16.01.2007 11:35
Yager
Schon vor Jahren und Hardware-Generationen haben die Entwickler um Mastermind Chris Roberts erkannt, dass epische Science Fiction-Shooter mit tiefgehender Story-Komponente das Zeug zum Klassiker haben. Mit der so entstandenen Wing Commander-Reihe wurde das durch Klassiker wie David Brabens Elite begründete 3D-Genre weiterentwickelt und bot dank filmreifer Präsentation ein neues, atmosphärisches Spielerlebnis.
Qualitativ hochwertige Nachahmer wie Epic oder die Spiele der Colony Wars-Reihe schossen aus dem Boden, aber auch die Roberts-Brüder lieferten unter anderem mit Starlancer oder jüngst Freelancer stetigen Genre-Nachschub. Nun haben sich die deutschen Entwickler von Yager Development der Thematik angenommen und ihrerseits eine fulminante Zukunftssaga erschaffen: Das Ergebnis jahrelanger Entwicklungsarbeit hört auf den Namen Yager und erscheint voraussichtlich am 25. April 2003 zunächst exklusiv für die Xbox (eine PC-Version folgt einige Monate später) auf dem deutschen Markt.
Wir befinden uns auf der Erde, das 21. Jahrhundert neigt sich dem Ende entgegen. Die Welt ist unterteilt in Territorien, die von Großkonzernen regiert werden. Im rechtlichen Niemandsland dazwischen tummeln sich freischaffene Händler, Söldner und Piraten. Das Hauptaugenmerk in Yager liegt auf zwei Konzernen - der Proteus Corporation (gut) und der DST (böse). Da es im Proteus-Gebiet vermehrt zu Unruhen durch raubende Piraten kommt und auch die DST durch beunruhigendes Verhalten auffällt, engagiert das Unternehmen den freischaffenden Söldner Magnus Tide, in dessen Haut Ihr fortan schlüpft. Mit seinem hochentwickelten Kampfjet, der Sagittarius, heuert er gegen Entlohnung bei dem Großkonzern an, zusätzlich motiviert durch die Anwesenheit der Proteus-Kommunikationsoffizierin Sarah McDavid. Wie es der Zufall will, ist Sarah eine gekränkte Verflossene unseres Helden, der sich sogleich die erneute Zähmung der widerspenstigen Dame zum Vorhaben erklärt.
Nach einem hübschen Intro, das (wie sämtliche Zwischensequenzen) in Spielgrafik gehalten wurde, werdet Ihr zunächst mit der nicht unkomplizierten Steuerung Eures Kampfjets vertraut gemacht. Dieses Tutorial wurde geschickt in den Handlungsablauf eingebettet und bietet ausreichend Möglichkeiten, sich an die wichtigsten Grundfunktionen zu gewöhnen. Generell könnt Ihr jederzeit zwischen zwei unterschiedlichen Flugmodi wählen: Im Jet-Modus habt Ihr permanenten Vortrieb, der sich auf Wunsch auf 60 Prozent drosseln lässt - vollständiger Stillstand in der Luft ist jedoch nicht möglich. Hierzu schaltet Ihr in den Hovercraft-Modus, der Euch (ähnlich zum real existierenden Harrier-Kampfflugzeug) auf Wunsch in der Luft schweben lässt. An einen First Person Shooter erinnernd, bietet diese Variante auch die Möglichkeit des langsamen Strafens, um gegnerischem Feuer auszuweichen. Je nach Kampfsituation solltet Ihr Euch also für den jeweils passenden Modus entscheiden.
Zu Anfang ist die Sagittarius lediglich mit einem Standard-Laser bewaffnet, doch im Laufe des Spiels schaltet Ihr diverse Alternativwaffen wie Maschinengewehr, Missiles, Flammenwerfer oder Railgun frei. Für die meisten Geschütze dürft Ihr die per Tastendruck eine Sekundärfunktion auslösen - Energiewaffen lassen sich somit wahlweise aufgeladen abfeuern. Per Tastendruck nutzt Ihr bei Bedarf die praktische Zoomfunktion oder blendet die extra-große Levelkarte ein. Diese bildet eine detailliertere Ansicht des am unteren Bildrand ständig angezeigten Radars, das Euch über die wichtigsten Aktivitäten und Standorte der jeweiligen Map aufklärt.
Besondere Funktionen wie der temporär verfügbare Boost oder die halbmanuell ablaufenden Landungen werden per schwarzer Taste aktiviert. Die meisten Waffensysteme unterstützen Euch mit einer halbautomatischen Zielaufschaltung, die Euch hilfreich zur Seite steht. Allerdings arbeitet dieses System wirklich nur unterstützend, denn es funktioniert nur innerhalb eines bestimmten Radius vor der Front Eures Jets. Damit Ihr im Kampfgetümmel auch effektiv einen Gegner nach dem anderen ausschaltet, dürft Ihr per B-Taste zusätzliche Markierungen setzen.
Während der sehr langen Missionen werdet Ihr über Bildfunk von Freund und Feind kontaktiert und erfahrt neben erhöhter Interaktivität des öfteren auch spontan neue Missionsziele, die sich zumeist aus dem bisherigen Missionsverlauf ergeben und umgehend auf Radar sowie Übersichtskarte angezeigt werden. Eure Aufträge umfassen genre-klassische Aufgaben wie Eskorten oder Feindesvernichtung, aber auch innovative Features wie die Markierung bestimmter Bodenziele für Luftangriffe, die Bedienung am Boden stationierter Flak-Geschütze oder Geheimoperationen, in denen Ihr unterhalb des gegnerischen Radars im Tiefflug das Feindesland infiltriert. Im späteren Verlauf wechselt Ihr zudem das Fluggerät, doch aufgrund akuter Spoilergefahr verzichten wir an dieser Stelle auf eine nähere Beschreibung.
Abwechslung wird bei Yager allerdings nicht nur inhaltlich groß geschrieben, auch landschaftlich droht keine aufkommende Langeweile. Die insgesamt 23 Missionen sind in verschiedenen Locations wie der blühenden Freihandelszone, dem kargen Bitterfeld oder dem verschneiten DST-Territorium angesiedelt. Witterungseinflüsse (Sonenschein, Nebel, Regen oder Schnee) und Tageszeiten lassen Örtlichkeiten gleicher Vegetation zudem in immer wieder neuem Glanz erscheinen.
Nach erolgreicher Beendigung einer Mission werdet Ihr durch die zahlreiche Zwischensequenzen so fließend und handlungskonform zum jeweils nächsten Auftrag weitergeleitet, dass Ihr den Levelsprung zumeist nur wegen des kurz auftauchenden Ladebildschirms wahrnehmt. Im Hauptmenü dürft Ihr trotzdem jede erfolgreich abgeschlossene Mission direkt anwählen und gegebenenfalls Eurer Rating verbessern. Diese Bewertung wird Euch anhand verschiedener Faktoren am Ende einer jeden Mission vergeben - als Motivation schalten gute Ratings zahlreiche 3D-Schiffsmodelle in einer entsprechenden Galerie, der Schiffsdatenbank, frei. Hier dürft Ihr nach Herzenslust diverse Kampfjets, Schiffe, Zerstörer und Zivilvehikel auf Knopfdruck zoomen, drehen und animieren. In den Optionen verändert Ihr auf Wunsch eine Reihe verschiedener Gameplay-Faktoren (unter anderem eine Funktion zum automatischen Zentrieren Eures Schiffes) oder entscheidet Euch für eines der beiden (fest vorgegebenen) Controller-Layouts.
In Sachen Technik gibt es für Yager nur ein Gesamturteil: Atemberaubend! Grafisch gehört der Titel aus deutschen Landen systemübergreifend zum Besten überhaupt. Ausschweifend modellierte Landschaften mit hoch aufgelösten Texturen und einem zum Teil schier unglaublich hohen Polygon-Count lassen auch grafikverwöhnte Zocker des öfteren mit weit geöffneten Augen vor dem Bildschirm verharren. Auch sämtliche Fahr- und Flugzeugmodelle beeindrucken neben toller Modellierung (sowohl technisch als auch stilistisch) mit zahlreichen, zum Teil animierten Details. Hinzu kommen die wohl besten Xbox-Grafikeffekte bislang, denn niemals sahen Partikeleffekte, Explosionen und Rauchschwaden imposanter aus. Realistische Licht- und Schattenverhältnisse sowie schöne Spiegelungen auf dem mit feinem Bump Mapping glänzenden Wasser sorgen für offene Münder und stellen (soweit technisch vergleichbar) selbst Grafikgranaten vom Schlage eines Panzer Dragoon Orta in den Schatten.
Die lange Entwicklungszeit hat sich erfreulicherweise gerade im Hinblick auf die Framerate gelohnt: Während sämtliche Vorabversionen durch eine unschön instabile Bildrate auffielen, läuft die fertiggestellte Testversion trotz guter Sichtweite beinahe durchgehend konstant mit 30 fps im PAL 60-Modus - extrem seltene Slowdowns treten nur in äußerst actionreichen Szenen mit zahlreichen Großexplosionen auf. Mit insgesamt drei Spielperspektiven werden alle Geschmäcker bedient: Wahlweise entscheidet Ihr Euch für die (glänzend animierte) Außenansicht oder eine der beiden Innenperspektiven. Hier trumpft die Cockpitansicht mit animiertem Rundumblick, schönen Spiegelungen in der Windschutzscheibe und sichtbaren Beschädigungen in Form von Einschusslöchern auf, während die Vollbild-Perspektive die beste Übersicht bietet.
Auch akustisch wird bei Yager technisch höchstes Niveau geboten, denn neben nahezu perfektem Dolby Digital 5.1-Ton in Kinoqualität fallen besonders die erstklassigen Soundeffekte inklusive bombastischer Subwoover-Unterstützung durchgehend positiv auf. Dazu gibt es massenhaft deutsche und (bei entsprechender Systemeinstellung) englische Sprachausgabe, die sich in beiden Fällen dank professioneller Sprecher auf hohem Niveau befindet. Musikalisch untermalt wird das Geschehen hauptsächlich durch orchestrale Klänge, die sich zudem entsprechend der jeweiligen Spielsituation anpassen. Die Themen wurden sehr schön zur jeweils vorherrschenden Atmosphäre komponiert und fallen niemals negativ auf.
Mit unserem Test-Rohling gab es in einigen (zufälligen) Situationen Probleme mit Tonsprüngen der Hintergrundmusik, wir gehen jedoch von individuell schlechter Qualität unseres Datenträgers aus. Sollten diese Probleme auch in der Verkaufsversion auftauchen, werden wir in den News darauf hinweisen und gegebenenfalls unsere Sound-Wertung korrigieren.
"Epische Science Fiction-Saga"
(Meinung » Matthias Loges)
Bei Yager stimmt nahezu alles: Die packende und vielseitige Story wurde mit überraschenden Wendungen versehen, erschafft (nicht zuletzt aufgrund der hervorragenden Zwischensequenzen) eine kinoähnliche Atmosphäre und lässt das eigentliche Spiel wunderschön mit der Rahmenhandlung verschmelzen. Hinzu kommt eine an Perfektion grenzende Präsentation mit fulminanter Grafik, toller Akustik und stimmiger Musikuntermalung. Nach anfänglicher Sepsis ob der zum Teil sehr pseudo-coolen Sprüche von Hauptcharakter Magnus Tide entwickelt gerade er (und die gesamte Sprachausgabe der vielen anderen Protagonisten) mit zunehmender Spieldauer einen eigenen Charme - hierbei bleibt es Euch überlassen, für welche Sprache Ihr Euch entscheidet, denn beide Varianten wissen zu gefallen.
Die komplexe Steuerung mit voll belegtem Controller offenbart nach kurzer Eingewöhnungsphase ihre Genialität und Vielseitigkeit, weshalb Ihr Euch schon zu Anfang voll auf die faszinierend belebte Yager-Welt konzentrieren könnt. Unzählige Grafikdetails lassen Euch des öfteren abseits vom Geschehen verharren, nur um beispielsweise einen riesigen, fliegenden Container-Carrier in der Freihandelszone bei seiner Transport- und Verladetätigkeit zu beobachten. Das Raumschiff-Design ist stilistisch großartig und innerhalb der verschiedenen Parteien im Spiel deutlich zu unterscheiden.
Obwohl die Abwechslung während der (zum Teil sehr langen) Missionen zu den größten Pluspunkten gehört, lauert gerade in diesem Bereich auch der Frustteufel, denn gerade zu Anfang lassen Euch viele neue Befehle zunächst ratlos in der Luft schweben: Die Zeit tickt, und bevor Ihr begriffen habt, was zu tun ist, ist die Mission gescheitert. Widerfährt Euch ein solches Erlebnis am gegen Ende einer langen Mission, kann dies schnell zu Frusterlebnissen führen, denn nach drei Continues seid Ihr zum kompletten Neustart des Auftrags gezwungen. Mit zunehmender Spielpraxis erweitert Ihr jedoch Eure Fähigkeiten, erkennt in derartigen Situationen eigenständig die jeweils notwendige Taktik, und lernt, die elementar wichtige Übersichtskarte richtig zu lesen.
Der fehlende Mehrspieler-Modus ist zu verschmerzen, da Yager augenscheinlich ein reinrassiges Single Player-Erlebnis geworden ist. Da jedoch für die angekündigte PC-Version sehr wohl ein Multiplayer-Part geplant ist, frage ich mich, warum die lange Entwicklungszeit nicht auch auf der Xbox für zusätzliche (gern auch simple) Mehrspielermodi im Splitscreen oder System Link genutzt wurde.
Nichtsdestotrotz hat Yager unter dem Strich die hohen Erwartungen in allen Belangen erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen. Sofern Ihr Euch nur ansatzweise mit der Thematik anfreunden könnt, gehört das SciFi-Epos in jede gut sortierte Spielesammlung. Mir bleibt daher nur ein Glückwunsch an die Jungs von Yager Development für dieses beachtliche Xbox-Erslingswerk - weiter so!