Blackwood Crossing

Plattform: (PC, PS4, XBO)
Release: 04. April 2017

User-Wertung:

Blackwood Crossing im Test - Eine emotionale Grenzerfahrung

Blackwood Crossing zeigt im Test, dass es nicht den Schwierigkeitsgrad eines Dark Souls braucht, um einen Spieler fertig zu machen. Manchmal reicht ein einziger Moment, der alles in Frage stellt.

Blackwood Crossing im Test: Das Story-Adventure des Jahres?

Blackwood Crossing im Test: Das Story-Adventure des Jahres?

Geschichten leben von bedeutsamen Momenten. Augenblicke, die sich für immer in unser Gedächtnis einbrennen. Und allein wegen dieses einen großartigen Moments lohnt es sich bereits, Blackwood Crossing zu erleben.

Die Geschichte des Adventures von PaperSeven gehört zum Besten und Emotionalsten, was wir in den letzten Jahren gespielt haben. Wobei "spielen" vielleicht das falsche Wort ist. Blackwood Crossing ist eher ein interaktives Erlebnis, das seine Spielmechaniken zwar gekonnt, aber nur spärlich einsetzt.

So spärlich, dass das Spiel eher eine unterstützende Rolle einnimmt. Wir fühlen uns wie auf einer Bahnfahrt, fahren von Station zu Station und bewundern das Gezeigte, können den Zug aber nicht anhalten oder neue Weichen stellen. Trotzdem sind wir am Ende der Fahrt zufrieden. Denn was wir unterwegs erlebt und gesehen haben, werden wir nicht so schnell vergessen. Wie passend, dass Blackwood Crossing in einem Zug beginnt.

Eine Zugfahrt, die scheint lustig

Allerdings in einem seltsamen Zug, wie unsere Protagonistin Scarlett immer wieder feststellt und wir müssen ihr zustimmen. Warum ist der Zug leer? Wo fahren wir überhaupt hin? Unseren kleinen Bruder Finn stört das weniger, der hüpft munter herum, will mit uns spielen und ist genauso albern und peinlich, wie man sich den typischen kleinen Bruder vorstellt (oder ihn von früher kennt). "Simon sagt: Mach dir in die Hose!", kein Wunder, dass Teenager-Scarlett da nur mit den Augen rollt. Auch wenn wir wenig über die beiden wissen, verstehen wir so schnell ihr Verhältnis.

Wie sie interagieren, fühlt sich vertraut an und nicht nach Klischee. Dadurch wirken die beiden menschlich. Für den Rest sorgen liebevolle kleine Details: So ist zum Beispiel Scarletts Nagellack leicht abgeblättert.

Solche Details zeichnen auch die Umgebung aus. Auch wenn der Zug sehr simpel gestaltet ist, wirkt er durch Plakate und Objekte mit kleinen Anspielungen auf echte Filme oder Charaktere (Free Willy! Batman!) nie lieblos. Genauso wie die einfachen, aber atmosphärischen Orte, an die uns das Spiel noch führt. Oder auch nicht führt. So ganz klar wird das nämlich nicht. Schon im Zug zeichnet sich etwas ab, das sich durch das ganze Spiel ziehen wird - die Frage danach, was überhaupt real ist.

Nächster Halt: Wunderland?

Blackwood Crossing versteht es gekonnt, mit unserer Wahrnehmung und den zugehörigen Gefühlen zu spielen. Irritieren uns zunächst kleine Details (Warum zeigen die Plakate plötzlich unser Gesicht?), fühlen wir schnell regelrechten Horror, wenn der Zug auf einmal düster wird und ein kleiner Junge mit Hasenkopf auftaucht. Tiermasken spielen eine wichtige Rolle in diesem Adventure und haben wie vieles andere echten Symbolcharakter.

Im Zug tauchen noch mehr Figuren mit komischen Tiermasken auf. Die scheinen wie in einer Fabel für ihre Eigenschaften zu stehen: Unsere verstorbenen Eltern tragen stolze Löwenmasken, der fiese Schulhof-Prügler eine hässliche Schweinemaske. Obwohl sie nur kryptische Satzhäppchen von sich geben, verstehen wir instinktiv, dass die Worte irgendwie zusammenpassen.

Ähnlich wie bei The Vanishing of Ethan Carter ordnen wir also die Gespräche, indem wir die Personen in der richtigen Reihenfolge ansprechen. Das ist wie alle Rätsel in Blackwood Crossing nicht sonderlich anspruchsvoll, fühlt sich ohne direkte Anweisungen aber trotzdem clever an.

Und es funktioniert: Wir erfahren Stück für Stück mehr über die tragische Geschichte des elternlosen Geschwisterpaares und ihren Kampf um einen Platz in der Welt. Während Scarlett schon an der Schwelle zu Frau steht und erwachsen werden will, zieht es Finn immer wieder zurück in die gemeinsame Kindheit - das treibt eine schmerzhafte Kluft zwischen den beiden, die sie im Spiel immer wieder aneinander geraten lässt.

Zwischen Kind sein und Erwachsen werden

Uns gehen diese Konflikte nahe, weil wir beide Seiten gut verstehen können. Blackwood Crossing stellt das ernste Thema des Loslassens und Erwachsen werden immer wieder kindlichen Erinnerungen gegenüber. Es lässt uns einerseits wieder Kind sein, erinnert uns andererseits aber auch an die bittersüße Traurigkeit des Älterwerdens.

Genau deshalb erleben wir die Geschichte des Spiels so intensiv. Im Kern ist es eben eine Geschichte, die wir alle bereits kennen, weil wir sie erlebt haben. Dieses Erlebnis steht eindeutig im Vordergrund. Das Spiel wird zur Nebensache. Obwohl der Zug sich nach und nach verändert und uns zu neuen Schauplätzen führt, können wir hier nicht groß etwas erkunden.

Es gibt keine Dokumente oder spannende Orte zu entdecken, selbst mit Objekten können wir nur selten interagieren. Damit haben wir kaum etwas zu tun. Das ist etwas schade, immerhin hat ein Brothers: A Tale of Two Sons schon bewiesen, wie gut man eine emotionale Geschichte auch mit interessanten Spielmechaniken verknüpfen kann.

Blackwood Crossing setzt seine wenigen Spielmechaniken dafür sehr gezielt ein. Wenn wir alle paar Minuten mal etwas tun können, dann hat es auch immer einen guten Grund. Die kindliche Fantasie von Finn wird in Rätseln zu einer Art Magie, mit der wir als Scarlett symbolisch das Verhältnis zu unserem Bruder kitten können. Wir können Feuer anziehen, um seine Wut zu lindern und es dann wieder loslassen, um Licht zu spenden.

Das funktioniert auch mit Dunkelheit oder dem Leben selbst, das wir Spielzeugen einhauchen können. Diese Rätsel sind zwar optisch ansprechender, im Kern aber genauso simpel wie die Dialogkombinationen.

Mitten ins Herz

Apropos Dialoge: In unseren Gesprächen mit Finn haben wir zwar Wahlmöglichkeiten und können ihm gegenüber herrisch, freundlich oder auch sarkastisch auftreten, seine Reaktion bleibt aber weitgehend gleich.

Das Adventure läuft anders als vergleichbar emotionale Spiele wie Life is Strange oder die Telltale-Adventures sehr linear ab. Eine vergebene Chance, denn mit mehr echten Entscheidungsmöglichkeiten hätten wir uns noch stärker mit Scarletts Rolle als große Schwester identifizieren können.

Trotz aller Linearität wollten wir nach unserem rund dreistündigen Abenteuer mit Blackwood Crossing direkt einen zweiten Durchgang starten. Denn das ebenso mutige, wie bewegende Finale sorgt dafür, dass wir alles bislang Gesehene noch einmal Revue passieren lassen. Wir fragen uns unwillkürlich, ob wir die Auflösung der Geheimnisse hätten ahnen können und wollen die Geschichte mit diesem Hintergrundwissen sofort noch einmal erleben.

Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil Blackwood Crossing viel Raum für Interpretationen lässt. Kaum etwas wird wirklich ausgesprochen, aber vieles angedeutet oder symbolisiert, so wir denn aufmerksam hinschauen. Genau das macht die Geschichte so wirkungsvoll. Denn je mehr wir über etwas nachdenken müssen, je mehr es uns beschäftigt, desto stärker bleibt es uns im Gedächtnis. Und unsere Erlebnisse in Blackwood Crossing werden wir definitiv nie vergessen.

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