Damnation

Mit Damnation ist Codemasters und Blue Omega ein gewagtes Projekt vorzüglich geglückt. Sie haben es geschafft, die Alpha-Version eines gehaltlosen Spielkonzepts mit fehlerhafter „Last-Gen“-Technik auszustatten und zum Vollpreis in den Handel zu bringen. Respekt dafür, so mutig war seit Destroy All Humans’ „Fail of the Furon“ tatsächlich niemand mehr. Nun aber genug des Lobes. Es ist meine Pflicht als Spieletester, so viele Menschen wie möglich vom Kauf dieses miserablen Actiongames abzuhalten.


Auch reiner Wein kann Scheiße sein

Ich denke, meine erste Minute im laufenden Spiel sollte schon alles über dessen Qualität verraten. Ich drehe mich um, gehe ein paar Schritte und sehe eine Reihe von Grasbüscheln in der detailarmen Umgebung gut erkennbar ein Stück über dem Boden schweben. Ja, Damnation schafft es tatsächlich, im Startumkreis des Charakters derlei Schlampigkeitsfehler auf die Beine zu stellen. Bei anderen schlechten Spielen hat man in der Regel zumindest noch das Gefühl, der erste Spielabschnitt sei mit besonders viel Sorgfalt designt worden, damit ein guter Ersteindruck über die vielen Schwächen des späteren Spielverslaufs versöhnlich stimmt. Damnation hält es im Vergleich dazu eher... ehrlich. Doch wenn dann so was dabei herauskommt, wie alles was ich da später noch über mich ergehen lassen musste, bevorzuge ich es doch lieber, belogen zu werden. Was mein Auge außer besagter Schwebevegetation noch so zu sehen bekommen hat? Hässlich texturierte, kantige Kulissen z.B., die so aussehen, als seien sie direkt aus einer mittelprächtigen Half-Life (1)-Mod übernommen worden. Was Damnation in optischer Hinsicht auf alle Fälle zu bieten hat, ist eine enorme Weitsicht über die meist tatsächlich sehr groß anmutenden Levelabschnitte. Weite Sicht auf grausam hässlich unansehnliche Umgebungen, um beim Thema Ehrlichkeit zu bleiben. Da wäre mir ein dicker, grauer Nebel fast schon lieber gewesen. Wenigstens sieht der Spielercharakter ganz nett aus. Ein Standard-Actionheld mit Hut. Ich mag Hüte. Ach so, mal ganz nebenbei. Wie nennt man das eigentlich, wenn sich Waffensounds so anhören, als hätte jemand verschiedene Objekte aus einem Werkzeugkasten zusammengeschlagen und das mit einem alten Kassettenrekorder aufgenommen? Die Soundtechniker von Damnation werden es jedenfalls wissen. Das Animationsteam scheint beim Arbeiten derweil so geschockt über die eigene Unfähigkeit gewesen zu sein, dass man ganze Bewegungsphasen der Spielfiguren schlicht weggelassen hat. Macht man einen Fastschlag in die Luft, springt der Körper des Helden beispielsweise sogleich übergangslos in seine Ausgangslage zurück. Starkes Kantenflimmern ließ mich oft im Glauben den nächsten Bereich betreten, es werde bereits heftig umhergefeuert. Habe ich schon die vielen nach ihrem Tode in der Luft hängen bleibenden Feinde erwähnt? Oder den seltsamen Umstand, dass Gegner nach heftigen Treffern aus heiterem Himmel augenblicklich in Fleischbrocken zerfallen? Na wenigstens ist das Game ab 16 und trotzdem auch bei uns uncut in den Handel gekommen. Sollte das in den letzten Tagen so heftig diskutierte "Killerspiele-Verbot" wirklich umgesetzt werden, schützt es uns also tatsächlich vor etwas aggressionsförderndem: Vor potenziellen Fehlkäufen wie diesem hier!
Damnation

Steampunk ohne Dampf

Was Damnation vor einigen Monaten auf meiner "Könnte was werden"-Liste einen Eintrag (ist inzwischen ganz dick durchgestrichen worden) einbringen konnte, war das vorab versprochene "Steampunk"-Szenario. "Ein mehr als 40 Jahre andauernder Krieg zwischen den Nationalisten und Kräften der Koalition hat die Welt von Damnation, das historische Nordamerika erschüttert. Die natürlichen Ressourcen sind vernichtet und der Industriemagnat W.D. Prescott, Anführer von Prescott Standard Industries, überrennt das von den Kämpfen verwüstete Land, um die Überbleibsel des Militärs zu vernichten, die Zivilbevölkerung zu unterwerfen und seine eigene Ordnung zu etablieren. In der Rolle von Rourke, einem Mitglied der Peacemaker-Rebellen, macht sich der Spieler auf eine lange und gefahrvolle Reise, die düstere Wahrheit hinter Prescott Industries zu enthüllen, eine verlorene Liebe wieder zu finden und die Welt von Damnation zu retten." - Schon im zumindest bemüht wirkenden Intro machen Terminator-artige Soldaten und ganz viel Dampfmechanik klar, dass ein Haufen neu erfundener "High-Tech"-Waffen die gesamte Zeitgeschichte auf den Kopf gestellt haben. Wie sich die ach so romantische Suche nach euerer verlobten Indianerin und die sonstige Handlung abseits inhaltlich oft konfuser, insgesamt lahmer Story-Cutscenes darstellt? Man kommt in einen Abschnitt und schaltet alle Feinde aus. Man wird in den nächsten Abschnitt geschickt, tötet alle. Der nächste Abschnitt wartet. Atmosphärische Verknüpfung von Geschichte und Spiel sieht anders aus. Ganz anders. Hier gelingt es nicht mal auf "Gears of War"-artiger Simpel-Actionfilmebene.
Damnation

Lahmnation trifft Dummnation

Das große spielerische Feature von Damnation sollen die ausgeprägten Hüpf- und Kletterpassagen sein, wobei sich Rourke in etwa so anstellt, als hätte es Tomb Raider und jede andere Art von Vorlage nie gegeben, an der man sich hätte orientieren können, wie man solch ein Element richtig macht. In jedem Level gibt es einen steifen, linearen Akrobatikweg, der die einzelnen kleineren Areale miteinander verbindet. Er besteht aus unbeweglichen Seilen, die wie Stangen wirken, beträchtlich in die Höhe gebauten Gerüsten und Mauervorsprüngen zum Festhalten. In den quälend langgezogenen, extrem aufgesetzt wirkenden Passagen sieht man seinem Charakter eigentlich nur unterfordert dabei zu, wie er nicht mal eine Hand voll Animationsvarianten immer und immer wieder abspult. Na gut, aber als solider Shooter geht Damnation doch noch durch, oder? FAIL! Nicht mal die Ballerpassagen haben Blue Omega einigermaßen passabel hinbekommen. Im Gegenteil, die sind regelrecht grottig geworden! Das fängt schon damit an, dass die Kamera hinter Rourke nicht zentriert bleibt, sondern sich erst dann richtig mit dem Hauptcharakter mitbewegt, wenn er links oder rechts an den Bildschirmrand gelangt. Diese Art des Nachziehens lässt die grundlegenden Bewegungen des Protagonisten - nicht nur bei den manchmal zum Vorankommen nötigen Walljumps - total schwammig wirken und erschwert es dazu noch, vernünftig zum Zielen zu kommen. Am besten ballert man also aus dem Stand heraus, wobei es einem von Vorteil ist, dass sich die Gegner meist ebenfalls nicht bewegen wollen. Die K.I. eurer Widersacher in Damnation ist dermaßen nicht vorhanden, dass "dumm" schon geschmeichelt wäre. Ihre klügste Reaktion auf Feindbeschuss, die ich während der Testzeit beobachten durfte, waren genau drei Schritte zur Seite. Ohne sich dabei allerdings in Deckung zu begeben. Oft gab es auch Situationen, in denen ein Feind seelenruhig und unbeteiligt seine kleine Route von Punkt "A" nach "B" abwanderte, während unmittelbar über ihn hinweg zahlreiche Geschosse aus allen möglichen Richtungen sausten. Aus ihrem begrenzten Umfeld trauen sie sich aber auch in Alarmbereitschaft nicht heraus. In brenzligen Situationen hilft es immer, einfach hinter der nächsten Mauer auszuharren, bis die Lebensleiste sich regeneriert hat. Dass Damnation trotzdem nicht unbedingt einfach durchzuspielen ist, liegt an der enormen Widerstandskraft der Gegnertruppen und der niedrigen Einsteckfähigkeit Rourkes, selbst auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad. Gepaart mit unfairen Savepoints kann es also auch mit schwacher K.I. zu Frustmomenten für den Spieler kommen.
Damnation

"Es geht mir nicht so gut"

Es gilt noch ein paar Dinge zu erwähnen, die das Spiel zu bieten hat, die aber nicht minder desolat geworden sind. Stichwort: Fahrsequenzen. Irgendjemand bei den Entwicklern muss in einem Meeting heftig auf den Tisch gehauen und gesagt haben: "Also da ist diese Vision von einem klotzartigen Kackmotorrad, das so kacke ist, dass seine Räder ständig Clippingfehler auf dem Boden erzeugen. Damit fährt man durch leere Kacklandschaften an einigen unserer kackdoofen Kackgegner vorbei, die zu erschießen für den zweiten Spieler einfach nur eine Kackfingerübung ist. Also lässt man es ganz bleiben, Kacke noch mal und fährt bis zum Ende dieser Kackpassage. Das bauen wir dann immer wieder ins Spiel ein." - Ob der dabei nun so oft das Wort "Kacke" benutzt hat oder nicht, es muss verdammt viel Eindruck geschunden haben. Und deswegen findet man beschriebene Vehikeleinlagen auch in Damnation zum Leidwesen des Spiels/Spielers immer wieder vor. Der angesprochene zweite Spieler kann tatsächlich via Splitscreen oder Internet als Kooppartner beitreten, damit ihr euch gemeinsam durch die Kampagne würgen könnt. Ansonsten werden eure Begleiter, ja, oh Graus, von der K.I. übernommen. Was für euch nach jeder Schießerei bedeutet, dass ihr eure hohlen Kollegen erst mal per stiefmütterlich ins Spielkonzept gequetschter Magiefähigkeit wiederfinden müsst, während sie auf dem Boden (oder in der Luft schwebend...) herumhängen und im schnellen Rhythmus immer wieder die Worte "Es geht mir nicht so gut" sprechen. In diesen Momenten hat man fast das Gefühl, das Spiel selbst würde auf diesem Wege um Gnade betteln, endlich ausgeschaltet und in Frieden ruhen gelassen zu werden. Wer gerne "gegeneinander" spielt, tut das zu allem Überfluss auch künftig woanders. Zwar bietet Damnation kompetitive Modi, die mangelhafte Qualität des Games scheint sich pünktlich zum Verkaufsstart jedoch schon so weit herumgesprochen zu haben, dass die Server immer noch auf die sonst eigentlich übliche All-Hochphase kurz nach Release warten. Wobei es natürlich einen gewissen Kuriositätsfaktor hat, mit einem bzw. im besten Falle zwei der online auffindbaren Mitspieler durch viel zu große Maps zu laufen und die kaputte Steuerung des Games den Gewinner der seltenen Fights im Glücksverfahren ermitteln zu lassen. Dabei dürfte sicher sein, dass keiner der daran beteiligten Spieler sich so schnell noch mal freiwillig mit Damnation abgeben wird.
Damnation

FAILnation aka DamnFAIL

Damn, es geht noch schlechter: Die PS3-Version

Damnation schafft es noch nicht einmal, auf allen Plattformen gleich schlecht zu sein. Während alle Versionen des Spiels mit Ruckeleinlagen, Kantenflimmern, Clippingfehlern und schwebenden Objekten aller Art zu kämpfen haben, sind Framerate und Gesamtlook auf der PlayStation 3 am schwächsten. Vor allem weniger straff wirkende Charaktermodelle fallen auf Sonys Konsole im Vergleich zu den anderen Fassungen stärker ins Auge. Was aber nun eigentlich nicht wirklich erwähnenswert ist, denn es sollte sich niemand in der Situation befinden, sich zwischen mehreren Versionen dieses miesen Games entscheiden zu müssen. Wer es kauft ist selber Schuld, egal auf welcher Plattform. Da kann sich der PC, mit seiner rundesten Version der schlechten Technik, aufgrund wiederholt auftretender Spielabstürze gewiss auch nicht weiter hervortun.

Kommentare

Zerfikka
  

Unglaublich wie in heutiger Zeit so ein M?ll erscheinen kann, m?ssen Ps3 u. Xbox360 Spieler in Zukunft nun auf Wii-Zust?nde einstellen^^.

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Saibot
  

Hoffentlich machen die nicht so weiter...-.-

Lustiger Test ;-)

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GuitarRick
  

Boah, dass das sooo schlecht ist, h?tt ich nicht gedacht... *kopfsch?ttel*
kam f?r mich aber eh nie in Frage das zu kaufen...

Ist aber schon komisch, wo Codemasters doch eigentlich sonst gute Games macht...
very strange...

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Azreal
  

Und ich h?tts wegen des offline Koops fast schon ausgeliehe... puh... ;)

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chiefrebelangel
  

uh und ich dachte xblades und bulletwitch w?ren schon der absturz in meiner gamerkarriere gewesen. gut das ich das game hab zur?ckgehen lassen^^ h?tt es fast in meine arme xbox eingelegt. wenn sie danach nen neuartigen fehler entwickelt h?tte, w?rd ich sie verstehen ;)

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Strolch
  

"+ Hauptdarsteller tr?gt Hut"
Um auf der Hut zu sein braucht man eben einen Hut!

Guter Test, das Witzige ist... ich h?tte echt gute Lust mir so nen Titel mal anzuschaun :D.
F?r den ein oder anderen Schmunzler w?re er sicher gut...

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blueeye
  

Da ist wohl jemand ein Fan von "Voll auf die N?sse". KACKE!
Geiler Test, hab mich k?stlich am?siert.

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als ob ich 5 Minuten opfer um den grottigen Test zu lesen, der mir nur sagt ...dieses Scheissspiel...ist scheisse...interessant...wer wusste das nicht vorher

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Sou1Surfer
  

oh man, ?u?erst Seitenstiche-verursachend geschrieben, genial!
Ziehe dennoch in Erw?gung, mir das Spiel zuzulegen ..
NICHT!

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Zapp313
  

@Bramahummel
Bist du zuf?llig gerade aus einem 1-j?hrigen Koma erwacht, oder warum kommst du noch mit so veralteten Vorw?rfen? Mal abgesehen davon, dass Damnation wohl sowieso nicht als Plattform taugt, um technische Vergleiche zu ziehen, ist es auch seit langem wieder mal das erste Spiel, wo man wirklich von einer schlechteren technischen PS3-Fassung sprechen kann.
Ist ja auch egal, es ist in jedem Fall albern, sich wirklich alles hier zum Anlass nehmen zu wollen, nur um ein wenig rumzubashen.

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