Nachspiel: Max Payne

Kurz vor dem Release von Max Payne 3 werfen wir einen Blick in das Jahr 2001, dem Geburtsjahr einer Videospiellegende. In unserem Nachspiel zu Max Payne versorgen wir euch mit interessanten Fakten und Anekdoten rund um den New Yorker Polizisten Max Payne, der mit der Bullet-Time ein revolutionäres Stilmittel in die Welt der Spiele brachte.

Es gibt nur wenige Titel, die sich wie Max Payne derart stark in das kollektive Bewustsein der Videospieler gebrannt haben. Das mag an der tollen Grafik liegen, die im Jahr 2001 ein Benchmark für optische Pracht von PC-Spielen war. Das mag an der tollen Zeitlupenfunktion liegen, mit der man elegant während eines Hechtsprungs Gegner ins Visir nehmen konnte. Vielleicht war es auch die beinharte Rachegeschichte, die den Spieler von Anfang an mit Max sympathisieren ließ. Oder man war schlichtweg begeistert von der Neo Noire Atmosphäre eines New Yorks im Winter. Ganz sicher war das Erlebnis Max Payne aber mehr als die Summe dieser Teile. Wir haben uns auf die Spuren dieser Spiele-Legende begeben und möchten euch einige interessante Einblicke in die Welt von Max Payne geben!
"When you're in a situation like mine, you can only think in metaphors."
Nachspiel: Max Payne

Second Reality: Demos ohne Plakate!

Es war im Jahr 1986, als ein finnischer Programmierer mit dem Pseudonym PSI eine kleine Gruppe von gleichgesinnten Hackern um sich scherte und sie unter dem Namen "Future Crew" vereinte. Zwei Jahre lang widmeten sich die Mitglieder vor allem dem Erstellen von C64-Demos bis man im Jahr 1988 auf den PC wechselte. Als Demos bezeichnete man damals selbstablaufende grafische Spielereien, die mit Musik unterlegt wurden und vor allem das technisch machbare demonstrieren sollten. Auf dem PC wurde Future Crew schnell zum König der Szene, ihre im Jahr 1993 erschiene Demo "Second Reality" (die man hier als Youtube-Video bewundern kann) gilt als eine der besten und einflussreichsten PC-Demos aller Zeiten. Neben PC-Demos war die Future Crew auch Mitorganisator der ersten "Assembly" Veranstaltung die über Jahre hinweg das Mekka der Demoszene werden sollte. Anfang 1995 löste sich die Gruppe auf. Ihre Mitglieder schufen neue Firmen, darunter auch drei Spiele-Studios: Bitboys, Bugbear Entertainment (Die FlatOut Schöpfer, die zuletzt Ridger Racer Unbounded fertig gestellt haben) sowie Remedy Entertainment, die mit ihrem ersten Spiel "Death Rally" bereits einen großen Erfolg landen konnten.
Bonus-Info: Death Rally kann übrigens in einer Neuauflage auf iOS und Android jederzeit nachgeholt werden. Die PC-Version wurde von Remedy auf aktuellen PCs lauffähig gemacht und wird kostenlos zum Download angeboten.
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Dark Justice: Die Geburt von Max Payne

Knapp ein Jahr nach der Studiogründung brachte Remedy 1996 ihr erstes Spiel auf den Markt: Der Top-Down Racer "Death Rally" war ein großer Erfolg, mehr als 90.000 Exemplare des Spiels konnten für den PC verkauft werden. Im folgenden Jahr erschuf man den PC-Benchmark "Final Reality" (Video), war aber der Meinung, dass reine Benchmarks nicht das Kerngeschäft von Remedy sein sollten. So wurde das Benchmark-Projekt kurzerhand in eine neue gegründete Firma namens Futuremark (die dann später unter dem Namen MadOnion und ihrem 3D Mark Marktführer im Bereich der PC-Benchmarks wurden) übergeben, während die verbleibende Belegschaft sich bei Remedy Gedanken über ein neues Spiele-Projekt machte.
Drei Ideen kamen dabei in die engere Auswahl: Ein Rennspiel, eine Weltraumsim im Stil von Descent Freespace und ein 3D Actionspiel aus isometrischer Perspektive (ähnlich dem Playstation Spiel "Loaded" von Interplay) mit einem Polizisten in der Hauptrolle und dem Namen "Dark Justice" als Arbeitstitel. Alle drei Projekte wurden 3D Realms vorgestellt, die auch schon Death Rally gepublisht hatten. Vor allem das Dark Justice Projekt hatte es 3D Realms angetan, allerdings wollte man lieber eine 3rd Person Perspektive nutzen, die gerade dank Tomb Raider schwer in Mode war. Darüber hinaus wollte 3D Realms die Hauptfigur des Spiels stärker in den Fokus stellen um neben Duke Nukem noch ein weiteres starkes Franchise innerhalb des Publishers aufzubauen. Ein Name war schnell gefunden: Max Heat, der schnell überall urheberrechtlich geschützt wurde. 20.000 Dollar investierte 3D Realms in den Markenschutz von Max Heat und durfte die selbe Summe noch einmal investieren, als ein Remedy Mitarbeiter kurze Zeit später den Nachnamen "Payne" vorschlug, der sofort alle Verantwortlichen begeisterte. Was nun nach Freigabe von 3D Realms im Jahr 1997 beginnen sollte, war eine vier Jahre lange Entwicklungszeit, die dank des recht kleinen Teams von Remedy mit knapp 3 Millionen Dollar Budget allerdings recht sparsam gestaltet wurde.
Bonus-Info: Im Benchmark "Final Reality" sind bereits erste Hinweise auf Max Payne zu finden. In einer Flugsequenz, die eine Hommage an den eigenen Benchmark Second Reality aus dem Jahr 1992 darstellt sind unter anderem ein Max Payne Plakat und der Schriftzug Aesir zu finden.
Bonus-Info 2: In Max Payne kann man auf diversen TV-Geräten die TV-Show "Dick Justice" und Hinweise auf den Porno "Max Heat" bewundern. Dick Justice erzählt die Geschichte von Max Payne im Blaxploitation-Stil mit einem schwarzen Cop in der Hauptrolle.
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Sam Lake und der Cola-Mann: Die Gesichter von Max Payne

Es gehört zu den hinlänglich bekannten Fakten, dass Sam Lake, der Autor von Max Payne, dem Helden auch sein Gesicht lieh. Auf diese Art wird vielen Spielern das seltsam zerknautschte und doch recht junge Gesicht im Gedächtnis geblieben sein. Aber auch weitere Familienmitglieder von Lake wurden im Spiel verewigt. So sind viele männliche Familienmitglieder als Bandenmitglieder zu sehen und auch vor Remedy Mitarbeitern wurde nicht halt gemacht um ihre Gesichter für das Spiel zu nutzen. Selbst der Mann, der die Cola-Automaten im Büro auffüllte wurde für das Spiel fotografiert und verwendet, wie Sam Lake später zu berichten wusste.
Wichtig waren die Laienschauspieler vor allem für die Zwischensequenzen im Comic-Stil. Bei Remedy war man sich schnell im Klaren, dass man mit der Spiel-Engine keine dramatischen oder komplexen Geschichten abbilden konnte. Daher entschied man sich für den Graphic-Novel Stil, der Platz für Texte und viel Atmosphäre schuf. Statt die einzelnen Bilder komplett neu zu zeichnen, wie anfangs geplant, entschied man sich schnell aus Zeitgründen dafür, Fotos der Szenen zu schießen und diese dann mit diversen Filtern in Comic-Bilder zu verwandeln. Für die englische Stimme von Max Payne konnte man James McCaffrey gewinnen, der Max auch im dritten Teil seine abgeklärte und zynische Stimme leiht und darüber hinaus auch für die Motion Capturing Szenen zur Verfügung stand.
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Henne oder Ei: Matrix und Max Payne

Auch wenn die Bullet-Time aus Max Payne stark an die gleichnamige Technik aus dem 1999 erschienenen Film "Matrix" erinnert, so hatte Remedy dieses Element bereits in seinen ersten Prototypen von 1997 eingebaut. Vorlage für die stylischen Slowmotion-Ballereien waren bei Remedy genau wie bei den Wachowski-Brüdern das Hong Kong Kino, genauer gesagt, die Filme von John Woo. So gibt auch Autor Sam Lake Filme wie Hard Boiled und The Killer als Inspirationsquellen an. Auch im Spiel selbst gibt es mehrere Anspielungen an John Woo: Ein Level heißt "Hard Boiled", das Passwort für ein Gangster-Versteck lautet "John Woo" und in einer Comic-Zwischensequenz spricht Max davon, einen auf "Chow Yun Fat" zu machen.
Trotzdem hat der Kinofilm "Matrix" auch bei den Entwicklern von Remedy natürlich seine Spuren hinterlassen. Vor allem die Lobby-Szene hatte es den Finnen angetan: So gibt es eine ähnliche Szene im Spiel, wenn Max Payne den Empfangsbereich des AESIR-Turms betritt und auch für die Demonstration des ersten 3D Mark 2001 (Video) nutzten die ehemaligen Kollegen von Futuremark eine ähnliche Szene.
Max Payne teilt sich daher mit Matrix die selben Vorbilder und kommt daher zu einem ähnlichen Ergebnis. Henne oder Ei? John Woo!

Max spricht deutsch: Das verschollene Spiel

Es dauerte nicht lang, bis Max Payne in Deutschland indiziert wurde. Bereits am 29.09.2001 war Max Paynes Rachefeldzug in Deutschland Spielefachhandel beendet. Um den Titel weiterhin anbieten zu können, erstellte der deutsche Publisher Take Two eine geschnittene deutsche Version, die nachträglich auch mit deutschen Stimmen synchronisiert wurde. Max Payne wurde dabei von Joachim Tennstedt gesprochen, der unter anderem Jeff Bridges seine Stimme leiht.
Allerdings wurde auch die eingedeutschte Version von der BPjS (heute BPjM) abgelehnt. Knapp 11 Jahre später findet sie in der deutschen iOS-Version von Max Payne ihre Auferstehung. Denn für die mobile Version nutzte Rockstar das gesamte zur Verfügung stehende deutsche Material. Das man 2001 mit der Eindeutschung nicht ganz fertig geworden ist, zeigt sich daher auch in einigen Ton-Aussetzern, die man auch heute noch in der mobilen Version bestaunen darf.
Anbetracht der Tatsache, wie sich Rockstar bis heute verbissen wehrt, Spiele wie Red Dead Redemption oder GTA zu lokalisieren ist die deutsche Version von Max Payne ein besonders interessantes Stück Videospielgeschichte.
(Bild von Schnittberichte.com)
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Mini-Max: Max Payne für den Gameboy Advanced

Im Jahr 2004 wurde von Mobius Entertainment (heute Rockstar Leeds) eine GBA-Version des Spiels fertig gestellt. Da man auf dem Gameboy Advanced natürlich nicht die Ressourcen einer Heimkonsole oder dem PC zur Verfügung hatte wurde aus dem Spiel ein sprite-basierter Shooter aus der isometrischen Perspektive.
Erstaunlicherweise blieb das Spiel ansonsten sehr nah am Original: Die meisten Comic-Sequenzen sind inklusive der Sprachausgabe enthalten und auch die meisten Level wurden für das GBA-Spiel übernommen. Selbst die Zeitlupen-Funktion wurde elegant in das Spiel eingebaut. Wer die GBA-Version von Max Payne im Aktion sehen möchte, wird hier fündig.
Nachspiel: Max Payne

Wie nachholen? Max Payne im Jahr 2012

Elf Jahre nach dem Release des Spiels ist es in Deutschland theoretisch deutlich einfacher geworden, das Spiel nachzuholen: Die Indizierung vom September 2001 wurde im Frühjahr 2012 gelöscht. Damit kann das Spiel normal gehandelt werden. Bei STEAM ist allerdings bisher nur Teil 2 im Archiv zu finden, und das auch nur in gekürzter deutscher Version. Auch das Xbox Original, das bei Xbox Games on Demand angeboten wird, ist leider noch nicht in Deutschland zu bekommen. Die Playstation 2 Version ist seit kurzem im PSN für 9,99€ zu haben, PLUS Mitglieder können sie in diesem Monat sogar umsonst laden. Lohnen tut sich das allerdings nicht. Schon vor 10 Jahren galt die PS2-Version als schlechtester Port und auch heute macht das Spiel wenig Spaß. Die schwammige Steuerung und die niedrig aufgelöste Grafik machen das Spiel auf der Playstation 3 zu einer Qual. Dank des relativen kleinen Hauptspeichers des PS2 waren die Entwickler außerdem gezwungen, die Level in kleine Teilbereiche aufzuteilen, wann dann auch noch den Spielfluss ausbremste.
Die jüngste Neu-Auflage des Spiels wurde für iOS und Android veröffentlicht. Auch wenn die mobilen Versionen dank HD-Grafik durchaus schick aussehen, die Steuerung via Touchpad stellt trotz großzügigen Auto-Aiming eine große Spielspaßbremse dar. Nur beinharte Fans können hier die einmalige Chance nutzen, einen Blick auf die deutsche Sprachausgabe werfen.
Wer Max Payne daher im Jahr 2012 spielen will, sollte zur PC-Version zurückgreifen, die mittels Sound-Patch auch gut unter Windows 7 zu spielen ist, wenn auch nur im altmodischen 4:3 Bildverhältnis, da 16:9 Auflösungen zu einem verstauchten Max führen.

Kommentare

Mettroid95
  

Ich glaube ich zocke den ersten noch einmal auf dem ipad !
Super Nachspiel !

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Johnson
  

Super Artikel! Gerne mehr sowas, das war echt informativ!
Ich hab vor ner Weile mal Max Payne 1 auf meinem Mac nachgeholt, und war echt beeindruckt von der Qualität der Präsentation. Sowas war 2001 noch nicht allgemein üblich. Rockt schon hart.
Alle anderen Max Payne Teile mag ich nicht so, da wurde mir der Charakter zu alt und generisch — ich mag diesen zerknautschten, jungen Max aus dem ersten Spiel.

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Mr.Doc
  

Schöner Text! Hätte gerne häufiger Mal abseits der Tests und Vorschauen solche Beiträge. :)
Hoffe, Steam wird bald auch den ersten Teil anbieten. Max Payne dürfte auf dem PC am besten zu genießen sein.

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FETTE_KARTOFFEL
  

@dr. gun
Oder auch vom Amazon (UK) Marktplatz. Da habe ich es mir auch letztens gebraucht für 5€ gekauft. :)

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Jacuzzi
  

Richtig cool. Wusste garnicht dass die Indizierung gelöscht wurde; somit könnte man es ja theoretisch auch über XBox Live freischalten. Hab nämlich leider nur den zweiten Teil gespielt und würde den erten gerne nachholen. Vielleicht passiert das ja bald :)

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johnboy
  

genau sowas wünsch ich mir, Super Sache!

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yelloosnow
  

danke ag, sehr sch?nes nachspiel. der duke, superman, chuck wer? genau: max payne!

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Alexander Voigt
  

Also bei Ebay liefert die Suche nach Max Payne für PC schon einige Treffer, meist rund um die 10 Euro.

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dr.gun
  

Sehr interessant. Bin auch Fan erster Stunde. Mein Gott, hat das Spiel damals gerockt.
Eine Sache aber noch: Meine Version ist verschollen oder so... Wo würde ich es für den PC denn noch kaufen können? Also, so richtig oldschool auf CD und so...

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