Project Zero 2 - Wii Edition

Plattform: (Wii)
Release: 29. Juni 2012

User-Wertung:

Test: Project Zero 2 Wii Edition

Man muss es den Japanern zugestehen: Sie können wahrlich gute Geistergeschichten erzählen. Wie die vom nicht abreißenden Strom an innig herbeigesehnten Triple-A-Knallern für die Wii. Doch manchmal kommen sie wieder. In diesem Fall Tecmo’s Nervenzerrer „Project Zero 2“, der, als PS2- und Xbox-Titel zur Welt gekommen, das anfänglich recht beflissen vollzogene Prozedere sorgfältig produzierter Wii-Remakes wieder aufleben lässt und uns an den Horror in „Survival-Horror“ zu erinnern.

Lassen wir unsere Macho-Attitüde mal außen vor, müssen auch wir zugeben das wir sie kennen: Die gutaussehenden, energiegeladenen Alphahengste, die nicht wir sind und die die ganzen heißen Schnitten abschleppen, in die wir uns über beide Ohren verknallt haben. In der Videospielwelt heißt dieser Macker "Call of Duty". "Resident Evil" hat er schon rumgekriegt und auch "Dead Space" ist seinem trügerischem Charme erlegen. "Silent Hill" und "Alone in the Dark" gehen derweil lieber mit der Mittelmäßigkeit ins Bett. Doch mit oberflächlichen, angepassten Flittchen, ohne Selbstbewusstsein, die sich für ein letztlich genauso langweiliges Großmaul, das eigentlich gar nicht zu ihnen passt, die Action-Titten aufpumpen lassen, kann man keine langfristige Beziehung führen. Für uns sind dagegen die unscheinbaren, ehrlichen Schönheiten, die sich selbst treu bleiben. Eine solche Traumfrau ist "Project Zero 2".
Der Zusatz "Wii Edition" im Titel lässt es erahnen, "Project Zero 2" ist keine neue Wii-Exklusiventwicklung. Dabei hat der zweite Teil, der, in den USA als "Fatal Frame" und in Japan als "Zero" bekannten Gruselreihe fast ein ganzes Jahrzehnt auf dem Buckel, erschien er doch bereits 2003 für Playstation 2 und Xbox. Diese Tatsache hat einen etwas irritierenden Beigeschmack. Denn einerseits bekommt man das Gefühl, für die praktisch eingestellte Spieleversorgung der Wii mit schlichten Remakes vermeintlich versöhnt zu werden. Andererseits erschien vor fünf Jahren tatsächlich ein vierter Teil ausschließlich für Nintendos Familienkonsole (der "Mario"-Konzern besitzt große Anteile am Franchise), der es aber - trotzdem es die dort erfolgreichste Veröffentlichung der Serie war - nicht über Japans Grenzen hinaus schaffte.
Grund zur Trauer gibt es aber dennoch nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist nämlich recht hoch, dass Ihr "Project Zero 2" noch nicht gespielt habt und nun die Gelegenheit bekommt, dieses Horror-Filetstück in einer fein aufgebohrten Fassung nachzuholen, wo echte Vertreter der Gattung doch immer seltener werden. Und wer weiß, vielleicht bekommen wir bei entsprechenden Verkaufszahlen doch noch Nummer vier.
Es erscheint ungewöhnlich, dass nur Teil 2 eine Überarbeitung erhält. Doch innerhalb der anfänglichen Trilogie gilt "Crimson Butterfly", so der ursprüngliche Untertitel, als beste Episode der übersinnlichen Fotosafari. Verständnislücken braucht Ihr ebenfalls nicht zu befürchten, denn die Geschichte ist unabhängig und in sich abgeschlossen. Und alles beginnt so wunderbar klassisch: Die beiden Zwillingsschwestern Mio und Mayu verirren sich im dunklen Wald und finden plötzlich ein Dorf das lange als verschollen galt. Einst sollen sich dort merkwürdige Ereignisse zugetragen haben, in deren Folge alle Einwohner ihr Leben ließen. Bald stellt sich heraus, dass das Örtchen von einer rückständigen, okkulten Gemeinschaft bewohnt wurde, die leider nicht tot genug geblieben ist und die beiden Schwestern enger mit deren Schicksal und einem zwielichtigen Ritual verbunden sind, als ihnen lieb sein könnte.
Der Begriff "Geisterbahn" trifft das Gameplay von "Project Zero 2" prinzipiell ziemlich gut, denn eigentlich gibt es spielerisch erstmal nicht viel zu tun. Das klingt allerdings weitaus schlimmer als es ist. Als treue Leser und auch Podcast-Hörer werdet Ihr sicher unsere ein oder andere Diskussion über den Kunststatus von Videospielen und den Vergleichen zum Filmmedium verfolgt haben. Die japanische Gruselmär ist wieder ein herrlich streitbarer Beitrag zum Thema. Mal ganz abgesehen davon, dass das Spiel inhaltlich und visuell unverkennbar von fernöstlichen Horrorfilm-Klassikern wie "The Ring" und "The Grudge" inspiriert ist, stellt es ein beispielhaftes Exemplar der perfekten Symbiose aus Interaktivität und Inszenierung dar.
Ihr steuert Mio durch das dauerhaft in Dunkelheit getauchte Dorf, wobei Euch Mayu häufig, aber nicht immer, auf Schritt und Tritt folgt. Schemenhafte Gestalten, unheilvolle Geräusche, kurze Zwischensequenzen oder das verlockende Leuchten von Gegenständen leiten Euch den Weg. Das beinhaltet ein solides Maß an Backtracking. Da die Entwickler aber auch bereits erkundete Gebiete mit neuen Schocks ausstatten, könnt Ihr Euch nie in Sicherheit wiegen. Diese Einsicht ist umso verstörender, da Eure Gegner unsichtbar und praktisch formlos sind und Euch wirklich in jeder Ecke auflauern können. Untersucht Ihr dunkle Winkel oder öffnet Türen, macht Mio das in einer übervorsichtigen Langsamkeit, dass Ihr das Gefühl bekommt der Tod selbst würde Euch im nächsten Augenblick ins Gesicht springen. Wo eben nur ein leerer Raum war, kriecht beim nächsten Besuch ein langhaariges Geistermädchen (Oh ja, Ihr wisst Bescheid.) aus einer Schublade. Allein wenn Mayu ängstlich äußert, dass sie beide nicht allein sind, obwohl absolut niemand zu sehen ist, wird Euer Verstand am liebsten aus Eurem Kopf springen, um sich unter der Bettdecke zu verkriechen.
Dabei gibt es wohl kaum ein Genre welches in solch hohem Maße durch seine Soundkulisse bestimmt wird. Schon der dezente, doch bedrohliche Score bildet ein zuverlässiges Gänsehautfundament. Doch die markerschütternden Effekte geben Euch endgültig den Rest, sei es nun einfach der Wind, die durchdringenden Schreie der Geister, das unerträglich ansteigende Surren, wenn Mio mal wieder in die Schatten lugt oder auch nur das Klappern Eurer eigenen Schritte. Wenn ich jetzt bloß dran denke, läuft es mir schon eiskalt den Rücken runter.
Test: Project Zero 2 Wii EditionFür mich gehörten Survival-Horror-Titel zudem seit jeher zu den wenigen Videospielen, die einen starken lyrischen Faktor enthalten, bei "Silent Hill" ebenso wie bei "Eternal Darkness" oder gar dem für mangelnde Gruselstimmung gescholtenen "Resident Evil 5". In Tagebucheinträgen, Wandschmierereien und vor allem den stillen Beschreibungen von Bildern und Szenerien liegt oft eine simpel-effektive, düstere Romantik, die auch in "Project Zero 2" ihre Wirkung nicht verfehlt.
Darüber hinaus ist Tecmo's Schocker ein seltener Fall, bei dem das Erlebnis nicht von der schwachen Leistung der Wii beeinträchtigt wird, sondern sogar eher noch von ihr profitiert. Da die Kulissen durchgehend von Nebel und milchigem Mondlicht durchzogen werden und zudem ein Grieselfilter über der Optik liegt, fallen die Hardwaredefizite ohnehin weniger ins Gewicht. Der Horror in "Project Zero 2" lebt davon Urängste heraufzubeschwören, indem es Euch in steter Ungewissheit lässt. Die niedrige Auflösung, grobe Texturierung und geringe Polygonanzahl sorgt dafür, dass Ihr umso mehr bevorstehendes Unheil in die Umgebung hineinfantasiert, wie im Schlafzimmer eines Kindes, das im hereinfallenden Schatten des Geästs eines Baumes die Klauen des Bösen sieht. Die Unschärfe von Geistern und Details lässt sie umso weniger greifbar und noch gefährlicher erscheinen. Das alles gilt natürlich nur in Relation zu den HD-Konsolen. Denn für ein Wii-Spiel sieht der albtraumhafte Dorfbesuch top aus und zeigt mal wieder das Leistung nichts und Stil alles ist. Gerade die überarbeiteten Charaktermodelle sind schmuck. Nur ab und an kommt die Hardware nicht ganz mit dem Nachladen der Beleuchtung hinterher.
Neben dem Durchkämmen der unwirtlichen Örtlichkeiten nach hilfreichen Gegenständen, Niederschriften, Audiologbüchern und Schlüsseln, gibt es aber tatsächlich noch so etwas wie eine richtige Spielmechanik, wenn es darum geht Euch die transzendenten Gestalten vom Leib zu halten. Denen kann erwartungsgemäß nicht mit Maschinengewehr oder Brechstange der Schrecken genommen werden. Eure einzige Waffe ist die Camera Oscura, ein mysteriöser alter Fotoapparat. Verwendet Ihr den, schaltet das Spiel in die Sucher-Perspektive. Durch Betätigen des Auslösers bannt Ihr die Geister. Je näher Ihr sie herankommen lasst, desto größer wird dabei der zugefügte Schaden. Für gute Treffer erhaltet hagelt es mehr Punkte. Außerhalb der aggressiven Fotoshootings verdient Ihr diese durch das Finden von Geistersteinen oder indem Ihr Bilder von ungefährlichen Geistern macht, die entweder an bestimmten Orten verharren oder nur im rechten Moment eingefangen werden können.
Mit diesen Punkten könnt Ihr die Kamera in verschiedenen Kategorien aufwerten, etwa der Reichweite oder Bannkraft. Außerdem lässt sich die Linse mit verschiedene Objektiven ausstatten, die über spezielle Attribute verfügen (beispielsweise kurzzeitige Lähmung der Dämonen) und ebenfalls verbessert werden dürfen. Unterschiedliche Filmtypen stellen Eure Munition dar und wirken sich ebenfalls auf den verteilten Schaden aus. Alles in allem genug Taktik und rollenspielartige Aufrüstungsmotivation, um die Kämpfe interessant zu halten. Zumal Euch auch die Geister mit wechselnden Angriffsmustern sowie die jeweiligen Umgebungen auf Trab halten. Mit Sensen und Stöcken bewaffnete Seelen verstorbener Dorfbewohner tauchen meistens in kleinen Gruppen auf, kreisen Euch ein und gewinnen vor dem finalen Schnappschuss an Stärke. Auf einer schmalen Brücke macht Euch eine untote Wasserleiche zu schaffen, die immer wieder aus dem Sucher verschwindet und gerne überraschend von hinten oder oben auftaucht. In der Folge sind die Auseinandersetzungen mit den böswilligen Geistern unerträglich spannend. Nach deren Ende durchströmt Euch unfassbare Erleichterung.
Neben zwei verschiedenen Ausgängen für den zehn bis fünfzehnstündigen Terrortrip und weiteren grauen Haaren für Euren Kopf, schaltet Ihr zusätzliche Szenarien für den Wii-exklusiven Geisterhaus-Modus frei. Dahinter verbergen sich selbstgeführte Touren durch düstere Gemäuer, bei denen Ihr etwa Puppen einsammeln sollt, während Ihr vor einem Geist flieht oder bestimmte Fotos schießen müsst. Dabei seid Ihr angehalten Eure Hand möglichst ruhig zu halten, während Euch unvermittelt eingestreute Schockeffekte zum hysterischen Ausflippen verführen. Nett, aber nicht ansatzweise so intensiv wie das Hauptspiel.
Zuletzt muss sich "Project Zero 2" aber auch etwas negative Kritik gefallen lassen. Dass Mio sich selbst rennend im Schneckentempo durch die Gegend bewegt, ist noch recht leicht zu verschmerzen, entspricht es doch dem eigenen angstgenährten Unwillen überhaupt einen Schritt weiter durch das Schreckensdorf zu gehen. Die neue mitlaufende Schulterperspektive, welche die alten statischen Kamerawinkel ablöst, klebt sehr nah an dem Mädchen und liefert so nur einen kleinen Ausschnitt, was die Bedrohung des Unsichtbaren weiter verstärkt, aber mitunter auch dann die Übersicht schmälert, wenn sie wirklich nötig wäre. Schwerlich nachvollziehbar ist hingegen die Entscheidung, die Steuerung des Blickwinkels über Wiimote-Neigung und nicht deren Pointer-Funktion ausführen zu lassen. Das hatte sich doch bereits bei "Silent Hill - Shattered Memories" bestens bewährt. Da das Tempo allgemein sehr niedrig ist, erweist sich diese Methode nicht als schwerwiegend hinderlich, wird jedoch auf Dauer etwas anstrengend. Schade auch, dass Euch das Spiel zwar einen gewissen Freiraum lässt, die Umgebung zu erkunden, aber letztlich so strikt linear inszeniert wurde, dass Ihr abseits des Weges keine Gefahr zu befürchten habt, was in diesen Momenten ein wenig von der Spannung nimmt. Zudem bleiben die beiden Heldinnen doch eher blass und erfüllen das Klischee der ultrasüßen und ultraunfähigen Schulmiezen, die man zumindest unbedingt beschützen will.
Test: Project Zero 2 Wii EditionEs ist nur ein Spiel! Es ist nur ein Spiel! Ich würde fast denken, ich wäre ein total abgebrühter Knochen, denn das als ach so gruselig gefeierte "Dead Space" hat mich ziemlich kaltgelassen. "Project Zero 2" führt mir jedoch vor Augen, dass ich nur ein ängstliches kleines Mädchen bin und das nicht nur als Figur auf dem Bildschirm. Kaum zu glauben, dass der Titel fast eine Dekade zählt. Doch Nintendo hat mit seiner Wiederaufbereitung ganze Arbeit geleistet überholte Relikte des Genres auszumerzen. Der frische Eindruck rührt aber sicher auch ein wenig daher, dass sich beim Survival-Horror, abgesehen von der Umbenennung von "Survival" in "Action" und "Horror" in … "Action", nicht allzu viel getan hat. So ist "Project Zero 2" wie ein mahnender Geist aus der Vergangenheit, der uns zeigt was diese Gattung einst ausgemacht hat. Mir ist unverständlich warum der Reihe nie die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wurde wie "Resident Evil" und Co. (was in meiner eigenen bisherigen Ignoranz seinen beschämenden Beweis findet) Seit "Eternal Darkness" habe ich mich nicht mehr so gefürchtet und hatte derartige Skrupel überhaupt weiterzuspielen. Eine uneingeschränkte Empfehlung für Nervenstarke.

Kommentare

Claudandus
  

Hammer geil geschriebener Test, binn leider erst jetzt zu gekommen ihn zu lesen. Weiter so :)
Schade nur das die Teile nie ihren weg auf PS3 und 360 gefunden haben.
auf der Wii liebte ich schon The Grudge

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FeaR616
  

Oh Gott jaaaa!!!
Sehr geil! Hab damals auf der XBox den ersten Teil gespielt mit 13 oder 14 Jahren! ^^Gott, war das eine heftige Zeit. XD
Cool, da freue ich mich doch, dass ich den 2ten Teil mal spielen kann. =)

Schöner Test im übrigen, schade dass sie nicht wirklich die Pointer Funktion für die Kamera genutzt haben, aber was solls.
So muss Horror sein! =D

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