gamescom 09: Das Guantanamo Bay für Spieler!
18:12 Uhr - Nun ist es offiziell. Die gamescom war ein Erfolg. Mit einem Besucherplus von 25% konnte man den Zonendödeln in Leipzig zeigen, wo der Zuschauerhammer hängt. Aber war wirklich alles so schön, wie die Messebilder und Pressemitteilungen vermuten lassen? In unserer Kolumne fragen wir uns, warum sich Journalisten und Besucher im Internetzeitalter eigentlich die Tortur einer gamescom überhaupt noch antun.
Invasion der PR-Roboter
Wenn man als Redakteur für ein Spielemagazin auf der gamescom unterwegs ist, geniesst man zahlreiche Vorteile. Zum einen rennt man durch ein weitaus ruhigeres Businesscenter, bekommt fast überall gratis Getränke und mit etwas Glück auch halbe Brötchen. Mann bekommt die Spiele in lauschigen, kleinen Präsentationen vorgeführt, wo man in übersichtlicher Runde beisammen sitzt und so erste Eindrücke vom Spiel sammeln kann. In zwei dritteln der Fälle bekommt man allerdings bekanntes geboten. Entweder man spielt genau die Abschnitte, die bereits auf der E3 präsentiert wurden (Mass Effect, Bioshock, etc) , oder man spielt etwas neues, was man aber bereits mit Garantie schon in einem 12-seitigen Exklusiv-Bericht in einem Printmagazinen gelesen, die sich dafür die Exklusiv-Story gesichert haben (Mafia 2). Für die Langeweile zwischendurch bieten sich oft kleine Comedy-Einlagen an, wenn ganz besonders junge Redakteure ihr Schulenglisch präsentieren. Der Rest ist aber meistens öde. Nachdem der Entwickler, bzw. der entsprechende PR-Mitarbeiter gefühlte 10 Stunden die Vorzüge seines neuesten Spiels geschildert hat, folgt das obligatorische „Irgendwelche Fragen?“ Nun gibt es zwei Varianten. Zum einen die Redakteure, die anscheinend nur gerüchteweise von einer Erfindung namens World Wide Web gehört haben. Hier werden dann gerne Fragen gestellt, die man a) direkt auf der Spielewebsite des Publishers beantwortet bekommt oder b) nach drei Sekunden google-Suche findet. Jeder, der heute fragt, ob Command & Conquer 4 auch für die Xbox 360 erscheint, gehört in meinen Augen von Kane persönlich erschossen. Lustiger Mensch übrigens, der Joseph D. Kucan, auch wenn er wohl meine Begrüßung „Look, it`s Nicholas Cage“ nicht so witzig fand. Aber immerhin nett von EA, den armen Mann auf Pressetour nach Deutschland zu entführen.
Was PR-Leute dringend üben sollten, ist ihr Kurzzeitgedächtnis auf eine Spanne über 10 Sekunden zu trainieren. Letztes Gespräch ist nicht erfunden: Als wir vor einer Tür auf unseren Präsentationstermin warten, geraten wir unverhofft in die Fänge eines PR-Managers „Hey, hattet ihr schon eine Chance, Spiel XYZ unten anzuspielen?“ „Ja, haben wir. Hat uns nicht ganz so begeistert. Kann an den Konsoleneinstellungen gelegen haben“ Nach einem leicht verständnislosen Nicken, lotste uns der gute Mensch in den Präsentationsraum und verschwand. 10 Minuten nach der Präsentation treffen wir ihn wieder.“Hey, wir hat euch die Präsentation gefallen?“ „Ganz interessant“ „Na toll, ihr müsst das Spiel dann unbedingt unten auch mal anspielen!“ Das er uns nicht wirklich zugehört hat, können wir ihm nicht verübeln. Aber dann bitte neutralere Smalltalkfloskeln verwenden, die nicht wie eine Mischung aus Demenz und einem rhetorisch ausgestreckten Mittelfinger wirken.
Unsympathischer Höhepunkt war aber die furchtbar gelangweilte Vorstellung eines Spiels um kurz vor sechs Uhr abends. Nachdem wir auf das spürbare Stimmungsdefizit aufmerksam gemacht hatten, bekam wir die zwar ehrliche, aber doch etwas unhöfliche Antwort: „Das ist das 75. Mal, dass ich dieses Spiel heute präsentiere. Da kann man nicht mehr lustig drauf sein“. Meine Antwort :“ Das ist auch ungefähr das 80. Spiel was wir heute sehen, uns geht’s da nicht anders“ wollte irgendwie auch nicht zur Stimmungsaufhellung beitragen. Wie in Verdun machten sich auf beiden Seiten der Spielefront also allmählich Erschöpfungssymptome breit.
Auch dem optimistischsten Redakteur befällt also auf kurz oder lang die Sinnkrise. Sind solche Messen im Internetzeitalter überhaupt noch zeitgemäß? Wieviel bringen 20 Spielepräsentationen am Tag, wenn die Publisher mittlerweile die selben Infos viel hübscher aufbereitet als Developer Diaries an den Mann und die Frau bringen? Wieso Spiele ansehen, wenn der Publisher genauso gut Previewcodes schicken kann, die man sich in Ruhe auf der Redaktions-Debug-Konsole ansehen kann? Muss man sich als perfekt informierter Online-Redakteur wirklich von Termin zu Termin quälen, nur damit die seriöse Print-Presse von Axel-Springer und co, die Spiele sonst nur mit der asbestbezogenen Kneifzange anfässt, mal mit Handpuppen erklärt bekommt, wer dieser Peter Molyneux eigentlich ist und woran der überhaupt arbeitet?
Guantanamo Bay für Probezocker
Wenn man allerdings als verwöhntes Pressemitglied nach einem gepflegten gratis Getränk nebst Lachsimbiss mit Taschen voller Goodies durch die öffentlichen Messehallen schlendert, wird einem bewusst, dass es einigen Menschen noch viel, viel schlechter geht: Nämlich den normalen Besuchern. Nachdem diese acht Euro für einen Parkplatz in ungefährer Messenähe bezahlt haben (AreaGames-Redakteure parken ihren Cayenne natürlich kostenlos auf dem Presseparkplatz direkt am Eingang der Messe) dürfen sie am Kartenschalter schon einmal die wichtigste Messewettkampfdisziplin üben: Das Anstehen. Ausreichend trainiert und mit den entsprechenden Power-Waden versehen kann man sich dann auf einen Stehmarathon einrichten, den selbst englische Palastwachen vermutlich nur mit Stuhl ertragen würden. 20 Minuten Diablo 3 Spielen? Zwei Stunden anstehen! 20 Minuten Starcraft 2 Spielen? Zwei Stunden anstehen! Eine Ingame-Präsentation von Call of Duty: Modern Warfare 2 angucken? Ihr kennt die Antwort. Natürlich gibt es auch einige Stände, bei denen man direkt spielen kann. Bei den Browsergames war es oft angenehm ruhig, schade nur, dass man auf den Dutzenden freien PCs von Doofus nicht einfach nur ins Internet durfte. Und natürlich lockten viele Publisher mit einem sehr anständigen Showprogramm inklusive netter Giveaways. Doch der fleissige Webnutzer lächelt nur Anbetracht dieser exklusiven Einblicke in kommende Spielehighlights: In den meisten Fällen hat er das Material schon Wochen vorher in hochauflösender Qualität bequem am PC gesehen. Anspielen ist natürlich etwas anderes. Aber seien wir ehrlich? Ist der videospielgestählte Kartoffelchips-Körper noch bereit, für eine kurze Anspielsession auf einem Muckel-Bildschirm stundenlang anzustehen? Wozu gibt es denn vor Release Demos? Und sind 20 Minuten Diablo 3 nicht genauso sinnvoll wie ein Pornokino, dass den Film abschaltet, sobald die Kleider fallen?
Aber irgendwie ist es genau wie mit den Rentnern am All-Inklusive-Buffet: „Das Essen ist einfach schrecklich!“ „Ja, und erst diese kleinen Portionen!“ Gehen wir nächstes Jahr also wieder hin? Na klar! Man sieht sich...
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Kommentare (31)
Mortician
Alexander Laschewski-Voigt
Pumpenmann
spacerider12
ich war noch nie auf der gc deßhalb kann ich es nicht beurteilen aber ich denke es ist schon ein tolles erlebnis und nur dem pc rumhocken und sich dosenbier reinziehen ist auch nicht das wahre
ok der letzte teil ist ironisch gemeint
jemus
Lord Bongo
LordLoki
Pumpenmann
kannste mal link reinsetzen?
interessiert mich!
Mongo2k2
schlecht geschulte augen? es gab massig an wirklich netten messebabes auf der gc. was wäre denn eine (spiele)messe auch ohne diese oO
LordLoki
Ich weiß nimmer in welchem Jahr das war (aber ich schätze vor 3 Jahren), da gabs quasi an jedem Stand immer noch hübschere Messebabes.
Weiß allerdings nicht was ihr als Messebabes definiert. Würde zB die Mitarbeiterinnen bei MS nicht in diese Kategorie stecken.