inFAMOUS
Stellt euch vor, ihr hättet vom einen auf den anderen Moment Superkräfte. Könntet mit einem Schnippen ein Leben auslöschen und mit einer kleinen Handbewegung einen ganzen Straßenzug verwüsten. Andererseits könntet ihr ein moderner Prometheus sein und den Menschen das Licht wiedergeben oder Verwundete heilen. Schwierige Entscheidung? Spielt Sucker Punchs inFAMOUS, folgt euren Instinkten und erlebt nebenbei einen der besten PS3-Titel des Jahres.
Ground Zero
Expressbote Cole MacGrath staunt nicht schlecht: Eigentlich sollte er nur ein eiliges Paket ausliefern, jetzt liegt er plötzlich in den Ruinen des einst belebten Stadtzentrums von Empire City. Um ihn herum Tod und Zerstörung, nur er selbst hat wie durch ein Wunder keinen Kratzer abbekommen. Im Gegenteil: Eine gewaltige elektrische Energie strömt durch seinen Körper und lässt sich kontrolliert entladen. Vormals tödliche Stromstöße sind nun begehrte Nahrung, die das menschliche Kraftwerk wieder aufladen. Coles Präsenz am Ort der mysteriösen Katastrophe und seine neuen Fähigkeiten können doch kein Zufall sein? Doch bevor es dem jungen Mann gelingt, klare Gedanken zu fassen und Antworten zu finden, wird die Metropole abgeriegelt und unter Quarantäne gestellt, die Bewohner ihrem Schicksal überlassen. Schon bald bricht Chaos aus, Plünderungen und Überfälle sind an der Tagesordnung. Die ebenfalls von der Explosion auf rätselhafte Weise beeinträchtigten Mitglieder der Reaper-Gang übernehmen die Herrschaft in der Stadt. Kaum ein Gesetzeshüter wagt es noch, einen Fuß in die verwüsteten Straßen zu setzen. Logisch, dass sich nun alle Augen auf den merkwürdigen Mann mit der elektrisierenden Wirkung richten.
Ride the Lightning
Alte Elektro-Ikonen wie Galvani, Edison oder Tesla wären stolz gewesen: inFAMOUS zelebriert die Macht der Energie wie kein Spiel zuvor. Protagonist Cole muss stets dafür sorgen, dass sein innerer Akku aufgeladen ist. Dazu entzieht ihr die eurer Umgebung innewohnende Elektrizität. Spannungskästen und Strommasten bringen zwar den meisten Saft, zur Not lässt sich aber auch eine Straßenlaterne oder Autobatterie leer saugen. Durch seine neu gewonnene Sensibilität, ähnlich der Lorenzinischen Ampullen eines Hais, spürt Cole immer leicht die nächste Energiequelle auf. Nach einem solchen Elektronen-Schub regeneriert er nicht nur schneller, sondern er braucht ihn auch, um seine Fähigkeiten einsetzen zu können. Zu Beginn des Spiels stehen euch lediglich eine Druckwelle und die einst von Imperator Palpatine patentierten Stromstöße zur Verfügung. Mit der Zeit wächst eure Power jedoch und ihr könnt eure Talente aufwerten oder bekommt Zugang zu gänzlich neuen Kräften, wie der elektrischen Haftgranate. Mein persönlicher Liebling ist und bleibt aber die fulminante „Blitz-Arschbombe“. Der Held springt von einem Dach, bündelt die Energie in seinem Körper und wird zum menschlichen Meteoriten. Der Aufprall ist auf der höchsten Stufe so stark, dass kein Stein auf dem anderen und kein Auge trocken bleibt.
Man mag das Elektro-Element des Spiels ein wenig aufgesetzt finden, schließlich funktioniert inFAMOUS in vielen Passagen wie ein herkömmlicher Action-Titel, nur dass Projektile und Granaten durch statische Entladungen ersetzt wurden. Das Gameplay in den Schusswechseln, natürlich inklusive Deckungsfeature, ist im Wesentlichen auch recht standardisiert. Dennoch wirkt das Spiel auf mich persönlich nicht prätentiös, denn das Kernfeature wurde konsequent umgesetzt und ebenso schlüssig erklärt. Aufgrund seiner Kräfte kann Cole keine Waffen benutzen, da diese in seinen Händen einfach zerplatzen würden. Auch das Benutzen von Fahrzeugen ist daher nicht möglich. Sämtliche Automotoren würden durchschmoren, wenn Mr. Elektro in den Karossen Platz nähme.
Der geölte Blitz
Wie erwähnt, lassen sich Coles Fertigkeiten peu à peu hochleveln. Dazu benutzt ihr die im Spiel erworbenen Erfahrungspunkte, die ihr durch gute, aber auch durch böse, Taten erhaltet. Einige Spezialaktionen sind demnach auch ausschließlich einem der beiden Extreme vorbehalten. Große und kleine Entscheidungen, die das Karma-System beeinflussen, finden sich an jeder Ecke. Angefangen bei der Überlegung, ob man einen verletzten, am Boden liegenden Reaper lieber aussaugt und ihm die Bio-Energie entzieht, oder ihm elektronische Fesseln anlegt und den wenigen verbliebenen Ordnungshütern überlässt, bis hin zu Entscheidungen, die ganze Missionsstränge beeinträchtigen können. In einer der frühen Missionen steht ihr z.B. vor der Wahl, ein Ventil zu betätigen, das euch bei dieser Aktion verseuchten Teer ins Gesicht spritzen wird, der für Halluzinationen und eine kurzzeitige Minderung eurer Kräfte sorgt. Ihr könntet aber auch einfach einen Passanten nötigen, die Arbeit zu verrichten und ihn seinem Schicksal überlassen.
Gibt Cole den Bad Boy ändert sich die Farbe seiner elektrischen Entladungen in ein grelles Rot, zudem verhalten sich die Einwohner von Empire City ihm gegenüber spürbar anders, die Fernsehnachrichten geben Warnungen aus. Der wesentlichste Unterschied besteht allerdings darin, dass ihr manche Missionen nur als strahlender Held oder übler Schurke angehen könnt. Wie andere Spiele zuvor, tut sich aber auch inFAMOUS schwer, eine Balance zwischen den zwei Extremen zu finden. Sich neutral zu verhalten ist quasi nicht möglich, jede Aktion verpasst euch entweder allegorische Teufelshörner oder Engelsflügel.
Jumping Cole Flash
Die Missionsstruktur von inFAMOUS ist absolut klassisch und erprobter Genre-Standard. Neben mindestens einer storyrelevanten Aufgabe sind stets auch mehrere Nebenmissionen verfügbar, mit denen ihr euren Ruf aufpolieren (bzw. schädigen) könnt, oder Viertel vor lästiger Reaper-Präsenz befreit. Es kann nämlich schon mal nerven, wenn man nur kurz von A nach B laufen will und dabei ständig von den Kuttenträgern beschossen und in Scharmützel verwickelt wird. Andere Jobs drehen sich um das Eskortieren von Gefangenen, dem Aktivieren von Satellitenschüsseln, oder das Finden und Beseitigen von Störsendern. Ähnliche Aufgaben finden sich in nahezu jedem 'Open World'-Spiel, doch auch hier zieht inFAMOUS seine Elektro-Thematik durch. Hinzu kommt, dass ihr ganze Stadtteile mit Strom versorgen müsst, um ihnen wieder Leben einzuhauchen.
Die Action findet in Empire City immer auf mehreren Ebenen statt. Zum einen auf Straßenniveau, oft aber auch über den Dächern der Metropole. Cole ist ebenso sprunggewaltig wie behände, rasant lassen sich auch die höchsten Gebäude erklimmen. Das Klettern funktioniert so unkompliziert wie in Ubisofts Assassin's Creed und macht ebenso viel Spaß. Die großzügige Kollisionsabfrage und eine eingängige Steuerung lassen millimetergenaue Sprünge außen vor, das Erklimmen der Vertikalen ist in inFAMOUS so einfach wie Laufen. Da viele Dächer zudem über Seile oder Leitungen verbunden sind, kann man die Stadt auf immer neuen Routen durchqueren, ohne nur einmal den Asphalt berühren zu müssen. Auch dank der eleganten Animationen kann man Stunden damit verbringen, über die Häuser zu streunen und mit den Kräften zu spielen. Also genau das, was ein gutes Sandbox-Game auszeichnen sollte.
Einen Kick für den Sidekick
Empire City ist eine lebendige und optisch interessant in Szene gesetzte Stadt. Das Grau der Straßenzüge und des Himmels steht im Kontrast zu den bunten Neon-Lichtern und wenigen idyllischen Orten, die sich im taumelnden Moloch finden lassen. Auf eine Griesel-Grafik hat man zum Glück verzichtet, inFAMOUS wirkt sehr poliert und vom Stil her sauber, ohne den Plastik-Look zu besitzen, den wir von Spielen mit Unreal-Engine kennen. Gelungen ist auch die In-Game-Physik, die euch erst so richtig zum Superhelden werden lässt. Wenn Autos im Dutzend durch die Luft wirbeln oder unter eurer Macht wie Spielzeug zerknicken, freut sich jeder Fan der gepflegten Zerstörung. Das Level an Destruktivität kann sich zwar nicht mit Mercanaries messen, für das ein oder andere „Hell yeah!“ reicht es aber allemal.
Auch Sound und – effekte untermalen Coles Kräfte druckvoll und authentisch. Das Sprühen der Funken und das Surren von elektrischen Kugelblitzen geht euch bei passender Beschallung durch Mark und Bein. Das gilt, allerdings in negativer Hinsicht, auch für Coles Sidekick Zeke, der in der deutschen Fassung ein derart nervtötendes Organ hat, dass man ihm schon nach fünf Sekunden eine Zungenfäule wünscht. Eine englische Tonspur wird ja leider erst per Patch nachgereicht. Generell erfüllt Zeke (ja, ich habe mich ein wenig auf ihn eingeschossen) alle Kriterien des albernen Handlangers. Und zum Schluss noch eine wichtige Frage: Wenn Cole aufgrund seines Wesens als lebende Batterie nicht mit Wasser in Kontakt kommen darf – wie hält er es dann mit der Hygiene?
Pro und Contra
- + coole Superkräfte
- + intuitive Steuerung
- + launiges Sandbox-Prinzip
- + grafisch und akustisch auf Spitzenniveau
- + interessant präsentierte Story
- + guter Umfang
- - erfindet das Rad nicht neu
- - Karma-System unausgegoren
- - kein Multiplayer
- - Zeke
Kein Kurzschluss
Mit inFAMOUS haben Sucker Punch einen Titel abgeliefert, der ganz nach meinem Geschmack ist. Ein leichter Einstieg, ohne dass man sich über mangelnden Anspruch beklagen könnte, krachende Effekte, ohne dass sich das Spiel alleine auf Schauwerte konzentriert, und eine ebenso fordernde wie faire Missionsstruktur. Man könnte inFAMOUS nun vorwerfen, dass es im Prinzip keine Risiken eingeht und ein sattsam bekanntes Konzept lediglich in ein Starkstrom-Kleid steckt, doch solange die Ausführung so stimmt, wie es hier der Fall ist, macht mir das nichts aus. Coles Blitzkrieg ist spannend, gut spielbar, mit einem ordentlichen Umfang von über 15 Stunden Spielzeit ausgestattet und sorgt mit seiner eingängigen Bedienung und dem vertikalen Gameplay für genau jenes Flair eines virtuellen Sandkastens, das ich mir erhofft habe, als es damals die ersten Videos zu sehen gab, die einen Vorgeschmack auf das Potenzial von Grafik- und Physik-Engine gewährten. Man merkt, dass sich Sucker Punch ganz auf eine schlüssige und spaßige Einzelspieler-Erfahrung konzentriert haben. Mit Erfolg: einen Multiplayer-Modus vermisse ich persönlich überhaupt nicht, auch wenn das mancher sicherlich anders sehen wird. Nein, inFAMOUS ist nicht perfekt, aber sein deutlich gewalthaltigerer „Zwillingsbruder“ Prototype wird sich richtig ins Zeug legen müssen, um Cole den Stecker zu ziehen.
Bewertung
Weitere News
Datenblatt - Spieletest - Trailer - Bilder - News ...
Bitte logge Dich ein, um Kommentare zu verfassen.
Coming Soon
Die Neuesten User-Tests
Kid Icarus: Uprising 3DS
Als der 3DS auf der E3 2010 das erste Mal präsentiert wurde, stand ein fast vergessener Nintendo-Held plötzlich wieder im Mittelpunkt. Der E...
Kid Icarus: Uprising 3DS
Zur E3 2006 kündigte Nintendo mit einem kleinen Trailer einen neuen ''Smash Bros.'' Teil an. Die ganze Community war sehr erfreut und doch wunder...



















Kommentare (49)
salasar
Infamous....Prototype, Prototype...Infamous...verdammt! :-)
blub.me
Bei einem anderen Großen Onlinemagazin wurde auch noch über technische Mängel berichtet, davon liest man hier gar nichts...
Che
Das wäre auf jeden Fall ein ziemliches No Go!
sunnywusch
bnaked
Hallo? Dann guck dir mal GTA4 an und vergleich die Grafik mit Infamous..
Man das ist ein sand box game, kein Gears oder Killzone 2!
GuitarRick
Aber sonst entsprechen die Areagames-Test auch ziemlich genau meinen Vorstellungen, weshalb ich auch ziemlich viel auf die Wertungen gebe...
Aber 9/10... hmmmm. Dann heißt es wohl ausleihen und selber testen...
Tim Hopmann
Ragism
ToXsic WaRgoD
salasar
Mir jucktz schon richtig zum nächsten Laden zu Fahren und mir Infamous zu holen. Ich bleib aber standhaft und warte die ersten Tests zu Prototype ab.