X-Men Origins: Wolverine
19:29 Uhr - Obgleich dem Next-Gen- und PC-Wolverine wegen seiner (zu) hochaufgelösten Blutbäder der Einzug in unser friedliebendes Land (Der erste Mai lässt grüßen!) verwehrt bleibt, darf seine Playstation 2-Vendetta dank stark heruntergeschraubter Gewaltdarstellung auch hierzulande an Erwachsene verkauft werden. Wir sagen euch, ob ihr den Kompromiss bedenkenlos eingehen könnt oder euch daran doch nur vergeblich die Krallen abwetzen würdet.
Es gibt Spiele bei denen man schon von vorneherein eine gewisse Befangenheit hat und sich fragt, ob man den Titel überhaupt halbwegs angemessen beurteilen kann. X-Men Origins: Wolverine auf der Playstation 2 ist für mich so ein Spiel. Und das liegt nicht etwa daran, dass ich befürchtet hätte, das filmbasierte Hack’n slay mit dem coolsten aller Mutanten könnte mal wieder eine einfallslose, technisch armselige Leinwand-Versoftung werden (die es zweifellos ist), wie wir es in den meisten dieser Fälle erleben. Nein, der ausschlaggebende Punkt war eher, dass der Next-Gen-Version in den letzten Monaten erstaunlich viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde, als Lizenz-Umsetzungen sonst bekommen, geschweige denn verdienen. Dank hervorragender Optik und jeder Menge Blut konnte man beinahe einen echten Knüller erwarten. (Dessen kompetenten Test wird euch unser Daniel übrigens heute parallel zu diesem hier liefern.) Doch so löblich die Lebenserhaltung der PS 2 auch ist und so beeindruckend sie auch immer noch richtige Meisterwerke hervorzaubert (siehe Persona 4), so sicher war ich mir doch, dass Wolverine auf diesem System keine ähnlich liebevolle Behandlung zuteil werden würde.
Wie man den Fans ins Gesicht schlägt
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich sollte Recht behalten! X-Men Origins: Wolverine bietet genau das, was man erwartet: Ein auf unterstem Niveau präsentiertes, eintöniges Dauergehacke aus der Retorte. Wo der Film zwar ein paar Defizite bei Story und Dialogen aufweißt, letztlich aber wenigstens durchgehend mit satter Action unterhält und sich atmosphärisch nahtlos in die anderen X-Men-Filme einfügt, besteht das Spiel nur aus Defiziten. Augenfälligstes Problem ist die lieblose Präsentation. Die PS2-Version bietet weder ein Intro, noch über dem Durchschnitt inszenierte Ingame-Cuscenes, noch die Originalsprecher aus dem Film, noch Hugh Jackman! Absolut unverständlich, wo das Spiel doch überdeutlich an der Handlung des Streifens orientiert ist und sinnigerweise für Leute gedacht sein sollte, die den Film mochten. Da ist die Lizenz vorhanden und ich darf nicht mit Hugh Jackman in seiner Paraderolle durch die Gegner mähen? Solche Dinge sollten eigentlich obligatorisch sein. Zumal Sabretooth im Spiel tatsächlich (als einziger) so aussieht, wie sein Leinwanddarsteller Liev Schreiber, während ich mit einem austauschbaren Deppen durch die Gegend hüpfe, der seinen eigenen Bruder mit dem Nachnamen (!) anredet. Überhaupt sind die Gespräche teilweise sogar noch hirnrissiger als im Film – von den lächerlichen, sich ständig wiederholenden und damit nervtötenden Äußerungen des Helden und seiner Gegner während des Spiels mal ganz abgesehen – und führen die Charakterzeichnung teils komplett ad absurdum. Höhepunkt in dieser Hinsicht ist Logans Adamantium-Veredelung in Strikers Labor, die dank semi-brillanter Vertextung sogar noch weniger Sinn ergibt als in der Vorlage. Dafür bekommt ihr an dieser Stelle zum ersten Mal eine gerenderte Zwischensequenz zu sehen, die man durchaus als technisch gelungen bezeichnen kann. Bis dahin beschäftigt ihr euch aber erst mal ca. eine Stunde lang mit ermüdenden Kämpfen gegen schwächliche Waldarbeiter, Ranger und Wolverines gewaltgeilen Bruder Victor.
Für den Vorarbeiter!
Ohne großartiges Vorgeplänkel beginnt die Geschichte in den amerikanischen Wäldern, wo Logan sich mit Freundin Kayla niedergelassen hat und als Holzpfäller arbeitet. Gerade wieder einen dicken Baum in Arbeit, vernimmt er den Hilfeschrei der Angebeteten und will loseilen, da stellen ihm sich seine Kollegen in den Weg. Der fleißige Wolverine hat nämlich durch seine Mutantenpower so derbe gut den Wald weggeholzt, dass die anderen Karohemden jetzt vor dem Vorarbeiter schlecht dastehen. Also machen sie mit Axt und Schrotflinte jagt auf unseren sorgenden Helden. ... Wir lassen das einen Moment lang wirken! ... Hähä. Damit verdient X-Men Origins: Wolverine ohne jede Konkurrenz den Preis für das dämlichste Mordmotiv aller Zeiten! Denn definitiv und zweifellos ist mir noch in keinem Spiel eine bescheuertere Begründung untergekommen, um praktisch unschuldige Menschen wie am Fließband niederzustrecken, die dann mit literarisch virtuosen Zeilen, wie „Ich kann die Blutung nicht stoppen!“ zu Boden gehen. Überhaupt ist es schwer zu schlucken, dass Logan, der sich vom Militärdienst zurückgezogen hat, weil er das Gemetzel an Unschuldigen nicht mehr mit ansehen konnte, nun ohne Gnade auf normale Bürger und Polizisten losgeht, anstatt seine Krallen stecken zu lassen und ihnen einfach den Kinnhaken ihres Lebens zu verpassen. Aber spätestens wenn Victor und Stryker das erste Mal auftauchen, werden sich sowieso alle, die weder Film noch Comics kennen, fragen, worum es hier überhaupt geht, denn die Figuren werden in keiner Weise vernünftig eingeführt.
X-Men Origins: Kratos
Unübersehbar orientiert sich X-Men Origins spielerisch am denkbar besten Vorbild, God of War. Das Steuerungsschema ähnelt sich extrem. Besiegte Gegner hinterlassen Orbs, die Erfahrung bringen, mit der ihr neue Moves, mehr Gesundheit und ... zzzz ... Oh, Verzeihung, ich bin kurz eingeschlafen. Es gibt Quick-Time-Events und kontextsensitive Triggeraktionen, wie beim Spartaner, welche aber in ihrer Ausführung teils sehr unglücklich geraten sind. Zwei Beispiele: Beim Kampf gegen Sabretooth werdet ihr hin und wieder mal gepackt, wenn ihr zu dicht an ihm dran steht und müsst euch durch Hämmern auf den X-Knopf aus der Umklammerung erlösen. Habt ihr aber vorher wild mit einer anderen Taste angegriffen, kann es sein, dass das Spiel die Eingabe sofort als falsch erkennt, die Möglichkeit zur Befreiung abbricht und ihr so Energie einbüßt. An bestimmten Stellen kann Wolverine außerdem zum „Wilden Sprung“ ansetzen, der ihn über eigentlich unüberwindbare Abgründe bringt, wenn ihr die L1-Taste drückt und den linken Analogstick in die richtige Richtung bewegt. Selbige wird auf dem Bildschirm angezeigt, ist aber nicht immer eindeutig zu erkennen, sodass Logan nicht weiterspringt, weil die Ausrichtung nicht korrekt war, den Halt verliert und den sicheren Tod beim Sturz ins Wasser (!) findet. Nachträgliche Empfehlungen aus der Videospielsteinzeit! Toll auch, wie das Spiel manchmal von euch erwartet, gleichzeitig die Quadrat-Taste zu drücken und den rechten (!) Controlstick zu bewegen. Da wünscht man sich schnell zwei Daumen an jeder Hand. Selbst das Drücken der beiden Analogsticks zur Aktivierung der Wut-Attacke, welche euere Angriffe verstärkt, erinnert an den Zorn der Götter aus der Griechen-Schlachtplatte. Doof nur, dass bei Wolverine nichts davon wirklich Sinn hat. Die scheinbar pausenlos und in willkürlichen Abständen eingeblendeten neuen Kombos werdet ihr kaum brauchen, weil ihr auch mit unbeschwert exzessivem Einsatz der Standard-Attacken zum Ziel kommt. Blocken und Ausweichen sind meist unnötig. Dadurch werden die Kämpfe gegen die endlosen Wellen von Klongegnern, in den extrem linearen Leveln unglaublich langweilig. Man bringt Leute um, rennt in den nächsten Raum, um noch mehr Leute umzubringen usw., ohne zu wissen wann das ganze ein Ende hat. Die Szene in der Logan aus der Versuchsanlage flieht, dauert im Film ca. fünf Minuten, wenn überhaupt. Im Spiel hab’ ich dafür über eine Stunde gebraucht, in der ich immer und immer wieder in einen neuen nichtssagenden Raum geführt wurde. Ich dachte, das hört nie auf, bis ich dann tatsächlich draußen stand. Die Erleichterung wich aber schnell der Erkenntnis, dass sich damit nichts geändert hatte. Denn außerhalb der Einrichtung geht’s genauso weiter wie drinnen. Von Abwechslung kann keine Rede sein. Sicher, Spiele zu Filmen müssen immer auf irgendeine Weise deren Handlung strecken. Aber warum dann nicht die Möglichkeiten des Mediums ausnutzen und Logans und Victors Vergangenheit in den zahlreichen Kriegen oder in Strykers Mutantenspezialeinheit weiter ausbauen, die im Film nur kurz angerissen werden? Womöglich noch mit unterschiedlichen spielbaren Charakteren. Aber wieso auch? Dann müsste man ja gar noch Herzblut und Aufwand in ein Projekt stecken und könnte eventuell was richtig großes schaffen. Hierfür bekommt X-Men Origins gleich noch mal den Preis für das nicht ansatzweise ausgenutzte Potential des eigentlich starken Franchises. Dass Grafik und Sound dieser Schluderproduktion dabei auch nichts rausreißen, versteht sich wahrscheinlich von selbst. Undetaillierte, verwaschene Texturen, ungelenke Animationen, eine teils erschreckend einbrechende Framerate, unmotivierte Sprecher und der verstörend auffällige Mangel an Hintergrundmusik geben dem alten Vorurteil von der Lizenzgurke reichlich von seinem Lieblingsfutter.
Pro und Contra
- + Die PS2 auf Grafikhochtouren...
- + Dynamisch und wuchtig inszenierte Kämpfe...
- + Spektakuläre Bossfights...
- + Geschmeidige Bedienung...
- + Kinoreife Präsentation...
- + Leveldesign-Abwechslung...
- + Hugh Jackman...
- - ... nicht!
- - ... nicht!
- - ... nicht!
- - ... nicht!
- - ... nicht!
- - ... nicht!
- - ... nicht!
Gestutzte Krallen auf der PS2
Das Wolverine-Spiel zum Wolverine-Film mit Hugh Jackman, ohne Hugh Jackman?! Spätestens da ist eigentlich schon Schluss. Aber weil ich dem dürftigen Machwerk ohnehin schon zu viel Platz eingeräumt habe, will ich die ganze Sache hier auch nicht weiter aufbauschen. X-Men Origins: Wolverine ist das typische, mit geringstem Aufwand, auf technischem Mittelmaß und ohne jeden Knalleffekt inszenierte Lizenz-Produkt. Weder Fans des Films, noch Actionspieler denen das Szenario egal ist, kommen hier auf ihre Kosten. Wen der Splatter-Faktor der eigenständigen Next-Gen-Versionen reizt, der ist ebenfalls falsch beraten, denn der sehr moderate Blutgehalt der PS2-Fassung macht die Freigabe ab 18 beinahe lächerlich. Wolverine ist einfach öde und nicht mal die verhältnismäßig günstigen 30 Euro wert.
[Screenshots mangels Materials aus der 360-Version]
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Kommentare (1)
Strolch
Na immerhin dafür war der PS2 Ableger gut!