World Championship Snooker 2004

19.01.2007 10:24
World Championship Snooker 2004


Es gibt Dinge, die sich für eine Videospielumsetzung nur bedingt eignen, weil sie nur in einem entsprechenden Rahmen und mit mehreren lebenden Personen wirklich Spaß machen. Neben diversen Brettspielen wie Monopoly, Risiko oder Fang den Hut, gehören sicher auch Freizeitbeschäftigungen wie Dart oder Billiard zu eben dieser Kategorie. Die digitale Versoftung dieses Zeitvertreibs macht nicht annähernd soviel Spaß wie eine reale Partie in einer netten Kneipe und mit guten Freunden. Nur hier kommt die richtige Atmosphäre und der Flair auf, den dieses Hobby ausmacht. Trotz allem versoftet das englische Traditionsunternehmen Codemasters schon einige Jahre erfolgreich ihre “World Championship Snooker“ Reihe. Die neueste Episode dieses, besonders in England beliebten Sports, fand seinen Weg nun mit der Version 2004, nach dem vergangenen Jahr ein zweites mal auf die Xbox.

Da einige mit Billiard im Allgemeinen und der Billiardvariante Snooker im Besonderen nur wenig anfangen können, hier noch einmal kurz die Spielregeln: Ein Billiardtisch ist mit Banden umrandet, besitzt vier Löcher an den Ecken und zwei zusätzliche in der Mitte der langen Banden. Ziel des Spiels ist es, eine bestimmte Anzahl von Kugeln in einer festgelegten Reihenfolge in den sechs Löchern des Tisches zu versenken. Die Kugeln dürfen allerdings nicht mit den Händen angefasst werden. Um die schweren Kugeln auf dem Tisch zu bewegen, nutzt man einen langen Stab, in der Fachsprache auch Queue genannt. World Championship Snooker 2004 bietet dem geneigtem Spieler vier verschiedene Spielvarianten des Billiards.

Beim Snooker befinden sich 15 rote und 6 andersfarbige Kugeln auf dem Tisch. Das Versenken einer roten Kugel ingt dem Spieler einen Punkt, die sechs weiteren Kugeln sind 2-7 Punkte wert. Da das einfache Versenken der Kugeln zu leicht wäre, müssen abwechselnd eine rote und eine andersfarbige Kugel in die Löcher gestoßen werden. Während die roten Kugeln nach erfolgreicher Versenkung aus dem Spiel genommen werden, kehren die mehrfarbigen wieder zurück aufs Spielfeld. Erst nachdem alle 15 roten Kugeln aus dem Spiel sind, können auch die anderen Kugeln, aufsteigend nach ihrem Wert, eingelocht werden. Ein Spieler ist so lange am Zug, bis er eine Kugel nicht versenken kann. Ziel des Spiels ist es mehr Punkte als der Gegner zu erzielen.

Deutlich bekannter als Snooker ist sicher die auch in deutschen Kneipen beliebte Spielart Pool. World Championship Snooker 2003 bietet zwei Arten dieser Spielweise. Beim 9-Ball befinden sich Neun unterschiedlich nummerierte Kugeln auf dem Tisch. Die Kugeln werden aufsteigend nach ihrem Wert von 1-9 versenkt. Der Spieler, der zum Schluss die neunte Kugel einlocht, hat gewonnen. Beim 8-Ball befinden sich jeweils sieben gelbe und rote sowie eine schwarze Kugel auf dem Feld. Jedem Spieler steht entweder Gelb oder Rot zur Verfügung. Es gilt also nur die jeweils eigene Farbe zu versenken. Erst nachdem alle persönlichen Kugeln in den Löchern verschwunden sind, darf auch die schwarze Kugel eingelocht werden. Wird die schwarze Kugel schon vorher versenkt, gilt das Spiel als verloren.

Die letzte richtige Spielart ist Trickball. Hierbei muss der Spieler unter bestimmten Bedingungen Trickstöße ausführen. So muss eine Kugel schon mal über mehrere Banden gespielt oder aber nur vorher festgelegte Kugeln dürfen getroffen werden. Neben den vier ernsthaften Spielmodi findet man noch einige „Auflockerungsspiele“, in denen man zum Beispiel unter Zeitdruck seine Bälle versenken muss. Alle Spielmodi haben eines gemeinsam, sie lassen sich auf unterschiedliche Weise spielen. So lässt sich Snooker als einfaches Einzelspiel, im Turnier oder als Karriere spielen.

Nicht viel Neues im Singleplayer

Während man im Turniermodus mit bis zu 16 Mitspielern seine eigenen Meisterschaften ausspielen kann, erstellt man im Karrieremodus zuerst einen Charakter. Entweder entscheidet man sich für einen der zahlreichen lizenzierten World Snooker Spieler, oder man erschafft sich ein virtuelles Ebenbild. Mit dem neu erschaffenen Charakter reist man um die Welt, nimmt an Turnieren teil und erspielt sich so Preisgelder, mit denen sich neue Klamotten, Queue oder Tische erkaufen lassen. In der sogeannten Player’s Lounge hat man die Möglichkeit, sein Ebenbild mit unterschiedlichen Outfits auszustatten. Hier kann man unter Anderem auch alle bislang gewonnen Trophäen aus der vergangenen Karriere nochmals bewundern.

Auf einen Turnier- oder Karrieremodus muss man komischerweise bei der Spielart Pool – wie auch schon im Vorgänger - verzichten. Hier ist nur ein Einzelmatch gegen den Computer oder einen menschlichen Mitspieler möglich. Noch seltsamer mutet einem die Entscheidung der Entwickler an, im Trickball Modus nicht mal gegen einen menschlichen Gegner antreten zu können. Hier gilt es einfach, die unterschiedliche Spielzüge zu erlernen oder aber an einer Herausforderung teilzunehmen. Dort müssen dann mehrere Trickstöße hintereinander nur mit einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen bestanden werden.

Ein andneues Feature ist das Classic Match: Hier kann der Spieler in die berühmtesten Partien der Snooker-Geschichte einsteigen – z.B in das legendäre Finale zwischen Steve Davis und Dennis Taylor 1985, das allein in England über 18,5 Millionen Zuschauer gebannt vor den Fernsehern verfolgten, und wo Taylor seinem Erzrivalen Davis nach heftiger Gegenwehr eine denkbar knappe Niederlage beiachte. Hier zeigt uns Codemasters, dass man mit viel Einfallsreichtum auch ein Billiardspiel interessant gestalten kann.

Steuerungtechnisch gibt es nicht viel zu meckern. Der Queue lässt sich mit Hilfe des Xbox Pads einwandfrei über den Tisch dirigieren, dank mehrerer Ansichten habt ihr stets den vollen Überblick über das Geschehen. Und auch die Schlaghärte lässt sich vorher ohne jede Hektik festlegen. Leider lässt sich eine Vogelperspektive nicht dauerhaft einstellen, sondern muss stets über Knopfdruck aktiviert werden. Anfänger können sich die Laufwege der Kugeln anzeigen lassen, so dass ersten Erfolgen nichts im Weg stehen würde, wäre da nicht die beinharte K.I. Selbst auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad versenkt der Computer viel zu häufig alle Kugeln auf einmal und leistet sich zu wenig Fehlstöße. So kommt es schon mal vor, das ihr eine Partie verliert, ohne einen eigenen Stoß ausgeführt zu haben. Das ist besonders für Anfänger einfach nur frustrierend und unfair. Diesen Punkt mussten wir auch schon in der letzten Version des Spiels bemängeln.

Technisch ein Nachzügler

Was kann man von einer Umsetzung dieses Sports erwarten? Sicher nicht allzu viel. Trotz neuer Grafik-Engine und eingesetztem Motion Capturing hat sich die optische Performance des Spiels nur leicht verbessert. Während es an den Kugeln nichts zu meckern gibt und sich selbst die Hallendecke auf den blanken Kugeln in Echtzeit spiegelt, wirkt die restliche Spielgrafik leider noch immer recht trostlos. Detailarme, kantige Spieler wandeln wie auch schon beim Vorgänger emotionslos um den Tisch und die Spielstätten hätten ebenfalls finessenreicher ausfallen können. Schön gelungen ist den Engländern dagegen wieder einmal die Ballphysik, bei der man immer das Gefühl hat, dass sich die Kugeln korrekt verhalten. Vom Sound hört man während eines Spiels so gut wie gar nichts. Lediglich das Geräusch der aufeinander prallenden Kugeln lässt den Spieler glauben, nicht taub zu sein. Im musikalischen Bereich dagegen, hat man bei World Championship Snooker 2004 einen großen Schritt nach vorn getan. Ließ sich beim Vorgänger noch der Mangel feststellen, dass keine eigene Hintergrundmusik ins Spiel integrierbar ist, so wurde dieser Nachteil nun ausgemerzt. Die sogenannte Jukebox ist sowohl im Einzel- als auch im Mehrspielermodus anwählbar. Für alle die nun misstrauisch aufhorchen sollten: Die Funktion der eigenen Soundtracks wurde auf der Verpackungsrückseite des Spiels nicht vermerkt! Ein Spielkommentar findet sich dagegen nur im Karrieremodus wieder. Ein einschläferndes Kommentatorenduo schlägt die immer selben Phrasen, und bei besonders gelungenen Aktionen lauscht man zusätzlich noch dem Applaus der Zuschauer. Die „leichten“ Huster der Zuschauer auf den Rängen erwecken während des Matches dagegen eher den Eindruck eines Asthmaanfalls, als eine realistisch dargestellte Hintergrundgeräuschkulisse.

Doch was ist nun wirklich neu in Codemasters Snooker-Titel des Jahres 2004? Nun, es gibt ein paar neue Trickshots, freispielbares Videomaterial, neue Tisch- und Kugeltypen und wie erwähnt, den neuen Classic-Modus. Allesamt Innovationen, die den durchschnittlichen Xbox-Spieler nicht vom Hocker hauen dürften. Doch neben diesen eher unscheinbaren Veränderungen, halten die Entwickler noch eine Überraschung für alle Breitbandnutzer bereit.

Online-Vergnügen mit Hindernissen

Die wesentlichste Verbesserung in World Championship Snooker 2004 findet der Käufer in dem nun vorhandenen Xbox Live-Modus. Über das Internet können sich immer zwei Spieler duellieren. Der Aufbau der Live-Funktion an sich, überzeugt vollkommen. Hat man sich einmal mit seinem Gamertag eingeloggt, kann man auch bedenkenlos wieder in den Einzelspielermodus wechseln, oder Gefahr zu laufen, die nächste Einladung eines Kollegen auf der Freundesliste zu verpassen, da alle Online-Funktionen nun auch im Einzelspielermenü verfügbar sind. Im Spiel kann man während des gegnerischen Zuges auch die letzten zehn Spielzüge immer wieder mittels einer Replay-Funktion begutachten, was die Wartezeit bis zum nächsten, eigenen Eingriff ins Spiel doch sehr oft etwas versüßt.

Rein technisch aber, enttäuscht Codemasters via Xbox Live. Zwar läuft das Spielgeschehen an sich flüssig ab – jedoch kommt es vor allem bei der Sprachausgabe über das Headset häufig zu extremen Verzögerungen und Aussetzern, sodass sich die Verständigung mit dem Gegenspieler des Öfteren als wahres Geduldsspiel entpuppt. Ebenso sind im Online-Match leider keine Billiardspieler in der Nähe des Tisches zu finden und folglich gibt es auch keine Stoßanimationen zu bewundern. Die kleine weiße Kugel rollt nur plötzlich wie von Geisterhand gesteuert über den Tisch. Zuletzt lässt sich noch kritisieren, dass die Online-Rangliste wohl nur dürftig mit den Xbox Live-Partien verknüpft wurde. So kommt es beispielsweise sehr oft vor, dass der Gegner das schon fast verlorene Spiele aufgibt und dafür eigentlich eine Niederlage in Kauf nehmen müsste. Doch Pustekuchen! Oft bleiben die Statistiken nach solchen Matches weiter unverändert oder der eigentlich Verlierer hat das Spiel mysteriöserweise gewonnen. Ein krasser Schnitzer, den sich Codemasters hierbei geleistet hat

Dass sich die Spieler über Xbox Live nur in der Kategorie Snooker, nicht aber in Pool duellieren können, wird von Seiten der Entwickler sicher seine Gründe gehabt haben. Hierfür mögen die Rechte möglicherweise bereits an die Konkurrenz aus dem Hause Big Ben, welche im kommenden August World Championship Pool 2004 auf den Markt ingen wird, verkauft worden sein. Da Snooker nicht gerade die Nationalsportart aller Länder zu sein scheint, fällt es entsprechend schwer über Xbox Live einen passenden Spielpartner zu finden. Den ein oder anderen Zocker aus der Freundesliste im Besitz des Spiels zu wissen, entpuppt sich somit als sehr praktisch. Natürlich kann dafür - wie auch schon beim Vorgänger - der Offline-Part des Billiard-Titels wieder voll überzeugen und somit dürfte man sich um einige gesellige Abende mit Freunden am Pooltisch keine Sorgen machen auchen.

„Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“

(Meinung » Michael Ackermann)

Wenn es ein Videospiel gibt, dass den Titel "Geschmackssache des Jahres" wirklich verdient, dann ist das ohne Zweifel World Championship Snooker 2004. Für die einen ist das Spiel lediglich ein staubtrockenes Kugelgestoße, welches die technischen Fähigkeiten der Xbox bei Weitem nicht ausreizt und außerdem trotz mancher Verbesserung und dem nun vorhandenen Xbox Live-Modus noch einige Mängel aufweist. Auch die Präsentation und die Stoßanimationen sind sich nicht jedermanns Geschmack. (Wer sich die Sportart schon mal im Fernsehen zu Gemüte geführt hat, wird allerdings erkennen, dass auf diesem Gebiet einfach nicht mehr zu holen ist).

Wer allerdings genau hinsieht und sich die Zeit nimmt, sich mit den Regeln der Sportarten Snooker und Pool einmal für eine Stunde zu beschäftigen, wird merken, dass der Titel seine 50€ durchaus Wert sein kann. Für Alleingänger, ohne Freunde und Internetanbindung könnte das Spiel zwar in der Tat relativ schnell langweilig werden – der Eintönigkeit wurde aus dem Hause Codemasters jedoch mit einiger Innovation entgegengewirkt. World Championship Snooker 2004 bietet auf den zweiten Blick doch wesentlich mehr Spielmodi als man zunächst vermutet. Auch die im Vergleich zum Vorgänger immerhin leicht verbesserte Optik und Akustik dürfte den ein oder anderen etwas länger bei der Stange halten - zumal bei einem solchen Spiel nun wirklich nicht die grafische Qualität im Vordergrund stehen sollte.

Wer hin und wieder einen videospielbegeisterten Besuch empfängt oder einen Gamertag sein Eigen nennt wird mit dem Spiel sicherlich einige schöne Stunden in geselliger Runde erleben. Zwar weißt der Xbox Live-Modus hier und da noch ein paar Mängel auf, doch im Vergleich zum Vorgänger hat man - allein durch die Integration dieses Features - doch einen gewaltigen Schritt nach vorn getan. In unserem Testbericht zum letzten Snooker-Teil, mussten wir das Fehlen eines Arcade-Modus bemängeln. Dieser wurde leider auch in der Version 2004 nicht ins Spiel integriert. Doch meiner Einschätzung nach, hat Codemasters trotz allem im Kampf gegen die bösen Vorurteile gegenüber diesem schönen Sport mit World Championship Snooker 2004 ein Spiel geschaffen, welches so manche zynische Zunge schon bald verstummen lassen könnte. Seien wir gespannt was uns im nächsten Jahr erwartet!

Bewertung

World Championship Snooker 2004xbox

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Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.