Inversion

Plattform: (PS3, XBox 360)
Release: 08. Juli 2012

User-Wertung:

Test: Inversion

Wir mussten schon etwas suchen, bis wir endlich ein Spiel gefunden hatten, das von Johannes nicht wieder die obligatorische 9/10 Wertung bekommt. Die Tatsache, dass Inversion nicht für Wii erschienen ist, war schon mal ein guter Anfang. Den Rest erledigte Inversion souverän mit seinem mittelmäßigen Gameplay.

Gab es in den letzten beiden Jahren praktisch keinen Monat, in dem nicht mindestens ein hochkarätiger Toptitel erschien, zeigt sich das Spieleangebot Mitte 2012 wieder von seiner sommerlöchrigen Seite. Und das gerade, wo sich die traditionell sonnenreiche Zeit (so berichten es zumindest die Legenden) doch lieber als Herbst ausgibt. Der kurze Story-Shooter "Specs-Ops: The Line" kann da höchstens einen verregneten Nachmittag ausfüllen. Die "Ratchet & Clank-Trilogy" sowie "Project Zero 2" bieten zwar erstklassige und langfristige Unterhaltung, sind aber letztlich nur Remakes von Spielen, die manch einer bereits im Original verschlungen hat. Da springt "Inversion" zur Rettung heran. Doch was ist das? Plötzlich ändert sich die Schwerkraft. Es wird nach oben gezogen, verschwindet und ward nie wieder gesehen …

"Sag' mal, kennste noch 'Inversion'?" "Nee, nie gekannt. Was soll das sein?" "Na, das war doch so'n Shooter für die Xbox 360 und die Playsi 3. Da konnte man die Gravitation ändern und dann inner Luft schweben, an Wänden entlanglaufen und so Zeug. Das hamse doch erst so dick angekündigt, aber irgendwie ist das doch nachher voll untergegangen." … "Ach jaa! Verdammt! Hast recht. Ich erinnere mich vage. Das war doch voll scheiße."

Ich prophezeie das in ein, zwei Jahren so oder so ähnlich ein Gespräch über "Inversion" ablaufen wird, wenn man die letzte Konsolengeneration Revue passieren lässt und dabei ein flüchtiges Bild von schwebenden Muskelbergen mit Maschinengewehren durch die Synapsen schießt oder man das Spiel zufällig in der Fünf-Euro-(oder dann wieder Zehn Mark-)Grabbelkiste des nächsten Elektronikfachmarktes findet. Zu Unrecht? Keineswegs! Denn "Inversion" ist so durchschnittlich, wie es nur sein kann. Und wir wissen ja, wie durchschnittliche Spiele in der Erinnerung wahrgenommen werden. Nicht als "Na gut, war jetzt nicht überragend, aber für zwischendurch okay.", sondern als Kunststoffschrott, der noch nicht mal die Mühe wert ist, ihn wegzuschmeißen.
Test: InversionDoch so ist "Inversion": Okay. Na ja, sagen wir lieber brauchbar. Aber wirklich nur, wenn man absolut nichts besseres zu tun hat. Später wird man dann daran zurückdenken und sich über die verschwendete Zeit ärgern, denn Namcos "Gears of War"-Klon wird Euch nichts mitgeben, was mehr als die Haftkraft eines Eiswürfels besitzt, um sich in Eurem Gedächtnis festzusetzen. Für den wahren Frust sorgt dann vielleicht auch eher die Erkenntnis, wie es sein konnte, dass man damals tatsächlich keine bessere Beschäftigung gefunden hat? Ein Buch? Na gut, vielleicht ein Film? Oder wenigstens ein Wii-Spiel?

"Sie kamen aus der Erde!", "Ohne Vorwarnung!" sind vielleicht zwei der Schlagsätze, für die Vorschau eines "Inversion"-Films in der Trailer-Galerie einer x-beliebigen FSK-18-DVD aus der Videothek. Denn alles an dem Spiel schreit nach B-Movie. Da wären die beiden Steroide-naschenden Hauptdarsteller, die, gleich nachdem sie zwei ultraharte NAVY-Seals gespielt haben, zum "Inversion"-Set gekommen sind, ohne für ihre neuen Rollen auch nur den Gesichtsausdruck ändern zu müssen. Sie spielen Davis und Leo, zwei Cops in der fiktiven Stadt Vanguard. Leo ist einfach ein Prachtexemplar der Männlichkeit. Sein Partner Davis, der eigentliche Held des Spiels, den Ihr auch im Solo-Modus steuert, war früher sicher auch mal so. Doch jetzt hat er Frau und Kind und, na ja, Ihr wisst schon, so was verändert einen.

Doch gerade als … Ich meine, was ist das für eine schreckliche Wendung des Schicksals? … Gerade als das Töchterchen sein Geburtstagsgeschenk bekommen soll, steht die Stadt plötzlich im wahrsten Wortsinne Kopf und degenerierte Fleischklöpse in der aktuellen "Mad Max"-Kollektion fallen über die ahnungslosen Einwohner her. Dem Massaker erliegt auch die Mutter der Kleinen, denn die Lutadore, so der Name der Invasoren, schlachten lieber Unschuldige ab und nehmen schwerbewaffnete Gegenwehr, wie unsere beiden Kumpels, stattdessen nur gefangen. In der Folge brechen die zwei aus den Arbeitsmienen der Lutadore aus und begeben sich auf die praktisch hoffnungslose Suche nach Davis' Sprössling.
Test: InversionZugegeben, die Geschichte baut erst mal einige nicht uninteressante Mysterien auf. Woher kommen die Lutadore? Wonach graben sie in den Mienen? Was wollen sie überhaupt? Oder was hat es mit der schwerkraftverändernden Technik auf sich? Erwartet aber nicht, dass all diese Frage restlos beantwortet werden. "Inversion" plagen, neben einer ganzen Packung von Stereotypen, Retorten-Dialogen und Klischees, ohnehin zahlreiche film- und videospieltypische Logikfehler. Wieso fangen die Lutadore, die ganz offensichtlich über eine eigene Sprache kommunizieren, ganz plötzlich an ein, wenigstens fetzenweise verständliches Säuglingsgebrabbel von sich zu geben? Woher kennt eigentlich auf einmal jeder ihren Namen? Und wie können diese unterbelichteten Mittelalterüberbleibsel eigentlich eine hochkomplizierte Technologie wie die des Grav-Link bauen bzw. vervielfältigen? Warum muss ich einen endlosen Umweg nehmen, weil mir angeblich ein riesiger Stein den Weg versperrt, an dem selbst ein Greis am Krückstock vorbei klettern könnte? Wieso muss mir mein Partner auf einen Vorsprung helfen, der nur zwei Meter hoch ist? Wofür war denn das ganze Pumpen im Fitnessstudio?

Vor allem aber schafft es "Inversion" zu keiner Zeit starke Emotionen aufzubauen. Dass Davis' Frau stirbt, hat mich ebenso kaltgelassen wie die Lutadore kein ernstzunehmendes Feindbild darstellen. Dieser Umstand liegt aber womöglich darin begründet, dass es auch die Protagonisten nicht wirklich zu bewegen scheint. Den Tod seiner Liebsten nimmt der Polizist ziemlich gefasst hin und weint ihr keine Träne nach. Auch die Suche nach seiner Tochter, der dramaturgische Motor der Handlung, lässt mich seltsam ungerührt. Und ich bin wahrlich ein Softie und Romantiker, wenn es um die Rettung von Frau und Kind in solchen Geschichten geht. "Inversion" bietet stets gerade so viele Wendungen, dass es nicht langweilig wird. Das Tempo der Erzählung ist angenehm. Leider unterbrechen dafür praktisch alle zehn Meter kurze Zwischensequenzen das Gameplay und letztlich passiert zu keiner Zeit etwas wirklich eindrucksvolles, weder emotional, noch in Sachen Action.
Test: InversionDafür sieht das Spiel ganz gut aus. Die apokalyptischen Kulissen sind recht üppig gestaltet. In seinen besten Momenten erinnert die Szenerie an mein geliebtes "inFamous". In der Luft schwebende Autos, Bänke, Menschen und ganze Straßen- und Häuserteile liefern unverbrauchte optische Eindrücke. Demgegenüber stehen, nach anfänglicher Abwechslung, die farbliche Dominanz von Grau- und Brauntönen, die schon beim Blick aus dem Fenster kaum den Sehnerv zu erheitern vermögen, einige Last-Generation-Texturen, nicht ganz taufrische Charaktermodelle und eine allgemein unsaubere Ausführung, die regelmäßig mit Pop-Ups und einer leicht zittrigen Bildwiederholrate irritiert. Die Musik ist, abgesehen vom stimmungsvollen Titelthema, so belanglos, dass ich nicht mal genau sagen kann, ob es überhaupt welche gibt. Viel schlimmer wiegen aber die flachen Soundeffekte, die jeden Spektakelfaktor aus der Endzeit-Sause nehmen. Und die halb begeisterten englischen Sprecher tragen ihren Teil zur emotional verkümmerten Ausstrahlung der Figuren bei.

Spielerisch lässt sich zu "Inversion" fast nichts erwähnenswertes verkünden. Das Spiel ist Deckungsshooter-Standardkost, wie der unscharfe Durchdruck des ersten "Gears of War"-Konzeptentwurfs. Die Steuerung bleibt gewohnt, wobei das Zielen nicht ganz so geschmeidig läuft wie zuletzt bei "Spec-Ops" und Ihr beim Anvisieren unverständlicherweise nicht die Seite wechseln könnt, auf der Ihr die Waffe im Anschlag haltet. Auch das Waffenarsenal versucht Euch nicht mit Einfallsreichtum zu verschrecken und bleibt in seiner Funktionserfüllung unbefriedigend, da die dümmlichen Gegner endlos Kugeln schlucken und die akustische Rückmeldung - wie schon geschrieben - äußerst zahm ausfällt.
Test: Inversion"Inversion's" Alleinstellungsmerkmal sind also letztlich tatsächlich nur seine Gravitationsspielereien. Diese finden sich in drei Ausführungen: An bestimmten Orten verschiebt sich die Schwerkraft plötzlich im Raum, sodass Ihr dann an Wänden entlanglauft, was visuell nett ist, aber an der Shooter-Mechanik praktisch nichts ändert. Als ebenfalls nicht das Genre umwälzend erweisen sich kleine Areale, in welchen Ihr frei durch die Lüfte schwebt und Euch an fliegenden "Straßenschollen" festhalten könnt, während Ihr Feindvolk aufs Korn nehmt. Dennoch eine willkommene Abwechslung, bei der die Steuerung zudem recht gut gelöst wurde, wenngleich Ihr hier abhängig von der Energie Eures Grav-Link seid, was nerven kann. Besagtes Gerät ist die dritte und einzig selbstbestimmte Methode das Kernelement von "Inversion" zu nutzen. Damit könnt Ihr Dinge in die Luft befördern oder sie auf den Boden holen, sowie schwebende Objekte durch den Äther schleudern. An fixen Stellen müsst Ihr diese Funktionen einsetzen, etwa um einen Weg frei zu räumen, eine Brücke zu bauen oder als taktische Vorgabe in einem Bosskampf. In freien Auseinandersetzungen erweisen sie sich aber als zu sperrig und weit weniger effektiv als ein schnödes Sturmgewehr. Somit beschränkt sich auch dieses Element weitestgehend auf festgelegte Momente, ohne ihr gewaltiges Potential für Rätsel und coole Action auch nur annähernd auszunutzen.

Was bliebe noch zu sagen zum "Sommerhit" "Inversion"? Das Spiel ist kein Totalausfall und versprüht zeitweise charmantes B-Movie-Flair. Den Posten der Idealbesetzung für einen bierseligen Trash-Koop-Abend mit einem Freund, bei dem man sich herrlich über dessen Verfehlungen amüsieren könnte, erhält es aber auch nicht. Koop gibt's nur online, was Ihr Euch genauso klemmen könnt, wie die restlichen unterentwickelten und schlecht besuchten Mehrspieler-Modi. Eigentlich kann man aber gar nicht oft genug erwähnen was für eine dreiste "Gewollt und nicht gekonnt"-Kopie von "Gears of War" das Spiel ist. Sonst denkt Ihr noch, Ihr sollt es kaufen. Leihen, drüber lachen und dann hier im Forum lästern ist das Gebot der Stunde.
Test: Inversion

Kommentare

Saibot
  

Der Test ist wirklich fantastisch geschrieben. Ich h?tte niemals gedacht, dass ich einen Inversion Test bis zum Ende lese. Gute Arbeit! Sch?n zu wissen, dass du jetzt wieder mehr eingespannt wirst Johannes! ;)

Zitieren  • Melden
0
Creed Diskens
  

also ich muss schon sagen, was da wieder für sätze vom stapel gelassen werden.entschuldigung aber kann man von einem team das timeshift gemacht hat ein nachhaltiges tiefgründiges wie von dir verlangtes emotionales einhaltiges für immer im gedächtnis bleibendes spiel erwarten. nicht denke ich, völlig falsche herangehensweise. - es interessiert einen viel mehr ob man spiel in einer langweiligen zeit wie dem sommer, mal eben spielen kann- man will ohne hin nicht ein marathon epos- da man viel unternimmt und draußen ist.- so wäre ich an die sache ran, aus einem anderem betrachtungswinkel, also ohne dir zu nahe zu treten aber die vergleiche und ansprüche sind einfach lächerlich- wenn man timeshift gespielt hat, weiß man so ungefähr dass das spiel denke ich (ohne es gespielt zu haben, ein standard spiel ist mit einem neuem feature das völlig überreitzt wird)- über das spiel urteile ich aber selbst nicht denn dann wäre ich genauso lächerlich wie die leute die sich blind auf tests, forums massen meinung usw verlassen - die games kaum noch kaufen und ein lets play anschauen und dann simulieren sie hätten es gespielt.Leihen, drüber lachen und dann hier im Forum lästern ist das Gebot der Stunde. "" das ist wohl die neue devise der gesamten gamerschaft,, nix mehr richtig spielen alles niedermachen.

achja und ich zum beispiel finde infamous belangloser wie alles andere was ich fast gezockt habe, da schieße ich lieber noch das 1000te mal auf die selbe weise. geschmäcker sind verschieden oblivion skyrim und mass effect sind ja für dich auch nur so so lalala- aber mMn können nur solche spiele es schaffen wirklich nachhaltig zu sein, man kann sich über nix länger unterhalten als über mass effect oder skyrim zb- oder taktik klassiker ala xcom- weil es nicht immer gleich abläuft, einprägsamme momente gibt. - was man über ein mario reden kann, bo weist du noch als du gehüpft bist und mit dem kopf gegen die decke gestoßen bist- über ein god of war- booaoaa total fett wie ich ihm die augen rausgerissen habe-- infamous, was war das achja dass wo man nicht gescheit klettern konnnte und mit so komischen bällen rumgeschossen hat und 3km auf bahngleise gegrindet ist - wie ich es mir in den 90ern mit meinen roces erträumt hätte ;)aber bei aller kritik, ich habe den test gelesen und das mach ich normalerweise nicht.- weil mir die meinung zu games von anderen mittlerweile scheißegal ist- man muss doch selber wissen was man will ist im leben genauso.

Zitieren  • Melden
0
Johannes Krohn
  

Ich bin errötet, aber natürlich auch geschmeichelt über so viel Lob. Vielen Dank! Das motiviert. :)

Zitieren  • Melden
0
blueeye
  

Nehmts mir nicht übel, aber ich finde es gut dass das Spiel so abkackt.
Denn nur auf diesem Weg kommen wir an solch amüsante Artikel auf AG. Danke Jo!

Zitieren  • Melden
0
DocTHoR
  

Die Haftkraft eines Eiswürfels?!? :D Die ist (ZUmindest an meiner Zunge) immer wieder erschreckend groß^^
Aber back to topic, ein sehr guter Test, der an Eloquenz hier im Internet noch nach seinesgleichen sucht, auch wenn ab und zu etwas zu sehr vom Thema abgeschwiffen (oder geschweift???) wird

Zitieren  • Melden
0
johnboy
  

ich bin echt ziemlich enttäuscht, anfangs schien das Spiel ja ziemlich cool zu werden, haben zumindest die Trailer suggeriert, das Schwerkraftfeature schien dasSpiel tatsächlich baheben zu können, aber anscheinend ists dann doch ein schlechter Gears abklatsch
@Timster: Weil die Luchadores heißen

Zitieren  • Melden
0
Zed01
  

Ich finde es besonders krass, dass Inversion bereits 2009 in der jetztigen Form angekündigt wurde:
http://www.computerbild.de/artikel/cbs-News-PS3-Inversi
on-Screenshot-4781623.html
Haben die Entwickler tatsächlich 4 Jahre für einen unterdurchschnittlichen Klon gebraucht? Was für eine kolossale Zeitverschwendung!

Zitieren  • Melden
0
Timster80
  

Wie sehen denn die Arbeitsmienen der Lutadore aus? Sicher ziemlich grimmig. :-) Und wonach sie in den Mienen graben, weiß man auch nicht so recht. Vielleicht nach positiven Emotionen.
Btw.: Warum denk ich bei Lutadore jetzt irgendwie die ganze Zeit an mexikanische Wrestler?

Zitieren  • Melden
0
Valium
Valium
  

Guter Test - Fazit für mich: Nicht kaufen ;)

0
2happy
  

Wortakrobatik vom Feinsten, so was lese ich gerne :-)

Zitieren  • Melden
0

Kommentar schreiben

B I U Link Zitat Bild Video
  

weitere Berichte zu Inversion

20.07.12 20:00 Uhr

Inversion

Test: Tony Hawk's Pro Skater HD

Momentan greift so ziemlich jeder Publisher und Entwickler mit HD-Remakes frontal unser Nostalgiezentraum an, um uns mit glückseligen Erinnerungen an die gute alte... 

25.08.10 14:00 Uhr

Inversion

InVersion

Ein Startmenü zeigt zerstörte Stadtkulisse mit umherzuckenden Blitzen, herumwehendem Staub... und einem Schriftzug: InVersion. Nie gehört. Sieht aber schick aus....