The Sexy Brutale

Plattform: (PC, PS4, XBO)
Release: 12. April 2017

User-Wertung:

The Sexy Brutale im Test - Und nochmal von vorn

Am liebsten würden wir die Zeit zurückdrehen, denn The Sexy Brutale hat uns im Test so verzückt, dass wir es gleich nochmal ohne Vorkenntnisse durchspielen wollen würden. Leider ist das nicht möglich – und das hat Konsequenzen für unsere Wertung.

Ich klopfe mir ja nur ungern selbst auf die Schulter, aber als ich mich auf der Gamescom 2016 entschloss, nach einem dreitägigen Termin-Marathon am Freitagabend noch zu einem kleinen Stand in Halle 4.2 zu latschen, um mir ein Spiel mit dem mysteriösen Namen The Sexy Brutale anzuschauen, lag ich mit meinem Bauchgefühl goldrichtig.

Das ist Gamedesign-Gold

Die Entwickler erklärten mir damals ihre großartige Spielidee: Die Hauptfigur, Lafcadio Boone, erlebt wieder und wieder den gleichen Tag im skurrilen Kasino-Anwesen The Sexy Brutale, dessen Gäste vom Personal brutal ermordet werden. Um dem Geheimnis des Ortes auf die Schliche zu kommen und der Zeitschleife zu entfliehen, muss Lafcadio die Morde verhindern. Das klang so gut, dass ich The Sexy Brutale prompt zu einem meiner Lieblingsspiele der Messe wählte. Blieb nur die Frage, ob die clevere Idee auch ein ganzes Spiel tragen kann.

Jetzt, nachdem ich Lafcadios Abenteuer in der Releaseversion abgeschlossen habe, kann ich aus voller Überzeugung sagen: Ja, kann sie! The Sexy Brutale ist ein erfrischend neuartiges Knobelspiel geworden, das allein schon für seine Spielmechanik einen Award verdient hat. Ich kann euch aber auch verraten, warum es nicht ganz in die allerhöchsten Wertungsregionen vordringen kann.

Noch einmal von vorn

Aber lasst uns, ganz im Sinne von The Sexy Brutale, noch einmal von vorn beginnen, um euch anhand der Tutorial-Mission das Spielprinzip etwas genauer zu erläutern. Unser Held erwacht in der Kapelle des Anwesens, wenige Räume, die wir aus einer isometrischen Vogelperspektive sehen.

Angeleitet von einer mysteriösen, gehäuteten Frau lernen wir, dass die übrigen Menschen auf dem Anwesen von seltsamen Masken beherrscht werden und immer dem gleichen Tagesablauf folgen. Hier in der Kapelle wird der bemitleidenswerte Reginald Sixpence wieder und wieder von einem Diener mit einer Jagdflinte über den Haufen geschossen. Wir müssen diesen Mord verhindern!

Durch Schlüssellöcher beobachtet der Held andere Figuren. Die Bediensteten tragen alle gruselige Gasmasken.

Durch Schlüssellöcher beobachtet der Held andere Figuren. Die Bediensteten tragen alle gruselige Gasmasken.

Wir dürfen aber nicht einfach zu einem Tatort spazieren und etwa dem Täter die Knarre entreißen, denn die dämonische Macht der Masken überwältigt uns, wenn wir uns einer befallenen Person nähern.

Also spionieren wir den Akteuren aus sicherer Distanz nach, beobachten sie durch Schlüssellöcher, belauschen ihre Gespräche und prägen uns ihren Tagesablauf ein, um eine Möglichkeit zu finden, den Verlauf der Dinge zu ändern. Und weil wir nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein können, drehen wir die Zeit mittels einer magischen Taschenuhr immer wieder zurück, die wir ebenfalls von der Dame ohne Haut(-probleme) erhalten.

Puff statt peng

In der Tutorial-Mission finden wir relativ zügig eine Platzpatrone. Dann müssen wir nur noch den richtigen Moment abwarten und die Munition austauschen. Beim nächsten Mordversuch macht es nur noch puff statt peng, Reginald ist gerettet. Anschließend öffnet sich uns ein weiterer Teil der weitläufigen Villa wo neue Opfer darauf warten, von uns gerettet zu werden.

Das grundlegende Spielprinzip bleibt dabei immer gleich, die Gebiete werden jedoch weitläufiger und Lafcadio erlernt neue Fähigkeiten. So kann er später etwa auch das leiseste Geflüster belauschen, Schlösser knacken oder sogar mit Geistern reden. Allerdings - und das ist ein Knackpunkt bei The Sexy Brutale - wartete ich während des Spielens vergeblich darauf, dass die Aufgaben mal wirklich kompliziert wurden.

Ich habe zwar später mehr Möglichkeiten, mit der Umgebung zu interagieren, mehr Leute, die ich im Auge behalten muss und mehr Räume zu erkunden, doch mit ganz wenigen Ausnahmen ist die Lösung eines Rätsels immer in unmittelbarer Nähe zu finden, erfordert den Einsatz einer gerade frisch gelernten Fähigkeit und bringt mein Hirn nicht gerade zum Rauchen. Für meinen Geschmack nimmt mich das Spiel etwas zu sehr an die Hand und wird dadurch sehr linear. In der Folge hatte ich die gerade mal sieben Mordfälle (das Tutorial eingerechnet) nach nur sechs Stunden abgeschlossen.

Dass ich bei all den Leuten, die ich im Sexy Brutale treffe, nicht den Überblick verliere, liegt aber auch an einer großartigen Idee der Entwickler: Der interaktiven Übersichtskarte. Die Map zeigt nämlich nicht nur die Räumlichkeiten des Anwesens, sondern auch die Bewegungen der Bewohner, sofern ich sie beobachtet habe. Mit einem Schieberegler kann ich die Tageszeit verstellen und so auf einen Blick sehen, wann sich etwa zwei Personen begegnen oder - noch wichtiger - wo in meiner Aufklärung womöglich noch Lücken sind, weil ich die entsprechenden Vorgänge nicht gesehen habe.

Die Übersichtskarte zeigt erforschte Geheimnisse (rote Pins) und die Bewegungen anderer Personen (grüne Maske) an.

Die Übersichtskarte zeigt erforschte Geheimnisse (rote Pins) und die Bewegungen anderer Personen (grüne Maske) an.

Übernatürlich gut

Wenn ihr bis hier gelesen haben, ist euch bereits klar, dass im Sexy Brutale nicht alles mit rechten Dingen zugeht: Zeitschleifen, Dämonen-Masken, Frauen ohne Haut und Geister sind da doch recht eindeutige Anzeichen. Die Story schafft es von Beginn an, den Spieler mit vielen Andeutungen neugierig zu machen, entfaltet sich im Verlauf des Abenteuers Stück für Stück vor ihm und - so viel sei verraten - liefert am Ende eine befriedigende Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse.

Keine Haut aber gute Tipps – die mysteriöse blutige Frau hilft Lafcadio bei seinem Abenteuer.

Keine Haut aber gute Tipps – die mysteriöse blutige Frau hilft Lafcadio bei seinem Abenteuer.

Jede Menge Kleinigkeiten sorgen zudem für eine dichte Atmosphäre. In fast jedem Raum finde ich Bilder, Bücher oder andere Gegenstände, die Lafcadio beim Ansehen teils witzig, teils geheimnisvoll kommentiert. Die skurrile Architektur des Sexy Brutale tut ihr Übriges. So ziert eine gigantische Schlange die hauseigene Bar, bei der sich niemand so ganz sicher ist, ob sie nicht doch echt ist. Später findet man heraus, dass die Cocktails jeweils mit einem Tropfen Gift eines exotischen Tiers gewürzt werden, um ihnen den richtigen Kick zu verleihen.

Angesichts einer solchen Detailverliebtheit kann ich gut über die grafischen Schwächen hinwegsehen. Texturen, Effekte und Modelle sind sicher nicht auf der Höhe der Zeit, der gesamte Grafikstil ist aber in sich stimmig und darauf kommt es an. Allerdings sorgt die fehlende Kantenglättung für hässliche Treppchenbildung, diese Option sollten die Entwickler auf jeden Fall nachpatchen.

Disclaimer:
Dieser Test entstand ohne Day One Patch, der allerdings zum Verkaufsstart verfügbar sein wird. Daher kann es durchaus sein, dass die hier beschriebenen technischen Mängel bereits durch den ersten Patch behoben werden.

Ach, und dann ist da ja noch der Sound. Auf eine Sprachausgabe muss man zwar leider komplett verzichten, doch die großartige Musik brachte mich trotzdem dazu meine Anlage aufzudrehen. Vom Startmenü bis zum Abspann begleitet den Spieler ein genialer Mix aus Jazz und Swing, der jedem Abschnitt des Sexy Brutale einen eigenen Charakter verleiht.

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