Alpha Protocol

Spione sind weder in Spielen noch auf der Leinwand eine seltene Erscheinung: Bond, Bourne oder Bauer dürften jedem einem Begriff sein, und wer im Alphabet noch etwas weiter geht, landet bei Ethan Hunt, Sydney Bristow oder Sam Fisher. Mit Alpha Protocol wollte Entwickler Obsidian nun das verwirklichen, was Epic Guru Cliffy B. seit Jahren predigt: Die Symbiose von Rollenspiel und Actionshooter. Funktioniert die Mass Effect Formel aber auch im Spionagegeschäft?


Thorton, Michael Thorton

Der Start von Alpha Protocol dürfte Videospielern merkwürdig vertraut vorkommen. Etwas desorientiert wacht unser Held Michael (von Freunden auch Mike genannt, aber in seinem Geschäft gibt es nur wenig Freunde) Thorton in einer medizinischen Einrichtung auf und wird kurze Zeit später von einer geheimnisvollen Frau namens Mina kontaktiert. Natürlich befindet sich der Spieler nun lediglich in einem Tutorial, das ihn mit den Grundlagen der Steuerung vertraut macht und als Trainingsprogramm der Super-Duper-Ultra-Geheimorganisation Alpha Protocol verpackt ist. Genau wie bei der Impossible Mission Force von Ethan Hunt ist bei Alpha Protocol alles dermaßen geheim, dass man schon befürchten muss, das selbst das Klopapier nach Benutzung sofort Feuer fängt. Und natürlich dauert es auch nur genau einen Einsatz, bei dem man im Nahen Osten auf die Jagd nach einem Raketensystem geschickt wird, bis etwas ganz doll schief läuft, die Regierung alle Kenntnis davon abstreitet und man plötzlich im Außendienst auf sich alleine gestellt ist. Ganz alleine ist man natürlich nicht, da man immer noch ein paar Kontaktleute hat, die einen bei den Missionen unterstützen. Nur alles sehr geheim und alles mit andauernd wechselnden Bündnissen. Wer nun genau Freund und Feind ist, hängt nicht zuletzt auch von den Entscheidungen des Spielers ab. Tötet man einen arabischen Waffenhändler, um den weiteren Verkauf von Waffen zu unterbinden, oder lässt man den Schlimmfinger doch lieber am Leben und nutzt seine späteren Verbindungen?
Ja, all diese schlimmen Jack Bauer-Dilemma muss auch der Spieler in der Haut von Michael Thorton durchleben, wenn auch mit geringeren Folteranteil als beim jüngst pensionierten CTU-Agenten. Entscheidungen werden bei Alpha Protocoll immer in Dialogen getroffen, das System ist dabei nahezu identisch mit Mass Effect. Ihr wählt zwischen drei Grundformen, wie agressiv, witzig oder professionell und lasst euch davon überraschen, was Mike aus eurer groben Vorgabe macht. Natürlich führt das zu den selben bizarren Situationen, die es auch in Mass Effect und Splinter Cell immer wieder zu bestaunen gibt: Nachdem man ca. 100 Wachen erschossen hat, wird beim Chef plötzlich moralisch abgewogen. Nun ja, mittlerweile hat man sich an diese Logik ja gewohnt.
Das Dialogsystem von Alpha Protocoll ist das größte Pfund, mit dem das Spiel wuchern kann. Denn je nach euren Entscheidungen, können sich spätere Einsätze ganz unterschiedliche spielen. Diese Entscheidungsfreiheit, die wohlgemerkt nur in Dialogen gilt, hat auch stärkere Einflüsse auf das Spielgeschehen als in vergleichbaren Spielen. Aber der Rollenspielanteil hört hier nicht auf. Obwohl sich Alpha Protocol wie ein typischer 3rd-Person Shooter steuert, unterliegt er doch noch kleineren Rollenspielregeln. Waffen machen unterschiedlichen Schaden, der von Rüstungen unterschiedlich absorbiert wird. Oder kürzer ausgedrückt. Headshot ist nicht gleich Headshot. Gilt der Würfelwurf unter der Haube zu euren Ungunsten aus, lacht der Bösewicht nur über perfekt gezielten Blattschuss. In den meisten Fällen gilt zwar, dass alles stirbt, auf das man nur lange genug ballert, trotzdem fühlt sich die Action dadurch immer etwas sehr zufallsbetont an. Wer wie James Bond elegant mit Pistole und Schalldämpfer auf Kopfschussjagd gehen will, kann seinen Agentenkoffer gleich zu Hause lassen, in den meisten Leveln braucht man zwangsläufig ein Sturmgewehr, weil Pistolen einfach zu wenig Schaden machen.
Alpha Protocol

Lizenz zum Töten von KI-Idioten

Nachdem man sich im jeweiligen Savehouse mit Informationen, Waffen und Ausrüstung versorgt hat, geht es durch die Ausgangstür zum eigentlichen Einsatz. Fast immer muss man sich mit Waffengewalt irgendwo Zutritt verschaffen, Waffen zerstören, Dokumente beschaffen oder Computer hacken. Wer sich allerdings auf unterschiedliche Lösungswege wie in Deus Ex freut, irrt. Meist führt nur ein direkter Weg zum Ziel, der von dutzen Feinden und Sicherheitssystemen gesäumt ist. Mike Thorton scheint kein Freund von Luftschächten oder anderen unauffälligen Umwegen zu sein. Auch die Absolventen der Sam Fischer Schule können getrost umdecken. Wer nicht gerade ein Unsichtbarkeits-Perk verwendet, dass es im späteren Spielverlauf gibt, der kann auf das Schleichen verzichten. Denn das einzige, was die KI der Gegner richtig gut kann, ist den Spion auch schon aus 100 Meter Entfernung zu entdecken. Und weil sie darüber hinaus auch zu ahnen scheint, das ihr die Programmierer nicht gerade die Albert Einstein Routinen spendiert haben, wirft sie auch fast sofort eine Granate, egal ob man sich gerade unter freiem Himmel oder in einem kleinen Lagerraum befindet. Da scheinen die KI-Kollegen wohl etwas zuviel Call of Duty gezockt zu haben. Außer dem verschwenderischen Granateneinsatz haben sie allerdings nicht viel auf der Pfanne und rennen meist wie aufgescheuchte Hühner durch die Level, können sich dabei oft nicht zwischen Nahkampfangriff und Waffeneinsatz entscheiden und pendeln vor dem Spieler hin und her. Zumindest machen sie einem damit das Agentenleben auch nicht unnötig kompliziert.
Schön, das man aber neben den Gegnern auch noch etwas Beute in jedem Abschnitt abgreifen kann: Die rollenspieltypisch in den Leveln versteckten Items sind allerdings unsinnig verteilt. So knackt ihr mühsam einen Safe, in dem lächerliche 2.000 $ liegen, nur um im Nebenraum über eine Sport-Tasche zu stolpern, in der sich 15.0000 $ befinden. Sehr schlampig, diese Terroristen. Von den drei Minispielen ist das Knacken von Schlössern und Safes allerdings das witzigste und spannendste: Hier ist wirklich ein ruhiger Finger gefragt, um die Zylinder richtig einrasten zu lassen. Prima, das sorgt vor allem unter Zeitdruck für jede Menge Nervenkitzel. Nur das Hacken von Alarmsysten und PCs wird schnell zur langweiligen Routine und benutzt nur Varianten der aus zahlreichen Spielen bekannten Suchbilder. Trotzdem macht es wie immer Spaß, die recht übersichtlichen Level komplett zu erforschen, um alle Geldsäcke, Waffenupgrades und Geheimdienstinformationen einzusammeln.
Alpha Protocol

Technik, die einen schüttelt und nicht rührt

Leider zeigen nicht nur KI und Shooter-Mechanik von Alpha Protol ihre Schwächen. Auch technisch spielt das Spionagedrama eher in der B-Liga. Obwohl man meinen könnte, dass die verwendete Unreal-Engine keinem Entwickler mehr all zu große Probleme beschert, wirkt Alpha Protocol streckenweise so, als hätten die Programmierer zum ersten Mal mit einer völlig exotischen Engine gearbeitet. Die einzelnen Schauplätze wirken allesamt wie direkt aus der vorhergegangenen Konsolengeneration gezogen, nur das selbst Spiele wie Splinter Cell oder Black schon vor Jahren deutlich besser aussahen. Dazu kommt das berüchtigte Textur-Nachladen, das Alpha Protocol an fast jeder Ecke zelebriert. Startet ihr den Level befindet ihr euch erstmal in einer N64-Welt mit glatten Würfeln und Rechtecken, die dann hektisch, aber deutlich sichtbar mit Texturen beklebt wird. Auch in den Ausrüstungsbildschirmen läuft es ähnlich, wer eine neue Waffe oder Tarnkleidung wählt, kann beim Aufbau der grafischen Elemente zusehen. Die Gesichter der Spielfiguren, die vor allem in den zahlreichen Dialogen gut zur Geltung kommen, wirken halbwegs glaubhaft, am besten dann, wenn man Mass Effect 2 und Heavy Rain einfach mal aus dem Gedächtnis streicht. All das macht das Spiel nicht kaputt. Wer aber gerade Spiele wie Alan Wake oder Red Dead Redemption spielt, muss einiges an Toleranz mitbringen, um angesicht der Grafik nicht sofort wieder den Notausgang zu suchen.
Erfreulich hingegen ist die englische Sprachausgabe. Hier waren durchaus Könner am Werk, allen voran natürlich der Sprecher der Hauptfigur Mike Thorton. Aber auch die zahlreichen anderen Figuren wurden gut vertont, wobei natürlich kein sprachliches Klischee ausgelassen wurde und jeder arabische Terrorist so klingt, wie wir es aus dem Kino gewohnt sind. Witzig ist die Dialektimitation vor allem bei der deutschen Killerin mit dem etwas bekloppten Namen "Sie". Musikalisch gibt's auch nichts zu meckern, der Soundtrack passt sich meist Situation und Umgebung an und unterstützt das Spielgeschehen, ohne jedoch ein bestimmtes Motiv in den Vordergrund zu stellen.
Alpha Protocol

Kommentare

Sascha Ruess
  

Ja das ist mal wieder eines der Spiele, die aufgrund Ihrer Entwicklungszeit dann bei Release etwas Altbacken aussehen. Allerdings scheint hier ja auch einges an der Spielmechanik nicht so richtig rund zu laufen.

Den Titel schenk ich mir!

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Murks! Ich habs gewusst!!!

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Maddox
  

Danke blueeye, immerhin ;)

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blueeye
  

Ich glaub er spielt auf die Macher von Gothic und Risen an, Piranha Bytes.

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IM Carlos
  

Wahrscheinlich fehlt Dir die T?te daf?r.
Die T?te mit dem Sixpack darin. ;-)

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Alexander Voigt
  

Ich raff die Zweideutigkeit nicht mal jetzt, und ich hab den Text geschrieben.

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Maddox
  

"Sobald man aber sein sicheres Hotelzimmer verl?sst und sich dem n?chsten Einsatz widmet, erwartet technikverliebte Konsolenzocker ein Gruselerlebnis, das selbst den Sprung ins _Piranha_becken wie ein netten Badeausflug erscheinen l?sst."
Nette Zweideutigkeit, auch wenn das wahrscheinlich ungewollt war und/oder hier auch sicher niemandem aufgefallen ist ;)

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TGSaK
  

Schade eigentlich, haben doch recht viel Potential verschenkt - fand das ganze aber doch recht unterhaltsam.

"Wer wie James Bond elegant mit Pistole und Schalld?mpfer auf Kopfschussjagd gehen will, kann seinen Agentenkoffer gleich zu Hause lassen, in den meisten Leveln braucht man zwangsl?ufig ein Sturmgewehr, weil Pistolen einfach zu wenig Schaden machen."
stimmt nicht btw o.O^^

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Azreal
  

@ 2happy: sehr gut! :)

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werder
  

Gibts morgen eine Highscore und Podcast ???

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