecken, selbigen anzuzünden und sich von Aliens erschießen zu lassen. Bevor die ersten jetzt jedoch losrennen und so versuchen, auf diese Art ein paar Spinnen im Keller zu erledigen, sei gesagt, dass das keine Aufforderung zur hitzigen Akkupunktur im Kreis von Außerirdischen ist, sondern ein bewährtes Mittel, um in Voodoo Vince seinen Mann beziehungsweise seine Puppe zu stehen. Denn während klassische Jump´n´Runs meistens einen mehr oder weniger heldenhaften Protagonisten bieten, hat Microsoft mit Vince eine ganz neue Art von Held geschaffen.

Namensgebender Hauptdarsteller des Spiels ist eine kleine Voodoo Puppe. Herzlichen Glückwunsch. Das bedeutet nicht nur, dass Vince mit einigen Nadeln im Kopf durch die Gegend läuft, auch sein links Auge ist leider nur noch ein angenähter Knopf. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Vince mit allen Wassern gewaschen ist. Zwar beherrscht er einige Jump´n´Run-typische Attacken, wenn es allerdings hart auf hart kommt, greift er seine Gegner an, indem er sich selbst malträtiert. Denn wie bekannt sein dürfte, sind Voodoopuppen Teil eines schwarzmagischen Rituals, bei dem das Opfer all jene Schmerzen empfindet, die dem dazugehörigen Puppe zugefügt werden.

Besitzer von Vince ist Madame Charmaine, die Voodoozauberin, die Vince gerne als ihre drittbeste Voodoopuppe bezeichnet. Als jedoch eines Tages dunkle Gestalten des Bösewichts Kosmo auftauchen und sie verschleppen, um von ihr Zombiepulver zu erhalten, ist die kleine Puppe die einzige Hoffnung für Madame Charmaine. Glücklicherweise wurde diese Hoffnung durch etwas verstreutes Zombiepulver zum Leben erweckt. Frisch auf der Erde als Stoffigürchen angekommen, übernimmt jetzt der Spieler die Kontrolle, um Madame Charmaine zu finden und es Kosmo heimzuzahlen.

Voodoo Vince ist ein recht klassisches Jump´n´Run geworden, das vor allem durch seinen Humor und seine schräge Grundidee Fans finden wird. Trotz aller Rätseleinlagen, einigen sammelbaren Gegenständen und der Endgegner ist das Vergnügen allerdings schon nach ungefähr zehn Stunden vorbei und auf dem Weg zum Ziel gibt es trotz des bereits gelobten Grundkonzepts wenig, was man nicht schon mehrfach in anderen Genrevertretern gesehen hat. Er hüpft und spring sich durch die Gegend - sowohl mit Einfach- als auch Doppelsprung, erledigt Gegner und versucht, die jeweils in überschaubare Abschnitte eingeteilten Level zu meistern. Dazu bedient er sich oft seiner Spinattacke und seiner Fähigkeit, größere Distanz schwebend zu überücken. Wenn er erst einmal in der Luft ist, kann er eine Art Stampfattacke ausführen, wobei er etwas unsanft mit dem Kopf nach unten auf den Boden kracht.

Absolutes Highlight sind jedoch seine Voodooattacken, die sich mit aufgefüllter Voodooanzeige ausführen lassen. Wie es sich für eine ordentliche Puppe gehört, entfesselt Voodoo Vince mit Druck auf beide Schultertasten eine Attacke gegen sich selbst und wird so etwa von Nadeln zerstochen, von Aliens erschossen, einem Mixer zerstückelt oder von einem Safe erschlagen. Im Verlauf des Spiels kann man durch das Einsammeln von verschiedenfarbigen Zauberperlen, die aus Gegnern herausspringen, Voodoo-Symbolen und Zombiepulver seine Energie wieder auffüllen, seine Gesamtenergie vergrößern, die Voodoo-Leiste auffüllen oder aber auch diese Leiste vergrößern. Zusätzliche Herzen verleihen Vince ein Extraleben, wobei selbst nach allen verlorenen Versuchen die bisher eingesammelten Items gespeichert werden.

Die Steuerung von Voodoo Vince ist dabei denkbar einfach. Vince lässt sich genregemäß mit dem linken Stick steuern, während die wichtigsten Aktionen wie das Springen, das Aufheben von Gegenständen, die Drehattacke und der normale Schlag auf die Aktionstasten gelegt wurden. Die Kamera kann mit einem Knopfdruck manuell hinter die Figur geacht werden, das ist aber in den meisten Fällen nicht nötig, da die Kameraführung durchaus gelungen ist. Um wirklich auch die verstecktesten Items zu entdecken, kann Vince auch per Knopfdruck in die Egoperspektive umschalten, so zwar nicht laufen, aber in alle Himmelsrichtungen schauen.

Neben den vergleichsweise normalen Leveln, bekommt Vince auch immer wieder die Gelegenheit, in ein "Fahrzeug" einzusteigen. Egal ob es dabei ein Flugzeug ist, Vince eine Ratte als Reittier missaucht, er auf ein Boot steigt oder sich mit einer Zirkuskanone durch die Luft schießen lässt, diese Abschnitte sind eine willkommene Abwechslung im Alltag einer Voodoopuppe. Die immer wieder auftauchenden Rätseleinlagen sind der einzige Grund, warum Jump´n´Run-Helden länger an einer einzigen Stelle festhängen könnten. Dabei sieht das Rätsel meist so aus, dass entweder erst irgendwo ein Schalter umgelegt werden muss oder aber ein bestimmter Gegenstand zu einem anderen Ort getragen werden soll, um dort verwendet zu werden. Nicht selten erstrecken sich die Rätsel dabei über mehrere Etappen, so dass Dinge, die vorher nicht funktioniert haben, durch eine einzige Aktion an anderer Stelle plötzlich Sinn ergeben.

Bei der Umsetzung der Ideen haben sich die Entwickler dabei alle Mühe gegeben, den Charme des Spiels auch in die Aufgaben zu übernehmen. Um nicht zuviel zu spoilern, hier nur ein Beispiel aus einem der ersten Level: Vince muss einen Jazzmusiker (der als Skelett ein Tor bewacht) davon überzeugen, dass er an ihm vorbei will. Dieser lässt sich darauf jedoch nur ein, wenn er gemeinsam mit Vince ein Musikstück zum Besten geben kann. Für die Voodoo-Puppe heißt das jetzt, sich das passende Outfit und ein passendes Musikinstrument zu besorgen. Da er glücklicherweise eine Trompete entdeckt, muss er nur noch einen Weg finden, um die Uhrzeit am Glockenturm zu verstellen, da der Laden mit den Musikinstrumenten nur zu einer ganz bestimmten Zeit öffnet. Dass es bei der Lösung dieser Aufgabe nicht einfach mit einem Hochklettern auf den Glockenturm getan ist, versteht sich von selbst.

Während die Rätsel durchaus manchmal etwas Nachdenken erfordern, sind die Sprungpassagen meist recht einfach. Zwar springt man ab und zu ins Leere, weil der so hoffnungsvoll aussehende Vorsprung am Dach nicht dafür konzipiert war, dass man darauf landet, aber in der Regel läuft es sich mit Vince ganz gut, zumal nur selten die Präzision der Bewegung gefragt ist, wie es etwa bei den Mario-Spielen von Nintendo ist. Gut gelungen ist die Tatsache, dass die Kamera in sehr engen und oft unterirdischen Gängen sehr nah an Vince heranzommt, so dass man auch hier die Übersicht behält und sich Vince weiterhin gut steuern lässt.

Das Charakter- und Leveldesign von Voodoo Vince schwankt zwischen sehr gut und immer noch gelungen, wobei das absolute Highlight natürlich die Voodoo-Puppe Vince darstellt. Selten war ein Charakter gleichermaßen so lustig, bemitleidenswert, fies, naiv und utal gleichzeitig und dieser Facettenreichtum macht auch einen großen Anteil des Spielwitzes und der Atmosphäre des Titels aus. Oberbösewicht Kosmo ist da schon wesentlich blasser in seinem Charakterprofil, auch wenn er mit bösen Sprüchen sicherlich den ein oder anderen Punkt sammeln kann.

Bei den Gegnern gibt es neben vergleichsweise normalen Kreaturen wie Fröschen oder herumfliegenden Käfern (die eigentlich auch wie Frösche aussehen, nur mit viel zu klein geratenen Flügeln) auch spaßigere Figuren wie zum Beispiel die zwei Zapfsäulen Reggie & Primo, die auch ihre ganz eigene Behandlung auchen und nicht durch das Standardrepertoire von Vince beseitigt werden. Dennoch wünscht man sich gerade zu Beginn eine etwas größere Monstervielfalt, da viele Gegner als Standardkreaturen verwendet werden und Highlights ein wenig zu selten gesetzt werden. Generell darf man bei Voodoo Vince allerdings auch keine zu großen Gegnerhorden erwarten, was angesichts des doch sehr simplen Kampfsystems nicht schlecht ist.

Das Szenario von Voodoo Vince hat einen sehr comiclastigen Stil, ohne dabei Stilmittel wie etwa Cel Shading zu verwenden. Viele Orte bekommt man beim erstmaligen Betreten durch kleine Zwischensequenzen oder Kamerafahrten präsentiert, während die einzelnen Level sich letztendlich als durchaus abwechslungsreich darstellen, ohne dabei Chancen auf einen Innovationsaward zu haben. So stapft man durch städtische Umgebungen oder Abwasserkanäle und auch vor Sümpfen ist man in Voodoo Vince nicht sicher. Mit zunehmendem Spielverlauf werden dabei die Locations bizarrer und interessanter.

Grafisch setzt Voodoo Vince keine neuen Maßstäbe, kann aber gut mit der Konkurrenz mithalten und offenbart in kleinen Details (zum Beispiel in ziemlich herausragenden Spiegelungen in einer Pfütze), welche Power doch in der Xbox steckt. Sämtliche Details der manchmal etwas futuristisch-märchenhaft-gemixten Welt werden in einem sehr comiclastigen Stil präsentiert, wobei gerade Vince mit seinen einzelnen Leinenfäden durchaus als realistische Voodoo-Puppe durchgehen kann (wenn man mal davon absieht, dass er herumläuft und Aufgaben löst). Die Farben des Spiels sind kräftig, aber nicht grell, was vor allem daran liegt, dass wärmere Farbtöne das Bild beherrschen.

Die Framerate des Spiels ist konstant und mit Rucklern hat man glücklicherweise nicht zu kämpfen. Gelegentliche Clippingfehler, bei denen Vinces Kopf mal wieder in einer Mülltonne steckt, sind noch tolerierbar, zumal man mit der Kameraführung nicht immer selbstverständliche Pluspunkte sammeln kann. Gerade in den Zwischensequenzen präsentiert sich Voodoo Vince in einer teilweise sehr knuddeligen Atmosphäre. Wenn Vince mit seinem einen Auge klimpert und dabei schaut, als könne er keiner Fliege etwas zu leide tun, dann hat das jede Menge Charme.

Bei der Akustik punktet vor allem die Sprachausgabe, wo erfolgreich versucht wurde, Charakterzüge der einzelnen Figuren auch in die Stimme zu legen. So klingt vor allem Kosmo einfach nur fies, was dazu führt, dass man ihn schon von Anfang an gerne vermöbeln würde. Vince dagegen ist ein Sarkast par excellence und spiegelt das auch in seiner Synchronstimme wieder. Auch die Melodien des Spiels können überzeugen, während die Soundeffekte eher Durchschnitt sind. Akustisch ist das Spiel alles in allem wegen der guten Sprachausgabe deutlich überdurchschnittlich, ohne dabei in allerhöchste Wertungsregionen vorzudringen.

„Zünd mir den Kopf an und schlag mich “

(Eigene Meinung » Sebastian Philipp)

Voodoo Vince ist ein sehr spaßiges Jump´n´Run-Vergnügen, das leider durch einige Defizite den Sprung in den Wertungsolymp knapp verpasst hat. So hat man aus dem ganzen Voodoo-Szenario zwar schon jede Menge gemacht, lässt allerdings neben dem sehr überzeugenden Hauptcharakter mit seiner Selbstzerstümmelung innovative Elemente vermissen, so dass Voodoo Vince abseits der Thematik zu keinem herausragenden Hüpfabenteuer wird.

Mit einer Spielzeit von maximal 10 bis 15 Stunden ist das Spiel leider auch etwas zu kurz geraten, wobei ein Wiederspielwert fast nicht gegeben ist. Sehr linear durchläuft man die einzelnen Level und je nach Ambition sucht man nur den Levelausgang oder sammelt alles ein, was es an einsammelbaren Gegenständen Jump´n´Run-typisch so gibt.

Dabei gibt es doch einiges, was wirklich gelobt werden kann. Da ist zum einen der wirklich sehr gelungene Humor des Spiels, der es natürlich bei dieser Thematik auch nicht allzu schwer hat, den Spieler in seinen Bann zu ziehen. Außerdem überzeugt die für dieses Genre wirklich deutlich überdurchschnittliche Kameraführung, was selbst in schwierigeren Situationen den Spielspaß nicht mindert. Alles in allem sollten Jump´n´Run-Fans auf jeden Fall zugreifen (und sei es nur als ausgeliehenes Spiel übers Wochenende), während alle anderen sich bei der Fülle der in nächster Zeit erscheinenden Spiele überlegen können, ob ihnen Voodoo Vince das Geld wert ist.

Bewertung

Voodoo Vincexbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.