Programmierer David Salz im Interview

Im Rahmen unseres "Berufe in der Spielebranche" Specials haben wir ein Interview mit David Salz geführt, dem Geschäftsführer des Berliner Studios Bitfield, das vor allem für PC und Nintendo DS entwickelt. Erfahrt alles über den Arbeitsalltag eines deutschen Spiele-Programmierers.

AreaGames: Zur Person: Welche Tätigkeit führst du aktuell aus und was sind deine Aufgaben? Was war dein erstes Spiel?
David Salz: Ich bin Geschäftsführer des Entwicklungsstudios Bitfield, das ich vor drei Jahren mit zwei Kollegen gegründet habe. Wir machen Spiele für PC und Nintendo DS, außerdem entwickeln wir eine Gameengine für Nintendo DS, die auch von anderen Entwicklern eingesetzt wird. D.h. ich programmiere sehr viel, muss mich aber auch um viele andere Sachen kümmern, die in einem Unternehmen anfallen, d.h. Verträge, Finanzen, Kundenakquise und so weiter. Mein erstes Spiel, das ich mitentwickelt habe, war 'Wiggles'; das war 2001. Damals habe ich beim Berliner Entwickler SEK gearbeitet.
Programmierer David Salz im Interview
Wie bist du in die Spiele-Industrie geraten? War das Absicht oder Zufall?
Nein, das war schon Absicht. Ich wollte Computerspiele machen, seit ich 10 oder 11 Jahre alt war. Natürlich wusste ich nicht, ob das wirklich klappen würde. Anfangs war es ein Hobby, aber ich habe Programmieren gelernt und schließlich ein Informatikstudium angefangen. Irgendwann ergab sich dann wirklich die Gelegenheit, in der Spielebranche zu arbeiten. Und bis heute bin ich dabei geblieben.
Hattest du zuvor eine spezielle Ausbildung oder eine, die dir in diesem Bereich von Nutzen war, z.B. ein Informatikstudium?
Ich bin Diplom-Informatiker. Allerdings habe ich schon während des Studium angefangen, halbtags in einem Entwicklungsstudio zu arbeiten. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon seit 10 Jahren programmiert, daher war das kein Problem. Im Job habe ich natürlich wahnsinnig viel gelernt, in Kombination mit dem Studium war das eigentlich ideal.
Wie sehen denn so die Aufgaben eines Programmierers aus? Viele denken da bestimmt nur an Zahlen und können sich vielleicht nicht vorstellen, wie dort eine Vielfältigkeit und Abwechslung entstehen kann. Kannst du da vielleicht etwas Aufklärung schaffen?
Programmieren ist ja ein bisschen wie Magie. Wenn man die Sprache des Computers spricht, dann tut er plötzlich, was man ihm sagt. Man kann auf dem Bildschirm neue Welten entstehen lassen. Das hat mich schon als 10jähriger total fasziniert und das tut es heute auch noch. Das Spannende an diesem Beruf ist außerdem, dass jede Aufgabe eine Forschungsarbeit ist. Es gibt keine Routine. Jeden Tag steht man vor neuen Aufgaben und muss neue Wege finden, diese Aufgaben zu lösen. Es ist immer wieder ein schönes Gefühl, wenn man ein Puzzle geknackt hat und der Computer endlich tut, was er soll.

Wenn Spiele erscheinen, werden sie ja oft wegen ihrer tollen Grafik und des Gameplays gelobt, aber ohne Programmierer, die das alles umsetzen, läuft ja eigentlich gar nichts. Trotz ihrer wichtigen Rolle stehen sie oft im "Schatten des Ruhms". Wie kommst du persönlich damit klar? Siehst du schon eine Veränderung in dieser Ansicht?
So ganz stimmt das nicht. Die großen Stars der Spielebranche - nehmen wir mal Will Wright oder Sid Meier oder Peter Molyneux - sind allesamt Programmierer. Oder zumindest haben sie alle mal als Programmierer angefangen. Das liegt eben daran, dass Spieleentwicklung nun mal Softwareentwicklung ist und - richtig gesagt - ohne die Programmierer gar nichts läuft. Aber diese Urgesteine haben zu einer Zeit angefangen, als man Spiele noch zu zweit oder zu dritt machen konnte. Heutzutage arbeiten an einem Spiel 50, 100 oder 200 Leute. Da bekommt man als einzelner ohnehin nicht so viel Ruhm ab. Gelegentlich nagt das schon an einem, aber im Grunde ist es ja ganz normal und unvermeidlich. Beim Film z.B. geht der 'Ruhm' an den Regisseur oder den Hauptdarsteller, obwohl auch der Kameramann und der Beleuchter tolle Arbeit gemacht haben. Mit Programmierern hat das gar nichts zu tun, ich kenne z.B. auch keinen einzigen berühmten Grafiker oder Leveldesigner.
Was sollte man denn als Programmierer in der Spiele-Industrie alles beachten? Unterscheidet sich ein Spiele-Programmierer von seinen Kollegen in anderen Branchen?
Das Grundwissen ist schon das gleiche wie in anderen Branchen. Wenn man programmieren kann, kann man im Grunde alles programmieren. Aber man sammelt im Laufe der Zeit eine Menge Erfahrung und Spezialwissen, das einem bei einem Wechsel in eine andere Branche eventuell nichts mehr nützt. Es gibt aber auch viele inhaltliche Überschneidungen mit anderen Branchen. Das Spannende an Computerspielen ist für mich nämlich, dass sie das ganze Spektrum der Informatik abdecken. D.h. wir machen Graphik, Sound, Künstliche Intelligenz und Netzwerkkommunikation. Wir programmieren nah an der Hardware, schlagen uns mit begrenztem Speicher herum, müssen immer das Maximum an Leistung aus einem Gerät herauskitzeln. Computerspiele benutzen aber auch Datenbanken, laufen verteilt und in Echtzeit... Es gibt, glaube ich, wenige Branchen, in denen man diese Breite hat. Natürlich kann man nicht alles gleich gut können, man muss sich selbst innerhalb der Spieleprogrammierung auf etwas spezialisieren. Es ist z.B. recht unwahrscheinlich, dass jemand ein guter PS3-Programmierer und gleichzeitig ein DS-Experte ist.
Programmierer David Salz im Interview
Lohnt sich eine spezielle Ausbildung in dieser Richtung? Also die zu einem 3D-Programmierer? Oder ist ein übliches Informatikstudium und dergleichen genauso gut?
Früher waren Spieleentwickler oft Quereinsteiger, die irgendwie durch Zufall in der Branche gelandet sind. Diese Zeiten sind aber vorbei, insbesondere bei den Programmierern. Ohne gute Ausbildung geht da heute gar nichts mehr. Grundvoraussetzung für einen Spieleprogrammierer ist ein Abitur mit Leistungskurs Mathematik. Wer mit Mathe auf Kriegsfuß steht, hat leider keine Chance. Eine Ausbildung an einer Spezialschule, z.B. der Games Academy in Berlin oder Frankfurt, ist ein guter Weg in die Branche, weil hier gezielt das nötige Wissen und Know-How für den Berufseinstieg vermittelt wird. Ein Informatikstudium legt ein breiteres wissenschaftlich-theoretisches Fundament, was auch von Vorteil sein kann. Die wenigsten Universitäten bieten aber das nötige Spezialwissen an, z.B. Graphikprogrammierung, Konsolenprogrammierung etc., d.h. hier ist Eigeninitiative gefragt. Außerdem ist Programmierpraxis sehr wichtig.
Wenn man sich entschließt Programmierer in der Spiele-Industrie zu werden, was sollte man für Voraussetzungen haben und welche Fähigkeiten sollte man besitzen?
Das Wichtigste ist echte Begeisterung für die Tätigkeit - d.h. für das Programmieren, nicht nur für die Spiele. Es muss einem auch klar sein, dass man meistens nicht an seinem persönlichen Traumspiel arbeiten wird. Jeder möchte gern das nächste Mega-Rollenspiel programmieren, aber viele Firmen machen eher Modedesigner-Spiele für kleine Mädchen. Ein Profi zeichnet sich dadurch aus, dass er oder sie Spaß daran hat, ein qualitativ tolles Produkt zu machen, ganz egal, was für ein Spiel es ist. Gefragt sind außerdem absolute Teamspieler. Als Programmierer ist es meine Aufgabe, den Grafikern, Leveldesignern und Gamedesignern das zu geben, was sie für ihre Arbeit brauchen. Da ist Kommunikation wichtig und ein Grundverständnis für die Aufgaben der anderen.
Programmierer David Salz im Interview
Wie bewirbt man sich denn als Programmierer? Was muss man da vorbereiten/zeigen?
Man bewirbt sich in der Regel mit kurzem Lebenslauf und Zeugnissen. Bewerbung per E-Mail ist üblich, per Post eher ungewöhnlich. Wenn man noch keine Branchenerfahrung vorweisen kann, ist es ganz wichtig, dass man Arbeitsproben mitschickt - am besten als CD oder Download-Link. Das können z.B. kleine Spiele oder auch Mods sein. Die Quelltexte sollten unbedingt mit dabei sein, denn der potentielle Arbeitgeber will sehen, wie ordentlich und strukturiert der Bewerber programmiert. Bei Interesse gibt es dann eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, teilweise wird das auch als Telefoninterview gemacht. Das ist ein bisschen wie eine mündliche Prüfung, d.h. man muss Fachfragen beantworten, vor allem aus den Bereichen Informatik, Programmierung und Mathematik. Oft gibt es auch einen Bewerbungstest, also kleinere Programmieraufgaben, die unter Zeitdruck gelöst werden müssen.
Wie sieht denn so der Arbeitsmarkt aus? Herrscht große Nachfrage an Programmierern?
Ein klares Ja. Gute Programmierer sind immer Mangelware, kein anderer Job ist so schwer zu besetzen. Und die Anfängerzahlen von Informatikstudiengängen u.ä. sind schon seit Jahren schlecht, die Nachfrage wird also eher noch steigen.
Zum Ende hin nochmal in die Gerüchteküche und Vorurteilabteilung: Was ist an dem Gerücht dran, dass Programmierer in einem dunklen Raum sitzen, "menschenscheu" und sonst recht merkwürdige Gesellen sind?
Diese Gattung Programmierer soll es mal gegeben haben... aber ich vermute, dass sie ausgestorben sind. Solche merkwürdigen Gesellen haben in der heutigen Industrie nämlich keine Chance mehr. Spiele werden von großen Teams entwickelt, da treffen oft dutzende Nationalitäten und Fachgebiete aufeinander. Das funktioniert nur mit Offenheit, viel Kommunikation und guter Teamarbeit. Und es reicht eben nicht, sich 'nur' mit Programmierung auszukennen. Ein breites, fachübergreifendes Wissen ist wichtig, sonst könnte ich mich mit einem Animator oder Sounddesigner gar nicht unterhalten.

Irgendwelche motivierenden Worte an unsere Leser oder ein guter Rat zum Schluss? Vielleicht könnte das einen letzten Unentschlossenen umstimmen.
Unentschlossenheit ist schon mal falsch. Spieleentwickler ist ein Traumberuf und Träume sind immer mit langen, steinigen Wegen verbunden. Das liegt einfach daran, dass immer ganz viele den gleichen Traum haben, es aber nur wenige schaffen können. Hartnäckigkeit und harte Arbeit führen zum Ziel, wie eigentlich immer im Leben.
Danke, dass du dir Zeit genommen hast.
Kein Problem

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