Nicht klotzen, sondern klecksen!
Zurzeit muss man sich als Freund spaßig-spannender Arcaderacer wie im siebten Himmel fühlen. Nicht nur das mit Segas "Sonic AllStarRacing" endlich ein würdiger Mario-Kart-Klon auch auf den beiden großen Konsolen zu finden ist erfreut den geneigten Funsportler, auch das in die Fußstapfen von Burnout tretende Split/Second von den Pure-Machern begeistert durch tolle Präsentation und schweißtreibende Rennen.
Und nun treten auch noch die Rennspielexperten von Bizarre Creation an, den Arcade-Olymp mit ihrem neusten Werk Blur zu besteigen. Dabei verlassen sie in vielerlei Hinsicht die gewohnten Pfade der PGR-Reihe und versuchen sich an einem Mix aus den Elementen bekannter Funracer, die im schrillen Neonstil eines Geometry Wars auf ein reales Setting treffen. Kann das gut gehen?
Ja kann es, sogar mehr als nur gut!
Hat man das sehr sehenswerte Intro hinter sich gelassen, muss man sich zunächst zwischen den völlig unabhängig voneinander konzipierten Einzelspieler- und Multiplayermodi entscheiden.
Ersterer ist dabei keineswegs nur gehaltloses Füllmaterial zum v.a. als Multiplayer ausgelegten Titel, sondern weiß durch seine aus PGR bekannte motivierende Struktur bis zum Ende und darüber hinaus zu begeistern.
Das liegt zum einen daran, dass man im Kampf gegen die clever agierende KI schon auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad ordentlich gefordert wird. Zum anderen entwickelt die Jagd nach den Fans (die Kudos in Blur) schon nach den ersten Rennen ein enormes Suchtpotential. In verschiedenen Rennarten, wie Checkpointrennen, Time-Trials oder Zerstörungsrennen versucht man die Anzahl der Fans durch gekonnte Fahrmanöver, cleveren Einsatz der Power-Ups oder das absolvieren kurzer, mitten im Rennen auftauchender Fanherausforderungen zu erhöhen, um am Ende die Erforderlichen Lichter zu ergattern. Diese sind notwendig, um letztlich in der Karriere voranzuschreiten und sind mit den Medaillen aus PGR vergleichbar.
Hat man bestimmte Vorgaben einer Stufe erfüllt, kann man schließlich gegen einen von insgesamt neun Racebossen antreten, um so in den Besitz eines einzigartigen Autos und bestimmter Verbesserungen (Mods) für die eigenen Fahrzeuge zugelangen. Um am Ende alle Lichter sein Eigen zu nennen und dabei jede Herausforderung bestanden zuhaben müssen viele viele Schlachten auf den Pisten die die Welt bedeuten geschlagen werden.
Tage des Donners
Und Schlachten kann man dabei durchaus wörtlich nehmen. Auf den über 30 Strecken müsst ihr euch mit einem der zahlreichen lizensierten fahrbaren Untersätze gegen 19 weitere KI Kontrahenten herumschlagen.
Dabei fahrt ihr natürlich nicht einfach nur gemütlich eure Runden, sondern bekämpft den Rest der Bande mit den unterschiedlichsten Power-Ups, welche zuhauf auf eurem Weg zum Ziel zu finden sind.
Diese sind ähnlich wie die Autos wunderbar ausbalanciert und lassen sich löblicherweise fast ausnahmslos offensiv und defensiv einsetzten. Dabei sieht man stets welches der begehrten Objekte man einsammelt, sodass das manchmal eher an ein Glücksspiel erinnernde Zufallsprinzip eines Mario-Karts entfällt und für ein angenehm taktisches Spielgefühl sorgt. Das wird durch die Tatsache verstärkt, dass man insgesamt drei Items auf einmal sammeln und dann einzeln auswählen bzw. auch wieder bei Nichtbedarf fallen lassen kann. Somit verhindert Blur auf exzellente Art und Weise ein oft ausnahmslos auf Zufall basierendes Spielerlebnis und belohnt sowohl fahrerisches Können, als auch den gekonnt taktischen Einsatz der Power-Ups.
Die Power-Ups:
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Schock: Feuert Blitzfelder an die Spitze des Fahrerfeldes, um durchfahrende Autos zu bremsen und so
das Fahrerfeld wieder enger aneinander zu führen (sollte also als erster nicht unbedingt eingesetzt
werden;)
Stoß: Wirkungsvolle zielsuchende Rakete (sowohl nach vorne und hinten einsetzbar)
Abräumer: 360° Angriff für den Nahkampf der mal eben alles in der Nähe wegschleudert
Mine: Geeignet um nervige Anhängsel abzuschütteln (sowohl nach vorne und hinten einsetzbar)
Blitz: Verschieße drei gerade Blitze zum Abdrängen widerspenstiger Rivalen (sowohl nach vorne und
hinten einsetzbar)
Nitro: Turboboost nach vorne und Vollbremsung mit anschließendem Schub nach hinten
Schild: Feind aller Geschosse
Reperatur: Überlebenswichtig, um dem Schrottplatz zu entgehen
Hey, versuch das mein Freund!
Hat man sich bis zum letzten Oberracer durchgeboxt, sämtliche Lichter ergattert und die mittlerweile in vielen Spielen obligatorischen Herausforderungen gemeistert, greift Bizarre auf genial einfache Art und Weise noch einmal ganz tief in die Motivationskiste.
So könnt ihr beinahe sämtlich vollbrachte Leistungen der Solokarriere mit wenigen Klicks als angeberische Herausforderung direkt euren Freunden schicken, die sich daran möglichst die Zähne ausbeißen sollen. Egal ob die erfahrene Fananzahl, die hohe Trefferquote oder die Rundenzeit, fast alles ist frei einstellbar und lässt sich noch mit selbstbetitelten Überschriften verfeinern. So erschaffen die Entwickler quasi ein kleines aber feines Metagame, welches den Solopart auch lange nach seinem eigentlichen Ende zum Spielspaßmonster werden lässt - wettkämpfende Freunde vorausgesetzt.
Dieses tolle Element tröstet dann auch etwas darüber hinweg, dass es neben der Karriere für Soloisten nicht viel zu erledigen gibt. Einzelrennen, Rennen gegen die Uhr oder ähnliches lassen sich abseits des Hauptspiels leider nicht blicken. Auch ein Umweg über das private Spiel im MP, wie bei Forza 3, ist hier nicht möglich, da immer mindestens ein zweiter menschlicher Spiele benötigt wird. Hier verschenkt Blur etwas Potential, dass auch nicht durch die direkte Verbindung des Spiels mit den Social Networks Twitter und Facebook ausgeglichen werden kann. Ja, auch Bizarre springt auf den Zug der omnipräsenten Allgegenwärtigkeit auf und erlaubt es den Spielern, Fotos und Bestleistungen gleich vom Game aus in die Profile der jeweiligen Dienste zu verlinken. Für manche sicher ganz nett, für mich völlig unnütz. Solange solche Tendenzen optional bleiben kann ich aber damit leben.
Zusammen ist man weniger allein
So gelungen und motivierend das Einzelspielererlebnis auch sein mag, entfaltet Blur ähnlich wie manch ein moderner Shooter sein ganzes Potential erst im umfangreichen Multiplayerpart. Dort wo Split/Second deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, möchte man hier bald gar nicht mehr die Hände vom Controller nehmen.
Durch die völlige Eigenständigkeit gilt es auch hier Fanstufen zu erklimmen, bessere Autos freizuspielen, Herausforderungen zu bestehen und sich die wichtigen Mods (Perks) zu erkämpfen. Weint man im ersten Moment den in der Karriere errungenen Fortschritten nach, dankt man den Entwicklern bald für diese Entscheidung. Denn auf der Jagd nach all den Möglichkeiten, die einem das Spiel bietet, stellt sich schnell eine gewisse spaßige Abhängigkeit ein: Nur noch eine Runde, nur noch diese Herausforderung, nur noch einen Rang nach oben...das Spiel belohnt selbst bei der größten Niederlage immer wieder mit verschiedenen Erfolgen, sodass selbst die Positionskämpfe um Platz 18 verbissen geführt werden.
Platz 18? Ja, ihr habt richtig gelesen. Während man anderswo online gerade mal gegen acht bis zehn Kontrahenten antritt, bekommt man es hier mit bis zu 19 Gegnern zu tun. Aber der Reihe nach.
Der Onlinepart wartet zunächst mit den unterschiedlichsten Playlists auf, wovon manche erst mit fortschreitender Erfahrung freigespielt werden. Neulinge tummeln sich in Rennen mit Gleichstarken, andere Fahren Poweruprennen mit bestimmter Gegneranzahl, während sich Todesmutige in Verschrottungsorgien a la Destruction Derby versuchen. Aber auch Events völlig ohne Powerups, Teambasierte Rennen oder ganze Meisterschaften gilt es zu meistern. Ihr seht, es gibt einiges zu tun.
Apropos Schlachten
Sind die Rennen im Singleplayer schon ordentlich fordernd, wächst Blur mit menschlichen Gegnern naturgemäß zu einer wahren Chaos-Spaßgranate aller ersten Güte heran. Nachdem sich die bis zu 20 Teilnehmer in der komfortablen Lobby eingefunden haben, aus zwei möglichen Strecken gewählt, Autos und Mods ausgesucht wurden, geht es schließlich auf die Piste.
Hier steppt dann auch schon wenige Sekunden nach dem Start gewaltig der gemeine Rennbär. Das Balancing der Powerups sowie der Autos erweist sich auch in den Rennen gegen menschliche Gegner als wunderbar ausgeglichen. Natürlich lässt es sich nicht vermeiden, dass der Ablauf auch mal chaotisch und ungerecht erscheint. Aber spätestens wenn ihr bessere Autos und Mods freischaltet greifen die Komponenten taktisches Geschick und fahrerisches Können zusehends besser ineinander.
Die Rennen laufen trotz der großen Anzahl an Spielern und dem tollen Geschwindigkeitsgefühl nahezu ohne große Verzögerungen. Ab und zu zuckeln vorausfahrende Wagen plötzlich von links nach rechts, was bei meinen vielen Läufen aber eher die Ausnahme war. Gerade im Multiplayer kommen Erfahrung und Ehrgeiz der Entwickler von Bizarre Creation zum Vorschein. Mit viel Liebe zum Detail wird hier so viel Komfort, Motivation und Spielspaß geboten, dass sowohl Profis als auch Gelegenheitsspieler immer wieder gerne zum Pad greifen werden. Selbst wenn ihr nicht online eure Runden mit Freunden drehen wollt oder könnt, lassen euch die Jungs nicht im Stich. Im Splitscreen-Modus für bis zu 4 Teilnehmer kommt mit grafischen Abstrichen richtiges Mari-Kart Feeling rüber: Daumen hoch dafür.
Wo Lichter sind....
Es gibt sicher noch unzählige Dinge mehr, die ich positiv erwähnen könnte. Die tolle Soundabmischung samt umfangreicher Audioeinstellungen, das Schadensmodell oder der fehlende Gummibandeffekt sind da nur einige Punkte.
Aber natürlich ist auch Blur nicht der Heilige Gral der Funracer. Dafür ist die gesamte grafische Aufmachung leider etwas weniger auf Hochglanz poliert, wie es bei der Konkurrenz der Fall ist. Versteht mich nicht falsch, gerade die Effekte der Powerups sehen richtig gut aus und auch sonst ist überall viel Licht und Farbe im Spiel. Allerdings merkt man bei genauem Hinsehen, dass das ganze Spektakel zusammen mit 20 Rennfahren seinen Tribut fordert. Allerdings kann ich damit sehr gut leben, da vor lauter Krawall auf der Strecke eh kaum Zeit bleibt, die Umgebung genauer unter die Lupe zu nehmen.
Desweiteren scheinen die Entwickler den Einsatz des Windschattens vergessen zu haben, zumindest konnte ich derartige aerodynamische Phänomene leider nicht feststellen. Lediglich zwei Kameraperspektiven und ein eher uninspirierter Elektrosoundtrack (der komischerweise standartmäßig deaktiviert ist;) sind weitere Ansatzpunkte, die bei einem hoffentlich erscheinenden Nachfolger verbesserungswürdig sind.
Und der Sieger ist....
Ja gut ähh...ich geb es zu, ich bin Blur-Fan. Und ja, ich hätte es selber nicht geglaubt. Und welch eine Schande, dass erst die Tauschaktion einer ungeliebten Videospielkette mir Dirt2 und Bioshock2 sowie 9.99 Euro entreißen musste, um mich eines Besseren zu belehren. Dieses Spiel macht einfach Spaß. Nach der ersten Minute, nach 20 Stunden, nach Niederlagen und noch mehr nach hart erkämpften Erfolgen. Das Spiel motiviert und macht süchtig. Nach Fans, nach Bestzeiten, nach noch einer Runde im Solo- und Multiplayerpart. Das Spiel selbst ist nicht perfekt. Macht aber nichts. Schnell verzeiht man diesem sympathischen Stück Software seine Schatten, die im Glanze der vielen Lichter nie mehr werden, als Wehrmutstropfen auf dem Weg zur 10.
Pro & Contra (Auswahl)
...................
+ motivierend ohne Ende
+ für Solisten hervorragend
+ für Multiplayer herausragend
+ Geschwindigkeitsgefühl
+ Balancing der Autos und Powerups
+ über 30 (für 20 Spieler toll designte) Strecken
+ Können und taktisches Geschick werden belohnt
+ fordernder Schwierigkeitsgrad
+ Freundesheruasforderungen
+ tolle Sound- und Grafikeffekte
- Grafik insgesamt kein Hochglanz
- fehlende Offlinemodi
- austauschbarer Soundtrack
- Windschatten nicht bemerkbar
Kaufen!
Kommentare (2)
retroman
19.07.2010 17:34 - Schöner Test :)mr. rogers
24.08.2010 16:16 - Danke;)