Call of Juarez: Bound in Blood

Man kann sich darüber wundern, dass mit Techland ausgerechnet ein polnisches Studio für einen Shooter wie Bound in Blood verantwortlich ist. Doch bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass unser Bild vom Wilden Westen schon seit jeher osteuropäisch geprägt ist. Pierre Briece suchte den Schatz im Silbersee in Jugoslawien, die DEFA-Indianerfilme der DDR wurden aus nachvollziehbaren Gründen ebenfalls in solchen Gefilden gedreht. Erfahrt in unserem Test, warum sich das Spiel dennoch eher an westlichen Vorbildern orientiert und was es dabei auf der Pfanne hat.


Stell dir vor es ist Krieg und zwei gehen hin


Im amerikanischen Süden des Jahres 1864 hat niemand Zeit für Cowboy-und-Indianer-Romantik, denn der Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten geht in die entscheidende Phase. Die Gebrüder McCall stehen dabei als Soldaten der Konföderations-Armee auf der falschen Seite, die Yankees aus dem Norden rücken immer weiter auf das strategisch wichtige Atlanta vor.
Eine dieser Schlachten aus dem Sezessionskrieg dient als Prolog und Tutorial von Bound in Blood, in dem nicht nur der Grundstein für die weitere Handlung gelegt wird, sondern auch die kleinen Besonderheiten des Spiels erläutert werden. Während ein Cover-System mittlerweile auch in klassischen Ego-Shootern schon fast Standard ist, hat der exklusive Konzentrations-Modus oft eine entscheidende Bedeutung. Haben die beiden Protagonisten genügend Abschüsse auf dem Konto, können sie kurzzeitig das Geschehen verlangsamen, Feinde markieren und sie in bester Gunslinger-Manier auf einen Schlag niedermähen. Da würde selbst ein Roland Deschain anerkennend seinen Hut ziehen. Beide Brüder besitzen dabei ihre eigenen Schnellfeuer-Methoden, so müsst ihr bei Thomas z.B. zusätzlich die Analogsticks des Pads nach unten drücken; ganz so, als würdet ihr einen echten Revolver in der Hand halten.
Epochenbedingt unterscheidet sich das Handling der Schießeisen ein wenig vom üblichen Genre-Einerlei. Automatische Maschinengewehre und Raketenwerfer findet man in der Mitte des 19. Jahrhunderts logischerweise nicht. Revolver, Gewehre und Schrotflinten haben in Bound in Blood nicht nur geringe Magazin-Kapazitäten, sondern brauchen oft auch eine gefühlte Ewigkeit zum Nachladen. Das ist aber oftmals eher spannend als nervig und vor allem: authentisch. Zudem erfordert es in den Shoot-Outs ein Umdenken. Anstatt im Dauerfeuer auf feindliche Gesellen zu ballern und darauf zu vertrauen, dass eine Kugel schon ihren Weg durch die Stirn des Schurken finden wird, ist hier Präzision gefragt. Ich persönlich gehöre eh zu den Leuten, die in einem herkömmlichen FPS auch mal freiwillig zu Pistole und Magnum greifen, da sich die blauen Bohnen damit so schön elegant verteilen lassen. Die Qualität der K.I. ist allerdings recht durchwachsen ausgefallen.
Call of Juarez: Bound in Blood

Zwei wie Pech und Schwefel

Als die McCall-Brüder am Ende der Einführungsmission wieder vereint sind, gibt es eine kleine Meinungsverschiedenheit mit dem Kommandanten, woraufhin die Jungs kurzerhand meutern und Fahnenflucht begehen. Nicht gerade die taktisch klügste Entscheidung, denn nun ist nicht nur der Norden, sondern auch die ehemals eigene Armee hinter den beiden her, um die Deserteure an einen Galgen zu knüpfen. Thomas und Ray machen sich hingegen auf den Weg zum Familienanwesen, um Mutter und Bruder vor den marodierenden Truppen zu retten. In diesem Abschnitt übernehmt ihr nun erstmals die Kontrolle über den agilen Thomas, während man zu Beginn noch in die Uniform des bärbeißigen Ray geschlüpft war. In der Folge lässt sich vor jeder Mission der bevorzugte McCall auswählen (im Gegensatz zum Vorgänger, wo der Wechsel zwischen den beiden Hauptdarstellern zwingend vorgeschrieben war). Der Unterschied zwischen beiden Brüdern wird schnell deutlich. Thomas ist eher der zartere Typ, der seine Gegner bevorzugt aus der Distanz erledigt und den Nahkampf scheut. Ray hingegen kann mehr einstecken und vertraut zur Not auch mal auf sein Messer oder eine Ladung Dynamit. Hin und wieder trennen sich die Wege der Blutsverwandten auch kurzzeitig. Dann nimmt Ray z.B. den rabiaten Weg, in dem er eine für Thomas zu robuste Tür eintritt, während sich dieser eher auf seine Geschicklichkeit verlässt und sich mit seinem Lasso zu ansonsten unzugänglichen Orten schwingt.
Allerdings haben sich die McCalls nicht immer lieb, was im Verlauf der interessanten Geschichte zu verschiedenen Konflikten führt. Aus diesem Grund entschied man sich bei den Entwicklern, Bound in Blood keine kooperative Story-Kampagne zu spendieren, auch wenn ein solcher Modus nicht nur auf den ersten Blick als sehr nahe liegend erscheint. So wird das Potenzial der unterschiedlichen Charaktere und ihrer individuellen Fähigkeiten nur angekratzt, da die Brüder meistens Seite an Seite bleiben. Sei's drum, auch Solisten bietet das Spiel genügend Stoff, um einen bei Laune zu halten.
Call of Juarez: Bound in Blood

Wayne interessiert's


Die clever und spannend erzählte Geschichte (das gibt es wahrlich nicht oft bei einem Ego-Shooter), die sich im weiteren Verlauf um den legendären, namensgebenden Juarez-Schatz dreht, führt die auf ein Dreierteam angewachsene McCall-Sippe (William, der bibeltreue Bruder Nr. 3, ist allerdings nicht spielbar) durch zahlreiche archetypische Szenarien. Nennt ein Element aus dem Wildwest-Playbook und es wird mit Sicherheit hier vorhanden sein. Die staubigen Westernstädte mit verruchten Saloons, weiten Prärien und tiefen Canyons versprühen viel Atmosphäre und obwohl das Leveldesign von Bound in Blood meist streng linear ist, fällt einem immer wieder auf, dass sich Techland um viel Abwechslung bemüht hat: gerade säuberte man z.B. noch einen Gutshof von diversen halbseidenen Subjekten, schon flüchtet man vor einer Gatling Gun in ein Maisfeld und muss dort eine kleine Stealth-Einlage bestehen, bevor man den Gatling-Schützen wegsnipert, selbst hinter dem Gerät Platz nimmt, und im Anschluss zu Pferd flüchtet. Auffällig ist dabei, wie nahtlos und stimmig die einzelnen Elemente ineinander übergehen. Natürlich gibt es auch bei der Wildwest-Odyssey zahlreiche Videospiel-Klischees und geskriptete Sequenzen, aber die authentische Inszenierung lässt einen das oft vergessen. Nehmen wir etwa die Boss-Duelle, die als typisches High-Noon-Shootout präsentiert werden und im Grunde nur ein simpler Reaktionstest sind. Allerdings wird dieser Akt so gelungen dargeboten, dass man sich wirklich wie John Wayne oder Gary Cooper fühlt und der Atem stockt, bis die Turmuhr das Signal zu Zücken der Revolver gegeben hat.
Call of Juarez: Bound in Blood

Spielt ihnen das Lied vom Tod

Zwischen den einzelnen Levels könnt ihr euch sogar freier durch die Landschaft bewegen und kleinere Nebenmissionen annehmen, um den Geldbeutel zu füllen und den Zaster in Waffen-Upgrades zu investieren. Diese Features hätte es zwar nicht unbedingt gebraucht, aber es macht das Spiel ein wenig leichter. Denn Bound in Blood ist ziemlich fordernd und kommt leider auch nicht um die ein oder andere "Trial & Error"-Stelle oder ungünstig platzierte Rücksetzpunkte herum.
Wie ihr vielleicht bereits den verschiedenen Videos oder Screenshots entnehmen konntet, leistet die aufpolierte hauseigene Chrome Engine glänzende Arbeit. Bound in Blood besitzt einen erkennbar eigenen Stil, der das Spiel nicht nur aufgrund des Settings von anderen Shootern abhebt. Scharfe Texturen, eine tolle Weitsicht und gelungene Charaktermodelle sprechen ebenfalls für die gute Arbeit, die die Polen abgeliefert haben. Unter der prallen Sonne glaubt man, die Glut am eigenen Leib zu spüren, in den waldigen Abschnitten kann man die Tannennadeln förmlich riechen. Da lässt sich das auffällige Tearing fast verschmerzen.
Für die passende Atmosphäre sorgt nicht zuletzt auch die gute englische Vertonung, bei der sogar auf die passenden Südstaaten-Akzente der Protagonisten geachtet wurde. Vor allem Rays Stimme hört man an, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen ist und der Mann wahrscheinlich jeden Morgen mit einer Flasche Whisky beginnt (bei uns auch "Redaktions-Frühstück" genannt). Die deutsche Synchro kann da nicht mithalten.
Parallel zum Storymodus finden Herdentiere im Multiplayer ihre Gegner und Opfer. Die acht verschiedenen Maps und fünf Modi (vom üblichen Deathmatch bis hin zum originellen Wanted-Modus, in dem Kills für steigende Kopfprämien sorgen) konnten aber leider noch nicht ausprobiert werden. Dem ersten Feedback zufolge, macht der MP eine gute Figur und dürfte das Zeug haben, sich auch langfristig zu etablieren. Der Online-Faktor fließt aber natürlich nicht in die Wertung mit ein.
Call of Juarez: Bound in Blood

Yeehaw!

Kommentare

gameblub
  

Ich fand das Spiel eigentlich ganz gut online macht es auch echt Spass

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Commandant Che
  

Wieso steht hier eigentlich nichts zu den richtig bekloppten Duellen, die nach jedem Spielabschnitt zu meistern sind und v?llig bescheuert sind?

Die Duelle w?ren f?r mich Grund genug, mein Geld nicht zu verschwenden!
Sie sind f?r mich derartig misslungen...
Ich kann diesen Scheiss nicht einmal richtig ausdr?cken!

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MacAl
  

Nope bist Du nicht.

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Spawn
  

Bin ich der einzige der dem Spiel "nur" eine 7/10 wegen der kurzen SP Dauer geben w?rde?

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132Shadow
  

wo bleibt die AV !?

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Tim Hopmann
  

Genau, ich hab die Wechstaben verbuchselt.

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Daniel Pook
  

Stuchdrabenreher meinst du wohl. ;)

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Tim Hopmann
  

Juhu, mein alter Lieblingsbuchstabendreher hat wieder zugeschlagen -_-

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float
  

"Trail & Error" -> "Trial & Error" ;-) Ansonsten guter Test!

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Klappspaten
  

Der Multiplayer ist meiner Meinung nach das beste am Spiel. Und den Singleplayer finde ich schon ausgesprochen gut. Meiner Meinung nach ne gute 85er Wertung.

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