Live gesehen: Shadow Harvest

Vor der Messe war die größte Sorge des deutschen Entwicklers Black Lion Studios, dass ihr Erstlingswerk Shadow Harvest im Games Convention Rummel untergehen könnte und man ihren Namen im gleichen Moment wieder vergessen hat, indem man ihn bestimmt nicht zum ersten mal vorgestellt bekommt. „Keine Angst!“, können wir das Team aus Hannover beruhigen. Das Actionspiel Shadow Harvest gehört für uns zu den größten Überraschungen der Leipziger Veranstaltung, lest in unserer Vorschau warum.

Das Jahr 2025, die Fernsehnachrichten werden von mehreren weltweiten Großkonflikten bestimmt. Bei der regelmäßigen Waffeninventur fällt den Amerikanern peinlicherweise auf, dass immer mal wieder Hightechgeräte aus den Lagern verschwinden, die später dann auf dem Schwarzmarkt verkauft oder in den aktuellen Brandgebieten wiederentdeckt werden. Bloß halt in den Händen derer, die den U.S.A ungefähr so freundschaftlich gegenüberstehen wie Al Bundy den Füßen seiner Kundinnen. Das stinkt den vereinigten Staaten natürlich gewaltig, deswegen beauftragen sie ihre Geheimorganisation ISA (soll es sogar wirklich geben, stecken viele verrückte Verschwörungsgeschichten hinter und Shadow Harvest wäre sogar ein realistischer Codename für eine deren Operationen) die Militärspielzeuge wieder zurückzuholen oder wenigstens so kaputtzumachen, dass die bösen Buben nicht mehr damit spielen können. Natürlich ist das kein Auftrag für ganze Armeen, mitten im Feindesland ist es immer klüger ein unauffälliges Spezialistenteam bestehend aus den beiden besten Mitgliedern der Agency loszuschicken: Shadow Harvest - Veritas Omnia Vincula Vincit ("Truth Overcomes All Things"), so der Name dieser internen Minitruppe. Ihr habt es sicher schon gemerkt, die Handlung ist Popcornkino pur und genau das ist es auch was die Black Lion Studios uns eigenen Aussagen zufolge bieten wollen. Raketen die unbeschadet durch die offenen Seiten eines Hubschraubers hindurch mitten in ihr Ziel fliegen und ja, sogar ein riesige Kampfroboter lassen während der persönlichen Präsentation erst gar nicht die Schnapsidee "Realitätsanspruch" aufkommen. Die Action während der Ingamecutscenes stimmte so weit auf jeden Fall schon, nur beim Faktor Originalität dürfen die Hannoveraner sich ruhig noch etwas ins Zeug legen. Klar, Explosionen und Kaboom werden von Natur aus nie langweilig, aber erst der gewisse individuelle Touch reißt einen als Spieler so richtig vom Hocker.
Live gesehen: Shadow HarvestFür genau den könnten im fertigen Spiel die beiden Hauptfiguren Aron Alvarez und Myra Lee sorgen. Zwar müssen die beiden Spezialisten während ihrer Missionen kooperieren, eigentlich könnten sie aber grundverschiedener nicht sein. Mann und Frau. Rustikaler Frontkämpfer und filigrane Spionin. Entsprechend uneinig sind sie sich auch jederzeit was ihr gemeinsames Vorgehen angeht. Myra findet immer irgendwo einen Alternativweg im Verborgenen, der es ihr ermöglicht den Feind lautlos auszuschalten. Aron dagegen hat ein Auge für den großen Weg der Mitte, ihr wisst schon, der so angenehm weich für die Füße ist weil er von einem Haufen toter Gegner gepflastert wird. Bei so vielen Reibungspunkten ist es natürlich ganz normal, dass man sich auch während der Arbeit etwas in den Haaren liegt. Das kennt ihr ja auch von unseren beiden Alexen aus der AreaVision oder von Kane & Lynch, selbst wenn es zwischen Aron und Myra bestimmt nicht ganz so hässlich zugehen wird. Die ständigen Sticheleien sollen das actionreiche Geschehen schließlich auflockern und nicht so depressiv bedrückend machen wie in Eidos Mörderepos. Das Konzept zweier Charaktere die sich spielerisch ergänzen ist selbstverständlich kein ungemein innovatives, mit Army of Two gab es die Idee zuletzt sogar auch mal wieder in cool. Nur spielte man in EAs Actionspiel praktisch zwei mal die gleiche Figur mit den gleichen Eigenschaften. Exakt was diesen Punkt angeht, sehen die Black Lion Studios auch ihre Stärke gegenüber der Konkurrenz. Wir beginnen den Demoeinsatz in Somalia wie in einem klassischen Third Person Shooter, ballern und sprengen uns mit Aron dank präsentationsüblichem Godmode relativ flott vorwärts. Die Gegner K.I. war in der gezeigten Version noch nicht rundum implementiert, darum sollte es bei den weltweit ersten Vorführungen von Shadow Harvest aber auch noch gar nicht gehen. Nichtsdestoweniger bewegten sich die Feindsoldaten schon ziemlich frei in den einzelnen Levelabschnitten umher, überraschten selbst die vorspielenden Entwickler gleich mehrmals mit hinterhältigen Sniperattacken aus fiesen Verstecken heraus. Solche Momente sind es dann auch, in denen Aron seine Grenzen aufgezeigt werden und man besser zu seiner Kollegin wechseln sollte.
Live gesehen: Shadow HarvestDas Umschalten zwischen den beiden Akteuren geschieht wann immer man möchte, die inaktive Figur zieht sich dann jeweils selbstständig in Deckung zurück und agiert von da aus im Defensivmodus. Wer gar keine Lust auf die Stealth- oder je nachdem die Actionroute hat, wird sogar die Möglichkeit bekommen einfach bei seinem Lieblingscharakter zu bleiben und das Spiel so komplett als Shooter bzw. als Spionspiel in Angriff zu nehmen. Jedoch versuchen die Black Lion Studios natürlich die Level des Spiels so zu designen, dass man regelmäßig dazu motiviert wird nicht zu einseitig zu spielen und sich immer wieder Gedanken macht, ob man mit einer Prise taktischem Denken nicht besser bedient wäre. Fakt ist: Wer sich auf einen der beiden Wege beschränkt, wird es auf jeden Fall schwerer haben. Solltet ihr übrigens jetzt denken Myras Vorgehensweise sei träge und würde damit das Tempo aus dem ansonsten flotten Game nehmen, der irrt. Sie beherrscht die Technik des flinken Sprintens, erinnert mit ihren kompromisslosen Stealthkills eher an einen lautlosen Ninja, als an Sam Fisher. Dazu beherrscht sie die Fähigkeit Computer zu hacken und Laserschutzsysteme auszutanzen, beides geregelt via Minigames und Quicktime Events. Gerade mit letzteren wollen die Black Lion Studios es zum Glück nicht übertreiben, zwei bis drei dieser Einlagen pro Level dürften auch Hassgegner der aktuellen Modeerscheinung noch ertragen können. Von hinten überrumpelte Feinde kann sie außerdem verhören, um so an wichtige Zahlenkombinationen für Türen und Sicherheitssysteme zu kommen, oder auch von versteckten Gängen zu erfahren. Aron und Myra können sich oftmals gegenseitig helfen indem sie jeweils von "ihrer Seite" aus Türen für den anderen öffnen, oder schlicht auch mal die Aufmerksamkeit einiger Schützen auf sich ziehen, damit der Kollege freie Bahn hat. Größtenteils stellt man sich Shadow Harvest am besten als ein streng lineares Game vor, das aus zwei grundverschiedenen Routen besteht welche sich in regelmäßigen Abständen überschneiden und zwischen denen man nach Lust und Laune hin- und herschalten kann. Kurze Spezialeinlagen zur Auflockerung, z.B. eine Dauerballerszene in welcher wir den bereits erwähnten riesigen Mech selber steuern dürfen oder ein paar Minuten in denen wir uns verkleidet als Feindtruppe etwas ungestörter in der Höhle des Löwen umsehen dürfen, sollen keine Seltenheit sein. Eventuell wird es im Discobereich eines Diktatorensitzes sogar einen Strip von Myra geben, jedenfalls verrieten uns die Entwickler definitiv mit diesem Gedanken zu spielen. Man sei auf jeden Fall bemüht dem Spieler bis zum Abspann immer wieder ingame Belohnungen dieser Art zu geben, die ihm etwas Abwechslung von den Grundspielmechaniken bieten.
Live gesehen: Shadow Harvest
Zugegeben, was wir in diesem Artikel bisher zu Shadow Harvest erzählt haben, klingt nach einem netten Actionspiel das sich erst noch aus der Masse an guten Titeln in diesem Genre hervorheben muss. Warum wir es trotzdem gleich zu einem der heißesten Geheimtipps der Games Convention ernennen? Obwohl es wahrscheinlich erst später in 2009 erscheint, sieht es schon jetzt verdammt gut aus. Das Grundgerüst des Spiels bildet die Gamebryo Engine, die wir in der neusten Fassung aus Oblivion und Fallout 3 kennen. Und das können wir euch jetzt nur sagen, weil die Entwickler es uns verrieten. Die Black Isle Studios haben nämlich so emsig an der eingekauften Technik herumgeschraubt, dass man eher meint sie haben eine ganz eigene Engine auf Augenhöhe mit Epic und Valve programmiert. DirectX 10 Unterstützung für Vista User, voll integrierte Ageia PhysX Effekte,... was Technikfeatures angeht spielen die Black Lion Studios auf dem Papier bereits in Liga 1. Und auch was wir auf dem Bildschirm sahen, konnte schon in diesem frühen Stadium absolut überzeugen. Butterweiche Partikel- und Raucheffekte, an vielen Stellen taktisch zerstörbare Umgebung, wunderbar volumetrische Explosionen, die Grundbedürfnisse jedes Actionfans mit Hang zu Edelgrafik werden bravourös bedient. Regelrecht beeindruckend ist überhaupt das ganze Licht- und Schattensystem, welches sich butterweich auf Szenerie und Charaktere legt. Zu Demonstrationszwecken schalteten die Entwickler per Konsolenbefehl zwischen handelsüblichem Videospielelicht der meisten aktuellen Spiele und dem von ihnen genutzten System hin- und her. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Unterschied wie Tag und Nacht, als würde man zwischen Studiobeleuchtung und natürlichem Tageslicht wechseln. Eines der Hauptanliegen der Black Lion Studios ist in Sachen Grafik übrigens die Simulation des menschlichen Sichtfeldes. Shadow Harvest macht regen Gebrauch von Blureffekten, um eine ständig an den Fokus des Spielers angepasste Sicht zu erzeugen. Objekte oder Gegner die mit dem Fadenkreuz anvisiert werden erscheinen klar, die sonstige Umgebung dagegen unscharf. Lädt man seine Waffe nach, hat man in dem Moment auch nur noch den Schießprügel im klaren Blickfeld.
Live gesehen: Shadow HarvestAußer den Straßen von Somalia, die vom Look her (und nicht etwa wegen des zweibeinige Kampfroboters) an das Hauptschlachtfeld aus Metal Gear Solid IV erinnerten, konnten wir einen ausgiebigen Blick in die Villa des dort ansässigen Diktators werfen. Das prunkvoll eingerichtete Gebäude hat von der Waffenkammer mit Bazookas an den Wänden bis zum bereits erwähnten Stripclub alles zu bieten, was Mann als Herrscher Somalias eben so braucht. Dabei besticht das Anwesen noch mal deutlich mehr mit fein ausgearbeiteten Details, als das von Häuserruinen und Sand dominierte Außenareal zuvor. Besonders angetan hatten es uns bei der Vorführung die kleinen goldene Löwenstatuen in der Haupthalle, deren Spiegelungen und ganze Materialbeschaffenheit es uns beim Spielen tatsächlich wert gewesen wären mal kurz unseren Auftrag zu vergessen und die interessanten Kunstwerke aus der Nähe zu begutachten. Bei all der Schwärmerei sei allerdings auch gesagt, dass man Shadow Harvest seinen unfertigen Zustand stellenweise selbstredend noch stark ansah. Das was da war, sah bereits sehr fertig und aufpoliert aus, die Animationen der Spielfiguren beispielsweise wirkten allerdings noch etwas verbesserungswürdig. Auch die Physikengine spielte noch nicht immer ganz wie sie sollte, einige Grafikelemente bestanden zudem aus nicht finalen Platzhaltern. Alles ganz normal während der Entwicklungsphase und das soll unseren tollen Vorabeindruck von der Technik auch nicht schmälern.
Live gesehen: Shadow HarvestAktuell ist für Shadow Harvest ausschließlich ein Solomodus geplant, allerdings berate man laut Black Lion gerade mit Atari ob man vielleicht noch einen Mehrspielerteil an die Entwicklung dranhängen könne. Wenn, dann möchte das Team es eigenen Angaben zufolge aber auch richtig machen, von daher würden sie sich ohne Zugeständnis einer längeren Entwicklungszeit lieber voll und ganz auf den Einzelspielerpart konzentrieren. Ebenso im Raum steht auch eine Xbox 360 Version des Actionspiels, bezüglich derer man mit Microsoft gerade in Verhandlungen um die dafür benötigten Entwicklerkits und sonstige Modalitäten steckt. Auf unsere Anmerkung hin, spätestens für eine Xbox 360 Version wäre ein Koopmodus über Xbox LIVE eigentlich Pflichtsache, stimmten die beiden bei der Präsentation anwesenden Jungs von Black Lion absolut zu. Man werde sich der Sache annehmen, wenn man vom Publisher die nötige Zeit dafür bekomme, hieß es dazu auch hier.
Live gesehen: Shadow HarvestBeim Lesen dieses Artikels soll jetzt niemand fälschlicherweise annehmen, wir haben da in Leipzig bereits eine vollendete Grafikbombe gesehen. Es war eben eine sehr schicke Ingamepräsentation, die sowohl visuell als auch spielerisch das Potenzial eines echten Überraschungshits angedeutet hat. Nun sind die Black Lion Studios zum Glück keine unerfahrene Truppe, unter anderem haben die einzelnen Leute bereits an bekannten Titeln wie Neocron, GTR 1&2 oder auch X - Beyond the Frontier gearbeitet. Die Vorzeichen stehen also alle gut dafür, mit Shadow Harvest nach Crysis den nächsten internationalen Durchbruch eines deutschen Actionspiels erleben zu dürfen. Gerade wenn man in Betracht zieht, dass die ganze Aufmachung und das Setting überhaupt nicht nach kleiner deutscher Hinterhofproduktion, sondern tatsächlich nach amerikanischem AAA Projekt aussehen.
Live gesehen: Shadow HarvestIm Prinzip sind die Black Lion Studios gerade am berühmten kritischen Punkt angekommen, an dem sich entscheidet ob Shadow Harvest seinen Ambitionen gerecht wird. Die Grafiktechnik steht, das abwechslungsreiche Konzept ist klar, jetzt muss einfach noch alles zusammengeführt werden und ineinander greifen. Sollte das alles wie geplant gelingen, dürfen wir uns irgendwann 2009 auf ein wunderhübsches Actionvergnügen aus eigenen Landen freuen.
Live gesehen: Shadow Harvest

Kommentare

Tobi23TS
  

das game h?rt sich interessant an. ich werds auf jeden fall mal im auge behalten

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Pjedro
  

Das Black Lion Studio ist 50 Meter Luftlinie von mir entfernt und ich hab es nie bemerkt. Ich hoffe das Spiel wird gut und erfolgreich, schon alleine weil es aus Deutschland kommt.

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darthELIAS
  

Viell kommen dann dazu sowas wie Jade Raymond V?gelvideos =D Dann h?tten wir einen perfekten AC-Nachfolger^^

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Daniel Pook
  

Ist ja auch nur ein Vorabeindruck und da ragte die Grafik wirklich positiv hervor. Gerade deswegen schreibe ich ja auch ausdr?cklich, man m?sse erst mal abwarten wie die spielerischen Elemente letztendlich zusammengebracht werden. ;)

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darthELIAS
  

Hier wird ziemlich viel ?ber die Grafik geredet. Assassin's Creed hatte auch ziemlich atemberaubende Grafik, aber so lange das Gameplay und die Story ne stimmt, dann bringt auch die h?bscheste Grafik nicht viel^^

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Boron 78
  

Erinnert mich an das sehr gute und ambitionierte Yager! Das war auch ein super Spiel aus Deutschland, nur ist es leider kein komerzieller Erfolg geworden...
Oder das geniale Schleichfahrt! So etwas sollte es mal wieder geben!

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