Anno: Erschaffe eine neue Welt

Als Entdecker hatte man es damals nicht leicht: Lange, triste Schiffsreisen, alleine unter einem Haufen ungewaschener Kerle, mit nichts anderem als Schiffszwieback und Skorbut, nur um dann ein Land zu finden, das manchmal gar nicht das war, welches man eigentlich gesucht hat. Ob Kolumbus, Magellan oder Cook: Heute rühmen wir ihre Taten, doch hätten sie damals schon die Wahl gehabt: vielleicht hätten sie lieber etwas „solides“ gelernt und stattdessen ihre Entdeckungen mit Anno auf DS oder Wii unternommen.


This land is your land

Als Sir William, schick frisierter Sohn des Königs des Abendlandes, werdet ihr zusammen mit eurem heißblütigen Bruder Edward ausgesandt, um neue Ländereien zu finden und zu besiedeln. Denn in der Heimat herrscht eine große Dürre und das aufgebrachte Volk will dem König an den Hermelinkragen. Das verlangt zumindest der zentrale Storymodus von Anno: Erschaffe eine neue Welt von euch, der in netten Zeichentrick-Sequenzen mit ordentlicher Sprachausgabe (auch auf dem DS) weitergesponnen wird. Zu Beginn machen wir uns mit den Grundlagen der Besiedlung fremder Inseln vertraut. Erste Anschaffung ist stets ein Kontor, das quasi als Basis dient und in dem die produzierten Güter umgeschlagen werden. Nun beginnen wir damit, unseren Pionieren Arbeits- und Wohnplätze zu verschaffen. Der Pionier an sich ist dabei noch ein sehr anspruchsloser Geselle und gibt sich mit kargen Hütten und einem Job als Fischer oder Holzfäller zufrieden. Auf diese Weise sorgen wir für erste Verpflegung und Güter. Solange wir die Bedürfnisse unserer Einwohner befriedigen, können wir getrost die Steuern anheben und weitere Investitionen tätigen. Ja, in der Welt von Anno funktioniert das Steuersystem noch so schön übersichtlich, dass es manchen Finanzbeamten in eine Sinnkrise stürzen dürfte.
Da wir aber nicht wollen, dass unsere Bevölkerung für immer auf dem primitiven und unproduktiven Pionier-Status verharrt, wandeln wir sie in Siedler um. Dazu müssen wiederum weitere Bedürfnisse erfüllt werden. Das Volk will nun eine Molkerei, eine Markthalle und vor allem eine Kapelle haben, um sich weiter zu entwickeln (wenn das Richard Dawkins wüsste). Auf diese Weise schalten wir nach und nach immer weitere Produktionsstätten frei und lassen unsere Untertanen schließlich zu versnobten Aristokraten aufsteigen, denen man es nie so wirklich Recht machen kann und die immer mehr Annehmlichkeiten wünschen. Mit den Bewohnern steigt auch der Status der Gemeinde an, so dass aus dem einstigen Weiler eine stattliche Metropole werden kann.
Anno: Erschaffe eine neue Welt

Neue Welt, alte Arbeit


Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn in den einzelnen Kapiteln des Storymodus werden wir auf der Suche nach Lebensraum und fruchtbarem Boden oft zu neuen Ufern aufbrechen, mit fremden Völkern Handel treiben und dabei immer die Haushaltsbilanz im Auge behalten. Denn der König mag es gar nicht, wenn wir Pleite gehen oder den fälligen Tribut nicht leisten können.
Anno fängt langsam an und ermöglicht es mit vielen anschaulichen Erklärungen auch Genre-Neulingen sich schnell zurecht zu finden. Generell ist alles eine Spur übersichtlicher, zurecht gestutzter und simpler gehalten als in den ausgezeichneten PC-Episoden. Dennoch müsst ihr im Laufe des Spiels immer mehr Faktoren im Auge behalten. So kann z.B. plötzlich ein Feuer ausbrechen und die Ernte vernichten oder ein Korsarenschiff für Lieferengpässe sorgen. Auf der anderen Seite bergt ihr Schatztruhen und bessert mit den gefundenen Schätzen eure Kasse auf. Später führen handfeste Konflikte und Expansionsgelüste zu weiteren notwendigen Planungen.
Das klassische Flair einer Wirtschafts- und Aufbausimulation, bei der es sehr schwer fällt, sie aus der Hand zu legen, wird auch auf DS und Wii spielend erreicht. In Sachen Bedienung muss sich "Anno light" aber seinem großen Bruder klar geschlagen geben. Nur zwei (DS) bzw. vier (Wii) Zoomstufen sind bei den übersichtlichen Arealen zu verschmerzen, aber die Karte lässt sich leider nicht drehen. Zudem wird die Menüführung zwar minutiös erklärt, ist aber trotzdem nicht richtig intuitiv. Im Kreismenü zur Warenauswahl verdrücke ich mich ständig, da die Symbole nicht aussagekräftig genug sind und einige Einrichtung in mehreren Untermenüs verschwinden. Auch der Bau von Straßen wurde nicht optimal gelöst. Anstatt einfach eigenhändig eine Wegführung von Ort zu Ort zu ziehen, kann nur der Start- und Endpunkt einer Straße bestimmt werden. Für Richtungsänderungen ist ein zusätzliches Icon vonnöten.
Anno: Erschaffe eine neue Welt

Wii & DS: Wer ist Amundsen, wer Scott?

Grafisch müssen auf Wii und DS natürlich Abstriche gemacht werden. Schaut man sich etwa Anno 1404 für den PC an, liegen dort ganze Ozeane dazwischen. Aber Blue Byte, bzw. Keen, waren sich dessen freilich bewusst und verpassten ihrem Spiel einen bewusst abstrakteren Stil, der mich persönlich stark an die Gilde DS erinnert hat, das ich zur kurzem an anderer Stelle rezensiert habe. Aber auch wenn das detaillierte Treiben und die deutlich größeren Menschenmassen auf dem PC nicht ohne Reiz ist, kommt es bei einem Spiel wie Anno doch auf andere Werte an. Und diese sind sich auf stationärer Konsole und Handheld nahezu ebenbürtig. Von Amundsen und Scott kann man in diesem Zusammenhang also kaum sprechen, denn beide kommen an ihrem Ziel an: ein zugängliches Anno für die Gemeinde der Gelegenheitsspieler zu schaffen. Ich persönlich bevorzuge dennoch die DS-Version, da ich solche menü-intensiven Spiele lieber auf dem dank Touchscreen etwas griffigeren und unmittelbareren Handheld spiele. Wer hingegen einen großen Bildschirm bevorzugt, damit auch andere bei der Stadtplanung zuschauen können, greift hingegen zur Wii-Version. Denn das passive Mitwirken ist die einzige "Mehrspieler"-Option, die bei Anno: Erschaffe eine neue Welt möglich ist. Dafür gibt es einen dauermotivierenden Endlosmodus, in dem ihr ohne Zwänge und mit wählbaren Parametern frei drauflos siedeln könnt.
Anno: Erschaffe eine neue Welt

Anno erleidet auch auf Wii und DS keinen Schiffbruch

Kommentare

Evin
  

Anno auf der Wii ist imho die perfekte Nachfolge f?r das erste Ur-PC-Anno. W?hrend mir die PC-Teile mit jedem weiteren Teil zu kompliziert wurden erreicht die Wiiversion in etwa die Komplexit?t des Erstlings; sehr sch?n.

Optisch ein wundersch?nes Spiel mit lobenswerten stabilen 60fps. Das findet man bei 360/PS3-Spielen ja leider VIEL zu selten... *sigh*

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Shoap
  

Ich find die Steuerung absolut vorbildlich umgesetzt. Das bauen und man?vrieren in den Men?s funktioniert einwandfrei. Mal abgesehen vom Milit?rpart, da ist es etwas zu hektisch. (Milit?r wird im Test ?berhaupt nicht erw?hnt?)
Dass man bei den Stra?en immer nur eine gerade Strecke baut und bei jedem Richtungswechsel einmal(!) klicken muss finde ich auch besser gel?st als eine komplette Stra?e zeichnen zu k?nnen, denn in letzterem Fall w?rde man sich wohl doch sehr oft 'verzeichnen' --> verbauen.
In gehobenem Schwierigkeitsgrad kommt man auch bei Anno Wii ganz sch?n ins schwitzen, seine Aristokraten mit allen Waren zu versorgen. Dazu kommen noch Piraten, Krieg und andere Naturkatastropehn, die einen auf Trab halten. Mehr Komplexit?t, wie in der PC Version, w?rde mich an der Wii (die durch die Steuerung einfach limitiert ist) einfach ?berfordern. Kann also nur sagen, dass der Kompromiss zwischen Spielbarkeit und Komplexit?t an der Wii perfekt gew?hlt wurde. Also ne klare Kaufempfehlung f?r Anno-Freunde (die sich die PC Version ja eh holen) mit Wii.

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tastepolice
  

ich hab ne wii, bin aber kein j?nger :-P

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Drew
  

Kann dem Test nur zustimmen (was die DS-Version angeht).
Ziemlich gut geworden f?r ein Aufbau-Spiel f?r den DS. Der ?berblick ist gut, das Spiel an sich motivierend.
Und es ist sehr zug?nglich und das sagt jemand der sonst keine Aufbauspiele spielt =)
Dieses Spiel kann ich jedem Empfehlen der mal ins Genre rein schnuppern will oder der mal unterwegs sein eigenes kleines Reich erschaffen will.
F?r Veteranen des Genres ist es aber glaube ich zu leicht.

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